Seit 2003 veranstaltet UNICEF Deutschland einen jährlich stattfindenden
Wettbewerb - "JUNIORBOTSCHAFTER" - der aktives Engagement für die
Kinder der Welt und deren Rechte stärken möchte.
Seit Beginn haben über 65.000 Kinder sich im Rahmen des Wettbewerbs mit den
unterschiedlichsten Themen beschäftigt: Mit der Situation der Kinder und
Jugendlichen in den Entwicklungsländern, mit dem Recht auf Schule oder auch mit
so schwierigen Themen wie Kindersoldaten, Kinderhandel, Kinderarbeit oder Mädchenbeschneidung.
Die feierliche Preisverleihung mit Beteiligung von Kindern und Jugendlichen aus
ganz Deutschland sowie prominenten Gästen findet in der Frankfurter Paulskirche
statt. Die besten Einsendungen werden jedes Jahr von einer Jury aus 8
Jugendlichen und 8 Erwachsenen ausgewählt. Neben den Preisen für die Plätze 1 -
5 gibt es Sonderpreise, in diesem Jahr für "Kinderrechte machen
Schule" sowie für die Aktionen "Wir laufen für UNICEF",
"Ganz Chor für UNICEF" und die Teilnahme am Junior8-Gipfel.
Die UNICEF - Arbeitsgruppe Frankfurt a. Main ist bei der Veranstaltung in der
Paulskirche behilflich.
Wir haben mit Hubert Leitsch, dem Leiter der Arbeitsgruppe, über den Wettbewerb
gesprochen.
Herr Leitsch, welche Intention steckt hinter dem
Projekt „Juniorbotschafter
Hinter diesem Wettbewerb steht die Ambition, das Thema
verstärkt in die Öffentlichkeit zu tragen. Dabei möchten wir bei den Kindern
und Jugendlichen ansetzen und die Schulen damit bewegen, sich damit auseinanderzusetzen
.Das Ziel ist, dass vor allem junge Menschen sich mit den Kinderrechten
befassen und für dieses Thema auch Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit
schaffen.
Was müssen Kinder bzw. Jugendliche tun, um „Juniorbotschafter für
Kinderrechte" zu werden?
Einzelpersonen oder auch Gruppen können ganz unterschiedliche Aktionen
initiieren, um damit auf beispielsweise Kinderrechtsverletzungen aufmerksam zu
machen. Zu diesen Aktionen geben wir auch viele Anregungen und Beispiele. Die
Kinder können etwas backen, das an einem Infostand verkaufen und den Erlös
einem Kinderhilfsprojekt von UNICEF spenden. Es können Kinderzeitungen
erstellt, Filme gedreht und Spiele in der Fußgängerzone angeboten werden und
vieles mehr.
Um welche Themen geht es bei der Beschäftigung mit Kinderrechten konkret?
In einer unserer Broschüren sind die wichtigsten Kinderrechte
schlagwortartig aufgeführt. Es geht zum Beispiel um Gleichheit, Gesundheit,
Bildung, gewaltfreie Erziehung, Recht auf Existenz, also Registrierung. Das
Letztgenannte ist in manchen Teilen der Welt tatsächlich noch ein
schwerwiegendes Problem. Ohne offiziell zertifizierte Existenz einer Person,
bleiben ihr die meisten anderen Rechte ebenfalls verwehrt. Für uns hier ist das
etwas Selbstverständliches und man denkt daher nicht häufig darüber nach. Aber
genau dieses Nachdenken und Einfordern scheinbar selbstverständlicher Rechte
soll durch den Wettbewerb angeregt werden.
Es geht zudem auch um frei Meinungsäußerung, Schutz vor wirtschaftlicher und
sexueller Ausbeutung, Schutz im Krieg und auf der Flucht.
Geht es dabei „nur" um die Rechte der Kinder in den sogenannten
„Dritte-Welt-Ländern", oder sind auch die Rechte der Kinder in den westlichen
Gesellschaften angesprochen?
Es geht tatsächlich um beides. UNICEF fordert, dass die Kinderrechte in das
Grundgesetz aufgenommen werden. Dennoch ist natürlich die Situation hier
überhaupt nicht mit der in den sogenannten „Entwicklungsländern" vergleichbar.
Man denke beispielsweise an Kindersoldaten. Dann wird schnell klar, dass sich
auch die Forderungen jeweils in ganz unterschiedlichen Dimensionen bewegen.
Trotzdem können die Kinder, die an dem Wettbewerb teilnehmen, ihren
persönlichen Schwerpunkt in der Auseinandersetzung mit den Kinderrechten selbst
wählen.
Wäre es nicht zielführender, Erwachsene und da besonders die sogenannten
„Entscheidungsträger" für die Wichtigkeit und den Ausbau von Kinderrechten zu
sensibilisieren und zu motivieren?
Ja und deshalb möchte UNICEF, dass die Kinderrechte tatsächlich in das
Grundgesetz aufgenommen werden! Dazu gibt es immer wieder Aktionen gerade in
Richtung der Politiker.
Der Wettbewerb legt jedoch seinen Schwerpunkt auf die Sicht und
Auseinandersetzung der Kinder, da es wichtig ist, schon in jungen Menschen die
Sensibilität für die Kinder- und Menschenrechte zu wecken. Dass Kinder
beispielsweise geschlagen wurden, schien vor einigen Jahrzehnten noch fast
„normal". Ich finde es wichtig, dass im Bereich der Kinderrechte eine zunehmende
Sensibilisierung stattfindet.
Sind Sie der Meinung, dass die bestehende UN-Kinderrechtskonvention ein
Grund zu feiern ist?
Wenn diese Rechte realisiert werden, dann ist das definitiv ein Grund zu
feiern. Man muss aber beständig daran arbeiten, damit zum Beispiel allen klar
wird, was mit freier Meinungsäußerung und dem Recht auf Information in Bezug
auf Kinder wirklich gemeint ist und dann danach gehandelt wird.
Wo sehen Sie akuten Verbesserungsbedarf, was die Rechte von Kindern auch in
den westlichen Gesellschaften betrifft?
Zunächst finde ich es wichtig im öffentlichen Diskurs auch Kinder zu Wort
kommen zu lassen. Was bewegt sie denn? Das heißt nicht, dass Kinder immer Recht
haben, oder dass gemacht werden muss, was Kinder sagen. Aber man sollte ihnen
vor allem einmal zuhören.
Als UNICEF 1946 gegründet wurde, ging es darum den Kindern im zerstörten Europa
zu helfen. Als sich dann die Lage stabilisiert hatte wurde der Fokus auf die
„Entwicklungsländer" verschoben. Das ist heute auch das Hauptziel von UNICEF.
Insofern möchte ich schwerpunktmäßig nicht von den Kinderrechten in der
Bundesrepublik sprechen, obwohl sich das durch den Wettbewerb zum
Juniorbotschafter natürlich auch ergeben kann.
Was halten Sie von Kinderrechtsforderungen, wie Sie beispielsweise das Bündnis
„KRÄTZÄ" aus Berlin formuliert? Dort werden die allgemeinen Menschenrechte
grundsätzlich auch für Kinder eingefordert. Sie sollen dann beispielsweise das
Recht auf die freie Wahl ihres Wohnorts haben.
Das klingt mir zu grob, zu undifferenziert, da es doch zum Beispiel. eine
gewisse Fürsorgepflicht gibt. Deshalb können Babys nicht die gleichen Rechte
wie Erwachsene haben. Es sollte mehr um eine altersgemäße Entwicklung der
Rechte gehen, da eine gewisse menschliche Reife auch Voraussetzung für einige
Rechte ist. Ich denke nicht, dass man mit Gleichmacherei weiterkommt. Das Recht
auf Gleichheit meint jedoch eher eine Gleichheit unabhängig von Rasse,
Geschlecht, Religion und sozialer Herkunft.
Gibt es Institutionen oder Personen, mit denen Sie zukünftig (stärker)
zusammenarbeiten möchten?
Wir veranstalten häufig Unterschriftenaktionen, die sich direkt an
Ministerien richten, beispielsweise zu Themen wie der Beschränkung des
Waffenhandels. Dieser konnte tatsächlich erschwert werden, da sich der
Außenminister bei der UNO dafür stark gemacht hat. Die Zusammenarbeit mit
Politikern ist uns daher tatsächlich sehr wichtig, auch wenn solche Aktionen
und Fortschritte oft nur wie der Tropfen auf den heißen Stein erscheinen.
Was hat Ihr Projekt mir politischer Bildung zu tun?
Junge Menschen sollen auch mit der Situation in den Entwicklungsländern konfrontiert werden
und beispielsweise erfahren, wie wenig Kinderrechte dort verwirklicht werden.
Sie erfahren etwas über Unterschiede und verschiedene Lebensweisen und werden
dafür sensibilisiert. Vielleicht erwächst daraus auch die Erkenntnis darüber,
wie gut wir es hier trotz einiger Mängel haben.
Politische Bildung bedeutet für mich...
... Konfrontation mit gesellschaftlich wichtigen Themen, die das
Zusammenleben auch weltweit betreffen. Dabei geht es auch darum, auf die
Vergangenheit zu blicken und zu sehen, wie sich beispielsweise die Demokratie
entwickelt hat. Es geht also darum, etwas über das gute und schlechte
Funktionieren von Gemeinschaften zu erfahren.
Erfolgreiche politische Bildung...
... ist als Aufgabe vor allem in unseren Schulsystemen zu verankern.
Das Projekt „Juniorbotschafter für Kinderrechte" ist
erfolgreich, weil...
... es eine große Resonanz in der Öffentlichkeit und vor
allem im Schulbereich gefunden hat.
Herr Leitsch, wir bedanken uns für das Gespräch!
Das Interview führte Erika Rempel.
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