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Partizipation aller
Bevölkerungsgruppen an politischen Themen ist der Leitgedanke der Demokratie.
Ein großer Teil der in Deutschland lebenden Bevölkerung weist einen
Migrationshintergrund auf. Welche Themen und Maßnahmen der politischen Bildung
gelten für diese Zielgruppe? Unter welchen Voraussetzungen muss die politische
Bildung diese Personengruppe ansprechen und wie sieht der aktuelle Stand der
politischen Bildung für Migranten aus? Mit diesem Thema und darüber hinaus mit
dem Zuwanderungsgesetz, Bildung und Integration von Migrantinnen und Migranten
und aktuellen politischen Maßnahmen dazu befasst sich dieser Beitrag.
Voraussetzungen und aktueller Stand der politischen Bildung für
Migrantinnen und Migranten
Die Beteiligung einer möglichst
breiten Bevölkerungsschicht an den Themen der Politik ist das Ziel der
politischen Bildung und der Leitgedanke einer Demokratie. Die Beteiligung und
das Interesse an der Politik sind aber eng verknüpft mit dem Wissen und
Verstehen der politischen Grundvorgänge und des politischen Systems. Diesen
Wissensschatz muss man erst erwerben, um den nächsten Schritt der Partizipation
und aktiven Verteidigung eigener Ziele innerhalb der Interessensgruppe gehen zu
können. Einen solchen Wissensvorsprung besitzen nicht alle
Bevölkerungsschichten unserer Gesellschaft.
Mit dem Fokus auf die Menschen unseres
Landes, die aus anderen Ländern in und außerhalb von Europa kommen, stellt sich
die Frage nach den vorhandenen Wissensstrukturen und
Partizipationsmöglichkeiten für diese wichtige Bevölkerungsgruppe.
Nach dem
Mikrozensus 2005 haben 15,3 Millionen von den 82,4 Millionen in Deutschland lebenden
Menschen einen sogenannten Migrationshintergrund. Davon besitzen rund acht
Millionen Personen die deutsche Staatsangehörigkeit (Mikrozensus 2005 ).
Angesichts dieser Zahlen erscheint die Bedeutung der politischen Bildung für
Migrantinnen und Migranten besonders brisant: Fast ein Fünftel der Bevölkerung hat
einen Migrationshintergrund. Damit gewinnt die Integration als ein Teil der
gesellschaftlichen Aufgabe eine zunehmende Bedeutung.
Innerhalb dieses
Aufgabenbereichs gliedert sich auch die poltische Bildung unter, die zum
stärkeren Verständnis der Politik und der Regierung innerhalb dieser Zielgruppe
beitragen sollte. Allerdings bleibt gerade diese Bevölkerungsgruppe häufig dem
politischen Diskurs fern, sei es aus formalen Gründen, wie z.B. fehlende
Staatsangehörigkeit, oder aus mangelndem Wissen über das politische System in
Deutschland. Ein großer Teil dieser Personengruppe beteiligt sich nicht an
politischen Themen, vertritt nicht ihre Interessen und äußert nicht die
Brennpunkte ihrer Interessen aus mangelnden Kenntnissen oder aus negativen
Erfahrungen und Frustrationen mit diesem Sachverhalt.
Richard Wolf und Stefanie
Reiter (Vgl. Wolf/Reiter
2007) fassten die aktuellen Ergebnisse verschiedener Studien zum Thema
politische Bildung für Migrantinnen und Migranten mit den folgenden Ergebnissen
zusammen. Die Zielgruppe der „Migranten“ gibt es als eine allgemeine
Gruppenbeschreibung nicht, weil diese Bevölkerungsgruppe viel zu heterogen ist.
An diesem Punkt scheitern auch die Maßnahmen der politischen Bildung, weil sie
nicht an den Spezifika der Gruppen ansetzen und die Konzepte viel zu allgemein
ausgelegt sind. Aus diesem Grund sprechen diese Maßnahmen die ohnehin
interessierten und politisch engagierten Personen an.
Die bildungsfernen
Bevölkerungsschichten werden mit diesen unspezifischen Konzepten nicht
erreicht. Zusätzlich kommt der Aspekt der sprachlichen Barrieren zutragen. Weil
die Angebote in deutscher Sprache stattfinden, erreichen sie auch nur die
Teilnehmer, welche über sprachliche Kenntnisse verfügen. Außerdem beklagt ein
Großteil der Migranten mangelnde Transparenz
und hohe Kosten der Weiterbildungsangebote, die sie daran hindern an
solchen Kursen teilzunehmen. Diese zwei Aspekte müssen bei der Konzipierung
politischer Weiterbildungsmaßnahmen beachtet und angemessene Alternativen dazu
entwickelt werden. Das können zum einen eine verbesserte Beratung dieser
Bevölkerungsschicht über die Weiterbildungsangebote sein und zum anderen die
Kostenübernahme oder finanzielle Förderung der speziellen Maßnahmen.
Darüberhinaus bedarf es einer Bedarfsanalyse, die spezielle Interessen erfasst
und Daten zu politischen Weiterbildungsangeboten evaluiert.
Momentan gibt es
nur wenig aussagekräftiges Datenmaterial zum Bildungsangebot, Art der Maßnahmen
und den Teilnehmern, an der Stelle insbesondere ihre Bedürfnisse, Anliegen,
usw.
Ausschließlich soziodemographische Daten sind für die Bedarfsanalyse nicht
ausreichend. Aus den gewonnen Daten können zielgruppenadäquate
Weiterbildungsmaßnahmen entwickelt werden, die über Ansprechpartner dieser
Zielgruppe weiter kommuniziert und bekannt gemacht werden. Die spezielle
Problematik besteht nämlich nicht nur in der Schaffung geeigneter Angebote,
sondern in der mangelnden Kommunikationsstruktur und Bekanntmachung
entsprechender Maßnahmen innerhalb dieser Zielgruppe.
Wichtige Ansprechpartner
in dieser Kommunikations- und Netzstruktur könnten Menschen sein, die über
persönliche Ansprache von geeigneten Kandidaten die Angebote bekannt machen
oder auch geschulte Berater in den Anlaufstellen für Migranten, die solche
Angebote weiterempfehlen. So könnte die bemängelte Transparenz von
Weiterbildungsangeboten verbessert werden. Darüber hinaus wird die Transparenz
durch das heterogene Feld der Träger und Angebote politischer Bildungsmaßnahmen
erschwert.
An dieser Stelle wäre eine Kontinuität von Trägern und Angeboten
wünschenswert, die durch die Schaffung von Netzwerken und Zusammenarbeit mit
Migrantenselbstorganisationen erfolgen könnte. Das kärgliche Datenmaterial über
das Angebot der politischen Weiterbildungsmaßnahmen und deren Teilnehmer mit
Migrationshintergrund machen bereits deutlich, dass dieser Zielgruppe in diesem
Themenbereich bisher keine große Aufmerksamkeit zuteil wurde und an dieser
Stelle ein erheblicher Handlungsbedarf entstanden ist.
Zuwanderungspolitik und Integration
Die Zuwanderungspolitik der
Bundesregierung konzentriert sich auf zwei wichtige Aspekte, dem Aspekt der
Integration und dem der Steuerung der Zuwanderung. Mit der Reform des Zuwanderungsgesetzes,
das am 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist, wurden richtungsweisende Schritte
für die Regelung und Steuerung der Zuwanderung getan. Gleichzeitig konnten die
Integrationsmaßnahmen für die hier lebenden Migranten gesetzlich verankert werden
und legen damit einen Maßstab für ein Grundangebot für die hier dauerhaft
lebenden Ausländer und Spätaussiedler fest.
Auch in der Debatte im Deutschen
Bundestag am 08.
November 2007 zum Nationalen Integrationsplan
betont Maria Böhmer, die Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und
Integration, erneut in Ihrer Rede die herausragende Bedeutung der Sprache und
die Akzeptanz des Grundgesetzes bzw. der deutschen Rechtsordnung für die
Integration der ausländischen Bürger in Deutschland.
Dass in Deutschland die
Integrationspolitik ernst genommen wird, wurde an der breiten Beteiligung von
Migranten am zweiten Integrationsgipfel
im Juli dieses Jahres ganz deutlich. Die Teilnehmer des Gipfels waren
hochrangige Politiker und Teilnehmer aus verschiedenen gesellschaftlichen
Bereichen, darunter ein Drittel Migranten, die sich in einem konstruktiven
Diskurs über die Themen der Integration in Form der Eingliederung auf dem
Arbeitsmarkt und verstärkter Sprachförderung ausgetauscht haben.
Der
Beteiligung der Migranten am Integrationsdiskurs und der Entwicklung neuer
Lösungen ist der richtige Weg in einer gemeinsamen Sache. In der Umsetzung des
Integrationsplans ist die stärkere Beteiligung der Länder und Umsetzung von
Integrationskonzepten in Städten geplant.
Darüber hinaus beeindruckt der
Integrationsplan mit 400 Selbstbeteiligungen, darunter 150 aus der Regierung, die
eine hohes Verantwortungsbewusstsein und aktive Beteiligung am
Integrationskonzept aufweisen.
Für die Realisierung von geplanten Projekte und
Maßnahmen wurden 750 Millionen Euro kalkuliert.
Bildung und Integration
Einer der bedeutendsten Punkte im
Integrationsplan stellt der Aspekt der Bildung dar. Bildung und Integration
hängen offensichtlich zusammen und stellen eine Herausforderung bei der
Erfüllung der Integrationsaufgabe dar. Gerade die Erkenntnisse der PISA-Studie
und des OECD-Berichts bestätigen die Ergebnisse, welche ganz deutlich die
ausländischen Schüler bezüglich der schulischen Leistungen im unteren Feld einordnen.
Aufgrund dieser Ergebnisse liegen im Zentrum des Integrationsplans Aspekte
der Bildung, weil diese Ressource für den wirtschaftlichen Erfolg und die Qualifikation
der zukünftigen Arbeitnehmer steht. Aus dem Nationalen
Bildungsbericht geht hervor, dass 27,2 Prozent der Jugendlichen unter 25
Jahren über einen Migrationshintergrund verfügen und demnach einer speziellen
Förderung bedürfen. Besonders die Gruppe der Kinder mit Migrationshintergrund
scheint in unserem Bildungssystem benachteiligt zu sein, das bestätigen die
Ergebnisse aller Studien.
An dieser Problematik knüpfen die geplanten
Bildungsmaßnahmen an, die vor allem die Förderung sprachlicher Kompetenzen ins
Auge fassen. Die Beherrschung der deutschen Sprache ist eine der
Schlüsselkompetenzen für die erfolgreiche Integration und den schulischen
Erfolg. Im Bezug auf die Maßnahmen der politischen Bildung spielen die
sprachlichen Kompetenzen ebenfalls eine dominante Rolle, die für den Besuch
oder das Fernbleiben von Veranstaltungen verantwortlich ist.
Um die
Partizipation und Selbstverantwortung der Migranten zu erhöhen, soll die
Kooperation mit Migrationsorganisationen verstärkt werden. In diesem
Zusammenhang wird den Brückenbauern und Bildungspaten eine wichtige Rolle zugeschrieben,
die ,um Bildungsbarrieren zu überwinden, einen persönlichen Bezug und einen Dialog
herstellen sollen. Übertragen und ausgeweitet auf die politische Bildung würde
es bedeuten, diese Maßnahmen speziell auf die Vermittlung der politischen
Inhalte zu konzipieren und zielgruppenadäquat aufzubereiten.
Maßnahmen der politischen Bildung
Kennzeichnend für die aktuellen
Maßnahmen der politischen Bildung ist die große Vielfalt an Trägern und
Angeboten, die allerdings keine Kontinuität aufweisen. Lückenhaft erweisen sich
die Beratung und die Transparenz der bildungspolitischen Maßnahmen, die bei
unerfahrenen und wenig interessierten Gruppen auf Ablehnung und Frustration
stoßen. Insgesamt lassen sich laut Reiner Wolf und Stefanie Reiter
(2007) zwei Typen von organisierten Angeboten festhalten, wobei der erste
Typ den inhaltlichen Schwerpunkt der Angebote auf die Wissensvermittlung legt
und der zweite Typ der Maßnahmen die Stärkung der Migrantenselbstorganisation
fokussiert.
Die Kursangebote, die auf die Wissensvermittlung abzielen sind
häufig Orientierungskurse, die sehr heterogen organisiert sind und in den
Gruppen Teilnehmer mit unterschiedlichem Sprachniveau oder Aufenthaltsdauer
vereinen. Sie zielen allgemein auf alle interessierten Personen mit
Migrationshintergrund ab und haben das Problem, auf eine sehr heterogene
Bedürfnislage der Teilnehmer eingehen zu müssen. Diese Kurse werden häufig
strategisch von Personen besucht, die versuchen, ihre eigenen sprachlichen
Fertigkeiten zu erweitern oder zu verbessern. Die Kombination von Sprachvermittlung
und den Elementen der politischen Bildung eröffnet Chancen, bildungsferne
Zielgruppen zu erreichen und an die politischen Themenaspekte heranzuführen.
Die zweite Gruppe von Angeboten
setzt am Selbsthilfepotenzial von Migrantengruppen an und versucht diese durch
den Einbezug in die politischen Weiterbildungsmaßnahmen zu stärken. Die
Teilnehmer dieser Veranstaltungen sind Personen, die bereits politisch
interessiert sind und sich zum Teil aktiv an der Politik beteiligen. Diese
Personengruppe eignet sich sehr gut dazu, weitere Teilnehmer zu werben und an
politische Themen heranzuführen bzw. auf geeignete Angebote aufmerksam zu
machen. Insgesamt gibt es gerade auf kommunaler Ebene eine Vielzahl von
Angeboten der politischen Weiterbildung für Migranten, die allerdings häufig zu
kurz greifen und kaum Vernetzungsstrukturen untereinander aufweisen.
Darüber hinaus werden von den
Volkshochschulen Integrations- oder Orientierungskurse angeboten. Ein wichtiger
Beitrag für die Erfassung der bildungspolitischen Maßnahmen wäre eine
Evaluation zu Kursteilnehmern und dem Erfolg der durchgeführten Maßnahmen. Der
Ausbau von politischen Weiterbildungsangeboten wäre dann ein wichtiger Baustein
in der Integrationspolitik und würde die von Maria Böhmer, der Beauftragten für
Migration, Flüchtlinge und Integration, geforderte Basis gemeinsamer Werte
darstellen.
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