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„Im Mittelpunkt des gemeinsamen Philosophierens steht der Umgang mit
Fragen, die Kinder bewegen und mit Ansichten, die sie äußern. Kinder
philosophieren ist keine Hochbegabtenförderung, sondern ein gemeinsames
Betätigungsfeld für sehr unterschiedliche und unterschiedlich begabte Kinder
und somit in hohem Maße inklusiv und integrativ."
So beschreibt die Akademie Kinder philosophieren auf ihrer Internetseite das Konzept dieses Projekts das seit 2005 existiert. In einer Modellphase, die noch bis 2010 andauert wird das in
der Pilotphase 2005/06 entwickelte, einrichtungs- und fächerübergreifende Erziehungs-
und Bildungsprinzip in der Praxis evaluiert. Am Modellversuch nehmen 33 Kindertageseinrichtungen und Schulen aus ganz Bayern teil.
Seit dem Wintersemester 08/09 bietet die Hochschule für Philosophie
München in Zusammenarbeit mit der Akademie sogar ein Zusatzstudium Kinder philosophieren an, welches berufsbegleitend absolviert werden kann.
Wir haben mit Frau Evi Witt-Kruse, Projektleiterin von Kinder philosophieren gesprochen.
Frau Witt-Kruse, wie
lautet - kurz gesagt - das Konzept von "Kinder philosophieren"?
Philosophieren an
sich ist ein zutiefst demokratischer Prozess, in dem sich alle Teilnehmer
gleichberechtigt, gemeinsam auf den Weg machen, Erkenntnisse in Bereichen zu gewinnen,
in denen es keine einfachen, allgemeingültigen Antworten gibt.
Jeder Einzelne trägt zum Gelingen bei und übernimmt Verantwortung für den
Verlauf des Prozesses. Jeder Beitrag ist wichtig und wertvoll.
Die Akademie Kinder philosophieren im bbw
e.V. sieht im Philosophieren einen grundlegenden Beitrag zur
Persönlichkeitsentwicklung und möchte daher das Philosophieren als Bildungs-
und Erziehungsprinzip in Kindertageseinrichtungen und Schulen etablieren.
Pädagogische Fachkräfte (Lehrkräfte, Erzieher/innen, Sozialpädagog/ innen) und
Menschen die ehrenamtlich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, werden von der
Akademie in philosophischer Gesprächsführung fortgebildet, damit sie als
Multiplikatoren hierfür wirken können.
Aus welchem Grund bzw. aus welcher
Motivation heraus ist das Projekt entstanden?
Das Projekt beruht auf der Annahme,
dass Philosophieren ein menschliches Grundbedürfnis ist. Auch Kinder setzen
sich mit den Grundfragen des Lebens auseinander: Wer bin ich? Woher komme ich?
Wohin gehe ich? Was kann ich wissen? Dieses Frageverhalten ist zu erhalten und
zu fördern.
Welche Rückmeldungen erhalten sie aus
den institutionellen Kontexten, in denen das Konzept angewandt wird (z.B.
Schule, Kindergarten)?
Das Philosophieren wird in der Regel gut angenommen. Vorbehalte im Vorfeld
lösen sich schnell auf, wenn erst mal klar wird, was Philosophieren ist und
worum es dabei geht. Pädagogischen Fachkräfte berichten, dass sich ihr Bild vom
Kind verändert. Sie äußern sich oftmals erstaunt über die Fähigkeiten der
Kinder beim Philosophieren, hören ihnen besser zu, trauen ihnen mehr zu und
gewinnen grundsätzlich mehr Vertrauen in die Kinder. Dies hat auch Auswirkungen
auf das eigene Rollenverständnis: Pädagogische Fachkräfte nehmen sich mehr
zurück und geben den Kindern mehr Mitspracherecht und Verantwortung.
Welche (positiven oder auch negativen) Erfahrungen machen sie mit den
Teilnehmern, d.h. konkret mit den Kindern?
Nach den Erfahrungen von pädagogischen Fachkräften wird bei aufgeweckten oder unruhigen Kindern die
Konzentrationsfähigkeit erhöht, stille Kinder finden Gelegenheit sich zu äußern
und als „schwierig" oder unzugänglich empfundene Kinder werden als besonders
konstruktiv wahrgenommen. Die beim Philosophieren eingeübte Gesprächskultur
fördert die sozial-emotionalen Kompetenzen der Kinder. Sie bilden Vertrauen in
ihre Urteilsfähigkeit.
Aber auch bei unserer direkten Zielgruppe, den pädagogischen Fachkräften kommt
es mitunter zu tief greifenden Veränderungen. Fortbildungsteilnehmer berichten
immer wieder, dass das Philosophieren nicht nur positive Auswirkungen auf ihr
Berufsleben, sondern auf ihr Leben ganz
allgemein hat. Einige schreiben dem Philosophieren sogar ein gewisses „Such(t)potential" zu - wer
einmal damit angefangen hat, will es nicht mehr lassen.
Welches sind die Hauptthemen, die in ihrem Konzept den Gegenstand des
Philosophierens darstellen?
In unserer Fortbildungsreihe, die den philosophischen Prozess einer Gruppe
mit aufeinander aufbauenden Modulen nachzubilden versucht, sind die Themen „Wer bin ich? Ich und die Anderen. Was ist
die Welt? Was ist wertvoll?" Überbegriffe für die thematischen Schwerpunkte der
einzelnen Fortbildungen.
In der Praxis von Kindertageseinrichtungen und Schulen stehen natürlich die
Themen und Fragen der Kinder im Mittelpunkt. D.h. zu Beginn greift die
pädagogische Fachkraft die Themen auf, die sie aktuell in der Gruppe / Klasse
wahrnimmt und je weiter eine Gruppe im philosophischen Prozess fortgeschritten
ist, desto mehr bringen die Kinder ihre ganz spezifischen Fragen ein. (z.B.„Was
macht das Christkind nach Weihnachten?", „Wo geht man hin, wenn man tot ist?", „Wozu brauchen wir Regeln?" „Warum gibt es
Waffen?") Weitere häufig besprochene Themen sind: Zeit, Anderssein,
Freundschaft, Glück, Gemeinschaft, Gefühle, Freiheit, Macht, Zukunft usw.
Welche Aussagen können sie über die Nachhaltigkeit der Wirkung ihres Konzepts
bei den Zielgruppen treffen?
Philosophieren erfordert und fördert u.a. eine Haltung der Neugierde,
Offenheit und Wertschätzung. Haltungsänderungen gehen in der Regel allmählich
von statten, wirken dafür aber nachhaltiger als vermitteltes Wissen.
Es ist zu beobachten, dass Kinder mit der Zeit auch außerhalb philosophischer
Einheiten im Unterricht und zu Hause intensiver nachfragen, Behauptungen in
Frage stellen und Begründungen einfordern.
Welchen Bedeutung oder welche Funktion hat im Kontext ihres Ansatzes die „Weiterbildung
zum Trainer"?
Die Akademie Kinder philosophieren hat
sich zum Ziel gesetzt, dass das Philosophieren Bildungs- und Erziehungsprinzip
in Kindertageseinrichtungen und Schulen wird. Trainer führen die Fortbildungen
für pädagogische Fachkräfte durch und sind notwendig um dieses Ziel zu
erreichen.
Was
reizt sie persönlich besonders an ihrer Tätigkeit als Projektleiterin?
- Die vielfältigen
Tätigkeiten von Entwicklung, Organisation, Training bis Netzwerkarbeit.
-
Das Zusammentreffen mit unterschiedlichen Menschen an unterschiedlichen Orten.
-
Ein kleinen Beitrag zur Bildungspolitik zu leisten.
Mit welchen Einrichtungen oder Institutionen würden Sie in Zukunft gerne
stärker kooperieren?
Fortbildungsträger aller Art und Institutionen, die für die Ausbildung von
pädagogischen Fachkräften zuständig sind (Fachakademien für Sozialpädagogik,
Fachhochschulen, Universitäten).
Wie
lässt sich politische Bildung am besten vermitteln?
Durch das Schaffen
von Erlebnisräumen und Reflektionsmöglichkeiten.
Politische
Bildung bedeutet für mich...
...das Verhältnis
zwischen Einzelnem und Gesellschaft immer wieder neu zu bedenken.
Erfolgreiche politische Bildung...
... hat mündige, zur Partizipation bereite Bürger zur Folge.
Ihre Organisation ist erfolgreich,
weil...
... wir das Wesentliche in den Blick nehmen, was besonders in Krisenzeiten dazu
beiträgt Lösungen zu finden.
Frau Witt-Kruse, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Christian Fey
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Alle weiteren Informationen zur Akademie Kinder philosophieren, wie beispielsweise zu Fortbildungen oder zum Zusatzstudium, finden Sie im Internet unter www.kinder-philosophieren.de
Unter anderem können Sie sich hier auch den Trailer zur Dokumentation
"Wer früher philosophiert ist länger weise" ansehen, der einen interessanten Einblick aus der Praxis liefert.
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