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Kreative Methodik in der Politischen Bildung Drucken E-Mail
Geschrieben von: Theresa Riechert   
Montag, den 16. November 2009 um 16:29 Uhr
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Auch wenn der Begriff „kreativ" aufgrund seiner „Schwäche" (Hartmut von Hentig) umstritten ist, plädiert Bernd Janssen für einen solchen Politikunterricht, der diese neben die traditionellen Formen stellt. Doch was kann man darunter verstehen und sich vorstellen? Warum ist ein Plädoyer für sie nötig und sinnvoll? Diesen Fragen widmet sich der vorliegende Text unter dem Anspruch, kreative Politische Bildung nicht nur für den schulischen Bereich etwas greifbarer zu machen.

Kreative Methodik = schaffend, ergebnisoffen, problemorientiert

Wenn man zu fassen versucht, was Kreativität bedeutet, dann stößt man unweigerlich auf den Namen Joy Paul Guilford, der den Begriff durch die Aspekte Problemsensitivität, Ideenflüssigkeit, Flexibilität und Originalität prägte. Der lateinische Ursprung verweist auf den schaffenden Aspekt. Übertragen auf die Methodik lassen sich danach folgende Dimensionen identifizieren:

schaffend, handlungsorientiert:
Eine kreative Methodik zielt darauf ab, die Lernenden in eine schaffende, aktive Rolle zu versetzen. Sie sollen durch ihr eigenes Handeln einen Gegenstand individuell bearbeiten und etwas Eigenes hervorbringen. Eng damit verbunden ist die Handlungsorientierung als fachdidaktisches Prinzip, die „Produktion neben Reproduktion" stellt.

ergebnisoffen:
Für das zu erstellende Ergebnis gibt es keine eindeutige, bereits gedachte Lösung: die Lernenden werden herausgefordert, flexibel und originell (im Sinne von „schöpferisch") auf die ihnen gestellte Situation zu reagieren und somit ihren eigenen Weg der Problemlösung, ihr eigenes Ergebnis zu finden.

problemorientiert:
Dieses herausgeforderte Schaffen richtet sich dabei auf konkrete Probleme: es besteht eine spezielle Aufgabenstellung, die zeitnah in irgendeiner Art und Weise bearbeitet / gelöst werden muss.
Diese Kriterien garantieren natürlich keine Kreativität bei den Teilnehmern, aber sie schaffen einen günstigen Rahmen für kreative Auseinandersetzung.

Bernd Janssen verdeutlicht den Begriff der kreativen Methodik für den Politikunterricht anhand der Unterteilung in „spielerisch-gestaltende" und „kognitiv-produktive" Zugänge. Anhand dieser soll nun verdeutlicht werden, wie kreative Politische Bildung (im Unterricht) exemplarisch aussehen kann.

Kreative Methodik konkret im (Schul-)Alltag: Standbild und Entscheidungsspiel

Ein geläufiger Vorwurf ist, dass solche kreativen Formen zwar schön und gut sind, sich aber im normalen (Schul-)Alltag nicht umsetzen lassen. Dass das so nicht haltbar ist, beweist Bernd Janssen indem er konkrete Methoden zur kreativen Quellenarbeit schildert. Zwei Beispiele:

Standbild
Ausgehend von einer Quelle, die eine bestimmte soziale Situation darstellt, wird ein Schüler zum Bildhauer ernannt. Dieser verwendet daraufhin die Mitschüler, um seine individuelle Vorstellung der Situation in einem Standbild wiederzugeben: er bestimmt die Körperhaltung und Mimik der Teilnehmenden. Ist der Bildhauer mit seiner Arbeit fertig, so wird das Gesamtkunstwerk betrachtet, Impressionen geäußert und letztendlich der Erschaffer hinsichtlich seiner Absichten befragt. Damit wird einerseits ein tiefgründiger Einstieg in eine Quelle ermöglicht und andererseits die Empathie der Schüler gefördert, indem sie sich mit den Personen des Textes oder Bildes identifizieren.

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 Copyright © Anne-Frank-Schule Gütersloh

Entscheidungsspiel
Der Ausgangspunkt ist eine Situation, in der eine Entscheidung unumgänglich ist. Beispielsweise könnte der Jugendhilfeausschuss einer Gemeinde Gelder bewilligen müssen, wobei die Summe der Förderanträge diejenige der vorhandenen Mittel um ein Vielfaches übersteigt. Diese Situation wird in einem Rollenspiel aufgegriffen: Die Antragssteller und Ausschussmitglieder kommen zu einer Sitzung zusammen. Nachdem alle Interessen vorgetragen wurden, muss eine Entscheidung gefällt werden, die in einer späteren Reflexion auf ihre Alternativen hin betrachtet wird. Deutlich wird hierbei der Entscheidungszwang und der Umgang mit unterschiedlichen Interessen, wobei durch die kreative Gestaltung eine eigene, simulative Erfahrung und Gestaltung der Situation ermöglicht wird.

Handelt es sich bei den geschilderten Methoden um eher einfache, zeitlich überschaubare Formen, so sind natürlich auch komplexere und zeitintensivere kreative Methoden zu nennen wie Projekte im Bereich der Politischen Bildung oder Planspiele. Dass die Anwendung von kreativen Methoden außerdem nicht nur im schulischen Bereich sinnvoll ist, zeigt sich, wenn man die Begründungsmuster betrachtet.

Warum kreative Methodik?

Man kann den Einsatz kreativer Methoden durch viele Argumente begründen. Zwei Aspekte seien im Folgenden kurz geschildert: Berücksichtigung der Individualität und Ermöglichung einer vertieften Auseinandersetzung.

Raum für Individualität
Durch die Prämisse der Handlungsorientierung und die Ergebnisoffenheit schaffen kreative Methoden Platz für Individualität: die Lernenden können sich selbst schaffend mit einer Thematik auseinandersetzen und das Ergebnis individuell prägen, ohne dass ihre Lösung gleich mit „richtig" oder „falsch" bewertet wird.

Förderung einer vertieften Auseinandersetzung
Da eine kreative Gestaltung von Lernkontexten die Lernenden nicht nur kognitiv fordert, sondern sie auf verschiedenen Ebenen anspricht, wird eine vertiefte Auseinandersetzung ermöglicht. Dies ist insbesondere deshalb relevant, da die Politische Bildung ja nicht nur auf die Vermittlung von Wissen abzielt, sondern auch Verständnis für politische Prozesse schaffen möchte, zum selbständigen Urteil befähigen will und politisches Engagement beabsichtigt. Gerade diese umfassende Zielsetzung bedarf eines ganzheitlichen Ansatzes, der die Lernenden auf unterschiedlichen Ebenen anspricht.

Kreative Methodik soll hier nicht absolut gesetzt werden, die „traditionellen" Formen gilt es nicht gänzlich zu verdrängen, auch ein anschaulicher Vortrag kann je nach Thema und Zielsetzung sinnvoll sein. Dennoch kann sie als Korrektiv dienen: zur Reflexion des eigenen pädagogischen Handelns und zur Anregung, auch andere Wege als die gewohnten zu beschreiten.

Lesetipps:

Für den schulischen Bereich Bernd Janssen (2007): Kreativer Politikunterricht. Wider die Langeweile im schulischen Alltag. 2. Auflage, Schwalbach / Ts.

Zur Handlungsorientierung als didaktisches Prinzip Sibylle Reinhardt (2007): Handlungsorientierung. In: Sander, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch politische Bildung. 2. Auflage, Bonn, S.146-155

Zu spielerischen Formen politischer Bildung
Scholz, Lothar (2007): Spielend lernen. Spielformen in der politischen Bildung. In: Sander, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch politische Bildung. 2. Auflage, Bonn, S.547-564

Zur allgemeinen Auseinandersetzung mit dem Begriff "Kreativität"
Hentig, Hartmut von (2000): Kreativität. Hohe Erwartungen an einen schwachen Begriff. 3. Auflage, Weinheim

 
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