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Das Begleitstudium Problemlösekompetenz ist ein neues
Studienangebot der Universität Augsburg, das den überfachlichen Kompetenzerwerb
von Studierenden fördern soll. Die Kompetenzentwicklung im Rahmen des
Begleitstudiums findet durch die Mitarbeit in selbstorganisierten
Projektgruppen von Studierenden statt. Durch das Begleitstudium haben Studenten
die Möglichkeit, sich ihr ehrenamtliches Engagement im Umfeld der Universität
in Form eines Zertifikats anerkennen und sich die Lern- und Arbeitsleistungen
in den Projekten in Form von Leistungspunkten im Fachstudium anrechnen zu
lassen. Was hat das eigentlich mit politischer Bildung zu tun? Und welche Idee
steht dahinter? Wir haben mit Thomas Sporer, dem Koordinator des
Studienangebots, gesprochen.
Herr Sporer, was ist
das Begleitstudium Problemlösekompetenz?
Thomas Sporer: Das Begleitstudium Problemlösekompetenz
ist ein optionales Studienangebot an der Uni Augsburg, bei dem es darum geht
das Engagement von Studierenden außerhalb des regulären Fachstudiums zu
fördern. Wer am Begleitstudium teilnimmt, engagiert sich in einem Projekt, das
von Studierenden im Umfeld der Hochschule organisiert wird: Dies können
Medienprojekte wie zum Beispiel ein Campusradio oder auch Projekte im sozialen
Bereich wie zum Beispiel einer Mediationsgruppe sein.
Wir haben in den letzten Jahren beobachtet, dass durch den Zeit- und Leistungsdruck
im Studium das Engagement von Studierenden rückläufig ist. Zu den Gründen
gehören die zeitlich straff organisierten B.A.-/M.A.-Studiengänge, die
Einführung von Studienbeiträgen sowie die Anforderung, im Studium möglichst
viele Praktika und Auslandsaufenthalte zu absolvieren. Diese „Nebenwirkung" ist
in gewissem Sinne widersprüchlich zu den Zielen der Bologna-Reform, bei der ja
gerade dem Praxisbezug des Studiums und dem Erwerb von Schlüsselkompetenzen
eine besondere Bedeutung zugesprochen wird. Beides sind Forderungen, die durch
Projekte hervorragend gefördert werden können.
Das Begleitstudium soll es Studierenden nun unter den Rahmenbedingungen
der neuen Studiengänge erleichtern, außerhalb des Fachstudiums eigene Projekte
zu starten oder sich an bestehenden Projekten zu beteiligen. Um den
Studierenden diese Freiräume für selbstorganisierte Projektarbeit zu bieten,
wird mit dem Begleitstudium das, was die Studenten in Projekten lernen als Lern-
und Arbeitsleistung im Fachstudium anerkannt. Die Teilnehmer am Begleitstudium
lösen dabei praktische, wissenschaftliche und soziale Probleme und eignen sich
dabei Kompetenzen an, die sowohl Wissen und Fertigkeiten als auch Einstellungen
umfassen. Wissen und Fertigkeiten können zwar in normalen Lehrveranstaltungen
gefördert werden, Einstellungen sind allerdings kaum in Vorlesungen und
Seminaren zu vermitteln. Und Einstellungen eignen sich Studierende eben durch
die freiwillige Teilnahme in selbstorganisierten Projektgruppen in einem hohen
Maß an. Denn im Begleitstudium gibt kein Lehrender die Ziele und Aufgaben vor.
Studierende stecken sich die Ziele für die Projekte selbst und arbeiten bei der
Umsetzung ihrer Ziele mit anderen Studierenden zusammen. Die Projektgruppen bestimmen
selbst, was sie wie machen wollen und bearbeiten ein Projekt oftmals über
mehrere Semester hinweg.
Welche Idee steckt dahinter?
Dahinter steckt die Idee, das Lernen nicht nur im Klassenzimmer stattfindet,
sondern im Sinne des lebenslangen Lernens ein ganz normaler Bestandteil des
Alltags ist. Die Teilnehmer des Begleitstudiums sollen daher ein Bewusstsein
dafür bekommen, wie wichtig Lernen ist - auch dann wenn Schule und Studium
abgeschlossen sind, am Arbeitsplatz. Dahinter steht die Idee von Communities
of Practice, d.h.
dass man durch die Partizipation in einer Praxisgemeinschaft lernt, in dem man sich
Wissen über die jeweilige Domäne, mit der sich die Projektgruppe
auseinandersetzt, aneignet und die benötigten Fertigkeiten erwirbt um an der
geteilten Praxis einer Projektgruppe teilzuhaben.
Wie gesagt, geht es neben
Wissen und Fertigkeiten dabei vor allem um Einstellungen: Also letztendlich,
dass man etwas macht, weil man es will, dass man es gut findet und dass man
sich für etwas einsetzt. Vielleicht veranschauliche ich das mal anhand einer
persönlichen Geschichte: Während meinem Studium habe ich mich sehr für das
Thema Lernen mit digitalen Medien interessiert. Meine Uni hatte damals
allerdings nur eine sehr simple elektronische Lernumgebung bereitgestellt: Im
Prinzip eine Online-Plattform auf der man PDFs herunterladen kann. Das hat
meinen Vorstellungen von E-Learning nicht entsprochen und so hab ich dann gemeinsam
mit anderen Studierenden ein Projekt gestartet, wo wir uns selbst eine
Lernumgebung gebaut haben, die unseren Anforderungen an eine Lernplattform
besser entsprach (www.knowledgebay.de).
Das Projekt hat mich dann fast durch das gesamte Studium begleitet und bei der
theoretischen Auseinandersetzung mit dem Projekt in meiner Abschlussarbeit hab
ich dann erkannt, dass unsere Projektgruppe eine sogenannte Praxisgemeinschaft
ist. In dieser Praxisgemeinschaft hab ich damals viel über die Gestaltung von
Lernumgebungen gelernt und wertvolle Kompetenzen für meine heutige Arbeit
erworben.
Gibt es für Sie eine persönliche Motivation?
Meine Motivation für das Begleitstudium kommt aus der eigenen Projekterfahrung
als Student heraus. Mir ist es wichtig, für Studierende förderliche
Rahmenbedingungen an der Hochschule zu schaffen um ihre Ideen in die Tat
umzusetzen und nachhaltige Projektergebnisse zu erzielen. Und das wäre aus
meiner Sich auch für Hochschulen von Vorteil, weil die einen hohen Nutzen davon
haben könnten, wenn Studenten sich aktiv und gestaltend einbringen. Das ist
auch, was ich mit meiner Anekdote zuvor sagen wollte: Dass ich als Student
nicht nur bei Evaluationen meinen Unmut äußere, sondern auch darüber hinaus aktiv
tätig werde. Wenn ich diesen Weg gehe, gibt es jedoch auch Ernüchterungen und
Unsicherheiten, weil viele sagen: „Ja, warum tust du das denn überhaupt?
Konzentriere dich lieber darauf, dass dein Studium schnell fertig wird und dann
kannst du immer noch ...". Wir haben das Projekt damals trotzdem gemacht und
waren letztlich recht erfolgreich damit. Und das ist eine ziemlich gute Erfahrung: Nämlich die von
Selbstwirksamkeit, dass du etwas verändern kannst, wenn du willst. Und damit entwickelst
du die Haltung, dich in künftigen Situationen ähnlich zu verhalten, dich
einzubringen, ungünstige Situationen nicht einfach hinzunehmen, wie sie sind,
sondern unternehmerisch tätig zu werden. Das ist mir eigentlich das Wichtigste
an dieser Arbeit.
Was ich mich gefragt habe ist, wen das
Begleitstudium erreicht: Schafft es für Studenten, die sich sowieso engagieren
den Raum dies zu tun? Oder schafft es eine attraktive Möglichkeit für Studenten
sich zu engagieren, die es sonst vielleicht nicht tun würden?
Beides, würde ich sagen. Ersteres ist freilich leichter: Studenten, die sich ohnehin gerne engagieren, bekommen
durch die Rahmenstruktur des Begleitstudiums mehr zeitlichen Freiraum. Für
andere Studierende kann es ein Anreiz für ein Projekt sein, dass sie Punkte für
das Fachstudium bekommen oder sich Kompetenzen aneignen, die am Arbeitsmarkt
gefragt sind. Für diese Studierende stellt das Begleitstudium aus meiner
Sicht eine Möglichkeit dar, neue Lernerfahrungen zu machen. Nach dem Motto:
„Hey, hier gibt es eine Community, da fühle ich mich gut aufgehoben, ich
verstehe mich mit den Leuten und wir stellen ein tolles Projekt auf die Beine."
Jemand der solche Erfahrungen noch nicht gesammelt hat, macht durch das
Begleitstudium vielleicht welche. Klar, das kann man nicht erwarten, aber es
ist eine Möglichkeit. Ich glaube nämlich, es gibt eine ganze Reihe
Studierender, die sich sehr gerne engagieren würden, sich aber denken: „Ich
konzentriere mich lieber auf die Sachen, die mir viel Sicherheit verschaffen. So
etwas wie ein Projekt über längere Zeit auf die Beine zu stellen, ist mir zu
risikobehaftet". Denn ich weiß ja vorher nicht, ob die Investition an Zeit und
Energie, die ich in das Projekt hineinstecke sich irgendwann lohnt. Aber genau
dieses unternehmerische Handeln, im Sinne von Lernen, ist besonders spannend
und soll durch das Begleitstudium gefördert und für Studierende attraktiver
gemacht werden.
Welche Aspekte von politischer Bildung
vermitteln Sie?
Das ist wohl keine Vermittlung im engeren Sinne, so wie etwa im
Sozialkundeunterricht, wenn ich etwas über die Verfassung der Bundesrepublik
oder politische Gremien lerne. Ich würde sagen, wir fördern das Interesse von
Studierenden sich gesellschaftlich zu engagieren. Denn es geht uns ja darum,
dass Erfahrungen mit Projekten gesammelt und anschließend deren Konsequenzen
reflektiert werden. Beispielsweise die Erfahrung, dass ich die Lern- und
Arbeitswelt, in der ich lebe, bis zu einem gewissen Grad mitgestalten kann.
Yrjö Engeström
bezeichnet das als expansives Lernen und unterscheidet es von zwei anderen Formen
zu lernen: Die erste Form zu lernen ist, dass man in einem bestehenden System
lernt zu bestehen, in dem man die Erwartungen die an einen herangetragen werden
erfüllt. Die zweite Form zu lernen besteht darin, dass man die Regeln des
sozialen Systems kennenlernt und somit auch, sich Vorteile zu verschaffen. Eine
dritte, weiterführende Form des Lernens ist die, bei der man allmählich versucht,
die Regeln umzugestalten.
Man erkennt, zum Beispiel in der Institution Schule: Die soziale Regel
„Abschreiben" bringt mir zwar bessere Noten ein, aber im Endeffekt habe ich
dadurch nicht mehr gelernt. Ich habe dann zwar gute Noten, kann aber im Leben
außerhalb der Schule deswegen noch lange keine Probleme bewältigen. Wenn man
das verstanden hat, kann man beginnen seine Lern- und Arbeitsumgebung so zu
gestalten, dass sie für einen selbst und andere besser zum wirklichen Leben
passt. Das ist eine der zentralen Vorstellungen, die hinter dem Begleitstudium
steckt. Das man seinen Lebens- und Arbeitsraum aktiv mitgestaltet. Und darin
sehe ich die Bedeutung für die politische Bildung.
Gibt es Aspekte des
Begleitstudiums, die in Bereichen oder Institutionen der politischen Bildung
aufgegriffen werden sollten?
„Raum zu lassen" finde ich einen wichtigen Aspekt. Aber Raum lassen durchaus
im Sinne einer vorstrukturierten Situation: Bewusst geschaffene Freiräume, in
denen innerhalb eines vorgegebenen Rahmens dem einzelnen die Möglichkeit gegeben
wird gemeinsam mit anderen etwas Eigenes zu machen. Gerade in Bereichen in
denen man Kompetenzen vermitteln möchte. Denn Einstellungen entwickeln sich,
wenn ich Freiräume habe zu handeln und mein Handeln dann gut finde, weil ich
mich frei dazu entschieden habe so zu handeln. Das ist wahrscheinlich etwas,
was sich auch auf die politische Bildung übertragen lässt.
In diesem Zusammenhang halte ich übrigens auch den Ansatz des Service Learning
für sehr vielversprechend. Beim Service Learning kooperieren Schulen oder
Hochschulen mit anderen Einrichtungen und machen gemeinsam soziale Projekte. Es
ist einfach eine wertvolle Bildungserfahrung, wenn ganz konkret ein Produkt
oder eine Dienstleitung entsteht, die anderen Nutzen bringt. Und auch mir
selbst bringt diese Form zu lernen mehr, weil sie sinnstiftend ist.
Gibt es Einrichtungen oder Institutionen
mit denen Sie in Zukunft stärker kooperieren wollen?
Wir wollen das neue Studienangebot, das wir zunächst prototypisch für einen
Studiengang entwickelt haben künftig auf andere Studiengänge ausweiten. So,
dass auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit in den Projektgruppen stärker
wird. Eventuell auch hochschulübergreifend. Bein den Projekten im
Begleitstudium kann ich mir gut vorstellen, dass wir künftig noch mehr mit anderen
Bildungsinstitutionen, gemeinnützigen Organisationen und lokalen Unternehmen
zusammenarbeiten.
Politische Bildung bedeutet für mich...
...Interesse zu wecken für gesellschaftliche und soziale Angelegenheiten,
Bewusstsein dafür zu schaffen, dass man selbst einen Unterschied machen kann
und das nötige Selbstbewusstsein zu fördern, das man braucht um neue Wege zu
gehen. Und eben auch zu erfahren, dass man mit solchen Vorhaben nicht allein
ist.
Erfolgreiche politische Bildung...
...vermittelt bei Personen, die an politischen Bildungsmaßnahmen teilnehmen, neben
Wissen über politische und gesellschaftliche Strukturen vor allem auch
Einstellungen wie die Bereitschaft zum Engagement. Neben dieser individuellen
Ebene sollten Projekte im Sinne des „Service Learning" einen Mehrwert stiften,
der auch anderen Personen zu Gute kommt.
Das Begleitstudium Problemlösekompetenz
ist erfolgreich weil...
...es ein engagiertes Projektteam gibt, dem es wichtig ist, dass Studierende
auch künftig die Bildungserfahrungen machen können, die in selbstorganisierten
Projekten stattfinden. Wenn sich Studierende fünf Jahre nach ihrem
Universitätsabschluss an ihre Studienzeit erinnern, sollen die Projekte im
Begleitstudium für ein lebendiges Universitätsleben stehen.
Herr Sporer, wir
danken Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Miriam Apffelstaedt
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