Samstag, 27 Oktober 2007 14:53

Gesellschaftliches Engagement als Bildungsziel - Carl-Bertelsmann-Preis 2007

geschrieben von  Florian Wenzel

Die Bertelsmann Stiftung vergibt seit 20 Jahren den Carl-Bertelsmann-Preis. Themen der letzten Jahre waren beispielsweise „Berufliche Bildung der Zukunft“, „Innovative Schulsysteme im internationalen Vergleich“, „Demokratie und Effizienz in der Kommunalverwaltung“ oder „Fortschrittliche Einwanderungs- und Integrationspolitik“. Die Auswahl der Preisträger erfolgt durch ein Gremium von Wissenschaftlern und Praktikern und wird durch begleitende inhaltliche Recherchen ergänzt.

Mit der jährlichen Hervorhebung eines Themas durch einen mit EUR 150.000 dotierten Preis bündelt die Bertelsmann Stiftung die mediale Aufmerksamkeit, bringt gleichzeitig der Politik innovative Konzepte nahe und bereitet richtungsweisende Entscheidungen vor. Große PR-Kampagnen begleiten den Preis und richten sich an unterschiedliche Zielgruppen. Politiker werden im Projektverlauf sowie der Preisverleihung konsequent eingebunden.

Kritisch diskutiert wird im Zusammenhang dieser Art von Projektarbeit, inwieweit sich eine große Stiftung allzu mächtig und dominant in staatliche Aufgaben einmischt bzw. diese durch eigenes Agenda-Setting zu beeinflussen versucht. Die Gefahr einer „Privatisierung der Politik“ durch die „Nebenregierung in Gütersloh“ wird in diesem Zusammenhang betont. Gleichwohl interessant ist sicher die Form der Auslobung eines Preises, was in anderen Disziplinen wie etwa Architektur gängig ist, im Bereich der (politischen) Bildung aber immer wieder skeptisch gesehen wird (wie etwa die Diskussion um die Möglichkeit von Hochschul-Rankings zeigt).

Vorbilder bilden – Gesellschaftliches Engagement als Bildungsziel

2007 stand der Preis unter dem Motto: "Vorbilder bilden - Gesellschaftliches Engagement als Bildungsziel". Es wurde eine umfassende weltweite Recherche zu Institutionen und Initiativen durchgeführt, die im Rahmen von Bildungsmaßnahmen Kinder und Jugendliche dazu motivieren und befähigen, sich für ihre Gesellschaft auf sozialer und politischer Ebene einzusetzen. Besonders Projekte, die jenseits von Wissensvermittlung systematisch und konzeptuell begründet aktivierende politische Bildung einsetzen, wurden beurteilt. In diesem Zusammenhang wurde auch auf die Vernetzung von formellen Institutionen, wie Kindertagesstätten oder Schulen, und informellen Bildungsinstitutionen, wie Vereinen oder sozialen Einrichtungen, geachtet. Die Bertelsmann Stiftung hat in 12 Ländern weltweit recherchiert und nach einer Lang- und Kurzauswahl 2007 einen geteilten Preis verliehen. Für Jugendliche wurde als begleitende Kampagne das Internet-Portal www.vorbilder-bilden.de eingerichtet, wo auch eigene Engagement-Projekte vorgestellt werden können. Der Sänger Ben hat begleitend das Musikvideo „Einmalig“ erstellt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei Ihrer Ansprache zur Preisverleihung:

"Junge Menschen engagieren sich vor allem dann, wenn sie in ihrem Alltag bürgerschaftliches Engagement erfahren. Daher brauchen sie Vorbilder, die sie zu eigenem Tun anregen. Sie brauchen außerdem Vertrauen in die eigene Fähigkeit, etwas erreichen zu können, und vielfältige Angebote zum Mitwirken und Mitentscheiden. Wenn diese Voraussetzungen stimmen, können junge Menschen viel bewegen. Durch Vorbilder selbst zum Vorbild zu werden - so kann gesellschaftliches Engagement und damit auch unsere Demokratie immer wieder neu belebt werden"
 

Preisträger Citizenship Foundation aus England

Der Carl Bertelsmann-Preis 2007 ging an die Citizenship Foundation aus Großbritannien. Die Citizenship Foundation hat sich zum Ziel gesetzt, Kinder und Jugendliche aktiv in die Gesellschaft einzubinden. Sie gehört in Großbritannien seit mehr als 20 Jahren zu den Vordenkern der politischen Bildung. Mit ihren Programmen zur Aktivierung der Zivilgesellschaft erreichte die gemeinnützige Organisation innerhalb der letzten drei Jahre mehr als 1,2 Millionen Schüler (20 Prozent aller weiterführenden Schulen).

Die Citizenship Foundation bietet unterschiedliche Programme an: Go-Givers motiviert Grundschüler früh zur Verantwortungsübernahme. G(iving)-Nation bietet für weiterführende Schulen eine Infrastruktur an, um Partnerschaften mit lokal und national agierenden gemeinnützigen Organisationen einzugehen. Und mit Youth Act führt die Citizenship Foundation zusätzlich auch Jugendliche außerhalb der Schule an freiwilliges soziales Handeln und politische Partizipation heran.
Jenseits der Programme agiert die Citizenship Foundation als Mittler und Koordinator zwischen gemeinnützigen Organisationen und Schulen. Sie vernetzt also schulische und außerschulische Bildung, bringt Institutionen formellen Lernens und Einrichtungen informellen Lernens zusammen. Sie hat erreicht, dass "Citizenship Education" (unzureichend zu übersetzen mit „Politische Bildung“ – in Deutschland wird in diesem Zusammenhang häufig von „Demokratie-Lernen“ gesprochen) als verpflichtendes Schulfach in weiterführenden Schulen und als Querschnittsthema in Grundschulen eingeführt wurde.

Sonderpreis 2007 Themenorientiertes Projekt Soziales Engagement (TOP SE), Baden-Württemberg

Der Bildungsplan Themenorientiertes Projekt Soziales Engagement (TOP SE) für die Realschulen in Baden-Württemberg verdeutlicht, wie eine Aktivierung von bürgerschaftlichem Engagement bereits in der Schule möglich ist.
Im Schuljahr 2004/2005 hat das Land Baden-Württemberg einen neuen Bildungsplan beschlossen. Dieser erklärt ausdrücklich Engagement zum Bildungsziel. Die 480 Realschulen haben sich im Rahmen dieses neuen Bildungsplans für gemeinnützige Organisationen geöffnet.
Ihre Schülerinnen und Schüler der siebten und achten Klassen engagieren sich in Altenheimen, Umweltinitiativen, als Schulsanitäter oder Mentoren. Ihre Lernerfahrungen reflektieren sie im Unterricht mit den Lehrern.
TOP SE zeigt, was begeisterte Lehrer, Eltern und die Zivilgesellschaft leisten können, wenn Engagement in der Schule gefördert wird. Es ist ein Programm, das Potenzial für alle Schulformen und Bundesländer hat.

Interview mit Michael Seberich, Projektmanager des Carl-Bertelsmann-Preises 2007
„Was ist das Besondere an der Vorgehensweise, einen Preis auszuloben und nicht etwa mit politischen Bildnern vor Ort entsprechende neue Projekte der Engagementförderung zu entwickeln?“

Michael Seberich: „Ich möchte betonen, dass ich sehr wichtig finde, die Situation vor Ort im Blick zu haben und für den jeweiligen Kontext Maßnahmen politischer Bildung zu entwickeln. Gleichzeitig gibt uns der Carl-Bertelsmann-Preis eine zweifache zusätzliche Chance, welche politische Bildung vor Ort entscheidend bereichern kann: Zum Einen haben wir die Möglichkeit, intensiv über den eigenen Gartenzaun hinaus zu schauen und die aktuelle Situation aktivierender politischer Bildung weltweit zu recherchieren und darüber zu berichten. Im Sinne von „good practice“ können dann Projekte gefunden werden, die sich konkret für die Situation in Deutschland adaptieren lassen. Zum Zweiten ist die Form des Preises als Kommunikationsmaßnahme zu verstehen. Zu unserem Thema erreichen wir die Fachöffentlichkeit der politischen Bildner und Bildungsinstitutionen in Deutschland, aber auch der gemeinnützigen Organisationen, die Engagement fördern, sowie politischer Einrichtungen, und können so den Diskurs vernetzen und voran bringen.“

„Was ist das Besondere an der ausgezeichneten Citizenship Foundation in England und was können wir von ihr für Deutschland lernen?“

„Die Citizenship Foundation hat vor allem beeindruckend klar unterschiedene zielgruppenspezifische Ansätze: Bei der Idee, für zivilgesellschaftliches Engagement zu motivieren, gibt es Ansätze für Schulen, aber auch Ansätze für „bildungsferne“ Zielgruppen, die über gemeinnützige Organisationen in Stadtteilen mobilisiert werden. Dabei verfügt die Citizenship Foundation jeweils über sehr gut durchdachte pädagogische Ansätze. In Deutschland gibt es bisher in dieser Art und Weise keine Thematisierung des Sektors gemeinnütziger Organisationen in Hinblick auf Engagement durch Bildung. Es ist geplant, die Ansätze der Citizenship Foundation konkret für Deutschland zu adaptieren und diese Lücke zu füllen. Verschiedene Institutionen haben bereits Interesse angemeldet, diese Arbeit übernehmen zu wollen.“

„Mit dem Bildungsplan Themenorientiertes Projekt Soziales Engagement wurde eine staatliche Initiative auf Länderebene ausgezeichnet, in Baden-Württemberg, das sich ja des Öfteren als Vorreiter in Sachen bürgerschaftliches Engagement erwiesen hat. Was ist preiswürdig an diesem Projekt?“

„TOP SE wurde ausgewählt, weil es zeigt, dass man Maßnahmen der Engagementförderung auch in breiter Form in der Fläche in Deutschland umsetzen kann, und nicht nur an einzelnen Modellschulen, wie das sonst oft der Fall ist. Das Konzept ist breit in den Realschulen in Baden-Württemberg verankert, aber auch in anderen Schulformen umsetzbar. Die Besuche vor Ort haben uns sehr beeindruckt, weil sie zeigten, wie das Projekt die Schulen massiv strukturell verändert und geöffnet hat: Gemeinnützige Organisationen nutzen die Schulen intensiv für eigene Veranstaltungen und die Schulen selbst sind integrierter Bestandteil ihrer Kommune geworden.“

Relevanz für das Netzwerk Politische Bildung Bayern

In der Dokumentation der empirischen Erhebung zur Situation politischer Bildung wird deutlich, wie wichtig die Vernetzung schulischer mit außerschulischer Bildung ist um ein umfassendes Verständnis politischer Bildung (Vermittlung von Kenntnissen, Förderung von Kompetenzen, Entwicklung von Einstellungen, Bereitstellung von Erfahrungs- und Handlungsmöglichkeiten) zu erreichen. Das Projekt der Citizenship Foundation zeigt exemplarisch, wie dies systematisch gelingen kann.

Im Schulbereich hat die Erhebung für Bayern verdeutlicht, dass für Schüler an aktivierender politischer Bildung zwar alltagsbezogene Maßnahmen angeboten werden, diese jedoch wesentlich weniger mit Schule insgesamt (z.B. Schulverfassung, Schulparlament) verknüpft sind. Die strukturelle politische Ebene, die Beteiligte und Betroffene jenseits von Schülern selbst einbinden müsste, fehlt weitgehend. Das Projekt TOP SE in Baden-Württemberg zeigt, wie dies als Initiative von Schule umfassend gelingen kann und weit über Schule hinaus ausstrahlt.

Weitere Informationen:

www.carl-bertelsmann-preis.de
Informationen und Downloads zum Projekt und zu den Konzepten der Preisträger.
Der Carl-Bertelsmann-Preis 2008 beschäftigt sich erneut mit einem Thema, das für Politische Bildung in Bayern zunehmend an Relevanz gewinnt: „Integration durch Bildung“. Wir werden im Verlauf des Jahres entsprechend darüber berichten.

Publikation zum Carl-Bertelsmann-Preis 2007

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Vorbilder bilden - Gesellschaftliches Engagement als Bildungsziel. Carl Bertelsmann-Preis 2007
1. Auflage 2007
292 Seiten Broschur
ISBN 978-3-89204-943-2
32,00 EUR

Die Publikation bündelt die begleitenden Recherchen zum Carl-Bertelsmann-Preis 2007 und stellt eine umfassende und aktuelle Sammlung von Artikeln zum Thema dar. Teil 1 beleuchtet die Situation des gesellschaftlichen Engagements bei Kindern in Deutschland und Europa, Teil 2 analysiert die Bedeutung von Engagement als Ressource für das eigene Leben und die Gesellschaft, Teil 3 stellt vor, wie Engagement in Kindertagesstätten, Schulen und Vereinen gelingen kann, Teil 4 blickt in andere Länder und stellt Projekte der Recherche weltweit vor und Teil 5 gibt Impulse an die Politik in Deutschland, um frühe Engagementförderung besser zu verankern.

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