Mittwoch, 07 Oktober 2009 00:00

Die Kinderstube der Demokratie - Partizipation in Kindertagesstätten und Kindergärten

geschrieben von  Christian Fey

Können drei bis fünfjährige Kinder einen großräumigen Spielplatz planen? Können sie an Sitzungen teilnehmen, Wahlen durchführen, Vertreter bestimmen und ihre Interessen bei ihrer Tageseinrichtung vertreten? Sind sie in der Lage, über den eigenen Horizont hinaus auch Interessen anderer Kinder und Erwachsener zu berücksichtigen oder sogar einen Ausgleich zwischen möglicherweise abweichenden Interessen anzustreben? Diese Art von Fragen kann (oder muss?) sich derjenige stellen, der über die Integration von demokratischen Prinzipien bzw. einer demokratischen Kultur in den frühesten gesellschaftlichen Institutionen nachdenkt mit denen Kinder als Gruppe konfrontiert sind: Kindergärten und Kindertagesstätten. Jedoch mag man sogleich Bedenken tragen: Wer sind die, die solche Fragen stellen? Handelt es sich bei ihnen möglicherweise um Menschen, die einer Art romantischen Mythos vom „allseits kompetenten Kind" anhängen, stehen im Hintergrund dieser Fragen nichts weiter als Wunschträume und Phantasien von PädagogInnen und ErzieherInnen? Und käme dann der Versuch einer Umsetzung partizipativer Strukturen in den genannten Einrichtungen nicht einer Überforderung der Kinder gleich, der ihren kindlichen Eigenraum, ihren eingeschränkten Horizont und ihre kindliche „Naivität" verletzt?

Recht auf freie, gleichberechtigte und öffentliche Teilhabe gilt auch für Kinder

In den Jahren 2001 bis 2003 führte der Verein Kinderumweltinitiativen „Kiwi e.V." mit Unterstützung des Ministeriums für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren des Landes Schleswig Holstein ein Projekt in sieben verschiedenen Kindertageseinrichtungen durch, in dem erprobt werden sollte, inwieweit auch für „kleine" Kinder Beteiligung im Alltag mit ihren erwachsenen Bezugspersonen umsetzbar und erfolgreich sein kann. Konzipiert und durchgeführt wurde das Projekt von Prof. Dr. Raingard Knauer, Rüdiger Hansen und Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker unter dem Dach des Instituts für Partizipation und Bildung in Kiel. Die Träger verstehen ihr Projekt bzw. ihr Konzept als demokratiepädagogischen Beitrag - für sie bedeutet Partizipation das „Recht auf freie, gleichberechtigte und öffentliche Teilhabe der BürgerInnen, an gemeinsamen Diskussions- und Entscheidungsprozessen in Gesellschaft, Staat und Institutionen". Dieses Recht komme grundsätzlich nicht nur Erwachsenen, nicht nur Jugendlichen, sondern auch Kindern zu. Dementsprechend folgern sie: „Erst die strukturelle Verankerung von Partizipationsrechten macht Kindertageseinrichtungen zu demokratische(re)n Orten". Um diese Verankerung geht es dann auch im Wesentlichen in der konkreten Umsetzung bei den Einrichtungen, die sich an dem Modellprojekt beteiligt haben. In welchem Bereich oder in welchen Bereichen Partizipation konkret ermöglicht wird, liegt dabei in den Händen der pädagogischen Mitarbeiter vor Ort. Sie müssen sich im Vorfeld darüber klar werden, in welchem Rahmen sie die Kinder beteiligen wollen, wie weit dieses Beteiligung gehen soll und wie sie auch methodisch angemessen umgesetzt werden kann. Es geht als nicht um Beteiligung „total" und nicht um Beteiligung „um jeden Preis".

Methodische Kompetenz der Erwachsenen als Schlüssel für Partizipation von Kindern

Es wurden im Rahmen des Projekts unter anderem regelmäßig tagende Kinderparlamente und Kinderräte eingeführt, in denen die Kinder über von ihnen selbst gewählte Vertreter die Möglichkeit hatten, über den laufenden Betrieb der Einrichtung (mit)zubestimmen. Es wurden auch Fragen der Raum- bzw. Spielgeländegestaltung (z.B. Funktionsecken, Einrichtungsgegenstände, bauliche Änderungen, etc.) und auch konzeptionelle Themen (z.B. Gruppenzuteilungen bzw. -strukturen, Tagesabläufe), zu Orten der Partizipation.


Quelle: Rüdiger Hansen*

Während des Projekts wurde immer deutlicher, dass die Beteiligung gerade der „Kleinsten" nicht einfach durch einen einfachen Transfer von Entscheidungsverantwortung für bestimmte Fragen seitens der erwachsenen Betreuungskräfte getan ist (die Verantwortung wird also nicht einfach „abgegeben"). Ob und wie Partizipation umgesetzt werden kann, hängt zu einem großen Teil erstens von der Bereitschaft und zweitens auch von der methodischen Kompetenz der Erwachsenen ab. Wie führt man z.B. Wahlen mit kleinen Kindern methodisch durch (Haben Sie schon mal was von der Wäscheklammerwahl gehört?)? Wie können Ergebnisse von Gremien und Besprechungen für Kinder verständlich dokumentiert und vermittelt werden (Haben Sie schon mal ein Ergebnisprotokoll gemalt?)? Kinder in echter demokratischer Art und Weise zu beteiligen fordert daher die „Professionellen" zu einem Lernprozess heraus, dem sie sich auch als Team stellen müssen. Die Projektleiter betonen: Kinder merken wenn sie nur scheinbar beteiligt sind.


Quelle: Rüdiger Hansen*

Es zeigte sich während der Durchführung des Projekts, dass die Einführung beständiger partizipativer Strukturen zwar ein spannungsreicher Weg sein kann, der immer wieder auch das pädagogische Personal und nicht zu vergessen auch die Eltern vor Herausforderungen stellt, dass es aber gleichzeitig auch ein lohnenswerter Weg ist, bei dem die Kinder wichtige und elementare Lernerfahrungen machen, die sie an anderer Stelle kaum in dieser Intensität machen können. Das Projekt dokumentiert sowohl den Ernst als auch den Spaß mit dem die Kinder ihre (neuen) Möglichkeiten wahrnehmen. Es dokumentiert die Erfahrung der Verantwortung und auch der Selbstwirksamkeit, die schon die „kleinen" machen können. Es zeigt auch, dass Kinder mit einer partizipativen Situation gefordert sind, und dass sie, wenn diese Situation von den Erwachsenen nicht angemessen begleitet und strukturiert wird, auch überfordert sein können. Sie werden wiederholt auf direkte und authentische Art und Weise mit den demokratisch(st)en Problemen der Meinungsverschiedenheit und der Diskussion konfrontiert. Das Projekt zeigt, das auch Kinder diesen Problemen in ihrem Rahmen gewachsen sein können.

Für den Erfolg und die Sinnhaftigkeit des Projekts spricht, dass bei den Kindern wiederholt Übertragungseffekte im Sinne exemplarischen Lernens festgestellt werden konnten, bei denen einzelne Kinder, die die Erfahrung von Partizipation, Verantwortung und demokratischen Entscheidungsprozessen in Kindertagesstätten und Kindergärten gemacht hatten, diese auch in der Schule oder sogar bei der kommunalen Verwaltung einbrachten. Exemplarisches Lernen und Lerntransfer sind also im Bereich der Demokratiepädagogik scheinbar möglich.

Multiplikatorentraining und Handbuch

Aufgrund der in der Erprobungsphase gemachten guten Erfahrungen folgte von 2006 bis 2008 in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Kiel ein Multiplikatorentraining in Ausbildungsform, mit dem Ziel, weitere Einrichtung bei der Einführung bzw. beim Ausbau partizipativer Strukturen zu unterstützen. Über das Projekt gibt es ein ca. 30minütiges kurzweiliges und anschauliches Dokumentationsvideo, das viele Einblicke in die verschiedenen Aspekte und Phasen der Umsetzung gibt. Das Video ist beim Deutschen Kinderhilfswerk für 10,- Euro zu beziehen. In diesem Herbst wird außerdem ein Handbuch zu Idee und Konzeption der „Kinderstube der Demokratie" im Verlag „das netz" erscheinen.

 

Trailer zum Film "Die Kinderstube der Demokratie" von Lorenz Müller und Thomas Plöger, Deutschland 2008

Abschließend sei eines erwähnt: Die an der Durchführung des Projekts beteiligten Personen und Institutionen hatten für ihr Anliegen eine (wenn man so will) politische Legitimation, auf die sie sich auch konkret berufen. Der Paragraph 47f der Schleswig Holsteinschen Gemeindeordnung sieht vor: „(1) Die Gemeinde muss bei Planungen und Vorhaben, die die Interessen von Kindern und Jugendlichen berühren, diese in angemessener Weise beteiligen. Hierzu muss die Gemeinde über die Beteiligung der Einwohnerinnen und Einwohner nach den §§ 16 a bis 16 f hinaus geeignete Verfahren entwickeln. (2) Bei der Durchführung von Planungen und Vorhaben, die die Interessen von Kindern und Jugendlichen berühren, muss die Gemeinde in geeigneter Weise darlegen, wie sie diese Interessen berücksichtigt und die Beteiligung nach Absatz 1 durchgeführt hat". Ein vergleichbarer Passus findet sich in der Bayerischen Gemeindeordnung (noch?) nicht.

Links:

Institut für Partizipation und Bildung

Youtube Teaser Clip (Projektdokumentation)

*Alle Bilder:
Quelle: Rüdiger Hansen - Institut für Partizipation und Bildung

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