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Das UN-Flüchtlingskommissariat hat ein Onlinespiel für Jugendliche
veröffentlicht, das sich mit den Themen Flucht und Menschenrechte
beschäftigt. Eine umfangreiche Auswahl an Hintergrundinformationen für
die Jugendlichen selbst, sowie ein Lehrerleitfaden für den Einsatz im
Unterricht komplettieren das Angebot. Die Kombination aus spielerischer
Erfahrung und Hintergrundinformation soll Jugendliche für die
Bedürfnisse von Flüchtlingen sensibilisieren, heißt es in der Pressemitteilung des UNHCR
zur Veröffentlichung des Spiels.
Das Militär hat die Macht ergriffen, Andersdenkende werden verfolgt.
Bei einer friedlichen Kundgebung wird ein junges Mädchen verhaftet und,
da sie regierungskritischer Ansichten verdächtig ist, ausgiebig
verhört. Antwortet sie nicht so wie es das Militär verlangt wird sie
geschlagen, sie blutet.

Die Verhaftung, Screenshot aus "Last Exit Flucht"
Dem Mädchen wird sehr schnell klar, dass sie weiter misshandelt und
womöglich auf unbestimmte Zeit im Gefängnis verschwinden wird, wenn sie
gemäß ihrer Überzeugungen antwortet. Also unterschreibt sie was auch
immer ihr vom Militär vorgelegt wird: Sie verzichtet auf ihr Wahlrecht,
auf das Recht ihr Land verlassen zu dürfen, auf Versammlungsfreiheit,
das Recht auf freie Meinungsäußerung und auf ihren Glauben. Außerdem
unterschreibt sie, dass sie von der Polizei gut behandelt wurde. Sie
darf gehen. Vorerst, denn es ist sicher, dass die Militärpolizei in
Kürze wieder kommen, sie wieder einsperren, verhören, schlagen wird,
vielleicht sogar noch schlimmeres. Das Mädchen entschließt sich zu
fliehen, von jetzt auf gleich ohne Verzögerung, als Gepäck nur ein
kleiner Rucksack. Briefe, Familienphotos, die Lieblings-CDs, das
Haustier - was nicht in den Rucksack passt oder in der Eile nicht
parat liegt, muss zurückbleiben.
"Stell Dir vor, das wärst Du"
Diese Geschichte ist keinem Bericht Amnesty
Internationals entnommen, sondern in Wirklichkeit der Anfang eines
web-basierten Computerspiels, welches das UN- Flüchtlingskommissariat
(UNHCR) im März der Öffentlichkeit in Deutschland, Österreich und der
Schweiz präsentierte.
Ziel dieses kostenlosen Onlinespiels ist es,
Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren nahe zu bringen, was es bedeutet
ein Flüchtling zu sein. Unter welchem Druck man steht, wenn man sein
Land aus Angst um die eigene Sicherheit verlassen muss, wie es Menschen
auf der Flucht ergeht und wie es ist, sich als Asylsuchender in einem
fremden Land zurechtfinden zu müssen und sich aus dem Nichts ein neues
Leben aufzubauen.
Dazu schlüpft der Spieler in die Rolle eines
jungen Flüchtlings. Seinen Spielcharakter kann man sich selbst
aussuchen und muss ihm einen Namen geben. Die Jugendlichen, die hier
sozusagen „zur Auswahl stehen“ unterscheiden sich in ihrer Optik, also
Kleidung oder Frisur, eigentlich nicht von den Jugendlichen der Länder
an die sich das Spiel wendet. Auch ihr Zuhause, ausgestattet mit
Mp3-Player, Handy und Computer könnte das eigene sein. Das entspricht
vielleicht nicht unbedingt der Realität, erfüllt aber einen wichtigen
Zweck. „Der Flüchtling“ ist nicht ein Mensch aus einer anderen, fremden
Welt, die mit unserer nichts zu tun und mit unserer nur wenig gemeinsam
hat, so wie man das manchmal wahrnimmt, sondern ist an unserem Leben
ganz nah dran. „Stell Dir vor, das wärst Du“, sagt einem der Bildschirm
zur Einführung, wenn der Spieler von der passiven Rolle des Zuschauers,
der die Konflikte in fernen Ländern vom Sofa aus, mal mehr - mal
weniger interessiert beobachtet in die Position des Flüchtenden
versetzt wird.
In der Rolle des Mädchens muss man sich
zwielichtigen Schleppern anvertrauen, die einen zu Wucherpreisen zur
Grenze bringen, man muss für sich und seine Mitreisenden immer wieder
schwerwiegende Entscheidungen treffen - z.B. darüber, wer aus
Platzmangel nicht im LKW der Schlepper mitfahren kann - bis man
schließlich in einem fremden Land ankommt.

"Ihr seid zu viele im Lastwagen. Sechs Leute müssen aussteigen. Du musst wählen, wer!"
Im zweiten und dritten Teil des Spiels geht es im
Wesentlichen darum, ein neues Leben zu beginnen, sich in der fremden
Kultur und Sprache zurecht zu finden. Hier werden ebenfalls die vielen
Vorurteile thematisiert, mit denen Flüchtlinge, aber auch Ausländer im
Allgemeinen häufig zu kämpfen haben. Egal welche Qualifikationen man
vorzuweisen hat und wie seriös man auftritt, als Ferienjob (die
Protagonistin geht noch zur Schule) gibt es nur eine Stelle als
Reinigungskraft. Und für das Handy, das man sich vom ersten Lohn kauft,
um für die im Heimatland Zurückgelassenen erreichbar zu sein, muss man
beim Verlassen des Einkaufzentrums den Wachleuten den Kassenbeleg
zeigen, die gehen nämlich davon aus, man hätte es gestohlen.
Doch letztendlich trifft man überwiegend auf freundliche Menschen und
bis zum Schluss bleibt „Last Exit Flucht“ von einer, trotz allem,
hoffnungsvollen Grundtendenz geprägt.
Umfangreiche HIntergrundinformationen liefern thematische Unterfütterung
Neben einer durchaus packenden Handlung bietet
„Last Exit Flucht“ in einem so genannten „Fakten-Web“ zahlreiche
Hintergrundinformationen zu den Themen Flüchtlinge und Menschenrechte.
Diese Texte und Videodokumente sind auf die verschiedenen Teile des
Spiels zugeschnitten, so dass man zu jedem Spielabschnitt die passenden
Informationen abrufen kann. Neben Erklärungen zu gesetzlichen
Regelungen und Abläufen finden sich hier unter anderem
Erfahrungsberichte von erwachsenen und jugendlichen Flüchtlingen.
Darüber hinaus bietet ein Lehrerleitfaden, ebenfalls nach den einzelnen
Spielabschnitten gegliedert, Vorschläge zur Unterrichtsplanung, dies
inklusive Rollenspielen, Übungen und möglichen Diskussionsthemen.
Sämtliche Hintergrundinformationen funktionieren
auch ohne das Spiel und könnten somit unabhängig davon genutzt werden,
die Texte sind gut verständlich verfasst und gerade die
Erfahrungsberichte von Flüchtlingen liefern interessante Einblicke.
Fazit
Insgesamt gesehen bietet das Spiel „Last Exit
Flucht“ eine interessante und innovative Möglichkeit, sich den Themen
Asyl und Menschenrechte im Rahmen des Schulunterrichts zuzuwenden.
Das Spiel wirkt natürlich nur dann, wenn man sich darauf einlässt. Ob
man dies tut, wenn einen das Thema nicht sowieso schon interessiert,
bleibt zwar zu hoffen, ist allerdings fraglich.
Auch die kompromisslose Darstellung, die die
Spielemacher gerade in der Anfangsphase gewählt haben um an der
Ernsthaftigkeit der Ausgangssituation keinen Zweifel zu lassen, muss
einem nicht gefallen. Dass tatsächlich Blut fließt und Schmerzenslaute
zu hören sind, ist zumindest überraschend. Inwieweit diese Mittel
angemessen sind oder doch etwas zu heftig – darüber lässt sich
diskutieren. Denn auch wenn die angedeutete Gewalt, sie ist
letztendlich nicht zu sehen, dazu dient, eine düstere Atmosphäre zu
kreieren, bleibt ein kleines flaues Gefühl im Magen zurück.
Eine gute Vor- und Nachbereitung von „Last Exit
Flucht“ ist von den Machern intendiert und auch notwendig, damit das
Spiel nicht nur Unterhaltung bleibt sondern tatsächlich zum Nachdenken
anregt. Das „Fakten-Web“ und der Lehrerleitfaden bieten hier gute
Ansätze. Inwieweit ein derart intensives Befassen mit diesem Thema mit
dem Zeitdruck im Schulalltag vereinbar ist, muss die Praxis zeigen.
Einen Versuch ist es wert.
Hier finden Sie das Spiel "Last Exit Flucht".
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