Sonntag, 14 Februar 2010 00:00

Gedenkstättenbesuche – wie Erinnern und Lernen verknüpft werden kann

geschrieben von  Theresa Riechert
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smilyjay jeanette dobrinth

© Jeanette Dobrindt / pixelio

"Gedenkstätten sind Orte gemeinsamen Lernens und Gedenkens sowie der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Erinnerungskulturen", so formulieren es Annegret Ehmann und Hans-Fred Rathenow. Damit sie allerdings auch beim Besuch mit Schulklassen oder anderen Gruppen zu besonderen Orten werden können, braucht es eine Einbettung des Besuchs. Eine Vor- und Nachbereitung sollte selbstverständlich sein. Das geschieht allerdings nicht immer, sodass Gedenkstättenmitarbeiter oftmals mit absolut unvorbereiteten Gruppen fertig werden müssen. Deshalb möchte dieser Artikel einerseits schildern, was es vor dem Besuch einer Gedenkstätte unbedingt abzuklären gilt und andererseits Beispiele nennen, wie eine Bearbeitung des Besuchs im Vorfeld und Nachhinein aussehen kann.

1. Fragen im Vorfeld

Bevor ein Gedenkstättenbesuch erfolgt, müssen viele Fragen geklärt werden: (1) „Grundsatzentscheidungen", (2) Fragen an die Gedenkstätte und natürlich (3) Fragen an die Teilnehmer.

„Grundsatzentscheidungen"

- Welche Ziele verfolge ich mit dem Gedenkstättenbesuch?

- Wie viel Zeit können und sollten wir uns für den Gedenkstättenbesuch nehmen?

- Ist die Teilnahme freiwillig? (Evtl. Alternativprogramm)

Fragen an die Gedenkstätte

- Wie umfangreich ist die Ausstellung?

- Welche Abteilungen der Ausstellung eignen sich besonders für meine spezifische Gruppe, welche eher nicht?

- Kann die Gruppe sich die Gedenkstätte auch in Kleingruppen nach der Methode der angeleiteten Selbstführung erschließen?

- Gibt es Räume für Kleingruppenarbeit?

- Welche Medien stehen zur Verfügung: Bibliothek oder Archiv, Audio-, Videomaterialien etc.?

- Welche pädagogischen Mitarbeiter/innen sind für die Gruppe als fachkundige Ansprechpartner/innen am besten geeignet?

- Besteht die Möglichkeit zu einem Gespräch mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen?

- Gibt es biographische Bezüge (Opfer/Täter) zur Geschichte der eigenen Familie oder Region, aus der die Gruppenmitglieder kommen?

- Gibt es Möglichkeiten für praktische Erhaltungsarbeiten in der Gedenkstätte?

- Welche produktorientierten Lernformen bieten sich an?

(nach Ehmann, Rathenow)

Fragen an die Teilnehmer

Wie kann ich die Gruppe in die Planung miteinbeziehen?

Welche Vorkenntnisse hat die Gruppe?

Welche Erwartungen stellen sie an den Besuch?

Welche Themen interessieren sie besonders?

Welche Fragen haben sie?

Welche Fragen möchten sie (gegebenenfalls mit einer Partnergruppe im Rahmen einer internationalen Begegnung) diskutieren?

Welche Bedürfnisse oder Befürchtungen haben sie bezüglich der Durchführung des Besuchs?

(nach Ehmann, Rathenow)

2. Die Vorbereitung

Bereits im Vorfeld des Besuchs sollten historische Grundkenntnissen erarbeitet werden, damit die Jugendlichen das Erlebte während des Besuchs besser einordnen und auch eigenständige Fragen stellen können. Dazu stehen natürlich auch vielfältige Materialien der Gedenkstätten selbst zur Verfügung. Für die bayerischen Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg finden sich auf der Seite www.gedenkstaettenpaedagogik-bayern.de/ der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit viele Informationen für die Vorbereitung und Ideen zur Gestaltung des Besuchs - wie beispielsweise Arbeitsaufträge oder auch zur Aktion „Schüler führen Schüler". Wichtig dabei ist es, die Jugendlichen selbst in die Planung und Vorbereitung einzubeziehen, ihnen beispielsweise die Möglichkeit zum eigenständigen Einbringen von Themen zu bieten.
Als konkrete Möglichkeit zur Vorbereitung eines Gedenkstättenbesuchs sei auf den Anne Frank Webguide verwiesen: auf dieser Homepage finden sich unterschiedlichste Materialien (Texte, Filme, Bilder), die das Leben der Anne Frank nachzeichnen und in den historischen Kontext einbetten. Dieser Webguide ist für Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren gedacht, die anhand der Infomaterialien eigenständig eine schriftliche Arbeit, ein Poster oder eine Präsentation zum Leben der Anne Frank erstellen können, oder sich einfach nur informieren. Die Webseite findet sich unter: www.annefrankguide.net/.

3. Nach dem Gedenkstättenbesuch

Im Nachhinein bedarf es in jedem Fall einer Nachbereitung des Erlebten, da die Eindrücke während des Besuchs oftmals überwältigend sind und die Jugendlichen oftmals noch lange beschäftigen. Zu einer solchen AUseinandersetzung bieten sich die verschiedensten Methoden an, wobei den Jugendlichen wiederum eine möglichst selbstständige und selbsttätige Verarbeitung ermöglicht werden sollte. Bewährt hat sich hier das Erstellen von Wandzeitungen, Collagen oder anderen Präsentationsformen. Beispielsweise kann auch vor dem Besuch eine Gruppe gefunden werden, die sich um Fotos der Ausstellung bemüht und im Nachhinein anhand der Bilder und weiterer Informationen eine eigene Ausstellung konzeptioniert werden. Auch das Aufgreifen im Kunstunterricht und das malerische oder plastische Verarbeiten des Gesehenen bietet sich geradezu an.

Durch diese Einbettung des Gedenkstättenbesuchs gelingt es dann auch, Lernen und Erinnern sinnvoll miteinander zu verknüpfen und die Potenziale eines Gedenkstättenbesuchs tatsächlich zu nutzen.

Weiterführende Informationen:

Ehmann, A.; Rathenow, H.-F.: Besuch einer Gedenkstätte. Im Internet unter:
http://www.bpb.de/methodik/ZW9MRE,0,0,Besuch_einer_Gedenkst%E4tte.html

Seite zur Gedenkstättenpädagogik der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit
http://www.gedenkstaettenpaedagogik-bayern.de/

Übersicht zu Gedenkstätten weltweit
http://www.gedenkstaetten-uebersicht.de

Materialien in englischer Sprache:
http://www.remember.org/

Gelesen 1633 mal Letzte Änderung am Freitag, 12 September 2014 13:34
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