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Memoro - die Bank der Erinnerungen e.V. sammelt Geschichten älterer Menschen aus ihrer Jugend in
Form von kurzen Videos, die man sich auf der Internetplattform http://www.memoro.org/de/
ansehen kann. So werden diese Anekdoten bzw. persönlichen
Erinnerungen gleichsam konserviert und für junge Menschen heute und in Zukunft
aufbewahrt. Das Projekt will somit eine Generationenbrücke bauen und die
Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fördern, denn diese bringt häufig
einen veränderten Blick auf die Gegenwart mit sich.
Gestartet ist das Projekt in Italien im
Jahr 2007 und in Deutschland versucht Herr Nikolai Schulz seit Mitte 2008 auch
eine solche Erinnerungsdatenbank aufzubauen. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit bei Memoro und vor allem über
einige der vielen witzigen, tragischen und bewegenden Geschichten, die Senioren
aus ihrer Vergangenheit zu erzählen haben.
Herr Schulz, welcher Gedanke steckt hinter dem Projekt Memoro?
Der Grundgedanke ist, dass Geschichte
durch persönliche Geschichten nachvollziehbarer gemacht werden soll und das vor
allem für Jugendliche, die eine Zielgruppe des Projekts sind. Ein älterer Herr
hat beispielsweise erzählt, dass er als Kind während des Kriegs immer in
Straßenkleidung geschlafen hat, weil er immer wieder im Bunker übernachten
musste. Als der Krieg dann vorbei war, hat er noch eine weitere Woche in
Straßenkleidung geschlafen, aus Angst, wieder im Bunker übernachten zu müssen.
Diese Geschichte ist beispielsweise für jede(n) sehr nachvollziehbar. Wir
möchten eine Bank der Erinnerung schaffen mit vielen kleinen persönlichen und
nachvollziehbaren, aber konsumierbaren Anekdoten. Sozusagen kleine Blitzlichter
auf besondere Episoden aus dem Leben verschiedener Menschen. Bei Memoro geht es
um Zeitzeugen und „Oral History". Durch das Medium Internet in Verbindung mit
dem Video untermalen Gestik, Mimik und die regionale Sprachfärbung das
Erzählte.
Durch die Kategorisierung der Erinnerungen in Themen und spezielle Rubriken
erwächst langsam eine Struktur, vergleichbar vielleicht mit einem Baum.
Welche Menschen wollen Sie mit der Erinnerungs-Datenbank erreichen?
Menschen ab 65 können eine Geschichte aus ihrem Leben erzählen, weitere
Einschränkungen haben wir nicht. Alle, die etwas erzählen möchten, welches
möglichst noch eine Botschaft für die Jugend transportiert, können dies bei uns
tun.
Was lernen vor allem junge Menschen durch Memoro?
Heute sprechen wir beispielsweise von „der größten Krise seit den 30er
Jahren", und wenn man dann hört, dass die Menschen früher über Wochen hungerten
und im Wald Bucheckern für eine Suppe gesammelt haben, dann relativiert sich
vieles. Ich denke, durch solche Geschichten kann man auch einen anderen Blick
auf die Gegenwart bekommen. Neben dieser Relativierung aktueller Geschehnisse
können junge Menschen ihre Großeltern und deren Generation durch die kurzen
Geschichten besser verstehen.
Ziel unserer Arbeit ist es, eine Generationenbrücke zu schaffen. Dies
geschieht, indem junge Menschen selbst aktiv werden, beispielsweise ihre
Großeltern filmen und ihr Video dann auf unsere Internetseite hochladen, oder
wenn sie die Videos einfach nur ansehen.
Wie sieht ihre Arbeit konkret aus?
Ich selbst bin in diesem Projekt momentan „Mädchen für alles". Ich habe im
Spätsommer 2008 damit begonnen, Memoro in Deutschland aufzubauen, nachdem ich
bei Spiegel Online von dem italienischen
Projekt („Banca della Memoria") erfahren habe. Ich war damals gleich an dem
Projekt interessiert, da ich auch Computerkurse für Senioren anbiete. In den
letzten anderthalb Jahren habe ich die italienische Seite nach und nach ins
Deutsche übersetzt, habe die ersten Clips mühsam zusammengetragen, einen
Videokurs gemacht, mir die erste Videokamera meines Lebens gekauft, einen
Verein gegründet und versuche zudem Pressearbeit zu machen und nach Sponsoren
zu suchen. Also alles, was im Projekt gemacht werden muss. Durch den Status des
gemeinnützigen Vereins, dürfen mir nun auch andere gemeinnützige Organisationen
helfen, wie beispielsweise die Stiftung Gute-Tat.de
in München, die
freiwillige HelferInnen vermitteln. Dadurch konnte mir ein Jurist die
Geschäftsbedingungen vom Englischen ins Deutsche übersetzen. Zwei junge Frauen
machen freiwillig für das Projekt ein bisschen Pressearbeit und eine Dame aus
einer Werbeagentur hat einen professionellen Flyer für Memoro entworfen. Ich
versuche das alles zu koordinieren und nehme mir auch Zeit, um die Interviews
zu führen und zu filmen, um Kooperationspartner zu finden, um das Projekt auch
über Beitrage in Blogs zu promoten.
Gab es ein besonderes Highlight in ihrer Arbeit / was motiviert Sie?
Ein Highlight war zum Beispiel ein Interview mit einem professionellen
Erzähler, der auch Kinderbuchautor ist. Der konnte sehr ergreifend und auch
humorvoll erzählen. In den Geschichten geht es nämlich nicht immer nur um den
Zweiten Weltkrieg, wie viele Anfangs glauben. Das Projekt deckt nämlich
unterschiedliche Bereiche ab. In einer Geschichte ging es um die Anfänge der
Studentenproteste zu Beginn der 60er Jahre. In einer anderen erzählt eine Frau
von ihrem ersten Kuss in den 40er Jahren. Sie dachte, sie würde davon schwanger
werden und müsse nach dem Kuss ausspucken, um das zu verhindern. Tragisch an
der Geschichte ist jedoch, dass ihr Freund nach diesem ersten Kuss in den Krieg
ziehen musste und nie mehr zurückgekommen ist...
Highlights meiner Arbeit sind immer Geschichten, die entweder witzig oder
tragisch sind und von einer beeindruckenden Person erzählt werden. Ein Traum
von mir ist es, auch noch „berühmte" Leute zu interviewen, wie beispielsweise
Helmut Schmidt oder Edmund Stoiber, die für das Projekt sicherlich so einige
Türen öffnen könnten.
Ein weiteres Highlight sind natürlich positive Feedbacks, die ich manchmal
erhalte, z.B. nach einem Radiointerview. Dadurch merke ich, dass die Arbeit des
Projekts honoriert wird und ich weiß, dass es wichtig ist, weiterzumachen.
Was hat Memoro mit politischer Bildung zu tun?
Wenn Menschen von einer anderen Zeit berichten, wie es damals
beispielsweise mit der Meinungsfreiheit aussah, dann ist das für mich
politische Bildung. Die Videos können durch das Internet ja jederzeit kostenlos
angesehen werden und stehen so beispielsweise auch Schulklassen oder Seminaren
an Universitäten zur Verfügung.
Gibt es Einrichtungen oder Institutionen mit denen Sie in Zukunft stärker
kooperieren wollen?
Da
das Projekt nun nach anderthalb Jahren in Deutschland so langsam Gestalt
annimmt und wächst, ist es uns zur Zeit besonders wichtig, Sponsoren zu finden
und Menschen zum Spenden zu ermutigen, um unsere Kosten zu decken. Wir
versuchen momentan auch mit unterschiedlichen Firmen, wie BMW oder MAN Kontakt
aufzunehmen. Sie können bei uns eine Sonderseite einrichten, auf der ehemalige
ältere MitarbeiterInnen zu Wort kommen. So können auch die Firmen zeigen, dass
sie sich um ihre ehemaligen MitarbeiterInnen kümmern, neudeutsch ihre Corporate
Social Responsability bzw. Nachhaltigkeit beweisen. Firmengeschichte und
Unternehmenserfolge lassen sich in schnöden Zahlen ausdrücken - oder aber in
lebendigen Geschichten, erzählt von Mitarbeitern, welche die jeweilige Firma
jahrelang durch Höhen und Tiefen begleitet haben. Wie hat alles angefangen, die
ersten Erfolge und die ersten Rückschläge, gab es einen gemeinsamen Geist, eine
corporate identity? All das können die Firmen auf Memoro.org, der Datenbank des
Erinnerns, in Form von kleinen Videoclips festhalten. Wir interviewen und
filmen die pensionierten Mitarbeiter ab 65 Jahren. Die Firmen können so Ihre
Firmengeschichte(n) in einem dedizierten Bereich auf der Website
veröffentlichen und Memoro.org als wertvolle Plattform für die
Unternehmenskommunikation nutzen, und obendrein die Clips auf der jeweiligen
Firmenwebsite einbinden. Auf diese Weise können die Firmen nicht nur das
"Firmengedächtnis" fit halten, sondern auch die Tradition und die
Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen stärken.
In Italien funktioniert das bereits. Dort ist es überdies sogar so, dass die
Stadt Turin mit der Region Piemont und der Provinz Cuneo eine Trägerschaft für
das Projekt übernehmen. Ich fände es sehr schön, wenn das hier in ähnlicher
Weise vielleicht mit der Stadt München, oder dem Freistaat Bayern oder auch der
Bundeszentrale für Politische Bildung klappen würde. Auch über die
Zusammenarbeit mit Stiftungen würde ich mich sehr freuen.
Eine ganz wunderbare Zusammenarbeit
gibt es in Barcelona, wo katalanische Schriftsteller gefilmt werden, die somit
auch ihre Sprache pflegen und das Video sozusagen als eigene Werbung auf ihrer
Webseite einbinden können und dafür Memoro in Spanien finanziell unterstützen.
Sie sehen, das Projekt kann wirklich auf vielfältigste Weise unterstützt
werden.
Politische Bildung bedeutet für mich...
... aus den Erfahrungen und Fehlern der Vergangenheit zu lernen und dadurch
heute mehr zu tun und idealerweise die Erfahrungen den nächsten Generationen zu
vermitteln.
Erfolgreiche politische Bildung...
... erweckt Interesse am Gemeinwohl auf verschiedenen Ebenen: kommunal,
landespolitisch, aber auch europaweit. Unser Projekt ist gelebtes Europa! Wir
sind bereits in fünf europäischen Ländern aktiv.
Memoro ist erfolgreich weil...
... das Medium gratis
weltweit und jederzeit unsere Inhalte zur Verfügung stellt. Diese sind sehr
kurzweilig und konkret und es handelt sich um ein nicht-kommerzielles,
internationales Projekt.
Herr Schulz, wir bedanken uns für das
Gespräch!
Das Interview führte Erika Rempel
Weitere Informationen:
Einen Artikel über das Projekt Memoro -die Bank der Erinnerungen e.V. inklusive Flyer und Projektpräsentation zum Download finden Sie hier auf unserer Website.
Das Anschreiben für Firmen, die ihre Geschichte gerne aus Sicht der älteren, ehemaligen Mitarbeiter/innen festhalten und auf diesem Wege Memoro als Kooperationspartner unterstützen möchten finden Sie hier (136.08 Kb) |
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