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Interview mit InkuTra - Interkulturelle Trainings der AWO Nürnberg Drucken E-Mail
Geschrieben von: Redaktion   
Dienstag, den 04. September 2007 um 01:15 Uhr
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2007_logo_inkutra.jpgInkuTra – Interkulturelle Trainings der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Nürnberg, Referat Migration und Integration, verfolgt die Stärkung der interkulturellen Öffnung der sozialen Regelversorgung, um die Integration von Migrantinnen und Migranten zu verbessern, ihnen also eine gleichberechtigte Teilhabe am politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben zu ermöglichen.

In den 90er Jahren ist den Initiatorinnen und Initiatoren von InkuTra bei der Arbeit mit Migrantinnen und Migranten in Beratungsstellen aufgefallen, dass sich diese in Ämtern nur selten verstanden fühlen, dass allerdings auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ämter über Kommunikationsschwierigkeiten klagen.

Daher sollte ein Schulungskonzept entstehen, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sozialer Einrichtungen die Kommunikation mit Migrantinnen und Migranten erleichtert. In diesem soll neben dem Wissen über Zuwanderer die Reflexion der eigenen kulturellen Werte stattfinden. Daher geht es in den drei Phasen des Trainings um eine interkulturelle Orientierung, um Hintergrundwissen zum Thema Migration und schließlich um konkrete Fallbeispiele beim Umgang mit irritierender und konfliktreicher Kommunikation.

Vier Trainerinnen und Trainer führen die Trainings in Zweierteams durch. Alle haben neben ihrem Studium der Sozialpädagogik unterschiedliche Ausbildungsschwerpunkte zum Thema "Interkulturalität". Ihre Erfahrungen mit Migration, Sozialarbeit oder kultureller Arbeit ermöglichen eine sinnvolle Verknüpfung von Praxis und Theorie.

2007_awo-nuernberg.jpgInkuTra existiert seit 2001 als Angebot der AWO und wird kontinuierlich weiterentwickelt. Bisher wurden mehr als 300 Seminartage mit mehr als 4.500 Teilnahmen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus sozialen Institutionen durchgeführt. Zum Arbeitsschwerpunkt interkulturelles Training kamen weitere Bereiche wie z.B. die Multiplikatorenausbildung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Jugendmigrationsdiensten (gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) hinzu.

Wir haben mit Frau Deriya Çelebi-Back und Herrn Edgar Fochler über politische Bildung und über die Arbeit von InkuTra gesprochen.

Redaktion: Was wünschen Sie sich für Ihr Projekt?
InkuTra: Natürlich wünschen wir uns zunächst, dass die bereits gute Nachfrage nach unseren Angeboten noch besser wird.
Unsere Vision für das Projekt wäre, dass die Trainings in sozialen Einrichtungen so selbstverständlich sind wie beispielsweise Supervisionen. Dass Interkulturalität also nicht nur ein Modethema ist.

Sind die Trainings auch für bildungsfernere soziale Schichten geeignet? Lassen sich die Inhalte auch niederschwellig vermitteln?
Grundsätzlich wird bei den Trainings auf ein bedürfnisorientiertes Vorgehen geachtet, so dass sich die Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer auch angesprochen fühlen. Wir haben die Möglichkeit, weniger theoretischen Input zu geben und weniger Fachausdrücke zu verwenden, können dies aber auch intensivieren.

Welche Zielgruppen tun sich leicht, welche schwer mit dem Einüben interkultureller Kompetenz?
Ich denke, dass es hier hauptsächlich um die persönliche Haltung zum Thema geht. Die erforderliche Offenheit ist nicht immer von Erfahrungen in diesem Bereich abhängig und lässt sich nicht auf eine spezielle Gruppe festschreiben.

Wie kann man Ihrer Ansicht nach den Kulturbegriff erklären? Was bedeutet demgemäß Interkulturalität?
In unseren Trainings versuchen wir, uns mit der Gruppe dem Begriff „Kultur“ anzunähern. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen erkennen, dass Kultur von vielen Aspekten beeinflusst wird. Dabei spielt beispielsweise Nation, Religion, geschlechtsspezifische Sozialisation, ökonomische Verhältnisse, Alter und politische Rahmenbedingungen eine Rolle. Kultur soll als etwas Dynamisches anerkannt werden. Erst mit diesem Verständnis ist interkulturelle Öffnung möglich.
Interkulturalität bedeutet für uns den Umgang mit Vielfalt und Unterschieden, zu erkennen, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist und dies auch aushalten zu können.

Ist die Vorstellung einer konfliktfreien multikulturellen Gesellschaft realistisch?
Generell ist keine Gesellschaft ohne Konflikte vorstellbar. Ich würde das nicht auf eine multikulturelle Gesellschaft begrenzen. Konflikte sind auch wichtig, da sie eine Entwicklung und ein Vorankommen ermöglichen. Die Schwierigkeiten liegen häufig im Umgang mit Konflikten. Darf beispielsweise jeder gleichberechtigt an Entscheidungsprozessen teilhaben und mitdiskutieren? Und wie gewaltfrei wird kommuniziert?

Äußert sich InkuTra gesellschaftskritisch?
Öffentliche Kritik ist eine Angelegenheit unseres Trägers. Die AWO engagiert sich sozialpolitisch und gesellschaftskritisch und nimmt auch öffentlich Stellung.
Wir als Trainerinnen und Trainer des Projekts InkuTra versuchen, eine neutrale Position einzunehmen. Unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen über unterschiedliche Perspektiven diskutieren und sich ihre eigene Meinung bilden.
Natürlich verfolgen wir unser Ziel der interkulturellen Öffnung. Das soll aber nicht heißen, dass es in unseren Seminaren keinen Raum für Kritik gibt. Wir Trainerinnen und Trainer verstehen uns als Moderatorinnen und Moderatoren.

Findet eine Begleitung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Anschluss an die Seminare statt?
Auf Wunsch ist das natürlich möglich. Wir besuchen beispielsweise Teamsitzungen zu einem bestimmten Thema. In einem zweieinhalbjährigen Arbeitskreis, der von uns fachlich begleitet wurde, haben Fachkräfte aus Kindertagesstätten Handlungsleitlinien für interkulturelles Arbeiten entwickelt.

Was würden Sie sich für das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen wünschen?
Dieses Zusammenleben beginnt ja schon in der Nachbarschaft und sollte nicht auf Kultur reduziert werden. Es geht hauptsächlich um das Zusammenleben der Menschen die hinter der Kultur stehen. Dabei sind gegenseitiges Verständnis und Offenheit maßgeblich. Es ist wichtig stillschweigende Annahmen zu überwinden, indem man aufeinander zugeht, nachfragt und erst gar keine Vorurteile entstehen lässt.

Welchen Stellenwert hat politisches Wissen für interkulturelle Kompetenz?
Es kommt in erster Linie auf eine innere Haltung dem Thema gegenüber an. Dennoch spielt es eine gewisse Rolle, wenn es darum geht, beispielsweise die rechtlichen Situationen und sozialen Lebensbedingungen der Migrantinnen und Migranten richtig einzuschätzen und so zu wissen, was möglich ist und was nicht. Auch das Mitdiskutieren und Mitgestalten fällt durch ein politisches Hintergrundwissen wesentlich leichter.

Welche Defizite sehen Sie in der politischen Bildung?
In den Bereichen der sozialen Arbeit sollten rechtliche Rahmenbedingungen durch die politische Bildung stärker vermittelt werden. Ich denke da beispielsweise an das Arbeitsrecht, das Kinder- und Jugendrecht oder das Ausländerrecht.
Auch im Bildungssystem müsste der politischen Bildung mehr Raum eingeräumt werden – und zwar so früh wie möglich.

Wie kann Politik Ihrer Meinung nach am besten vermittelt werden?
Es ist wichtig, Schülerinnen und Schüler mehr einzubinden und ihnen die Möglichkeit zu geben, selbst zu gestalten. Ein Thema das mit der eigenen Person zu tun hat weckt Interesse. Ideal wären Projekte bei denen die Schülerinnen und Schüler etwas bewirken können, wie Schülerparlamente oder Jugend-Stadtteil-Konferenzen. Diese Projekte müssen aber authentisch sein und nicht aus Prestigegründen durchgeführt werden.

Politische Bildung bedeutet für mich…
… die Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen. Das Mitgestalten des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Wenn dies in allen gesellschaftlichen Vorgängen gleichberechtigt stattfindet dann ist das erfolgreiche Politische Bildung.

Unser Projekt ist erfolgreich, weil…
… wir ein wichtiges gesellschaftliches Anliegen aufgreifen, ein gutes Konzept haben, unsere Schulungsthemen auf großer Erfahrung und Kompetenz basieren und wir unser Angebot kontinuierlich weiterentwickeln.

Mit welchen Institutionen würden Sie in Zukunft gerne (noch) stärker kooperieren?
Grundsätzlich arbeiten wir gerne mit allen zusammen, die Interesse am Projekt haben. Es ist allerdings schwierig, konkrete Einrichtungen zu nennen. Ein Wunsch wäre, dass unsere Angebote an möglichst vielen Stellen intensiver genutzt werden.

Frau Çelebi-Back, Herrr Fochler, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Nina Turani

 
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