Sonntag, 30 September 2007 00:00

„Ich war Hitlerjunge Salomon“ - Seine eigene Betroffenheit soll junge Menschen zum Frieden anstiften

geschrieben von  Magdalena Blon

2007_sally_perelschatten_150Mit seiner Überlebensgeschichte alias Jupp/ Joseph Perjel möchte Sally Perel ganz besonders Schüler und junge Menschen ansprechen. Auf der Flucht vor den Nazis von seiner Familie getrennt, wird er in der Nähe von Minsk von der Wehrmacht gefangen genommen, ihm gelingt es, seine jüdische Herkunft zu verschleiern. Er überlebt den Massenmord an den Juden in der Haut des Feindes. 1990 schreibt Perel seine Lebensgeschichte auf. Mit seinen Lesereisen, die den heute in Israel lebenden Perel zwei bis drei mal im Jahr nach Deutschland führen, möchte er Erfahrenes weitergeben, zum Fragen anregen, zur Versöhnung und zum Frieden anstiften.

 

Als Jude geboren überlebte er den Völkermord des Nationalsozialismus in der Uniform der Nazis. 40 Jahre lang war es ihm nicht möglich, sich zu dem was er in seiner Jugend erfahren hat, zu äußern. Als Versuch seine Vergangenheit zu verarbeiten schrieb er das Buch „Ich war Hitlerjunge Salomon“. Seit mehr als 13 Jahren reist der heute 82-jährige durch Deutschland – so auch in diesem Jahr.

Bei seiner diesjährigen Frühjahrsreise zog er bei verschiedenen Veranstaltungen in Schwaben alte und junge Zuhörer in seinen Bann. Auch die Schülerinnen und Schüler im Johann-Michael-Sailer-Gymnasium in Dillingen lauschten zwei Stunden lang gespannt, als er am 6.März 2007 von seinen Erfahrungen, den damit verbundenen zwiespältigen Gefühlen erzählte und einzelne Ausschnitte aus seinem Buch vorlas. (Bericht siehe unten)
Derzeit ist Sally Perel im norddeutschen Raum unterwegs um, wie er sagt „seine Mission als Zeitzeuge zu erfüllen und gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus anzukämpfen."
In Planung ist, dass er in der Zeit vom 10.–16. Dezember 2007 nach Süddeutschland reisen und dort für Veranstaltungen zur Verfügung stehen wird. Koordiniert und organisiert werden diese Zeitzeugenreisen von der Medienagentur lansk mehr in Berlin (medienagentur@lanskmehr.de).

 

Sally Perels Geschichte und sein Anliegen 

2007_sally_perel1Sally wurde am 21.04.1925 in Peine bei Braunschweig geboren. Seine Eltern flüchten mit ihm 1935 nach Polen und schicken ihn und seinen Bruder 1939 in den sowjetischen Einzugsbereich um die beiden vor dem Ghetto zu schützen. Als die deutschen Truppen dort einrücken gibt Sally sich als Volksdeutscher aus und arbeitet, bis er nach Braunschweig in ein HJ-Internat geschickt wird, als Dolmetscher für die deutsche Wehrmacht. Er lebt ständig in der Gefahr als Jude erkannt zu werden und in dem inneren Zwiespalt zwischen seiner wahren und seiner vorgetäuschten Identität. Dabei lässt ihn das Blendwerk des Nationalsozialismus nicht kalt. „Etwas von dem Hitlerjungen ist bis heute in mir stecken geblieben", sagt er selbst von sich. Der Weg zurück zu der eigenen Person sei ein ganz langsamer Prozess, der bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Perel lebt seit 1948 in Israel.

 

Sally Perel liegt es besonders am Herzen, die Seelen junger Menschen zu erreichen. Darum ist es für ihn auch keine Qual, sich den immer wieder aufkommenden Emotionen zu stellen. Statistisch betrachtet, so sagt er, habe er bis heute etwa 500.000 Schüler erreicht. Er möchte noch weitere 500.000 erreichen und fühlt sich dafür auch noch fit.

Der jungen Generation möchte er mitgeben, dass sie keine Verantwortung dafür trägt was damals passiert ist, aber dass sie für die Zukunft verantwortlich ist und dafür, dass so etwas nicht mehr passieren kann.

Sally Perel lässt dadurch, dass er die Zuhörer an seinen Erfahrungen, teilhaben lässt, Geschichte lebendig werden und widerlegt auf eindrucksvolle Weise, dass Schüler kein Interesse an Geschichte hätten. Es scheint auf das Wie, die Art der Vermittlung und die dahinterstehende Betroffenheit anzukommen. „Was ein solch eindrucksvoll erzählter Zeitzeugenbericht Schülern nahe bringen kann, das können wir in einem Jahr Geschichtsunterricht oft nicht leisten“ so die Äußerungen vieler Lehrer.

Nach seinen Zeitzeugenberichten stellt sich Herr Perel auch gerne kritischen Fragen. Der Politik in Israel steht er kritisch gegenüber. Er ist selbst Mitglied der Friedensbewegung und setzt sich für einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern ein.

 

Sally Perel am 06. März 2007 im Johann-Michael-Sailer-Gymnasium in Dillingen/Schwaben

Am 6. März 2007 wurde Sally Perel ins Johann-Michael Sailer-Gymnasium eingeladen. Zwei Stunden lang gewährte er den jungen Zuhörern Einblick in seine Erlebnisse und Erfahrungen als Hitlerjunge Salomon und genoss volle Aufmerksamkeit. Herr Perel hat vorwiegend frei gesprochen und nur einzelne kurze Passagen aus seinem Buch vorgelesen. Zum Schluss stand er der Schülerschaft für Fragen zur Verfügung. Werner Flurschütz, Lehrer an der Dillinger Schule hat die Veranstaltung organisiert und unserem Netzwerk die Informationen für diesen Artikel, sowie den folgenden Bericht einer Schülerin der 10. Klasse zur Verfügung gestellt.

 

Bericht einer Schülerin, 10a J.-M.-Sailer-Gymnasium
"Ich war Hitlerjunge Salomon"

Am 6. März durften die neunten und zehnten Klassen des Johann-Michael-Sailer-Gymnasiums den interessanten und oft ergreifenden Worten eines Zeitzeugen des „Dritten Reiches“ lauschen.

Der 1925 in Peine bei Braunschweig geborene Sally Perel berichtete über seine zwei Identitäten, die er als Jude in der Zeit des Nationalsozialismus zum Überleben benötigte. Zusätzlich las er aus seinem autobiographischen Buch „Ich war Hitlerjunge Salomon“ vor, das auch Vorlage für den gleichnamigen Film war. Gesponsert wurde die Veranstaltung durch die Hanns-Seidel-Stiftung, deren Regionalbeauftragten Herrn Hans Joas wir für die Vermittlung und Organisation danken.

Nach der Begrüßung und kurzen Einleitung von Direktoratsmitglied Oberstudienrat Gerhard Ruf begann um 11 Uhr der Zeitzeugenbericht von Sally (eigentlich Salomon) Perel, der im Dienste der Wahrheit hier am Sailer-Gymnasium war.

Zu Beginn begrüßte der 82-jährige, der nun schon seit 40 Jahren in Israel lebt, mit dem Friedensgruß „Schalom“. Er betonte, dass die Geschichte die beste Lehrmeisterin sei und erzählte uns in den kommenden zwei Stunden, wie er unter der „Haut des Feindes“ die Verfolgung seines jüdischen Volkes miterlebt und überlebt hat.

Nachdem Sally zehn Jahre lang eine glückliche Kindheit verbracht hatte, kam Hitler an die Macht. Sally verdrängte zuerst die Gefahren. Doch als er „barbarisch“ aus der Schule geschmissen wurde, wurde ihm zum ersten Mal klar, was es in dieser Zeit bedeutete Jude zu sein.

Hierauf wanderte seine Familie nach Lodz in Polen aus. 1939 verschlimmerte sich allerdings die Lage der Juden nach einem Überfall des Deutschen Reiches auf Polen und Sallys Eltern waren gezwungen sich von ihren Kindern zu trennen. Sally und sein älterer Bruder sollten sich so weit wie möglich nach Osten durchschlagen und sich in der Sowjetunion in Sicherheit bringen. Der Zeitzeuge erwähnte auch die Abschiedsworte seines Vaters „Vergiss nie, wer du bist!“ und seiner Mutter „Sally, du sollst leben!“ die später zur Quelle seiner Durchhaltekraft wurden. Durch unglücklichen Zufall von seinem Bruder getrennt, gelangte der 14.jährige Sally in ein sowjetisches Kinderheim, wo er zwei Jahre lang zur Schule ging, fließend Russisch lernte und zum Kommunisten erzogen wurde.
Durch den Angriff der Deutschen auf die Sowjetunion und den schnellen Vormarsch der Deutschen geriet auch Sallys Schule in den deutschen Machtbereich. Lehrer wie Schüler flohen, aber bald schon geriet Sally in die Hände deutscher Soldaten.

Er erzählte von Todesängsten, die er durchlitt, während er in einer Schlange warten musste. Vorne waren zwei deutsche Offiziere, die meistens nur wenige Fragen stellten. Meist kamen die Befragten dann unmittelbar zu einem Erschießungskommando. Als Sally dran war und gefragt wurde, ob er Jude sei, antwortete er sehr bestimmt: „Ich bin Volksdeutscher“. Er gab an, er heiße Josef Perjel, sei Vollwaise, von den Russen verschleppt, habe keine Papiere mehr, aber er sei froh, endlich wieder unter Deutschen zu sein. Der Offizier glaubte ihm und nahm ihn gleich als Dolmetscher für weitere Befragungen. So schlüpfte der 16-jährige in eine völlig neue Identität.

Zunächst blieb er bei den deutschen Soldaten an der Front, denen er als Dolmetscher und Maskottchen diente. Dann adoptierte ihn ein hoher deutscher Offizier und schickte ihn heim ins Reich auf eine Eliteschule. Dort wurde er als Hitlerjunge zum Hass gegen alles „Nicht-Deutsche“ insbesondere die Juden erzogen. In dieser Zeit entwickelte sich ein seelischer Zwiespalt in ihm: einerseits ein echter Hitlerjunge sein zu wollen und andererseits jüdisch zu sein. Während er tagsüber Hitlerjunge war, plagten ihn nachts die Erinnerungen und die Angst vor Entdeckung.

Der Vormarsch der roten Armee erreichte schließlich auch seine Schule und er gab sich auf Russisch den sowjetischen Offizieren als Jude zu erkennen und rettete sich so vor deren Rache an den Deutschen.

Seinen Bruder traf er nach dem Ende der Hitler-Diktatur wieder. Der Rest der Familie war von den Nazis ermordet worden.

Heute sieht Sally Perel es als seine Aufgabe an, für eine bessere Welt seine Geschichte an die Jugend zu überliefern. Er betont dabei, dass die Schuld nicht erblich sei und dass die deutsche Jugend nicht für die Verbrechen der Vergangenheit verantwortlich sei. Wohl aber sei sie verantwortlich für die Zukunft und dafür, dass so etwas, wie er und sein Volk erlebt habe, nie mehr geschehen könne.

Nachdem zum Schluss noch einige biographische Fragen beantwortet wurden und Dank von allen Seiten kam, bestand noch die Möglichkeit Sally Perels Buch zu erwerben und von ihm signieren zu lassen, wovon viele Schüler Gebrauch machten.

Wie Sally Perel seinen Vortrag beendet hat, möchte auch ich nun mit einer Weisheit aus dem Talmud enden:
„Hast du einmal eine Menschenseele gerettet, hast du die ganze Welt gerettet!“

 

Das Johann-Michael-Sailer Gymnasium konnte Herrn Perel über die Hanns-Seidel-Stiftung gewinnen. Ansprechpartner ist hierfür Herr Joas, Tel.: 09071-1315

 

Anfragen zu Veranstaltungen mit Sally Perel:
Medienagentur lansk mehr
Klingsorstr. 21
12167 Berlin
Tel: 030-790820-0
info@lanskmehr.de

10.-16.12.07 Lesereise nach Süddeutschland geplant 

 

Gelesen 1423 mal Letzte Änderung am Sonntag, 23 November 2014 12:55
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten