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Das Theater der Unterdrückten wurde von Augusto Boal entwickelt und ermöglicht als politisches Probehandeln politische Bildung von einer anderen, emotionalen, Seite anzugehen. Dabei ist es besonders erfolgreich, "wenn es gelingt, genug Ärger zu mobilisieren, dass daraus Aktivität entsteht," wie Fritz Letsch, Theaterpädagogoe aus München, im Interview erklärt.
Theater als Methode
in der politischen Bildung - wie funktioniert das?
Meine Methode kommt aus dem Theater der Unterdrückten.
Augusto Boal
hat dies in den
Sechzigerjahren in Brasilien entwickelt. Es ist eine Methode um mit den
Menschen gemeinsam Theater zu machen. Das Publikum wird dazu gebracht, das
Stück zu verändern. Es sind also keine fertigen Stücke mit feststehendem
Schluss, sondern das Publikum ist eingeladen, das Ende zu verändern.
Wir arbeiten mit dem jeweiligen Thema, bei dem die Leute sich unter
Druck fühlen oder bei dem sie etwas verändern wollen.
Das heißt,
diejenigen, die das Theater spielen, sind auch Personen, die Teilnehmer sind?
Beides ist möglich. Wenn Betroffene Laien das Stück spielen,
macht das viel von der Kraft des Stücks aus das auf der Bühne gespielt wird. In
der Regel wird in der Gruppe die Thematik einer Person von einer anderen
gespielt. Das ermöglicht der betroffenen Person auch die anderen Lösungswege zu
sehen.
Mit welchen Themen
arbeiten Sie?
Das kommt zunächst mal auf die Einladung des Veranstalters
an. Begonnen hat alles in der Friedensbewegung mit den Fragen, wie wir etwas
umsetzen können oder wie wir uns beteiligen können. Zuletzt war das Thema auf
einem großen Kongress „Partizipation". Dort haben wir mit Jugendlichen aus
allen Bundesländern Szenen dargestellt, bei denen Jugendliche in der
Beteiligung behindert werden. Zunächst mal reden alle von Beteiligung. Wir
haben dann zum Beispiel mit Pfadfindern mit der Thematik gearbeitet, wo im
Jugendverband Beteiligung nicht mehr möglich ist. Oftmals haben die
Jugendlichen beispielsweise erlebt, dass ihnen der Bürgermeister etwas
versprochen hat und sie hinterher ausgebremst werden. Oder jemand sollte ihr
Jugendsprecher sein und steht im entscheidenden Moment doch nicht auf ihrer
Seite.
Seniorenarbeit war vor kurzem etwas ganz Neues für mich. Diese braucht noch einmal ganz andere Arbeitsweisen. Ende August gab es
in Dresden ein Generationen-Theatertreffen, das war sehr spannend, wie die unterschiedlichen
Generationen sich gegenseitig etwas beibringen konnten.
Werden die Stücke im
Nachhinein reflektiert?
Ja, eine Gruppe wertet natürlich die Szenen immer aus: Wie
war das Ergebnis, wie waren die einzelnen Interventionen, wie haben wir gespielt.
Eine mögliche Schwierigkeit kann es sein, dass sich die Gruppe oder das
Publikum zu sehr gegen Innovationen wehrt. Da bin ich als Vermittler zwischen
Gruppe und Publikum gefragt. Grundlage ist ja, dass Lösungsmöglichkeiten vom
Publikum und nicht von der Gruppe kommen.
Was wird bei Theater
in der politischen Bildung besonders gefördert?
Ich denke die Einfühlung. Eben nicht nur taktisch umzudenken
was sein sollte und sein müsste, sondern zu spüren, wie es jemandem geht, der
Unrecht erlebt. Manchmal wird man zunächst hilflos, bevor man dann tatsächlich
auf eine andere Lösung oder eine andere Haltung kommt und etwas ändern will.
In Bühnensituationen ist es möglich, sich in Situationen zu
versetzen, die wir so nicht erleben oder nicht erleben müssen, zum Beispiel
eine ungerechtfertigte Kündigung. Häufig stellen die Teilnehmer fest, dass es
Dinge gibt, die sie so auch kennen, aber im Alltag verdrängen.
Gibt es Grenzen,
etwas, was diese Methode in der politischen Bildung nicht leisten kann?
Ja klar. Was wir natürlich nicht vermitteln können, ist, wie
man sich organisiert. Man kann nur vermitteln, wie man etwas anfängt, wie man
die ersten Schritte geht. Aber wie man eine Gruppe aufbaut, welche Strukturen
es gibt, da muss die politische Bildung natürlich andere Methoden einsetzen. Theater
kann anregen und die emotionale Seite anregen. Ich halte diese aber für enorm
wichtig, da ich in ganz vielen Bereichen Resignation erlebe.
Das heißt, das
Bewusstsein ist vorhanden, aber der Glaube an Veränderung nicht?
Absolut. Wenn es gelingt, durch Theater genug Ärger zu
mobilisieren, kann dadurch Aktivität entstehen.
Viele in Deutschland glauben nicht an diese Methode der
politischen Bildung. Ich begegne ständig Personen, die nicht glauben, dass
Lösungsvorschläge aus dem Publikum kommen können. Das liegt daran, dass Theater
bei uns mit fertigen Stücken verbunden wird, bei denen am Ende der Vorhang
fällt.
Für mich ist wichtig, dass diese Methode in 70 Ländern der
Welt eingesetzt wird und erfolgreich ist. In Indien beispielsweise wurde die
Methode in den Kontext der Tradition von indischem Volkstheater gesetzt. Zurzeit
sind die indischen Kolleginnen in Halle und bearbeiten das Thema Gewalt bei
Jugendlichen.
Das Wichtigste überhaupt ist für mich, dass Veränderung als
machbar erlebt wird.
Gibt es ein
besonderes Highlight in Ihrer Arbeit?
Ganz viele und es kommen immer welche hinzu. Beeindruckt hat
mich, wie mit der Methode in Afrika zum Thema Aids gearbeitet wird. Sexualität
wird dort ja nach wie vor tabuisiert. Es beeindruckt mich, was mit der Methode
möglich ist.
Wen erreicht man mit
dieser Form der politischen Bildung besonders gut?
Bei Erwachsenen erreiche ich vor allem diejenigen, die schon
in einem Bewegungsumfeld sind. Bei meiner Arbeit mit Führungskräften im
Visionstheater habe ich erlebt, dass graduell und äußerlich gesehen viel
weniger stattfindet als bei Jugendlichen oder politisch aktiven Erwachsenen. Aber
die Richtung, das sich etwas bewegt, ist auch in Unternehmen ganz enorm. In
festgefahrenen Strukturen erfordert die Veränderung einen enormen Mut. Für
Zivilcourage in Firmen ist häufig viel mehr Mut nötig als in anderen
Situationen. Wir haben einfach noch keine demokratische Kultur in Unternehmen,
ähnlich in der Schule.
Gibt es Einrichtungen
oder Institutionen, mit denen Sie in Zukunft gerne stärker kooperieren würden?
Mit der gesamten Pädagogik, insbesondere den Hochschulen. Da
könnte ich mir sehr viel mehr vorstellen was möglich wäre. Natürlich auch die
politische Bildung an sich.
Wie lässt sich
politische Bildung aus ihrer Sicht am besten vermitteln?
Am Punkt Ärger. Meinen Teilnehmer stelle ich in der Regel zu
Beginn die Frage, wann sie sich das letzte Mal geärgert haben. Wenn wir Ärger
spüren, wollen wir Veränderung. Als Überschrift würde ich sagen: „Ärger ist der
Einstieg in die politische Bildung".
Also die eigene
Betroffenheit?
Das Wort ist zu neutral. Im Ärger steckt zusätzlich die
Kraft. - Und diese Power brauchen wir. „Irgendwie betroffen" heißt: Alle senken
den Kopf. - Bei Ärger geht der Kopf erstmal hoch.
Politische Bildung
bedeutet für mich...
...aus meinem Ärger wird eine gemeinsame Sache.
Erfolgreiche
politische Bildung...
...lässt stabile Strukturen der Zusammenarbeit entstehen.
Theater als
politische Bildung ist erfolgreich weil...
...es die Emotionen der Beteiligen aufnehmen kann.
Herr Letsch, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Miriam Apffelstaedt
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Kontakt zu Fritz Letsch
per E-Mail: mail@fritz-letsch.de
Tel. 03221/23 52 863
Buchhinweise:
Augusto Boal (1989):
Theater der Unterdrückten. Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler.
ISBN 978-3518113615
Euro 11,00
Simone Odierna/Fritz Letsch: Theater macht Politik.
Forumtheater nach Augusto Boal.Ein Werkstattbuch
2006 ISBN 978-3-930830-38-1 Gautinger Protokolle 36 - Institut für Jugendarbeit Gauting http://www.agspak-buecher.de Euro 19,80
Helmut Wiegand
(Hg) (2004):
Theater im
Dialog: heiter, aufmüpfig und demokratisch:
Deutsche und
europäische Anwendungen des Theaters der Unterdrückten.
Mit einem Beitrag von Augusto
Boal
ISBN 3-89821-333-1
Euro 29,90
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