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Der Augsburg Zeitzeugenkoffer. Ein Gespräch mit Stadtjugendring-Mitarbeiter Frank Brütting Drucken E-Mail
Geschrieben von Miriam Apffelstaedt   
Freitag, 22. Januar 2010

foto_frank_brtting.jpgDer Zeitzeugenkoffer des Augsburger Stadtjugendrings soll Jugendliche für Zivilcourage und nichtkonformes Verhalten sensibilisieren. Hierzu  beschäftigt er sich mit den lokalen Verhältnissen der Stadt Augsburg während des NS-Systems und stellt verschiedenen Herangehensweisen zur Bearbeitung zur Verfügung. Bei der Entwicklung des Koffers wurden auch Zeitzeugeninterviews geführt und somit ein Beitrag zur Dokumentation der Augsburger Geschichte geleistet. Dabei sollten „keine Helden kreiert werden, sondern wir wollten normale Menschen zeigen, die an einem Punkt nichtkonformes Verhalten gezeigt haben, " erklärt Frank Brütting, Verbandskoordinator des Stadtjugendring Augsburg, im Interview.

Was ist der Augsburger Zeitzeugenkoffer?
Der Koffer ist eine Materialsammlung, die sich mit der Geschichte Augsburgs und des Umlands während des NS-Regimes beschäftigt. Wir glauben, dass die Thematik damit mit der Lebenswelt von Augsburger Jugendlichen verknüpft wird.

Es gibt eine Fülle von Materialien, dass sich in sechs Themen untergliedern lässt. Hierzu gehören unter anderem nichtkonformes Verhalten, Jugend im Krieg oder Vermittlung der Ideologie. Zu diesen Themen finden sich in dem Koffer unter anderem ein Planspiel, eine Stadtralley, ein Film über die Widerstandskämpferin Anna Pröll oder auch Zeitzeugeninterviews.

Zudem gibt es Musterbausteine, wie eine Schulstunde oder ein Wochenende mit dem Koffer gestaltet werden können. Hierzu gehören auch unterschiedliche Übungen oder Spiele.

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Zeitzeugenkoffer?
Geschichte kann für Zivilcourage und nichtkonformes Verhalten in der jetzigen Zeit sensibilisieren. Wir hoffen, dass der Transfer gelingt, dass Jugendliche sich damit auseinandersetzen, was Zivilcourage in ihrer, heutigen, wesentlich sichereren Welt bedeutet. Selbstverständlich lehrt Geschichte allein noch nicht Zivilcourage, aber sie kann Anregungen geben, wie man Probleme der Gegenwart angehen kann. Andererseits wollten wir aber auch die Geschichten der Leute durch die Zeitzeugeninterviews bewahren. Dadurch sollten keine Helden kreiert werden. Wir wollten normale Menschen zeigen, die an einem Punkt gesagt haben: „Da mache ich nicht mit.". Zum Beispiel eine Lehrerin, die sich weigerte bestimmte ideologische Lieder im Unterricht zu singen. Oder einen KFZ-Mechaniker, der trotzdem einen Juden angestellt hat.

Für welche Zielgruppe wurde der Koffer erstellt?
Konzipiert ist der Koffer für Jugendgruppen oder Schulklassen. Grundsätzlich muss eine Mindestkenntnis der NS-Zeit bereits vorhanden sein. Wir empfehlen den Koffer daher ab der achten Klasse. Im Prinzip kann den Koffer jeder ausleihen.
2010_zeitzeugenkoffer_400.jpg
Wie viel Vorwissen wird benötigt, um mit dem Koffer arbeiten zu können?
Der Zeitzeugenkoffer ist eine didaktische Sammlung, aus der ausgewählt werden muss. Dazu muss man sich natürlich auch damit beschäftigen. Der Vorteil des Koffers ist ja gerade, dass man ganz unterschiedliche Zugänge finden kann.

Gibt es etwas, dass Ihnen persönlich am Zeitzeugenkoffer besonders wichtig ist?
Also mir ist wichtig, dass es gelungen ist durch die Zeitzeugenberichte die Lebenserfahrung der Menschen archiviert zu haben. Das ist ganz wertvoll. Zudem glaube ich, dass es uns gelungen ist, die Thematik so aufzuarbeiten, dass es Jugendliche heute anspricht.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Vermittlung von Zivilcourage?
Zivilcourage ist ein permanentes Thema der politischen Bildung. Selbstverständlich hat es heute andere Dimensionen. Unserer Leben heute lässt sich nicht mit der Zeit damals vergleichen. Trotzdem fällt es uns auch heute schwer Zivilcourage zu zeigen. - Uns allen, nicht nur Jugendlichen. Wir reden nur immer von Jugend. Ich würde vielleicht sogar sagen, dass die Jugend noch am meisten Zivilcourage zeigt. Kinder sind da sowieso noch ganz unbelastet und Jugendliche sind da häufig viel freier als Erwachsene.

Wie lässt sich politische Bildung am besten vermitteln?
Bei Jugendlichen sicherlich durch positive Vorbilder. Das ist ganz wichtig, da gibt es vielleicht auch zu Wenige, auch in der Politik. Möglicherweise ist das auch eine Ursache für die Parteienverdrossenheit. Außerdem muss man Jugendlichen Freiraum und Selbstverantwortung geben, was wir häufig zu wenig tun. Jugendliche müssen Fehler machen dürfen. Gestaltungsmöglichkeiten sind eigentlich das Wichtigste. Das ist in der Schule oft ganz schwer, dabei ist Schule zeitlich der bestimmende Bereich der Lebenswelt von Jugendlichen. Wenn dort das Mitgestaltung von Demokratie nicht erlernt werden kann, wo dann? Es geht ja nicht um das Mitbestimmen von Noten, aber da wäre mehr möglich. Bei uns im Jugendbereich müsse sie es können, sonst gibt es keine Angebote. Wenn sich niemand um die Pfadfindergruppe kümmert, kommt auch keine Gruppe zustande.

Politische Bildung bedeutet für mich...
...jemanden befähigen in der Gesellschaft aktiv mitzugestalten.

Erfolgreiche politische Bildung...
...vermittelt Wege und Formen sich zu beteiligen.

Der Zeitzeugenkoffer ist erfolgreich weil...
...es ihm gelingt Jugendliche in der heutigen Zeit zum Thema nonkonformes Verhalten zu sensibilisieren.

Herr Brütting, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Miriam Apffelstaedt

 

 
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