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Freitag, 15 Februar 2013 00:00

Bürgergesellschaft hautnah erleben und (mit-)gestalten beim "Bündnis für Augsburg"

geschrieben von  Kristina Greißl
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Das „Bündnis für Augsburg" ist ein Netzwerk, in dem sich seit 2002 Menschen aus Politik und Verwaltung, Wirtschaft und Bürgerschaft gemeinsam für Augsburg engagieren. Mit uns trafen sich die städtische Verwaltungsangestellte Angelika Wonnenberg, die stellvertretende Leiterin der Geschäftsstelle des „Bündnis für Augsburg" Simone Lehrl und das „Bündnisurgestein" Gottfried Swoboda, ehrenamtlicher Mitarbeiter der ersten Stunde, zum Gespräch.
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Was verstehen Sie beim „Bündnis für Augsburg" ganz allgemein unter Bürgergesellschaft?

Lehrl: Wie unser Name schon andeutet, ist bürgerschaftliches Engagement das Hauptthema hier beim „Bündnis für Augsburg". Dabei richten wir unser Angebot, das sich in seiner Konzeption an dem Begriff der Bürgergesellschaft orientiert, an jeden, der im Stadtkreis von Augsburg wohnt und sich einbringen möchte – ganz egal, ob das nun ein Kind, ein Berufstätiger oder ein Rentner ist. Die Idee hinter all unseren Bündnis-Aktionen und Projekten ist der Zusammenhalt. Es geht darum, dass sich die Menschen in der Stadt gegenseitig helfen.

Wonnenberg: Genau. Denn es ist uns wirklich wichtig, dass wir jedem, der in der Stadt lebt und hier in Augsburg Bürger ist, die Chance bieten sich im Rahmen der Bündnisplattform einzubringen.

Swoboda: An dieser Stelle möchte ich gerne einwerfen, dass wir hier beim „Bündnis für Augsburg" zwischen bürgerlichem Engagement und bürgerschaftlichem Engagement unterscheiden. Uns als Organisation geht es um Letzteres. Das heißt wir überlegen uns, ob wir als Bürger für andere Bürger in irgendeiner Form „da sein" können. Das bürgerliche Engagement ist in meinen Augen dagegen etwas kritischer zu bewerten, da dort manchmal die Grenzen zwischen ehrenamtlichem Engagement und Eigennutz bzw. Selbstdarstellung verschwimmen. Bürgerschaftliches Engagement heißt für mich jedoch, dass ich als Bürger schaue, ob ich mich in der Stadt für andere engagieren kann. Gelingt mir das, ohne Eigennutz daraus zu ziehen, dann bin ich ein wertvoller Bürger.

Foto Bndnis fr Augsburg

Nennen Sie uns doch bitte ein Beispiel für bürgerschaftlich orientierte Projekte hier beim „Bündnis für Augsburg".

Lehrl: Mir als Gesamtkoordinatorin der Mehrgenerationentreffpunkte fallen da natürlich als erstes unsere Mehrgenerationentreffs ein. Das sind offene Begegnungsorte für Menschen aller Altersstufen, die Raum für gemeinsame Aktivitäten schaffen und die Möglichkeit bieten miteinander zu reden, zu spielen, zu lernen oder sich gegenseitig zu helfen. Im Einzelnen kann das dann ganz unterschiedliche konkrete Formen annehmen, angefangen beispielsweise bei Angeboten zur Erwachsenenbildung, Kinderbetreuung oder einem Ferienprogramm für Schüler.

Swoboda: Ihrer Projektstruktur nach sind unsere Mehrgenerationentreffpunkte, die übrigens in das „Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aufgenommen wurden, einmalig in Deutschland. Andere Städte haben nämlich häufig nur ein Mehrgenerationenhaus und das war es dann. In Augsburg ist es genau anders herum: Wir haben kein zentrales Mehrgenerationenhaus, sondern es existieren in den verschiedenen Stadtteilen unterschiedliche Mehrgenerationentreffs. Insgesamt sind es zwölf an der Zahl. Dadurch können wir sozialraumorientiert arbeiten und unser Angebot innerhalb der Mehrgenerationentreffs an die Bevölkerungs- und Altersstruktur der jeweiligen Stadtteile anpassen.

Wonneberg: So erklärt es sich, dass in Vierteln mit überwiegend älterer Bevölkerung Handy- oder PC-Kurse angeboten werden, während in anderen Gebieten ein höherer Bedarf an Mittagstischen oder Spielenachmittagen besteht. Wieder anderswo gibt es einen Hip-Hop-Kurs oder Poesiebrunch etc. Unser Angebot insgesamt ist genauso vielfältig, wie die Leute, die an seiner Gestaltung mitwirken, denn das Kursprogramm in allen Mehrgenerationentreffpunkten wird vorrangig von ehrenamtlich engagierten Helfern getragen.

Swoboda: Daher sind wir stets bemüht, möglichst viele Ehrenamtliche für unsere Angebote zu gewinnen. Momentan haben wir beim Bündnis ca. 759 Ehrenamtliche, die sich wiederum auf 30 verschiedene Projekte verteilen. Natürlich hoffen wir da immer auf einen Multiplikatoreffekt, das heißt, dass die Ehrenamtlichen den Spaß an ihrer Arbeit weiter tragen und so wieder neue Ehrenamtliche dazukommen. Denn eine Institution wie das „Bündnis für Augsburg" lebt von Leuten, die Engagement klasse finden und eigene Gedanken und Ideen entwickeln, wie das Angebot gemeinsam weiterentwickelt und ausgebaut werden kann.

Was verstehen Sie unter Erwachsenenbildung?

Wonnenberg: Ich persönlich verstehe darunter nicht nur eine berufliche Weiterbildung, sondern zähle auch die Dinge dazu, die einen Menschen individuell interessieren und ihn auf den unterschiedlichsten Gebieten im Leben weiterbringen können.

Lehrl: Wir beim „Bündnis für Augsburg" sehen uns zwar nicht nur genuin für Erwachsenenbildung zuständig, sondern wollen alle Altersstufen mit unserem Angebot ansprechen, aber ich stimme Frau Wonnenberg in ihrer Einschätzung zu. Erwachsenenbildung trägt dazu bei, dass der im Leben einmal erreichte Erwachsenenstatus nicht zu einer Art Stillstand verkommt, sondern ermöglicht auch nach der Schul- und Ausbildungszeit eine kontinuierliche Ausdehnung des eigenen Horizonts. So dass sich auch Erwachsene immer wieder verschiedenen Dingen annähern können, die sie vorher noch nicht kannten. Außerdem stellt Erwachsenenbildung die Chance zur Beteiligung in den unterschiedlichsten Gesellschaftsfeldern bereit.

Welche Voraussetzungen braucht Erwachsenenbildung Ihrer Meinung nach?

Wonnenberg: Erwachsenenbildung braucht natürlich Infrastruktur, das heißt Räume, Gelder und Zuschüsse. Nur so kann sie ihr Angebot an alle Bürger und Bürgerinnen richten.

Lehrl: Mit Blick auf unsere Mehrgenerationentreffpunkten kann ich sagen, dass es außerdem das Engagement von Leuten braucht, die sich gerne ehrenamtlich einbringen und andere an ihrem persönlichen Wissens- und Erfahrungsschatz teilhaben lassen wollen. So kommen dann etwa Fotoworkshops oder Ernährungsberatungskurse zustande. Man könnte also sagen, dass bei uns im „Bündnis für Augsburg" Erwachsenenbildung, wie auch sonst alle anderen Arten von Bildung, durch die Bürger selbst stattfindet.

Swoboda: Sie sehen schon, die akademische Definition von Erwachsenenbildung, die ja überall nachzulesen ist, interessiert in der Praxis relativ wenig. Erwachsenenbildung ist vor allem eine sehr wichtige politische Aufgabe, in der es darum geht, dass der Staat seinen Bürgern die Möglichkeit gibt, sich weiter zu bilden. Das umfasst nicht nur infrastrukturelle Einzelheiten wie Geld, Räume oder fachlich ausgebildetes Personal, sondern schließt auch die Aufgabe mit ein, überhaupt Interesse bei den Menschen zu wecken und sie zur Teilnahme an einer ganzen Bandbreite von Bildungsangeboten zu motivieren.Aber diese Angebote müssen da sein und sie müssen sowohl wissenschaftlich wie theoretisch fundiert, als auch praktisch umsetzbar sein. Ein Anbieter wären da natürlich die Volkshochschulen, aber auch die Kirchen verfolgen nach wie vor ehrgeizige Ziele in der Bildungsvermittlung. Je nach Bildungsträger gilt es jedoch unterschiedliche Bildungsdefinitionen zu unterscheiden. Für mich bedeutet Bildung beispielsweise jeden Tag etwas dazu zu lernen. Ich bin jetzt zwar schon in einem gewissen reifen Alter, aber ich bemühe mich tatsächlich persönlich darum, dass ich jeden Tag noch etwas Neues lerne, was mir hier beim Bündnis sozusagen nebenher passiert.

Was hält in Ihren Augen eine Gesellschaft zusammen und was treibt sie auseinander?

Lehrl: Soziale Verantwortung, die rein normativ in jedem Menschen angelegt sein sollte, hält meiner Meinung nach eine Gesellschaft zusammen. Und über soziale Verantwortung drückt sich dann bürgerliches Engagement aus: Im Empfinden, dass es wichtig ist, etwas für ein Leben im Miteinander zu tun. Das schafft Zusammenhalt und ermöglicht Teilhabe, die beim Bündnis wie oben geschildert, ganz stark durch ehrenamtliches Engagement getragen wird.

Swoboda: Da stimme ich zu, soziale Verantwortung hält zusammen und stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Auseinander treiben dagegen Gefühle wie Eifersucht und Neid, die eine gegenseitige Vernetzung zwischen Menschen, aber auch zwischen verschiedenen Projekten, untergraben. Um das Auseinandertreiben zu stoppen, sind die Steuerungsgruppe des Bündnisses und andere Institutionen da.Auch rein (partei-)politische Interessen spalten die Gesellschaft. Und als krönenden Höhepunkt wird Gesellschaft auseinandergetrieben, wenn rassistische Aspekte in irgendeiner Form hinzukommen, die sich bis zur regelrechten Feindschaft ganzer Vereine untereinander hin entwickeln können. Das ist brisant und kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt ernsthaft gefährden.

Was ist Ihr Bild von einem idealen Bürger?

Lehrl: Es gibt in meinen Augen keine Definition des idealen Bürgers, denn jeder Mensch muss selbst entscheiden, ob er sich einbringen will bzw. kann oder auch nicht. Es gibt beispielsweise Bürger, die sich nicht groß in Projekten engagieren, aber trotzdem einmal die Woche für die Nachbarin, die nicht mehr gehen kann, Lebensmittel einkaufen. Diese Taten bekommt zwar niemand sonst mit, doch sie sind schön und schon einmal ein guter Anfang. Auch sie verdienen Anerkennung. Generell trennen wir beim „Bündnis für Augsburg" in unserem Arbeitsalltag in den Projekten nicht zwischen „Aktiven" und „Besuchern", denn aus einem Besucher kann schließlich jederzeit ein Ehrenamtlicher werden.

Swoboda: Ich möchte den „idealen Bürger" ebenfalls nicht definieren. Den gab es schließlich schon während der Französischen Revolution oder im Dritten Reich. Aber das waren politisch definierte Bürger. Wir beim Bündnis definieren, wie es die Frau Lehrl eben schön gesagt hat, dagegen überhaupt nicht, sondern nehmen jeden auf, der sich gerne engagieren möchte.

Wo sehen Sie die aktuellen Probleme und Herausforderungen der Erwachsenenbildung?

Wonnenberg: Zunächst einmal ist die Geldknappheit in den für Erwachsenenbildung zuständigen Institutionen ein großes Problem. Die größte Herausforderung sehe ich jedoch darin, trotz der sich verstärkenden Zeitknappheit im Alltag, mit dem Angebot zu den Leuten durchzudringen.

Lehrl: Aufgrund der Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt ist es leider nicht mehr so einfach nach Feierabend noch ein Angebot der Erwachsenenbildung zu besuchen. Viele Leute sind zu müde oder finden keine Kraft mehr dafür. Daher müssen in meinen Augen die Arbeitgeber für die Vorteile von Erwachsenenbildung sensibilisiert werden. Denn es ist auch für die Firmen ein Gewinn, wenn sich ihre Mitarbeiter weiterbilden – egal um welche Art von Bildung es sich handelt. Die Mitarbeiter kommen dann mit größerer innerer Zufriedenheit zur Arbeit und können weiteres Wissen in den Arbeitsalltag miteinbringen.

Welche Konsequenzen könnte es für eine Gesellschaft haben, wenn es keine Erwachsenenbildung (mehr) gibt?

Swoboda: Das Resultat wäre schlicht und ergreifend eine riesige Gleichgültigkeit. Ein Beispiel hilft hier vielleicht zur Verdeutlichung: In vielen Entwicklungsländern gibt es keine Erwachsenenbildung. Das hat zur Konsequenz, dass die Familien, die aus Entwicklungsländern nach Deutschland immigrieren, sich hier auf einem bildungsfernen Stand wieder finden. Häufig sind sie nicht in der Lage, die fehlende Bildung irgendwie nachzuholen. Das kann zur Gleichgültigkeit führen, was um die Familien herum passiert.

Lehrl: Was den Erwachsenen an Wissen fehlt, können sie logischerweise nicht an ihre Kinder weitergeben. Somit mangelt es der nächsten Generation auch wieder an etwas – wie in einer Art Teufelskreis. Und zwar rede ich hier nicht nur von Bildung generell, sondern auch von innerer Zufriedenheit, die sich daraus speist sich einbringen oder persönlich weiterentwickeln zu können. Genau daran arbeiten wir beim „Bündnis für Augsburg" mit unseren Projekten wie den Mehrgenerationentreffpunkten.

Wir bedanken uns für Ihre Zeit und das Gespräch!

Wer mehr über das Bündnis für Augsburg und seine zahlreichen Projekte wissen will oder sich sogar selber dort engagieren möchte, findet hier weitere Informationen.

Die Fragen stellten Denise Heinrich und Kristina Greißl.

Gelesen 1661 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 30 Juli 2014 16:54
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