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Der Zeitzeugenkoffer des Augsburger
Stadtjugendrings soll Jugendliche für Zivilcourage und nichtkonformes Verhalten
sensibilisieren. Hierzu beschäftigt er
sich mit den lokalen Verhältnissen der Stadt Augsburg während des NS-Systems
und stellt verschiedenen Herangehensweisen zur Bearbeitung zur Verfügung. Bei
der Entwicklung des Koffers wurden auch Zeitzeugeninterviews geführt und somit
ein Beitrag zur Dokumentation der Augsburger Geschichte geleistet. Dabei
sollten „keine Helden kreiert werden, sondern wir wollten normale Menschen
zeigen, die an einem Punkt nichtkonformes Verhalten gezeigt haben, " erklärt
Frank Brütting, Verbandskoordinator des Stadtjugendring Augsburg, im Interview.
Was ist der
Augsburger Zeitzeugenkoffer?
Der Koffer ist eine Materialsammlung, die sich mit der Geschichte Augsburgs
und des Umlands während des NS-Regimes beschäftigt. Wir glauben, dass die
Thematik damit mit der Lebenswelt von Augsburger Jugendlichen verknüpft wird.
Es gibt eine Fülle von Materialien, dass sich in sechs Themen
untergliedern lässt. Hierzu gehören unter anderem nichtkonformes Verhalten,
Jugend im Krieg oder Vermittlung der Ideologie. Zu diesen Themen finden sich in
dem Koffer unter anderem ein Planspiel, eine Stadtralley, ein Film über die Widerstandskämpferin
Anna Pröll oder auch Zeitzeugeninterviews.
Zudem gibt es Musterbausteine, wie eine Schulstunde oder ein
Wochenende mit dem Koffer gestaltet werden können. Hierzu gehören auch
unterschiedliche Übungen oder Spiele.
Welche Ziele verfolgen Sie mit dem
Zeitzeugenkoffer?
Geschichte kann für Zivilcourage und nichtkonformes Verhalten in der
jetzigen Zeit sensibilisieren. Wir hoffen, dass der Transfer gelingt, dass
Jugendliche sich damit auseinandersetzen, was Zivilcourage in ihrer, heutigen,
wesentlich sichereren Welt bedeutet. Selbstverständlich lehrt Geschichte allein
noch nicht Zivilcourage, aber sie kann Anregungen geben, wie man Probleme der
Gegenwart angehen kann. Andererseits wollten wir aber auch die Geschichten der
Leute durch die Zeitzeugeninterviews bewahren. Dadurch sollten keine Helden
kreiert werden. Wir wollten normale Menschen zeigen, die an einem Punkt gesagt haben:
„Da mache ich nicht mit.". Zum Beispiel eine Lehrerin, die sich weigerte
bestimmte ideologische Lieder im Unterricht zu singen. Oder einen KFZ-Mechaniker,
der trotzdem einen Juden angestellt hat.
Für welche Zielgruppe wurde der Koffer
erstellt?
Konzipiert ist der Koffer für Jugendgruppen oder Schulklassen. Grundsätzlich
muss eine Mindestkenntnis der NS-Zeit bereits vorhanden sein. Wir empfehlen den
Koffer daher ab der achten Klasse. Im Prinzip kann den Koffer jeder ausleihen.

Wie viel Vorwissen wird benötigt, um mit
dem Koffer arbeiten zu können?
Der Zeitzeugenkoffer ist eine didaktische Sammlung, aus der ausgewählt
werden muss. Dazu muss man sich natürlich auch damit beschäftigen. Der Vorteil
des Koffers ist ja gerade, dass man ganz unterschiedliche Zugänge finden kann.
Gibt es etwas, dass Ihnen persönlich am
Zeitzeugenkoffer besonders wichtig ist?
Also mir ist wichtig, dass es gelungen ist durch die Zeitzeugenberichte die
Lebenserfahrung der Menschen archiviert zu haben. Das ist ganz wertvoll. Zudem
glaube ich, dass es uns gelungen ist, die Thematik so aufzuarbeiten, dass es
Jugendliche heute anspricht.
Welche Herausforderungen sehen Sie bei
der Vermittlung von Zivilcourage?
Zivilcourage ist ein permanentes Thema der politischen Bildung.
Selbstverständlich hat es heute andere Dimensionen. Unserer Leben heute lässt
sich nicht mit der Zeit damals vergleichen. Trotzdem fällt es uns auch heute
schwer Zivilcourage zu zeigen. - Uns allen, nicht nur Jugendlichen. Wir reden
nur immer von Jugend. Ich würde vielleicht sogar sagen, dass die Jugend noch am
meisten Zivilcourage zeigt. Kinder sind da sowieso noch ganz unbelastet und
Jugendliche sind da häufig viel freier als Erwachsene.
Wie lässt sich politische Bildung am besten vermitteln?
Bei Jugendlichen sicherlich durch positive Vorbilder. Das ist ganz wichtig,
da gibt es vielleicht auch zu Wenige, auch in der Politik. Möglicherweise ist
das auch eine Ursache für die Parteienverdrossenheit. Außerdem muss man
Jugendlichen Freiraum und Selbstverantwortung geben, was wir häufig zu wenig tun.
Jugendliche müssen Fehler machen dürfen. Gestaltungsmöglichkeiten sind
eigentlich das Wichtigste. Das ist in der Schule oft ganz schwer, dabei ist
Schule zeitlich der bestimmende Bereich der Lebenswelt von Jugendlichen. Wenn
dort das Mitgestaltung von Demokratie nicht erlernt werden kann, wo dann? Es
geht ja nicht um das Mitbestimmen von Noten, aber da wäre mehr möglich. Bei uns
im Jugendbereich müsse sie es können, sonst gibt es keine Angebote. Wenn sich
niemand um die Pfadfindergruppe kümmert, kommt auch keine Gruppe zustande.
Politische Bildung bedeutet für mich...
...jemanden befähigen in der Gesellschaft aktiv mitzugestalten.
Erfolgreiche politische Bildung...
...vermittelt Wege und Formen sich zu beteiligen.
Der Zeitzeugenkoffer ist erfolgreich weil...
...es ihm gelingt Jugendliche in der heutigen Zeit zum Thema nonkonformes
Verhalten zu sensibilisieren.
Herr Brütting, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Miriam Apffelstaedt
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