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Interview mit Barbara Tham von der Forschungsgruppe „Jugend und Europa“ am CAP Drucken E-Mail
Geschrieben von Erika Rempel   
Montag, 4. Februar 2008

2008_tham_150.jpg Frau Dr. Barbara Tham ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Jugend und Europa am Centrum für angewandte Politikforschung in München, welche durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird.
Sie ist verantwortlich für das Referat Europäische Jugend- und Bildungspolitik und untersucht politische Entwicklungen in Europa und deren Auswirkungen auf die Jugend- und Bildungsarbeit in Deutschland, sowie die Einstellungen junger Menschen zu Europa.
Der praktische Teil ihrer Arbeit besteht in der Erarbeitung neuer Bildungsansätze, mit denen Jugendlichen das Thema Europa zugänglich gemacht werden kann. Für dieses Engagement wurde ihr die Europa-Medaille des Freistaats Bayern verliehen.

Frau Tham, aus welcher Intention heraus ist die Forschungsgruppe Jugend und Europa entstanden?
Bereits Ende der 80er Jahre wurden neue Ergebnisse zu den Einstellungen Jugendlicher zu Europa erzielt und es wurde auf das hohe Informationsdefizit beim Thema Europa und auf bestehende fremdenfeindliche Einstellungen hingewiesen, welche dem europäischen Einigungsgedanken im Wege standen. Aus diesen Erkenntnissen heraus, wollte man gerade im Bereich der politischen Bildung diese Defizite mit jugendgemäßen Methoden verringern und junge Menschen näher an Europa heranführen.

Wie gelingt es, bei jungen Menschen Identifikation mit dem doch sehr abstrakten und umfassenden Thema Europa herzustellen?

Besonders wichtig ist es, einen Bezug zum Alltag der Jugendlichen herzustellen, also da anzuknüpfen, wo der einzelne tatsächlich vom Thema Europa betroffen ist und wo eventuell schon Interessen bestehen. Außerdem müssen die jungen Leute bei der Erarbeitung des Themas selbst aktiv werden. Daher beginnen wir in unserer Arbeit immer mit einer Interessensklärung, um herauszufinden, welches Wissen und welche Vorstellungen bereits bestehen, um dann an diese anknüpfen zu können.Unsere Methoden sind subjektorientiert und aktivierend. Dies gilt besonders für Planspiele, mit denen wir sehr häufig arbeiten. Durch das Annehmen einer Rolle und die selbständige Erarbeitung einer Lösung zu einer europäischen Fragestellung findet eine intensive Auseinandersetzung und Identifikation mit dem Thema statt.

Mit welchen anderen Methoden arbeiten Sie noch?
Wir bieten beispielsweise Workshops an, welche zum Teil nur zwei bis drei Stunden dauern. Aber auch hier wird der Jugendliche selbst aktiv, indem er Collagen gestaltet, Interviews durchführt oder Radiosendungen erarbeitet. Hier kann der/die Einzelne das ganz persönliche Europa-Bild gestalterisch darstellen und in anschließenden Diskussionen kritisch reflektieren.

Wie können Jugendliche ihre Angebote nutzen?
Viele unserer Planspiele und Methoden wurden bereits veröffentlicht und können anhand der Materialien von Interessierten durchgeführt werden. Leider veralten die Planspiele gerade beim Thema Europa sehr schnell und müssen laufend erneuert werden. Da dies nur selten hundertprozentig möglich ist, gibt es beispielsweise ein Juniorteam, welches besonders in der Durchführung von Planspielen geschult ist und immer mit den aktuellsten Materialien arbeitet.
Schulen, Jugendverbände, Jugendgruppen und Bildungshäuser können sich direkt an uns wenden, wenn sie an einer Durchführung interessiert sind und wir vermitteln ihnen dann die Teamer, welche das Planspiel vor Ort durchführen. Zudem führen wir selbst auch größere Veranstaltungsreihen durch, wie beispielsweise für das Europäische Parlament, die Europäische Kommission, das Bundespresseamt oder für die für unterschiedlichen Landeszentralen für politische Bildung. Diese Kooperationspartner ermöglichen die kostengünstige Teilnahme vieler Schulen, Bildungshäuser und Verbände.

EU Simulation in Novi Sad, Sebien 2007

 EU-Simulation in Novi Sad, Serbien, 2007. Quelle: www.cap-akademie.de

Was hat sich in ihrer Arbeit in den letzten Jahren verändert?
Vor allem die Zielgruppe hat sich in der letzten Zeit spezifiziert. In der politischen Bildungsarbeit liegt oft ein großer Schwerpunkt auf der gymnasialen Bildung, auf den Jugendlichen in den Klassen 10 bis 12. Gerade diese Menschen sind gegenüber Themen wie Europa sowieso schon aufgeschlossener und somit leichter anzusprechen. Die Notwendigkeit politische Bildung zu vermitteln ist jedoch in anderen Schichten mit geringerem Bildungsabschluss, oder gar ohne Abschluss viel größer. Für die Arbeit mit Real- und Hauptschulklassen, sowie mit Berufsschulen müssen andere Materialien erstellt werden, welche im Umfang und der Komplexität reduziert werden müssen. Zur Zeit generieren wir gerade für diese Zielgruppe neue Angebote. Außerdem versuchen wir auch Jüngere für das Thema Europa zu begeistern. Mit spielerischen und eher landestypisch angelegten Methoden wollen wir vor allem Schüler der fünften, sechsten und siebten Jahrgangsstufe ansprechen. Inzwischen gibt es auch Überlegungen, Kinder im Vorschul- und Grundschulalter mit Europa und interkultureller Bildung vertraut zu machen. Das ist sicherlich ein Bereich, den wir in der Zukunft erschließen wollen.

Welche anderen Herausforderungen sehen Sie beim Thema Europa zukünftig für die politische Bildung?
Die große Herausforderung wird zukünftig sein, das Lernen über Europa mit interkulturellem Lernen zu verbinden und Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Jugendliche Vielfalt und Einheit nicht als Widerspruch begreifen, sondern als Ergänzungen. Es ist durchaus möglich, eine kommunale Besonderheit zu haben und gleichzeitig mit anderen Nationen und Bevölkerungsschichten gut auszukommen. Jungen Menschen soll beigebracht werden, Vielfalt auszuhalten, unterschiedliche Interessen wahrzunehmen und gleichzeitig auch eigene Interessen vertreten zu können.
Außerdem ist es eine Herausforderung, Angebote für Jugendliche mit ganz unterschiedlichen (Bildungs-)Hintergründen zu unterbreiten, die ihnen helfen, sich in Politik und Gesellschaft selbst zu verorten.

Was motiviert Sie?
Zunächst motiviert mich sicherlich meine Begeisterung für Europa, denn Europa ist meiner Meinung nach die Chance, unsere gemeinsamen Interessen in der Welt zu verfolgen und in der Globalisierung zu bestehen, sowie positive Entwicklungen in der Demokratie und im wirtschaftlichen und sozialen Bereich zu erzielen. Ich finde es wichtig, dass sich das europäische Sozialmodell weiterentwickelt, da ich davon überzeugt bin, dass Politik immer noch am sinnvollsten in Zusammenarbeit und nicht in nationalstaatlichen Einzelgängen gemacht werden kann. Ich möchte, dass das Thema Europa von jungen Menschen verstanden wird und sie sich dann aktiv beteiligen. Allerdings bin ich auch keine Jubel-Europäerin und es geht uns auch nicht darum, Jugendliche von einem bestimmten Europa-Ansatz zu überzeugen. Vielmehr wollen wir sie dazu befähigen, ihren eigenen Stellenwert innerhalb von Europa auszuloten.

Gab es ein besonders schönes Erlebnis in ihrer Arbeit?

Es gibt sogar sehr viele schöne Erlebnisse, ich möchte daher nur exemplarisch vom Jugendparlament im Bayerischen Landtag im Jahr 2007 berichten. Bei dieser Veranstaltung treffen sich circa 100 junge Menschen, um selbst politische Positionen zu entwerfen und miteinander auszuhandeln. Am ersten der drei Tage sind alle noch sehr verunsichert und glauben nicht recht daran, dass politische Probleme in drei Tagen erfolgreich bearbeitet  werden können. Wenn man allerdings am Ende dieser Zeit von den Jugendlichen hört, dass allein der Prozess der intensiven Auseinandersetzung sie schon weitergebracht hat und sich die jungen Menschen gar nicht recht vom Landtag und den anderen Teilnehmenden trennen können, ist das sicherlich ein besonders schöner Moment in meiner Arbeit. Dann weiß ich, dass Jugendliche weder passiv noch politikverdrossen sind, sondern dass sie einfach Angebote benötigen, die es ihnen ermöglichen, sich zu engagieren.

Mit welchen Einrichtungen oder Personen möchten Sie zukünftig (mehr) kooperieren?
Wir arbeiten mit fast allen Akteuren der Jugend- und Bildungsarbeit zusammen. Eine stärkere Kooperation würde ich mir mit Einrichtungen wünschen, welche mit benachteiligten Jugendlichen aus bildungsferneren Schichten zusammenarbeiten, wie beispielsweise Jugendhäuser, Hauptschulen oder beruflich qualifizierende Schulen. Auch die frühkindliche politische Bildung ist ein Feld, das wir gerne mehr in unsere Arbeit integrieren würden.

Welche Defizite sehen Sie in der politischen Bildung?
Es wird zwar viel über Jugendpartizipation gesprochen, doch ich würde mir noch mehr Ernsthaftigkeit der Politik wünschen, da manchmal der Eindruck entsteht, es werden nur Alibiveranstaltungen gemacht und sobald die Medien nicht mehr präsent sind, ist für viele Politiker die Bedeutung von Beteiligung junger Menschen wieder vergessen. Jugendliche müssen von Politikern längerfristig ernst genommen und mehr in ihre Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Auf die Forderungen junger Menschen wird selten konkret eingegangen und ihnen werden kaum Räume des politischen Diskurses zur Verfügung gestellt.
Zudem wird die finanzielle Ausstattung im Jugendbereich schon seit längerer Zeit zurückgefahren und auch im Bildungsbereich mangelt es an Geldern. Es wird kaum noch in langfristige nachhaltige Strukturen investiert und man fördert nur noch kurzzeitige Projekte. Dies ist meiner Meinung nach ein sehr großer Fehler, da Jugendliche Anlaufstellen benötigen, an die sie sich wenden und auf die sie sich verlassen können. Sehr gute einmalige Projekte verpuffen, wenn sich die Jugendlichen im Nachhinein nicht weiter informieren oder engagieren können.

Wie lässt sich politische Bildung am besten vermitteln?

Politische Bildung sollte teilnehmerorientiert sein, also insbesondere die Jugendlichen in den Mittelpunkt stellen. Die Methoden sollten aktivierend sein, so dass die Teilnehmenden selbst etwas gestalten können. Die Maßnahmen sollten ergebnisoffen gestaltet und zudem langfristig angelegt sein. Natürlich sollte politische Bildung zum/r mündigen Bürger/in führen, was nicht nur Informiertheit, sondern vor allem die Fähigkeit meint, selbst aktiv zu werden.

Politische Bildung bedeutet für mich...
...die Ausbildung zum/r mündigen Bürger/in.

Erfolgreiche politische Bildung...

...hat Spaß gemacht.

Die Forschungsgruppe Jugend und Europa ist erfolgreich weil...

..sie immer wieder bereit ist, sich weiterzuentwickeln und neue Strömungen mit aufzunehmen.

Frau Tham, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Erika Rempel

Die Forschungsgruppe Jugend und Europa finden Sie hier im Internet.
 
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