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InkuTra – Interkulturelle Trainings
der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Nürnberg, Referat Migration und
Integration, verfolgt die Stärkung der interkulturellen Öffnung der
sozialen Regelversorgung, um die Integration von Migrantinnen und
Migranten zu verbessern, ihnen also eine gleichberechtigte Teilhabe am
politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben zu ermöglichen.
In den 90er Jahren
ist den Initiatorinnen und Initiatoren von InkuTra bei der Arbeit mit
Migrantinnen und Migranten in Beratungsstellen aufgefallen, dass sich
diese in Ämtern nur selten verstanden fühlen, dass allerdings auch
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ämter über
Kommunikationsschwierigkeiten klagen.
Daher sollte ein Schulungskonzept
entstehen, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sozialer
Einrichtungen die Kommunikation mit Migrantinnen und Migranten
erleichtert. In diesem soll neben dem Wissen über Zuwanderer die Reflexion der eigenen kulturellen Werte stattfinden.
Daher geht es in den drei Phasen des Trainings um eine interkulturelle
Orientierung, um Hintergrundwissen zum Thema Migration und schließlich
um konkrete Fallbeispiele beim Umgang mit irritierender und konfliktreicher Kommunikation.
Vier Trainerinnen und Trainer führen die Trainings in Zweierteams durch.
Alle haben neben ihrem Studium der Sozialpädagogik unterschiedliche
Ausbildungsschwerpunkte zum Thema "Interkulturalität". Ihre Erfahrungen
mit Migration, Sozialarbeit oder kultureller Arbeit ermöglichen eine
sinnvolle Verknüpfung von Praxis und Theorie.
InkuTra existiert seit 2001 als Angebot der AWO und wird
kontinuierlich weiterentwickelt. Bisher wurden mehr als 300 Seminartage
mit mehr als 4.500 Teilnahmen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus
sozialen Institutionen durchgeführt. Zum Arbeitsschwerpunkt
interkulturelles Training kamen weitere Bereiche wie z.B. die
Multiplikatorenausbildung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in
Jugendmigrationsdiensten (gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) hinzu.
Wir haben mit Frau Deriya Çelebi-Back und Herrn Edgar Fochler über politische Bildung und über die Arbeit von InkuTra gesprochen.
Redaktion: Was wünschen Sie sich für Ihr Projekt?
InkuTra: Natürlich wünschen wir uns zunächst, dass die bereits gute Nachfrage nach unseren Angeboten noch besser wird.
Unsere Vision für das Projekt wäre, dass die Trainings in sozialen
Einrichtungen so selbstverständlich sind wie beispielsweise
Supervisionen. Dass Interkulturalität also nicht nur ein Modethema ist.
Sind die Trainings auch für bildungsfernere soziale Schichten geeignet? Lassen sich die Inhalte auch niederschwellig vermitteln?
Grundsätzlich
wird bei den Trainings auf ein bedürfnisorientiertes Vorgehen geachtet,
so dass sich die Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer auch
angesprochen fühlen. Wir haben die Möglichkeit, weniger theoretischen
Input zu geben und weniger Fachausdrücke zu verwenden, können dies aber
auch intensivieren.
Welche Zielgruppen tun sich leicht, welche schwer mit dem Einüben interkultureller Kompetenz?
Ich denke, dass es hier hauptsächlich um die persönliche Haltung zum
Thema geht. Die erforderliche Offenheit ist nicht immer von Erfahrungen
in diesem Bereich abhängig und lässt sich nicht auf eine spezielle
Gruppe festschreiben.
Wie kann man Ihrer Ansicht nach den Kulturbegriff erklären? Was bedeutet demgemäß Interkulturalität?
In
unseren Trainings versuchen wir, uns mit der Gruppe dem Begriff
„Kultur“ anzunähern. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen
erkennen, dass Kultur von vielen Aspekten beeinflusst wird. Dabei
spielt beispielsweise Nation, Religion, geschlechtsspezifische
Sozialisation, ökonomische Verhältnisse, Alter und politische
Rahmenbedingungen eine Rolle. Kultur soll als etwas Dynamisches
anerkannt werden. Erst mit diesem Verständnis ist interkulturelle
Öffnung möglich.
Interkulturalität bedeutet für uns den Umgang mit Vielfalt und
Unterschieden, zu erkennen, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist und
dies auch aushalten zu können.
Ist die Vorstellung einer konfliktfreien multikulturellen Gesellschaft realistisch?
Generell
ist keine Gesellschaft ohne Konflikte vorstellbar. Ich würde das nicht
auf eine multikulturelle Gesellschaft begrenzen. Konflikte sind auch
wichtig, da sie eine Entwicklung und ein Vorankommen ermöglichen. Die
Schwierigkeiten liegen häufig im Umgang mit Konflikten. Darf
beispielsweise jeder gleichberechtigt an Entscheidungsprozessen
teilhaben und mitdiskutieren? Und wie gewaltfrei wird kommuniziert?
Äußert sich InkuTra gesellschaftskritisch?
Öffentliche
Kritik ist eine Angelegenheit unseres Trägers. Die AWO engagiert sich
sozialpolitisch und gesellschaftskritisch und nimmt auch öffentlich
Stellung.
Wir als Trainerinnen und Trainer des Projekts InkuTra versuchen, eine
neutrale Position einzunehmen. Unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer
sollen über unterschiedliche Perspektiven diskutieren und sich ihre
eigene Meinung bilden.
Natürlich verfolgen wir unser Ziel der interkulturellen Öffnung. Das
soll aber nicht heißen, dass es in unseren Seminaren keinen Raum für
Kritik gibt. Wir Trainerinnen und Trainer verstehen uns als
Moderatorinnen und Moderatoren.
Findet eine Begleitung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Anschluss an die Seminare statt?
Auf
Wunsch ist das natürlich möglich. Wir besuchen beispielsweise
Teamsitzungen zu einem bestimmten Thema. In einem zweieinhalbjährigen
Arbeitskreis, der von uns fachlich begleitet wurde, haben Fachkräfte
aus Kindertagesstätten Handlungsleitlinien für interkulturelles
Arbeiten entwickelt.
Was würden Sie sich für das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen wünschen?
Dieses
Zusammenleben beginnt ja schon in der Nachbarschaft und sollte nicht
auf Kultur reduziert werden. Es geht hauptsächlich um das Zusammenleben
der Menschen die hinter der Kultur stehen. Dabei sind gegenseitiges
Verständnis und Offenheit maßgeblich. Es ist wichtig stillschweigende
Annahmen zu überwinden, indem man aufeinander zugeht, nachfragt und
erst gar keine Vorurteile entstehen lässt.
Welchen Stellenwert hat politisches Wissen für interkulturelle Kompetenz?
Es
kommt in erster Linie auf eine innere Haltung dem Thema gegenüber an.
Dennoch spielt es eine gewisse Rolle, wenn es darum geht,
beispielsweise die rechtlichen Situationen und sozialen
Lebensbedingungen der Migrantinnen und Migranten richtig einzuschätzen
und so zu wissen, was möglich ist und was nicht. Auch das
Mitdiskutieren und Mitgestalten fällt durch ein politisches
Hintergrundwissen wesentlich leichter.
Welche Defizite sehen Sie in der politischen Bildung?
In den Bereichen der sozialen Arbeit sollten rechtliche
Rahmenbedingungen durch die politische Bildung stärker vermittelt
werden. Ich denke da beispielsweise an das Arbeitsrecht, das Kinder-
und Jugendrecht oder das Ausländerrecht.
Auch im Bildungssystem müsste der politischen Bildung mehr Raum eingeräumt werden – und zwar so früh wie möglich.
Wie kann Politik Ihrer Meinung nach am besten vermittelt werden?
Es ist wichtig, Schülerinnen und Schüler mehr einzubinden und ihnen die
Möglichkeit zu geben, selbst zu gestalten. Ein Thema das mit der
eigenen Person zu tun hat weckt Interesse. Ideal wären Projekte bei
denen die Schülerinnen und Schüler etwas bewirken können, wie
Schülerparlamente oder Jugend-Stadtteil-Konferenzen. Diese Projekte
müssen aber authentisch sein und nicht aus Prestigegründen durchgeführt
werden.
Politische Bildung bedeutet für mich…
… die
Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen. Das Mitgestalten des
gesellschaftlichen Zusammenlebens. Wenn dies in allen
gesellschaftlichen Vorgängen gleichberechtigt stattfindet dann ist das erfolgreiche Politische Bildung.
Unser Projekt ist erfolgreich, weil…
… wir ein wichtiges gesellschaftliches Anliegen aufgreifen, ein gutes
Konzept haben, unsere Schulungsthemen auf großer Erfahrung und
Kompetenz basieren und wir unser Angebot kontinuierlich
weiterentwickeln.
Mit welchen Institutionen würden Sie in Zukunft gerne (noch) stärker kooperieren?
Grundsätzlich
arbeiten wir gerne mit allen zusammen, die Interesse am Projekt haben.
Es ist allerdings schwierig, konkrete Einrichtungen zu nennen. Ein
Wunsch wäre, dass unsere Angebote an möglichst vielen Stellen
intensiver genutzt werden.
Frau Çelebi-Back, Herrr Fochler, vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Nina Turani
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