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Prof. Dr. Werner J. Patzelt
ist Gründungsprofessor des Dresdner Instituts für Politikwissenschaft und hat
den Lehrstuhl für Politische Systeme und Systemvergleich seit 1991 inne.
Schwerpunkte seiner Lehr- und Forschungstätigkeit sind unter anderem die
vergleichende Analyse politischer Systeme, die Parlamentarismusforschung,
politische Kommunikation, die vergleichende historische Analyse politischer
Institutionen sowie evolutionstheoretische Modelle in der Politikwissenschaft.
Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Patzelt,
Im Jahr 2001 erschien in der ZEIT ein von Ihnen
geschriebener Artikel – Verdrossen sind die Ahnungslosen? Darin vertreten Sie
die These, dass die Unwissenheit über politische Vorgänge in der Regierung der
Bundesrepublik Deutschland zur Ablehnung und Bildung falscher Bewertungen der
Politik führt. Nun hat sich sechs Jahre später in der Einstellung der Deutschen zur Politik wenig verändert. Immer noch
geben 85 Prozent in einer repräsentativen Umfrage des
Meinungsforschungsinstituts EMNID für die ZEIT an, die Bundestagsabgeordneten
würden „Leben, Alltag und Sorgen“ ihrer Wähler „nicht so genau“ oder „gar
nicht“ kennen. Weiter gaben 95 Prozent der Befragten an, sie würden den
Tagesablauf des Bundestagsabgeordneten nicht kennen.
Dieses Ergebnis zeigt
doch, dass sich in der Einstellung der Deutschen zur Politik nichts verändert
hat. Fühlen Sie sich in Ihrer aufgestellten These bestätigt? Warum hat sich
seit sechs Jahren in der politischen Einstellung der Bürger nichts verändert?
Gewiss erkenne
ich in solchen Befunden meine damalige These bestätigt. Es ist auch gar kein
Wunder, dass sich nichts zum Besseren gewendet hat: Weder wurde die schulische
politische Bildung besser noch haben sich die Massenmedien um bessere
politische Breitenbildung bemüht – etwa durch eine Art ‚Sendung mit der Maus‘
für Erwachsene.
Als Gründe für die Politikverdrossenheit nannten Sie
damals unter anderem: den sozialen Rückbau, die Reaktionsträgheit politischer Institutionen, den Negativismus
der Medien und die Individualisierung der Lebensstile. Wie schätzen Sie die
jetzigen Gründe für die Skepsis der Bürger gegenüber der Politik ein?
Es hat sich an
den Gründen für Politikverdrossenheit nichts geändert. Manches hat sich sogar
verschärft: Die Agenda 2010, von vielen Medien eher als intensivierter
Sozialabbau denn als bessernde Reform dargestellt, hat einen Großteil der
Bevölkerung weiter gegen unser System aufgebracht, und die Deutschen haben bei
der letzten Bundestagswahl eine Auflösung unserer Systemblockade ganz gezielt
verhindert, indem sie eine Große Koalition herbeiwählten – deren erzwungene
Kompromisse sie nun erst recht kritisieren. Und Skandalisierbares um Parteien
und Personen herum findet sich ohnehin allezeit.
"Es reicht im Grunde, wenn die Unpolitischen
der politischen Aktivbürgerschaft ihr Tun nicht erschweren"
In der Shell Jugendstudie 2006 werden 28% der
Jugendlichen als „politik-kritisch“ klassifiziert . Diese Gruppe der
Jugendlichen ist der Politik gegenüber distanziert und bezeichnet sich selbst
als „politikverdrossen“.
Treffen die gleichen Gründe für die Politikverdrossenheit wie bei den Erwachsenen auf die heutige
Jugend zu oder spielen in der Jugendphase besondere Aspekte eine Rolle?
Jugendliche sind
oft zu großem Idealismus und Engagement bereit. Doch es hängt ganz von den
Zeitumständen ab, ob und wie sich solche Bereitschaft auch politisch entfaltet.
In der Hochblüte deutscher Politisierung – späte 1960er, frühe 1970er Jahre –
war es einfach schick, sich politisch zu betätigen oder sich wenigstens zu geben.
Diese große Zeitmode ist seit längerem vorbei. Im Grunde ist damit Normalität
eingekehrt: Als Jugendlicher hat man doch meist andere Prioritäten, als sich
politisch zu interessieren und zu beteiligen. Das ist ja auch ganz in Ordnung:
Es reicht, wenn bürgergesellschaftliches Engagement mit der Übernahme beruflicher
und familiärer Verantwortung wächst oder immerhin erwacht. Also sollten wir
Jugendliche nicht anhand von überzogenen Erwartungen beurteilen, dabei schlecht
aussehen lassen und uns anschließend fragen, was ausgerechnet mit den
Jugendlichen falsch wäre; näher läge es doch, unsere eigenen Erwartungen zu
korrigieren!
Weitere 28% der Jugendlichen gehören zur
„politisch-desinteressierten" Gruppe. Sie schreiben sich selbst geringe
politische Kompetenzen zu, lehnen allerdings Demokratie allgemein nicht ab. Bei
dieser Gruppe der Jugendlichen treten verstärkt Effekte des Bildungsniveaus
hervor. Was kann die politische Bildung an dieser Stelle tun?
Politische
Bildung kann – und soll – vorhandenes politisches Interesse fördern, sie soll
ein Gefühl dafür stiften, dass politische Beteiligung das spätere
Erwachsenenleben sehr bereichern könnte sowie sich für einen tüchtigen Menschen
auch gehört; und im Übrigen soll sie jenen Jugendlichen kein schlechtes
Gewissen einreden, für die Politik hier und jetzt eben noch kein Thema ist.
Demokratie ist schließlich eine Staatsform, die zur politischen Beteiligung nur
einlädt, zu ihr aber nicht zwingt. Es reicht im Grunde, wenn die Unpolitischen
der politischen Aktivbürgerschaft ihr Tun nicht erschweren oder gar vermiesen.
Junge Menschen vertrauen den etablierten
Institutionen der Politik wenig, so zeigen die Ergebnisse aus dem Jugendsurvey und
der Shell-Studie. Wie können junge Bürger wieder Vertrauen und Verständnis in die
politische Institutionen gewinnen? Welche Aufgaben muss in diesem Bereich
politische Bildung übernehmen?
Um genau zu
sein: Die Deutschen – und nicht nur sie – vertrauen jenen Institutionen
vergleichsweise stark, mit denen man auch einen wohlmeinenden Obrigkeitsstaat
betreiben könnte (nämlich: Gerichte, Verwaltung, Polizei), und jenen
Institutionen besonders wenig, die mit der konkreten, demokratischen
politischen Auseinandersetzung zu tun haben, nämlich den Parteien sowie den von Parteien
getragenen Parlamenten und Regierungen. Dieses Problem, dass Streit und
Kompromissbildung den meisten Deutschen unangenehm sind, kann man nun aber
nicht stellvertretend an den Jugendlichen lösen. Allein Folgendes kann man mit
Hoffnung auf Besserung unternehmen: Jahrzehntelang muss man im Schulunterricht
vermitteln, dass Streitigkeiten zur Freiheit, Kompromisse zur
Handlungsfähigkeit und Parteien zur Demokratie gehören – und dass alles das
nicht etwa schlecht, sondern ganz im Gegenteil gut ist. Und obendrein sollte
man junge Leute dazu anhalten, sich nicht selbstgerecht gegen die
Erwachsenenwelt der Politik aufzuspielen und immer gleich mit herablassenden
Bemerkungen über ‚die Politiker‘ bei der Hand zu sein, sondern erst einmal
respektvoll zu verstehen, was die im politischen Leben üblichen Spielregeln
sind und wie schwer es ist, die komplexen Probleme unserer Gesellschaft und
Wirtschaft im Griff zu behalten.
"Konzentrieren wir uns auf das Werben für unsere guten
Partizipationsangebote"
Häufig wird im Zusammenhang mit der Aktivierung der
Jugendlichen im politischen Bereich für mehr Partizipationsmöglichkeiten
plädiert. Wie lässt sich diese Forderung realisieren? Gibt es schon neue
Entwicklungen in diesem Bereich?
Das Problem sind
doch nicht fehlende Partizipationsmöglichkeiten für junge Leute, sondern dass
die jungen Leute die ihnen angebotenen Möglichkeiten nicht nutzen! Niemand von
den Heranwachsenden wird schließlich daran gehindert, sich in
zivilgesellschaftlichen Vereinigungen oder in Parteien zu engagieren. Und wenn
viele junge Leute ab 18 sich nachgerade damit brüsten, gewiss nicht zur Wahl gehen
zu wollen, obwohl sie das doch dürften und sollten: Wie viel Nutzen hätte es
dann wohl, dieses auftrumpfende Protestgehabe schon 16jährigen anzubieten?
Gibt es in anderen europäischen Ländern andere Trends
oder Strategien der Beteiligungsförderung?
Im
internationalen Vergleich stehen wir in Sachen politische Bildung und Kultur
meist recht gut da. Es ist eher so, dass andere von uns zu lernen versuchen.
Und die großen Trends sind überall die gleichen: Angebote schaffen und attraktiv
machen – und darüber jammern, dass Politik normalerweise eben nur für eine
Minderheit etwas wirklich Interessantes ist. Ich empfehle: Lassen wir das
Jammern, konzentrieren wir uns auf das Werben für unsere guten
Partizipationsangebote – und suchen wir die Ursachen für Defizite nicht immer
nur beim 'System', sondern öfter auch einmal beim Bürger!
"Es ist doch ganz
wunderbar, wenn sich Jugendliche einfach so im sozialen Bereich, in Vereinen und
Verbänden engagieren!"
Angesichts dieser distanzierten Haltung Jugendlicher
gegenüber politischen Themen stellt sich die Frage, ob die moderne Jugend auf
die Wahlmöglichkeit ab 16 Jahren bei den nächsten Wahlen vorbereitet ist?
Anders herum
wird ein Schuh daraus: Welchen Vorteil brächte es eigentlich für wen, das
Wahlalter auf 16 Jahre zu senken? Was ist in jenen Bundesländern wirklich
besser, wo es kommunales Wahlrecht ab 16 gibt? Und warum sollte man das
Wahlrecht nicht gleich auf 14, 12 oder 10 Jahre senken, um Heranwachsende
möglichst frühzeitig ‚für die Politik zu interessieren‘? Im Ernst: Die Senkung
des Wahlrechts ist etwas vom Unwichtigsten, das sich im Dienst der Verbesserung
unserer Demokratie unternehmen lässt!
Obwohl Jugendliche in den formalen politischen
Institutionen weniger engagiert sind, so sind sie es doch in großem Ausmaß im
sozialen Bereich, in Vereinen und Verbänden. Sollte die Politik vielleicht an
dieser Gegebenheit anknüpfen um neue Strategien der Integration Jugendlicher in
den Politikprozess zu erarbeiten? In welchen Bereichen zeigt sich Politik
„jugendverdrossen“ und welche Schritte müssen gegen diesen Trend unternommen
werden?
Wenn Jugendliche
von ‚der Politik‘ nichts hören wollen, dann muss man sie doch auch nicht mit
der Anmutung nerven, trotzdem ‚politisch sein’ zu sollen! Es ist doch ganz
wunderbar, wenn sich Jugendliche einfach so im sozialen Bereich, in Vereinen und
Verbänden engagieren! Das gibt ihnen etwas und ist wichtig – und zwar auch für
das gesellschaftliche Fundament unserer Demokratie.
Falls Jugendliche alsbald
bemerken, dass sie gerade auf diese Weise sich eben doch politisch wirksam
betätigen: Gut so! Wenn sie von solcher Einsicht getragen dann den Weg zu den
Parteien finden: Sehr gut! Doch welchen Vorteil sollte wer davon haben, wenn
‚die Politik‘ Jugendlichen solches Engagement dadurch schon im Ansatz
vergällte, dass sie auch dort überall das Etikett ‚Vorsicht: politisch!‘
anbrächte, wo man sich ‚einfach so‘ beteiligen will – und gerade nicht
‚politisch‘?
In der aktuellen Diskussion wird poltische Bildung oft
unterteilt in die Beschäftigung mit Politik als Herrschaftsform, Gesellschaftsform
und Lebensform. Wie beurteilen sie diesen Diskurs und was würden Sie sich für
die Zukunft im Bezug auf die politische Bildung wünschen?
Politik als
menschliches Handeln, das auf die Herstellung und Durchsetzung allgemein
verbindlicher Regelungen bzw. Entscheidungen in und zwischen Gruppen von
Menschen ausgeht, durchzieht die gesamte Gesellschaft. Das macht Politik aber
noch lange nicht zu einer ‚Gesellschaftsform‘. Politik wiederum eine
‚Herrschaftsform‘ zu nennen, ist ebenso sinnvoll wie Geldverdienen als eine
‚Wirtschaftsform‘ zu bezeichnen: Es ist doch ganz selbstverständlich, dass
Politik auf Herrschaft hinausläuft und Herrschaft auf Politik beruht! Halbwegs
sinnvoll ist allein die Rede von Politik als einer Lebensform: Das Leben des
einen prägt aktives Politikmachen sehr wohl – das Leben des anderen eben nicht,
und zwar ohne dass dieser andere deshalb ein schlechterer Mensch wäre.
Herr Prof. Dr. Patzelt, vielen Dank,
dass Sie sich Zeit für diese Fragen genommen haben.
Das Gespräch führte Irina Schumacher.
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