Sonntag, 30 September 2007 00:00

Das Deliberationsforum

geschrieben von  Erika Rempel

In den letzten Jahren hat das Deliberationsforum als Schulprojekt, welches die Partizipation junger Menschen fördert, immer mehr Anerkennung und Beliebtheit in der politischen Bildung erlangt. Es bietet Schülern die Möglichkeit, durch neue anspruchsvolle Methoden demokratische Kompetenzen zu entwickeln und die sehr komplexen Interaktionsprozesse, welche parlamentarischen Entscheidungsabläufen zugrunde liegen, nachzuvollziehen.


Da in der repräsentativen Demokratie meist nur punktuelle Beteiligungsmöglichkeiten für Bürger bestehen, bieten sich ihnen nur wenige Anreize, sich über wichtige gesellschaftspolitische Themen zu informieren, ihren Wissenshorizont zu erweitern und die eigene Meinung vor dem Hintergrund fundierter Informationen zu reflektieren. Diese Lernprozesse werden Schülern jedoch durch das Projekt Deliberationsforum ermöglicht.
 

Was genau ist dieses Deliberationsforum aber? Der Begriff „deliberieren“ meint ein vernunftgeleitetes und freies Sprechen, mit dem Ziel einer schrittweisen Verständigung über ein Problem und somit die Präferenzen einzelner beteiligter Individuen. Dieser Prozess führt jedoch nicht zu einer abschließenden Abstimmung. Vielmehr müssen sich die Teilnehmer hier auf die Inhalte des Diskurses konzentrieren, um zu kreativen Lösungen zu kommen. Die Form, das rhetorische Geschick oder die Schlagfertigkeit treten dabei in den Hintergrund.

Zur Theorie

Deliberation (deliberare: lat. erörtern) bezeichnet die (öffentliche) argumentationsbasierte Kommunikation über politische Fragen auf Versammlungen, in Gremien und in der Medienöffentlichkeit. Das Ziel dieses gesellschaftlichen Diskurses ist die Wahrnehmung und der wechselseitige Ausbau von Fähigkeiten und Kompetenzen der Beteiligten als politisch aktive Bürger. Durch das Engagement der Bürger und das große Gewicht von (fachlichen) Argumenten ergibt sich idealtypischerweise eine größere Legitimität im demokratischen System.

Theoretische Verfechter einer deliberativen Demokratie sind vor allem Jürgen Habermas, aber auch James S. Fishkin und Seyla Benhabib.

Habermas stellt folgende Regeln für einen Diskurs auf:

  1. Ein Diskurs besteht aus Diskussionen und Beratungen, in denen verschiedene Parteien Informationen einbringen, geregelt austauschen und kritisch prüfen.
  2. Diese Beratungen sollen öffentlich sein. Niemand, der auch nur potentiell von den Beschlüssen betroffen ist, darf ausgeschlossen werden.
  3. Kein Teilnehmer darf Druck von außen ausgesetzt werden. Die einzigen Bedingungen, an die sich die Akteure zu halten haben, sind die Kommunikationsvoraussetzungen (Verständlichkeit) und der Verfahrensmodus der Argumentation (Begründungsprinzip).

In der Praxis

Es handelt sich um eine zentrale Herausforderung der Demokratie, Menschen mit unterschiedlichen Präferenzen zu ermöglichen, eine Entscheidung zu treffen, die von möglichst vielen von der Entscheidung Betroffenen als demokratisch legitim empfunden wird.
Deliberation selbst ist somit eine Schule demokratischer Kultur und sollte daher in der öffentlichen Schule, die dem Bildungsauftrag einer Erziehung zur Demokratie nachkommen muss, ihren Raum finden.
Zwar haben deliberativ ausgerichtete Settings, wie beispielsweise wöchentliche Klassenratssitzungen bereits eine gewisse Verbreitung an den Schulen erreicht, didaktische Großformen des demokratischen Sprechens wurden allerdings erst an sehr wenigen Schulen institutionalisiert. Nur selten herrscht unter den LehrerInnen ein übergreifender normativer Erziehungskonsens zur Vermittlung sozialer und kommunikativer Kompetenzen vor.

So wird's gemacht

Bei der Durchführung von Deliberationsforen an Schulen geht es darum, dass eine Gruppe von Schülern für andere Schüler ein strukturiertes Lernsetting organisiert. Sowohl die durchführende Projektgruppe als auch die teilnehmenden Schüler sollen demokratische Kompetenzen entwickeln, ihr Wissen zu einer kontroversen gesellschaftspolitischen Frage erweitern und ihre eigene Meinung anhand von gesicherten Informationen überdenken.
Das Deliberationsforum kann einerseits Grundlage einer demokratischen Entscheidung in der Schule, aber auch Lern- und Reflexionsplattform zu größeren gesellschaftspolitischen Fragen sein. Bei erstgenannter Möglichkeit werden Themen behandelt, die die Binnenstruktur der Schule betreffen und kontrovers diskutiert werden können (beispielsweise: Soll unsere Schule eine Ganztagsschule werden? Soll sich unsere Schule integrationspädagogisch entwickeln? etc.). Hier können neben Schülern auch Lehrer und Elternvertreter teilnehmen.
Geht es um Themen mit gesellschaftspolitischer Bedeutung, wie beispielsweise um Zuwanderungspolitik oder die Erweiterung der EU wird natürlich keine unmittelbare politische Entscheidung vorbereitet. Es geht zunächst darum, sich mit einem Thema, das den Alltag eines Schülers nur wenig betrifft, intensiv zu beschäftigen. Hier müssen empirische Fakten und unterschiedliche politische Meinungen gründlich recherchiert werden.

Die Arbeitsschritte

Unter der Leitung eines Schülermoderators haben die Schüler anschließend die Möglichkeit in Kleingruppen über die vorgestellten Themen zu deliberieren. In einer weiteren Plenarsitzung können die Kleingruppen den Experten dann Fragen stellen. Dies kann sich bei komplexen Themen an einem zweiten Deliberationstag wiederholen. Am Ende eines solchen Projekts werden die gleichen anonymisierten Fragebögen verteilt, welche mit einem Code versehen sind, so dass die Ergebnisse vor und nach dem Projekt miteinander verglichen werden können. Solche „Deliberative Polls“ werden zu den unterschiedlichsten Themen in vielen Ländern durchgeführt. Dabei konnte bei der Durchführung mit Erwachsenen nachgewiesen werden, dass öffentliche Interessen im Gegensatz zu Einzelinteressen im Meinungsbild nach der Deliberation häufig an Bedeutung gewinnen. Auch ein signifikanter Wissenszuwachs ist nach Beendigung des Projekts festzustellen.

Ran an die Arbeit

Deliberationsforen an Schulen nehmen meist ein gesamtes Schuljahr für Planung, Vorbereitung, Durchführung und Auswertung in Anspruch. Dabei werden nach Auswahl eines Themas die ersten drei Monate mit vertiefter Arbeit zu diesem Thema verbracht. Dazu lesen die Schüler Fachtexte, recherchieren in öffentlichen Bibliotheken, besuchen Veranstaltungen außerhalb der Schule oder laden ggf. Experten als Diskussionspartner in den Unterricht ein. Anschließend muss der komplexe Themenbereich strukturiert werden. Jetzt geht es darum, den Deliberationsfragebogen mit den Meinungs- und Wissensfragen entsprechend den Standards empirischer Forschung logisch aufzubauen. Außerdem muss nun auch die Infopräsentation in Form einer Power-Point-Präsentation fertiggestellt werden. Sie sollte präzise, faktische Hintergrundinformationen zum Forumsthema enthalten. Hier ist solides Expertenwissen und logisches Denken und Strukturieren von Bedeutung. Um vermeintliche Fakten in das Material aufzunehmen, muss zunächst eine eindeutige seriöse Quelle genannt werden. Diese Art der Arbeit stellt für viele Schüler eine Herausforderung dar, denn hier merken sie auch, dass politische Themen weitaus komplexer sind, als sie im Tagesgeschäft meist erscheinen. Dadurch werden aber auch anspruchsvolle eigene Denkprozesse angeregt.
Wenn es im nächsten Schritt darum geht, das Forum vorzubereiten und dann durchzuführen, sind Projektmanagementkenntnisse gefragt. Die Projektgruppe lädt nun alle Mitschüler der jeweiligen Stufe, sowie Experten zu den einzelnen Facetten des Themas und auch Politiker aus unterschiedlichen Parteien ein. Außerdem durchlaufen einige Schüler ein Moderationstraining, um sowohl das gesamte Forum als auch die Kleingruppen kompetent leiten zu können. Ein Überblick über die einzelnen Projektschritte und den Kompetenzzuwachs der Schüler findet sich in folgender Tabelle:

 

Grundsätzlich ist es sinnvoll, eine deliberative Kultur in kleinen Schritten in Schulen einzuführen, da viele Schüler auch in der Oberstufe kaum Erfahrungen mit demokratischem Sprechen haben. Ein Stein in der Mitte des Gesprächskreises kann beispielweise dabei helfen, dass immer nur eine Person, nämlich die, die den Stein in der Hand hält spricht.

Ergebnisse der Evaluation

Die Auswertung der bisher in Deutschland stattgefundenen Deliberationsforen an Schulen zeigt deutlich, dass demokratisch-partizipative Kompetenzen auf unterschiedliche Weise gefördert werden. Die Schüler eignen sich beispielsweise praktische Kompetenzen im Bereich des politischen Handelns und der Wissenschaftspropädeutik an, wenn sie…
… sich ein kontroverses gesellschaftspolitisches Themenfeld durch gezielte Recherche erarbeiten
… einen Fragebogen nach wissenschaftlichen Standards ausarbeiten
… eine fundierte Informationspräsentation vorbereiten
… mit Experten und Politikern sprechen
… Groß- und Kleingruppen moderieren
… Survey-Daten auswerten und
… eine Prozessdokumentation erstellen.
Diese Kompetenzen sind unmittelbar anschlussfähig an die Ziele der Bildungspläne der meisten Bundesländer und da sie an die Inhalte unterschiedlicher Schulfächer anknüpfen, ermöglichen sie ein fächerübergreifendes Lernen. Im Rahmen des Deliberationsforums können die Teilnehmer ein Verständnis für demokratische Entscheidungs- und Kommunikationsprozesse entwickeln und schulen die Fähigkeit, politische Standpunkte argumentativ zu begründen.

Zu beachten

Eine wichtige Voraussetzung für die Durchführung des Forums an Schulen ist eine offene Kommunikation nach innen und außen. Das bedeutet, dass eventuelle Bedenken von Seiten des Kollegiums oder der Schulleitung und die möglicherweise erforderliche Genehmigung bereits in die Planung mit einbezogen werden müssen, um auf kritische Nachfragen wohlüberlegte Antworten zu haben. Auch der Zeitpunkt des Forums muss bei der Jahresplanung berücksichtigt werden und rechtzeitig sowie transparent für alle Beteiligten abgestimmt werden. Hilfreich ist es auch, den Wert dieses Lernprojekts für das Profil der Schule von Anfang an erkennbar zu machen. Dabei ist es sinnvoll, das Forum vor den Gremien der Schule vorzustellen und in Lehrerkonferenzen kurz über Fortgang und Planung des Forums zu berichten. Durch eine fortlaufende Prozessreflexion können Erfolge, aber auch Frustrationen und Konflikte aufgearbeitet und für das Projekt fruchtbar gemacht werden.
Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Schulleitung die Durchführung didaktischer Großformen befürwortet und innerhalb des Kollegiums eine Kultur der Kooperation und der Anerkennung gepflegt wird.

Literatur

Eikel, Angelika; de Haan, Gerhard (2007):
Demokratische Partizipation in der Schule. Ermöglichen, fördern, umsetzen. Schwalbach.
erschienen im Wochenschau-Verlag
ISBN: 978-3-89974356-2
14,80€


Eine Rezension finden Sie hier auf unserer Websit

 

 

Gelesen 1379 mal Letzte Änderung am Sonntag, 14 Dezember 2014 15:47
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