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Memoro - die Bank der Erinnerungen e.V. Ein Gespräch mit Nikolai Schulz
Geschrieben von: Erika Rempel   
Mittwoch, den 17. Februar 2010 um 05:15 Uhr
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2010_nikolai_schulz.jpgMemoro - die Bank der Erinnerungen e.V. sammelt Geschichten älterer Menschen aus ihrer Jugend in Form von kurzen Videos, die man sich auf der Internetplattform http://www.memoro.org/de/ ansehen kann. So werden diese Anekdoten bzw. persönlichen Erinnerungen gleichsam konserviert und für junge Menschen heute und in Zukunft aufbewahrt. Das Projekt will somit eine Generationenbrücke bauen und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fördern, denn diese bringt häufig einen veränderten Blick auf die Gegenwart mit sich.

Gestartet ist das Projekt in Italien im Jahr 2007 und in Deutschland versucht Herr Nikolai Schulz seit Mitte 2008 auch eine solche Erinnerungsdatenbank aufzubauen. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit bei Memoro und vor allem über einige der vielen witzigen, tragischen und bewegenden Geschichten, die Senioren aus ihrer Vergangenheit zu erzählen haben.

Herr Schulz, welcher Gedanke steckt hinter dem Projekt Memoro?
Der Grundgedanke ist, dass Geschichte durch persönliche Geschichten nachvollziehbarer gemacht werden soll und das vor allem für Jugendliche, die eine Zielgruppe des Projekts sind. Ein älterer Herr hat beispielsweise erzählt, dass er als Kind während des Kriegs immer in Straßenkleidung geschlafen hat, weil er immer wieder im Bunker übernachten musste. Als der Krieg dann vorbei war, hat er noch eine weitere Woche in Straßenkleidung geschlafen, aus Angst, wieder im Bunker übernachten zu müssen. Diese Geschichte ist beispielsweise für jede(n) sehr nachvollziehbar. Wir möchten eine Bank der Erinnerung schaffen mit vielen kleinen persönlichen und nachvollziehbaren, aber konsumierbaren Anekdoten. Sozusagen kleine Blitzlichter auf besondere Episoden aus dem Leben verschiedener Menschen. Bei Memoro geht es um Zeitzeugen und „Oral History". Durch das Medium Internet in Verbindung mit dem Video untermalen Gestik, Mimik und die regionale Sprachfärbung das Erzählte.
Durch die Kategorisierung der Erinnerungen in Themen und spezielle Rubriken erwächst langsam eine Struktur, vergleichbar vielleicht mit einem Baum.

Welche Menschen wollen Sie mit der Erinnerungs-Datenbank erreichen?
Menschen ab 65 können eine Geschichte aus ihrem Leben erzählen, weitere Einschränkungen haben wir nicht. Alle, die etwas erzählen möchten, welches möglichst noch eine Botschaft für die Jugend transportiert, können dies bei uns tun.

Was lernen vor allem junge Menschen durch Memoro?
Heute sprechen wir beispielsweise von „der größten Krise seit den 30er Jahren", und wenn man dann hört, dass die Menschen früher über Wochen hungerten und im Wald Bucheckern für eine Suppe gesammelt haben, dann relativiert sich vieles. Ich denke, durch solche Geschichten kann man auch einen anderen Blick auf die Gegenwart bekommen. Neben dieser Relativierung aktueller Geschehnisse können junge Menschen ihre Großeltern und deren Generation durch die kurzen Geschichten besser verstehen.
Ziel unserer Arbeit ist es, eine Generationenbrücke zu schaffen. Dies geschieht, indem junge Menschen selbst aktiv werden, beispielsweise ihre Großeltern filmen und ihr Video dann auf unsere Internetseite hochladen, oder wenn sie die Videos einfach nur ansehen.

Wie sieht ihre Arbeit konkret aus?
Ich selbst bin in diesem Projekt momentan „Mädchen für alles". Ich habe im Spätsommer 2008 damit begonnen, Memoro in Deutschland aufzubauen, nachdem ich bei Spiegel  Online von dem italienischen Projekt („Banca della Memoria") erfahren habe. Ich war damals gleich an dem Projekt interessiert, da ich auch Computerkurse für Senioren anbiete. In den letzten anderthalb Jahren habe ich die italienische Seite nach und nach ins Deutsche übersetzt, habe die ersten Clips mühsam zusammengetragen, einen Videokurs gemacht, mir die erste Videokamera meines Lebens gekauft, einen Verein gegründet und versuche zudem Pressearbeit zu machen und nach Sponsoren zu suchen. Also alles, was im Projekt gemacht werden muss. Durch den Status des gemeinnützigen Vereins, dürfen mir nun auch andere gemeinnützige Organisationen helfen, wie beispielsweise die Stiftung Gute-Tat.de in München, die freiwillige HelferInnen vermitteln. Dadurch konnte mir ein Jurist die Geschäftsbedingungen vom Englischen ins Deutsche übersetzen. Zwei junge Frauen machen freiwillig für das Projekt ein bisschen Pressearbeit und eine Dame aus einer Werbeagentur hat einen professionellen Flyer für Memoro entworfen. Ich versuche das alles zu koordinieren und nehme mir auch Zeit, um die Interviews zu führen und zu filmen, um Kooperationspartner zu finden, um das Projekt auch über Beitrage in Blogs zu promoten.

Gab es ein besonderes Highlight in ihrer Arbeit / was motiviert Sie?
Ein Highlight war zum Beispiel ein Interview mit einem professionellen Erzähler, der auch Kinderbuchautor ist. Der konnte sehr ergreifend und auch humorvoll erzählen. In den Geschichten geht es nämlich nicht immer nur um den Zweiten Weltkrieg, wie viele Anfangs glauben. Das Projekt deckt nämlich unterschiedliche Bereiche ab. In einer Geschichte ging es um die Anfänge der Studentenproteste zu Beginn der 60er Jahre. In einer anderen erzählt eine Frau von ihrem ersten Kuss in den 40er Jahren. Sie dachte, sie würde davon schwanger werden und müsse nach dem Kuss ausspucken, um das zu verhindern. Tragisch an der Geschichte ist jedoch, dass ihr Freund nach diesem ersten Kuss in den Krieg ziehen musste und nie mehr zurückgekommen ist...
Highlights meiner Arbeit sind immer Geschichten, die entweder witzig oder tragisch sind und von einer beeindruckenden Person erzählt werden. Ein Traum von mir ist es, auch noch „berühmte" Leute zu interviewen, wie beispielsweise Helmut Schmidt oder Edmund Stoiber, die für das Projekt sicherlich so einige Türen öffnen könnten.
Ein weiteres Highlight sind natürlich positive Feedbacks, die ich manchmal erhalte, z.B. nach einem Radiointerview. Dadurch merke ich, dass die Arbeit des Projekts honoriert wird und ich weiß, dass es wichtig ist, weiterzumachen.

Was hat Memoro mit politischer Bildung zu tun?
Wenn Menschen von einer anderen Zeit berichten, wie es damals beispielsweise mit der Meinungsfreiheit aussah, dann ist das für mich politische Bildung. Die Videos können durch das Internet ja jederzeit kostenlos angesehen werden und stehen so beispielsweise auch Schulklassen oder Seminaren an Universitäten zur Verfügung.

Gibt es Einrichtungen oder Institutionen mit denen Sie in Zukunft stärker kooperieren wollen?
Da das Projekt nun nach anderthalb Jahren in Deutschland so langsam Gestalt annimmt und wächst, ist es uns zur Zeit besonders wichtig, Sponsoren zu finden und Menschen zum Spenden zu ermutigen, um unsere Kosten zu decken. Wir versuchen momentan auch mit unterschiedlichen Firmen, wie BMW oder MAN Kontakt aufzunehmen. Sie können bei uns eine Sonderseite einrichten, auf der ehemalige ältere MitarbeiterInnen zu Wort kommen. So können auch die Firmen zeigen, dass sie sich um ihre ehemaligen MitarbeiterInnen kümmern, neudeutsch ihre Corporate Social Responsability bzw. Nachhaltigkeit beweisen. Firmengeschichte und Unternehmenserfolge lassen sich in schnöden Zahlen ausdrücken - oder aber in lebendigen Geschichten, erzählt von Mitarbeitern, welche die jeweilige Firma jahrelang durch Höhen und Tiefen begleitet haben. Wie hat alles angefangen, die ersten Erfolge und die ersten Rückschläge, gab es einen gemeinsamen Geist, eine corporate identity? All das können die Firmen auf Memoro.org, der Datenbank des Erinnerns, in Form von kleinen Videoclips festhalten. Wir interviewen und filmen die pensionierten Mitarbeiter ab 65 Jahren. Die Firmen können so Ihre Firmengeschichte(n) in einem dedizierten Bereich auf der Website veröffentlichen und Memoro.org als wertvolle Plattform für die Unternehmenskommunikation nutzen, und obendrein die Clips auf der jeweiligen Firmenwebsite einbinden. Auf diese Weise können die Firmen nicht nur das "Firmengedächtnis" fit halten, sondern auch die Tradition und die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen stärken.
In Italien funktioniert das bereits. Dort ist es überdies sogar so, dass die Stadt Turin mit der Region Piemont und der Provinz Cuneo eine Trägerschaft für das Projekt übernehmen. Ich fände es sehr schön, wenn das hier in ähnlicher Weise vielleicht mit der Stadt München, oder dem Freistaat Bayern oder auch der Bundeszentrale für Politische Bildung klappen würde. Auch über die Zusammenarbeit mit Stiftungen würde ich mich sehr freuen.
Eine ganz wunderbare Zusammenarbeit gibt es in Barcelona, wo katalanische Schriftsteller gefilmt werden, die somit auch ihre Sprache pflegen und das Video sozusagen als eigene Werbung auf ihrer Webseite einbinden können und dafür Memoro in Spanien finanziell unterstützen.
Sie sehen, das Projekt kann wirklich auf vielfältigste Weise unterstützt werden.

Politische Bildung bedeutet für mich...
... aus den Erfahrungen und Fehlern der Vergangenheit zu lernen und dadurch heute mehr zu tun und idealerweise die Erfahrungen den nächsten Generationen zu vermitteln.

Erfolgreiche politische Bildung...
... erweckt Interesse am Gemeinwohl auf verschiedenen Ebenen: kommunal, landespolitisch, aber auch europaweit. Unser Projekt ist gelebtes Europa! Wir sind bereits in fünf europäischen Ländern aktiv.
Memoro ist erfolgreich weil...
... das Medium gratis weltweit und jederzeit unsere Inhalte zur Verfügung stellt. Diese sind sehr kurzweilig und konkret und es handelt sich um ein nicht-kommerzielles, internationales Projekt.

Herr Schulz, wir bedanken uns für das Gespräch!

Das Interview führte Erika Rempel
Weitere Informationen:

Einen Artikel über das Projekt Memoro -die Bank der Erinnerungen e.V. inklusive Flyer und Projektpräsentation zum Download finden Sie hier auf unserer Website.

Das Anschreiben für Firmen, die ihre Geschichte gerne aus Sicht der älteren, ehemaligen Mitarbeiter/innen festhalten und auf diesem Wege Memoro als Kooperationspartner unterstützen möchten pdf finden Sie hier (136.08 Kb)

 

 
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