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Den
komplexen wie drängenden Fragen von Integration im Kontext von
Migrationsprozessen stellt sich das
Praxishandbuch „SPRACHE - MACHT - DEMOKRATIE - Politische Bildung in
der Einwanderungsgesellschaft“ in seinen theoretischen Ausführungen und
pädagogisch-didaktischen
Umsetzungen.
Die Aktualität und Brisanz des Themas Integration im
Kontext von Migrationsprozessen und speziell gegenüber Einwanderung in Deutschland
nimmt stetig zu, ebenso wie die Kontroversen bezüglich der gesellschaftlichen
Einstellungen und politischen Interventionen zu diesem Themenkomplex. Seit
Januar 2005 regelt das Zuwanderungsgesetz zwar die formalen Gegebenheiten der
Einwanderung, die gesamtgesellschaftliche Uneinigkeit über die Gestaltung von
„Integration“ wird allerdings nicht beigelegt. In einem Punkt des Diskurses
scheinen sich VertreterInnen aus Politik, Verbänden und dem Bildungsbereich
allerdings einig zu sein: grundlegende Voraussetzung einer gelungenen
Integration von Migranten ist der Erwerb der deutschen Sprache. Zugegeben, eine
funktionierende Kommunikation zwischen Menschen kann zum gegenseitigen
Verständnis beitragen und soziale Spannungen abbauen - schafft der Erwerb der
deutschen Sprache aber auch eine stärkere Identifikationsrate im Bereich der
sozialen Integration und gesellschaftlichen Partizipation? Werden Migrantinnen
und Migranten tatsächlich besser integriert wenn sie Deutsch sprechen? Und was
geschieht mit den identitätsstiftenden Herkunftssprachen der Einwanderer?
Die Publikation widmet sich in einem einführenden
Abschnitt grundsätzlichen Überlegungen der Positionierung im Themenbereich
„Einwanderungsgesellschaft und Integration“. Das Autorenteam definiert einen
dynamischen Integrationsbegriff: Integration sollte als wechselseitiger und
gesamtgesellschaftlicher Prozess gesehen werden, anstatt dies nur der „Gruppe“
der Einwanderer abzuverlangen. Auch die Mitglieder der sogenannten
Aufnahmegesellschaft müssen die Pluralität der deutschen Gesellschaft
anerkennen und zu einem Lern- und Veränderungsprozess bereit sein, um
Integration tatsächlich zu ermöglichen. Hierzu gehört aber auch eine
wertschätzende Anerkennung der Sprachenvielfalt und die reflektierte Einsicht,
wie sehr sich Menschen über ihre eigene (Mutter-) Sprache definieren.
Hauptintention ist keineswegs die faktische Bedeutung von Sprache im
gesellschaftlichen Zusammenleben zu schmälern – ganz im Gegenteil: Sprache ist
nicht nur wichtiges Medium des alltäglichen demokratischen Miteinanders im
Gemeinwesen und in der Politik, sie ist vielmehr eine wesentliche
Zugangsvoraussetzung zu Partizipation und zur Ermöglichung von
Chancengleichheit.
Die gesamte Veröffentlichung möchte durch eine gezielte
Auseinandersetzung den Zusammenhang von Sprache, Macht, Demokratie und
Partizipation transparent machen und die Teilnehmenden zu einem
selbstkritischen wie selbstreflexiven Umgang mit Sprache und Sprachenvielfalt
anregen. Es gilt, eigene Deutungs- und Verhaltensmuster im Bereich des individuellen
Sprachgebrauchs zu erkennen und produktive Möglichkeiten für einen
demokratischen Umgang mit sprachlicher Vielfalt zu erarbeiten. Das zugrunde
liegende Ideal dieses Ansatzes ist, Sprache als ein kulturelles Menschenrecht
anzuerkennen – um somit ein gelungenes Zusammenleben in der pluralen
Einwanderungsgesellschaft zu fördern.
Um die Bedeutung des Spracherwerbs gezielter einschätzen
zu können, bieten die Autoren zunächst einen prägnanten Einblick in die
deutsche und internationale Integrationsdebatte und die jeweiligen
Herangehensweisen in Kontext von Integration und Sprache. Diesen Ausführungen
folgen zwei knappe Kapitel, welche Erfahrungen im Themenkomplex „Sprache und
Macht“ von Praktikerinnen aus der Jugendarbeit schildern und interessante Impulse
aus der Bildungsarbeit liefern.
Die anknüpfende Einführung in den Praxisteil der
Publikation bündelt Informationen zum didaktischen Verständnis des Ansatzes und
zur Positionierung im Bereich der politischen Bildungsarbeit. Der Lesende
wünscht sich an dieser Stelle mehr Hintergrundwissen, gerade im weiten Feld der
politischen Bildung. Den Abschluss der einführenden Worte bildet eine
Beschreibung der allgemeinen methodisch-didaktischen Umsetzung und des
modularen Aufbaus des Praxisteils bzw. des Seminarkonzepts.
Der Praxisteil wird in folgender Weise gestaltet: Neben
methodischen Anregungen zur Einführung (Modul 1) und zum nachhaltigen Abschluss
(Modul 6) der Thematik, stellen die Autoren vier zentrale Praxis-Module vor,
die aufeinander aufbauen. Diese werden mit den Titeln: „Sprache und Identität“
(Modul 2), „Sprache und Macht“ (Modul 3), „Sprache und Demokratie“ (Modul 4)
sowie „Umsetzung und Transfer“ (Modul 5) beschriftet und bezeichnen in
treffender Weise die jeweiligen Inhalte, die durch eine spannende wie lebendige
methodische Aufbereitung mit klarem Aufbau umgesetzt werden. Hierbei wird mit
„Sprache“ in all ihren Facetten bewusst provoziert und intensiv gearbeitet.
Alle vorhandenen Sprachen und Dialekte der Teilnehmenden werden in der Seminarsituation
aufgenommen, nonverbale Einheiten bieten eine zusätzliche Reflexionsebene.
Besonders intensiv und herausfordernd sind die Übungen des Moduls „Sprache und
Macht“. So werden z. B. die Teilnehmenden in der Übung „Sprache und
Unterdrückung“ zu einer Selbstreflexion angeregt, die unter Umständen sehr
persönlich werden kann, worauf die Autoren aber in den „methodischen Tipps“ am
Ende jeder Methodenbeschreibung bewusst hinweisen. Einige der Übungen sind in
ihren Abläufen bzw. in den Auswertungsebenen sehr komplex und setzen einen
äußerst professionellen Umgang wie eine reflektierte Haltung der Seminarleitung
voraus.
Generell sind die Methoden sehr klar strukturiert, gut
nachvollziehbar und laden zum Ausprobieren ein – wie zum Beispiel bei dem
Planspiel „Die Schülerzeitung“ (Modul 4 „Sprache und Demokratie“), bei welcher
man schon beim Lesen die spannende Diskussion zwischen den unterschiedlichen
Positionen vor Augen hat.
Fußnote: Eine äußerst pfiffige Idee des Autorenteams sind
die in jedem Kapitel eingebauten „sprachlichen Stolpersteine“, die den Lesenden
dazu anregen, seinen eigenen Standpunkt im Themenbereich zu überdenken.
Mit dem Praxishandbuch „SPRACHE – MACHT – DEMOKRATIE“
legen die Autoren eine praxisorientierte Seminarkonzeption vor, die vor allem
durch den erfrischenden Ansatz glänzt. Die Veröffentlichung liefert wertvolle
Ideen zur Bearbeitung des brisanten Themas „Sprache und Integration“ ohne in
semantische Diskussionen, kontraproduktive Parolen oder in eine naive
„Multikulti-Romantik“ zu verfallen.
Susanne
Ulrich, Florian M. Wenzel
Praxishandbuch SPRACHE – MACHT – DEMOKRATIE
Politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft
Wochenschau Verlag , Schwalbach (Ts.) 2006
ISBN 3899742680, 256 Seiten, 19,80 Eur |
Carolin Auner ist Koordinatorin der politischen
Jugendbildung an der Akademie des Caritas-Pirckheimer-Hauses in Nürnberg und
war Leiterin des Projektes zusammen-leben-lernen (www.projekt-integration.de ).
Informationen zur Akademie unter www.cph-nuernberg.de.
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