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„Wir sind das Volk!“ Dieser Satz steht für den Mut, die Überwindung eigener Angst vor Verfolgung und Bestrafung, die Entschlossenheit der Menschen in Leipzig im Herbst 1989. Es kam zu keiner gewalttätigen Auseinandersetzung an diesem Tag im Oktober 1989, trotz allerlei Befürchtungen, Vorbereitungen und Gerüchte, zum Teil eingestreut durch die SED, um Angst zu verbreiten und um die Menschenmassen, die unaufhaltsam in Leipzig vor die Nikolaikirche zusammenkamen, aufzuhalten. Alle Versuche die Menschen ruhig zu stellen scheiterten. Die Stimme des Volkes und ihre Entschlossenheit war unüberwindbar. Bereits am 29. September 1989 versuchte die Leipziger Volkszeitung im Auftrag der SED gegen die Friedensgebete Stimmung zu machen. Die Gerüchte über die chinesische Lösung machten schnell die Runde und Menschen bekamen Angst. Die friedlichen Demonstrationen in China wurden mit militärischer Gewalt niedergeschlagen, Panzer überrollten den Platz des Himmlischen Friedens noch im Sommer des gleichen Jahres.
Trotz dieser Maßnahmen zogen 70.000 friedliche Demonstranten nach den traditionellen Friedensgebeten am 09. Oktober 1989 durch Leipzig. Die Menschenmenge ging vorbei an den Polizeiabsperrungen und drängte die unentschlossenen Sicherheitskräfte bei Seite. Diese Tage im Oktober 1989 waren die Pulsgeber für den Wendepunkt in der DDR-Geschichte. Ohne diese vorangegangenen Ereignisse, wie die Montagsdemonstrationen in Leipzig, Demonstrationen am 07. Oktober 1989 in Plauen und am darauffolgenden Tag in Dresden, hätte es den 9. November 1989 nicht gegeben. Gut vernetzte Oppositionsgruppen bereiteten das Gedankengut dieser Zeit vor und spiegelten den Zeitgeist des Volkes wieder. Eine Ereignisfolge überrollte im Wendejahr 1989 Europa. Viele Grenzen wurden durchlässig, einige verschwanden gänzlich.
Nicht nur in der DDR wehrte sich das Volk gegen die politische Unterdrückung. Polen war das erste Land, das den politischen Wendepunkt einläutete, in dem es am 04. Juni 1989 nach vierzig Jahren die ersten freien Wahlen durchführte. Die Grenze zwischen Ungarn und Österreich wurde ab Mai 1989 schrittweise abgebaut, nachdem Michael Gorbatschow bereits 1987 Abstand zur Breschnew-Doktrin einnahm. Das führte dazu, dass mit Beginn der Sommerferien eine Flüchtlingswelle einsetzte und Menschenmassen nach Ungarn flüchteten. Sie belagerten die Botschaften in Ungarn, schliefen eng aneinander gedrängt in den Räumen der Botschaft und schlugen ihre Zelte auf dem Rasen des Prager Botschaftsgebäudes auf. 6000 Ostdeutsche warteten im September 1989 auf ihre Ausreise nach Deutschland. Das tagelange Warten und Bangen um ihre Zukunft erlöste Bundesaußenminister Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft mit einem Satzfetzen: „Wir sind gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise...“. Den Satz spricht er noch nicht aus, als die Menge erlöst ihre Freude herausjubelt. Zwei Millionen Menschen bildeten am 23. August 1989 eine Menschenkette quer durch die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen. Damit protestierten sie gegen den Hitler-Stalin-Pakt und erinnerten an die erzwungene Zugehörigkeit zum sowjetischen Staat. Das Raunen der Zeitgeschichte brachte in den nächsten Monaten die Berliner Mauer zum Fall und ergriff nach und nach die Tschechoslowakei und Rumänien.
Was brachte die Wiedervereinigung Deutschlands? Wie entwickelte sich die deutsch-deutsche Geschichte weiter? „Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist Deutschland kein vereintes Volk“, so die These aus dem Interview mit dem Soziologen Andreas Zick. Das liegt offenbar daran, dass die Deutschen sich mehr mit ihrer Region identifizieren als dass sie sich als eine Nation begreifen. Die Ergebnisse aus der Sächsischen Längsschnittstudie zeigen, dass die Folgen aus der Wiedervereinigung ambivalent bewertet werden und nur eine Minderheit (von 15%) sich als „Gewinner“ der Wiedervereinigung sieht. Dennoch, das was bleibt ist die Erinnerung. Diese Erinnerung feierten hunderttausend Leipziger mit einem Lichtfest in Leipzig. Sie gedachten der friedlichen Revolution vor zwanzig Jahren. „Nein, nein, die friedliche Revolution war kein Irrtum“, so Horst Köhler in seiner Rede beim Festakt in Leipzig. Und er verweist zu Recht darauf, dass nach zwanzig Jahren die deutsch-deutsche Geschichte nicht zu Ende geschrieben ist. Damals wurden die Menschen selbst aktiv und gingen für ihre Ideen trotz Angst auf die Straßen. Für eigene Ideen und für bessere Gesellschaft aktiv zu sein, das soll heute immer noch Gültigkeit haben und für alle Bürgerinnen und Bürger in Deutschland wichtig sein.
Ereignisse des Jahres 1989
Chronik der Mauer 1961-1989/90
3. April 1989
Informelle Aufhebung des Schießbefehls durch Erich Honecker
22. April 1989
Demonstrationen in China
02. Mai 1989
Ungarische Grenzsoldaten beginnen mit dem Abbau des Stacheldrahtzaunes zu Österreich
08. Mai 1989
Das ZK der ungarischen Kommunisten enthebt den früheren Parteichef Janosz Kadar aller Ämter
04. Juni 1989
Die friedliche Demonstration in Peking wird blutig nieder geschlagen.
Freie Wahlen in Polen
20. Juni 1989
Blutige Unruhen in Kasachstan
07. Juli 1989
Offizielle Aufgabe der Breschnew-Doktrin der Sowjetunion.
Beginn der Flüchtlingswelle der DDR-Bürger nach Ungarn
23. August 1989
Zwei Millionen Menschen gedenken in baltischen Republiken des Hitler-Stalin-Paktes
04. September 1989
Beginn der Montagsdemonstrationen in Leipzig
10.09.1989
Die ungarische Regierung öffnet in der Nacht zum 11. September die Grenze zu Österreich
09. November 1989
Fall der Berliner Mauer
25.12.1989
Nach dem Aufstand in Rumänien wurde Regierungschef Nicolae Ceausescu und seine Frau Elene durch ein Militärgericht in Targoviste verurteilt und hingerichtet.
28.12.1989
Alexander Dubcek wurde zum tschechischen Parlamentspräsidenten
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Interessante Links:
20 Jahre Mauerfall: In Berlin den Spuren folgen
Generation Mauerfall
"Wir sind das Volk!"
Die Riesen kommen - Berliner Festspiele
Die Deutsche Einheit
Tagesschau am 10 November 1989
Friedriedliche Revolution
Praxisspicker:
bpb - Themenblätter der Bundeszentrale für politische Bildung
Zeitzeugen - Sammlung von Erinnerungen
Literaturtipps:
Michael Funken (2008): Das Jahr der Deutschen: Die Glückliche Geschichte von Mauerfall und deutscher Einheit. Pendo. Preis: 18,00 €
Andreas Röder (2009): Deutschland einig Vaterland: Die Geschichte der Wiedervereinigung. C. H. Beck. Preis: 24, 90 €
Wilhelm Heitmeyer (2009): Deutsch-deutsche Zustände. Schriftenreihe (Bd. 780). Bonn. Preis: 2,00 €
Veranstaltungen:
Deutschlands Weg zur Wiedervereinigung – Krisen und Chancen der 60jährigen Entwicklung
Ort: Oerlinghausen
Zensiert, verschwiegen, vergessen
Autorinnen in Ostdeutschland 1945-1989
Ort: VHS München Rosenheimer Str. 5
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