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Michael Marker - Die Schule als Staat. Demokratiekompetenz durch lernendes Handeln Drucken E-Mail
Geschrieben von: Christian Fey   
Dienstag, den 12. Januar 2010 um 14:19 Uhr
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2010_schule_als_staat_cover.jpgMit seiner Studie zum Großprojekt „Schule als Staat" möchte Michael Marker einen Beitrag zu einer aktuellen politikdidaktischen Diskussion leisten, die sich um das Schlagwort „Demokratiepädagogik" herum gruppiert bzw. teilweise auch polarisiert. Vor allem geht es ihm dabei um eine „Versachlichung" der Diskussion, die auf der Grundlage theoretischer Erörterungen und empirischer Beobachtungen erreicht werden soll. Dazu untersucht Marker mittels quantitativer und qualitativer Forschungsmethoden die Durchführung des Projekts an seiner eigenen Schule, dem Eduard-Mörike-Gymnasium in Neuenstadt/Kocher. Für sechs Tage verwandelte sich 2007 dort das Schulgelände einer baden-württembergischen Kleinstadt in den Staat „Mörokko".

Zum Projekt

In komplexer und realitätsnaher Weise werden beim Planspiel „Schule als Staat" Entscheidungsprozesse, staatliche Organisationen und das Wirtschaftssystem für die teilnehmenden Schüler und Lehrer erlebbar - mit all den Erfolgsgeschichten, Problemen und Konflikten, die auch im realen gesellschaftlichen (Arbeits-)Leben vorzufinden sind. Dafür ist ausführliche Vorbereitung und Organisation im Vorfeld nötig, die mit einem hohen zeitlichen und personellen Aufwand verbunden sind. Viel Detailarbeit ist zu leisten, um einen ausreichenden Komplexitätsgrad zu erreichen, damit die Simulation auch stimmig ist. So wies „Mörokko" bei seiner Gründung eine Reihe konkreter und wiedererkennbarer Charakteristika eines „echten" Staates auf. Dazu gehörten beispielsweise eine schriftlich fixierte Verfassung, eine eigene Nationalflagge und eine Nationalhymne, Grenzkontrollen (Einreise mittels Visum), eine eigene Währung mit der Möglichkeit zum Devisentausch (Euro in die Landeswährung im Verhältnis 1:10), ein Gericht mit dazugehöriger Staatsanwaltschaft, eine Landespolizei, ein Radiosender, eine Tageszeitung und natürlich diverse Wirtschaftsbetriebe bzw. Unternehmen, die nach Einreichung eines Konzepts ihrer Wirtschaftlichkeit über Kredite Waren aus dem zentral organisierten Warenlager beziehen und weiterverarbeiten konnten. Zu diesen Betrieben gehörten u.a. diverse Restaurants, eine Bäckerei, Frisöre, eine Tanzschule und eine Taschenmanufaktur. Das während der Projektphase erwirtschaftete Geld, die beachtliche Summe von knapp 12.000 Euro, wurde einem gemeinnützigen Zweck zugeführt.

Die Projektidee „Schule als Staat" ist allerdings nicht neu. Bereits in den 1990er Jahren entstand in Schleswig-Holstein das Konzept und fand auch erste Nachahmer. Eine stärkere Dynamik mit höheren Durchführungszahlen dürfte sich im Rahmen des Programms „Demokratie Lernen und Leben" der Bund-Länder-Kommission entwickelt haben, das in den Jahren von 2002 bis 2007 in vielen Bundesländern durchgeführt wurde.

Zum Konzept

Michael Marker betrachtet das Projekt „Schule als Staat" als ein Verbund mehrerer pädagogischer Methoden. Sein Potential entfalte es vor allem aufgrund seiner Eigenschaft als  Projektmethode und als Planspiel, unter anderem auch deshalb, weil didaktisch klar das Prinzip der Handlungsorientierung im Vordergrund stehe, das vom Autor in den übergeordneten Zusammenhang des „Demokratie-Lernens" eingeordnet wird. Auch reformpädagogische Anknüpfungspunkte werden angedeutet, jedoch nicht weiter ausgeführt. Den theoretischen Bezugsrahmen seiner Studie spannt Marker in einem eigenen Kapitel unter dem Titel „Die Theorie der Demokratiepädagogik" vom Konzept der „Demokratie als Lebensform" (Schule als „embryonic society"), das auf die pragmatische Philosophie John Deweys zurückgeht, über die von Hartmut von Hentig publizierte Idee der „Schule als Polis" bis hin zur Politikdidaktik des Politologen Gerhard Himmelmann, der Demokratie als Lebens-, Gesellschafts- und Herrschaftsform interpretiert und entsprechend im schulischen Kontext gelehrt wissen möchte.

Marker verschweigt nicht, dass diesen Gedanken auch Widerspruch entgegen gebracht wurde. So zum Beispiel von Prof. Dr. Peter Massing, der sich gegen eine vermeintlich Verengung dessen, was Politik ist, auf den Begriff der Demokratie wehrt. Massing hatte 2003 in einem Interviewband zur politischen Bildung pointiert formuliert: „Ich beharre auf einem komplexen Demokratiebegriff und behaupte starrsinnig, dass Demokratielernen nur als Politiklernen möglich ist". Diese Einwände werden von Marker mit dem Hinweis auf das Lernverhalten und vor allem Lernvermögen der vorgefundenen Schülerschaft zurückgewiesen. Für ihn ist klar, dass das skizzierte Konzept des Demokratie-Lernens gerade an den Schulen verankert werden muss. Er fordert: „Die Lernpraxis an Schulen muss ... Erfahrungs- und Handlungsfelder eröffnen, die es den Schülern erlauben, Orientierungs- und Deutungswissen aufzubauen, Urteils- und Entscheidungsfähigkeit zu entwickeln und ihre schulische und außerschulische Lebenswelt in Übereinstimmung mit demokratischen Werten aktiv und verantwortungsvoll mitzugestalten". Fachunterricht, den der Autor im Übrigen selbst erteilt, sei hierfür nicht ausreichend. Projektorientiertes Lernen dagegen umso mehr.


2010_schule_als_staat_cover100.jpg

Titel: Die Schule als Staat. Demokratiekompetenz durch lernendes Handeln
Autor: Michael Marker
Erschienen: Wochenschauverlag, 2009
ISBN: 978-3-89974549-8
Preis: 29,80 EUR
Zu beziehen bei: http://www.wochenschau-verlag.de/

Projektevaluation/Forschungsdesign

Marker gliedert seine Untersuchung in mehrere Phasen, die jeweils eigene charakteristische Untersuchungsmethoden beinhalten und auf eine erweiterte analytische Perspektive im Sinne des Prinzips der Triangulation ausgelegt sind. So wählt er im Rahmen der Vorstudie eine standardisierte Befragung von Schülern der Klassen 8-12, begleitet das Projekt selbst durch die qualitative Methode der teilnehmenden Beobachtung und befragt nach Abschluss des Projekts erneut die Schüler der Klassen 8-12 nach den Erfahrungen, die sie während des Projekts gemacht haben und nach Veränderungen in relevanten Einstellungs- und Überzeugungswerten. Die grundlegenden Kategorien und die Richtlinien zur Operationalisierung der Teilfragen entlehnt der Autor den OECD-Kompetenzdefinitionen , die er als „Referenzrahmen" für demokratische Handlungskompetenz interpretiert, obwohl diese an und für sich allgemeinen bzw. „multi-disziplinären" Charakter haben und nicht spezifisch unter dem Aspekt der „Demokratie als Lebensform" entwickelt wurden. Ergänzt wurde die abschließende quantitative Befragung durch ein Leitfadeninterview mit einer Auswahl von zehn Schülern, die während des Projekts unterschiedliche Verantwortungsbereiche hatten, und entsprechend unterschiedliche Erfahrungen machten.

Effekte

Michael Marker stellt in seiner Untersuchung des Projekts „Schule als Staat" bei den Projektteilnehmern eine hohe Motivation und eine Erweiterung der Erkenntnisse in Bezug auf politische und ökonomische Zusammenhänge fest, Effekte, die letztlich mit einer verminderten Politikdistanz einhergehen. Dazu gehörte auch ein verbessertes Verständnis für Politiker im Allgemeinen (wobei angemerkt werden muss, dass sich bei dem Projekt auch Lokalpolitiker präsent zeigten). Außerdem wurde von den Schülern das Erleben der Möglichkeit, selbstbestimmt und selbstverantwortet handeln zu dürfen als besonders positiv erlebt. Ein Schüler wird mit den Worten zitiert: „Ich würde das Projekt auf jeden Fall weiterempfehlen, weil es eine einmalige Erfahrung ist und es jeden Einzelnen weiterbringt. Weil jeder Einzelne in gewisser Weise auf sich und seine Fähigkeiten mal wirklich gestellt ist und nicht immer die Hilfe von Erwachsenen hat und bekommt und die Entscheidungen selbst treffen muss". Schließlich stellt Marker ebenfalls ein vertieftes Interesse an institutionalisierten Formen der öffentlichen Problem- und Konfliktlösung fest (wie z.B. dem Gericht bzw. dem Parlament). Die zehn interviewten Schüler wurden nach Ablauf eines längeren Zeitraums erneut befragt. Dabei zeigte sich eine Abschwächung der während und direkt im Anschluss an das Projekt beobachteten positiven Effekte.

Fazit

Mit seiner Studie zum Projekt „Schule als Staat" am Eduard-Mörike-Gymnasium in Neunenstadt/Kocher leistet Michael Marker einen Beitrag zur aktuellen Problemlage um die politische Bildung an Schulen, der geeignet ist, diejenigen zu unterstützen und weiterzubringen, die um eine praktische Umsetzung des Demokratie-Lernens mit möglichst vielfältigen und lebensnahen Methoden bei ihrer Schülerschaft bemüht sind. Das damit vor allem die inhaltliche Fülle des Fachunterrichts nicht ausgefüllt oder abgedeckt ist, tut dem Sinn und der Effektivität des Projekts keinen Abbruch. Das Projekt erscheint im Gegenteil als auf individueller Ebene anregendes Element, an das sich in vielfältiger Weise didaktisch anknüpfen lässt, worauf Marker auch an gegebener Stelle hinweist. Es ist davon auszugehen, dass dies auch für ähnlich angelegte schulische Projekte gilt, seien es bestehende oder neu zu entwickelnde. Interessant wäre die Antwort auf die Frage, inwiefern das Projekt Effekte außerhalb des bürgerlich-kleinstädtisch geprägten Milieus zeigt, das nach Aussage Markers kein „soziales Problemfeld" darstellt. Wie sich das Konzept also im Kontext eher bildungsferner und heterogener Milieus bewährt bleibt, zumindest was den wissenschaftlichen Rahmen einer Studie angeht, weiterhin offen.

Das Buch eignet sich nur bedingt als Leitfaden zur Durchführung des Projekts, wer also nach konkreten Vorlagen zur Umsetzung sucht, ist an anderer Stelle besser bedient.


Links

Dokumentationshomepage der Eduard-Mörike-Schule Neuenstadt/Kocher: www.moerokko.de.tl

OECD Website zu der Definition von Kompetenzkategorien und -kriterien

Die OECD Kompetenzkategorien als PDF-Dokument

Publikation der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg zum Projekt „Schule als Staat"

Einführung zum Konzept "Schule als Polis" der BLK

Weitere Anregungen für projektorientierte politische Bildung im schulischen Bereich: CoActive für lebendige Demokoratie

Literaturhinweise


Hartmut von Hentig: Die Schule neu denken. Eine Übung in pädagogischer Vernunft. J. Beltz Verlag, Weinheim 2003. ISBN-10 3407221193

Eine kritische Stimme zum Konzept des Demokratie-Lernens in seinem Selbstverständnis als Kernstück politischer Bildung ist:
Peter Massing: „Ich beharre auf einem komplexen Demokratiebegriff und behaupte starrsinnig, dass Demokratielernen nur als Politiklernen möglich ist" in: Kerstin Pohl (Hrsg.): Positionen der politischen Bildung, Schwalbach/Ts 2003

 
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