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In den letzten Jahren hat das Deliberationsforum als Schulprojekt,
welches die Partizipation junger Menschen fördert, immer mehr
Anerkennung und Beliebtheit in der politischen Bildung erlangt. Es
bietet Schülern die Möglichkeit, durch neue anspruchsvolle Methoden
demokratische Kompetenzen zu entwickeln und die sehr komplexen
Interaktionsprozesse, welche parlamentarischen Entscheidungsabläufen
zugrunde liegen, nachzuvollziehen.
Da in der repräsentativen Demokratie meist nur punktuelle
Beteiligungsmöglichkeiten für Bürger bestehen, bieten sich ihnen nur
wenige Anreize, sich über wichtige gesellschaftspolitische Themen zu
informieren, ihren Wissenshorizont zu erweitern und die eigene Meinung
vor dem Hintergrund fundierter Informationen zu reflektieren. Diese
Lernprozesse werden Schülern jedoch durch das Projekt
Deliberationsforum ermöglicht.
Was genau ist dieses Deliberationsforum aber? Der Begriff
„deliberieren“ meint ein vernunftgeleitetes und freies Sprechen, mit
dem Ziel einer schrittweisen Verständigung über ein Problem und somit
die Präferenzen einzelner beteiligter Individuen. Dieser Prozess führt
jedoch nicht zu einer abschließenden Abstimmung. Vielmehr müssen sich
die Teilnehmer hier auf die Inhalte des Diskurses konzentrieren, um zu
kreativen Lösungen zu kommen. Die Form, das rhetorische Geschick oder
die Schlagfertigkeit treten dabei in den Hintergrund.
Zur Theorie
Deliberation (deliberare: lat. erörtern) bezeichnet die
(öffentliche) argumentationsbasierte Kommunikation über politische
Fragen auf Versammlungen, in Gremien und in der Medienöffentlichkeit.
Das Ziel dieses gesellschaftlichen Diskurses ist die Wahrnehmung und
der wechselseitige Ausbau von Fähigkeiten und Kompetenzen der
Beteiligten als politisch aktive Bürger. Durch das Engagement der
Bürger und das große Gewicht von (fachlichen) Argumenten ergibt sich
idealtypischerweise eine größere Legitimität im demokratischen System.
Theoretische Verfechter einer deliberativen Demokratie sind vor allem
Jürgen Habermas, aber auch James S. Fishkin und Seyla Benhabib.
Habermas stellt folgende Regeln für einen Diskurs auf:
1. Ein Diskurs besteht aus Diskussionen und Beratungen, in denen
verschiedene Parteien Informationen einbringen, geregelt austauschen
und kritisch prüfen.
2. Diese Beratungen sollen öffentlich sein. Niemand, der auch nur
potentiell von den Beschlüssen betroffen ist, darf ausgeschlossen
werden.
3.Kein Teilnehmer darf Druck von außen ausgesetzt werden. Die einzigen
Bedingungen, an die sich die Akteure zu halten haben, sind die
Kommunikationsvoraussetzungen (Verständlichkeit) und der
Verfahrensmodus der Argumentation (Begründungsprinzip).
In der Praxis
Es handelt sich um eine zentrale Herausforderung der Demokratie,
Menschen mit unterschiedlichen Präferenzen zu ermöglichen, eine
Entscheidung zu treffen, die von möglichst vielen von der Entscheidung
Betroffenen als demokratisch legitim empfunden wird.
Deliberation selbst ist somit eine Schule demokratischer Kultur und
sollte daher in der öffentlichen Schule, die dem Bildungsauftrag einer
Erziehung zur Demokratie nachkommen muss, ihren Raum finden.
Zwar haben deliberativ ausgerichtete Settings, wie beispielsweise
wöchentliche Klassenratssitzungen bereits eine gewisse Verbreitung an
den Schulen erreicht, didaktische Großformen des demokratischen
Sprechens wurden allerdings erst an sehr wenigen Schulen
institutionalisiert. Nur selten herrscht unter den LehrerInnen ein
übergreifender normativer Erziehungskonsens zur Vermittlung sozialer
und kommunikativer Kompetenzen vor.
So wird's gemacht
Bei der Durchführung von Deliberationsforen an Schulen geht es
darum, dass eine Gruppe von Schülern für andere Schüler ein
strukturiertes Lernsetting organisiert. Sowohl die durchführende
Projektgruppe als auch die teilnehmenden Schüler sollen demokratische
Kompetenzen entwickeln, ihr Wissen zu einer kontroversen
gesellschaftspolitischen Frage erweitern und ihre eigene Meinung anhand
von gesicherten Informationen überdenken.
Das Deliberationsforum kann einerseits Grundlage einer demokratischen
Entscheidung in der Schule, aber auch Lern- und Reflexionsplattform zu
größeren gesellschaftspolitischen Fragen sein. Bei erstgenannter
Möglichkeit werden Themen behandelt, die die Binnenstruktur der Schule
betreffen und kontrovers diskutiert werden können (beispielsweise: Soll
unsere Schule eine Ganztagsschule werden? Soll sich unsere Schule
integrationspädagogisch entwickeln? etc.). Hier können neben Schülern
auch Lehrer und Elternvertreter teilnehmen.
Geht es um Themen mit gesellschaftspolitischer Bedeutung, wie
beispielsweise um Zuwanderungspolitik oder die Erweiterung der EU wird
natürlich keine unmittelbare politische Entscheidung vorbereitet. Es
geht zunächst darum, sich mit einem Thema, das den Alltag eines
Schülers nur wenig betrifft, intensiv zu beschäftigen. Hier müssen
empirische Fakten und unterschiedliche politische Meinungen gründlich
recherchiert werden.
Die Arbeitsschritte
Unter der Leitung eines Schülermoderators haben die Schüler
anschließend die Möglichkeit in Kleingruppen über die vorgestellten
Themen zu deliberieren. In einer weiteren Plenarsitzung können die
Kleingruppen den Experten dann Fragen stellen. Dies kann sich bei
komplexen Themen an einem zweiten Deliberationstag wiederholen. Am Ende
eines solchen Projekts werden die gleichen anonymisierten Fragebögen
verteilt, welche mit einem Code versehen sind, so dass die Ergebnisse
vor und nach dem Projekt miteinander verglichen werden können. Solche
„Deliberative Polls“ werden zu den unterschiedlichsten Themen in vielen
Ländern durchgeführt. Dabei konnte bei der Durchführung mit Erwachsenen
nachgewiesen werden, dass öffentliche Interessen im Gegensatz zu
Einzelinteressen im Meinungsbild nach der Deliberation häufig an
Bedeutung gewinnen. Auch ein signifikanter Wissenszuwachs ist nach
Beendigung des Projekts festzustellen.
Ran an die Arbeit
Deliberationsforen an Schulen nehmen meist ein gesamtes Schuljahr
für Planung, Vorbereitung, Durchführung und Auswertung in Anspruch.
Dabei werden nach Auswahl eines Themas die ersten drei Monate mit
vertiefter Arbeit zu diesem Thema verbracht. Dazu lesen die Schüler
Fachtexte, recherchieren in öffentlichen Bibliotheken, besuchen
Veranstaltungen außerhalb der Schule oder laden ggf. Experten als
Diskussionspartner in den Unterricht ein. Anschließend muss der
komplexe Themenbereich strukturiert werden. Jetzt geht es darum, den
Deliberationsfragebogen mit den Meinungs- und Wissensfragen
entsprechend den Standards empirischer Forschung logisch aufzubauen.
Außerdem muss nun auch die Infopräsentation in Form einer
Power-Point-Präsentation fertiggestellt werden. Sie sollte präzise,
faktische Hintergrundinformationen zum Forumsthema enthalten. Hier ist
solides Expertenwissen und logisches Denken und Strukturieren von
Bedeutung. Um vermeintliche Fakten in das Material aufzunehmen, muss
zunächst eine eindeutige seriöse Quelle genannt werden. Diese Art der
Arbeit stellt für viele Schüler eine Herausforderung dar, denn hier
merken sie auch, dass politische Themen weitaus komplexer sind, als sie
im Tagesgeschäft meist erscheinen. Dadurch werden aber auch
anspruchsvolle eigene Denkprozesse angeregt.
Wenn es im nächsten Schritt darum geht, das Forum vorzubereiten und
dann durchzuführen, sind Projektmanagementkenntnisse gefragt. Die
Projektgruppe lädt nun alle Mitschüler der jeweiligen Stufe, sowie
Experten zu den einzelnen Facetten des Themas und auch Politiker aus
unterschiedlichen Parteien ein. Außerdem durchlaufen einige Schüler ein
Moderationstraining, um sowohl das gesamte Forum als auch die
Kleingruppen kompetent leiten zu können. Ein Überblick über die
einzelnen Projektschritte und den Kompetenzzuwachs der Schüler findet
sich in folgender Tabelle:
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Projektschritte
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Kompetenzentwicklung
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Mögliche Zeiteinteilung in Projektwochen
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Das Thema finden
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Demokratisches Sprechen üben
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1. – 6. Woche
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Das Projekt planen
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Projektmanagement
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7. – 8. Woche
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Informationen recherchieren und aufarbeiten
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Recherchieren, im Team arbeiten, präsentieren
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9. – 14. Woche
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Material entwickeln
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Fragebogen und Präsentation für Forum erstellen
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15. – 20. Woche
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Einladung der Gäste und Medien
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Kommunikation und Organisation
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21. – 32. Woche
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Moderation
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Moderieren in Kleingruppen und im Plenum
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parallel
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Feinorganisation Forum
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Projektmanagement
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......Durchführung des Forums ca. am Ende des 8. Monats
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Fragebogenauswertung und Dokumentation
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Auswertung von Daten, Reflexion
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33. – 40. Woche
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Grundsätzlich ist es sinnvoll, eine deliberative Kultur in kleinen
Schritten in Schulen einzuführen, da viele Schüler auch in der
Oberstufe kaum Erfahrungen mit demokratischem Sprechen haben. Ein Stein
in der Mitte des Gesprächskreises kann beispielweise dabei helfen, dass
immer nur eine Person, nämlich die, die den Stein in der Hand hält
spricht.
Ergebnisse der Evaluation
Die Auswertung der bisher in Deutschland stattgefundenen
Deliberationsforen an Schulen zeigt deutlich, dass
demokratisch-partizipative Kompetenzen auf unterschiedliche Weise
gefördert werden. Die Schüler eignen sich beispielsweise praktische
Kompetenzen im Bereich des politischen Handelns und der
Wissenschaftspropädeutik an, wenn sie…
… sich ein kontroverses gesellschaftspolitisches Themenfeld durch gezielte Recherche erarbeiten
… einen Fragebogen nach wissenschaftlichen Standards ausarbeiten
… eine fundierte Informationspräsentation vorbereiten
… mit Experten und Politikern sprechen
… Groß- und Kleingruppen moderieren
… Survey-Daten auswerten und
… eine Prozessdokumentation erstellen.
Diese Kompetenzen sind unmittelbar anschlussfähig an die Ziele der
Bildungspläne der meisten Bundesländer und da sie an die Inhalte
unterschiedlicher Schulfächer anknüpfen, ermöglichen sie ein
fächerübergreifendes Lernen. Im Rahmen des Deliberationsforums können
die Teilnehmer ein Verständnis für demokratische Entscheidungs- und
Kommunikationsprozesse entwickeln und schulen die Fähigkeit, politische
Standpunkte argumentativ zu begründen.
Zu beachten
Eine wichtige Voraussetzung für die Durchführung des Forums an
Schulen ist eine offene Kommunikation nach innen und außen. Das
bedeutet, dass eventuelle Bedenken von Seiten des Kollegiums oder der
Schulleitung und die möglicherweise erforderliche Genehmigung bereits
in die Planung mit einbezogen werden müssen, um auf kritische
Nachfragen wohlüberlegte Antworten zu haben. Auch der Zeitpunkt des
Forums muss bei der Jahresplanung berücksichtigt werden und rechtzeitig
sowie transparent für alle Beteiligten abgestimmt werden. Hilfreich ist
es auch, den Wert dieses Lernprojekts für das Profil der Schule von
Anfang an erkennbar zu machen. Dabei ist es sinnvoll, das Forum vor den
Gremien der Schule vorzustellen und in Lehrerkonferenzen kurz über
Fortgang und Planung des Forums zu berichten. Durch eine fortlaufende
Prozessreflexion können Erfolge, aber auch Frustrationen und Konflikte
aufgearbeitet und für das Projekt fruchtbar gemacht werden.
Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Schulleitung die Durchführung
didaktischer Großformen befürwortet und innerhalb des Kollegiums eine
Kultur der Kooperation und der Anerkennung gepflegt wird.
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