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Dienstag, 16 Februar 2010 00:00

Lernen und Erinnern

geschrieben von  Christian Fey
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Am 25.01.2009 unterzeichneten die Präsidenten der Internationalen Häftlingskomitees der NS-Konzentrationslager und ihrer Außenkommandos ein Dokument , in dem sie die Staatengemeinschaft zur Bewahrung und Förderung der Erinnerung an die Verbrechen der NS-Diktatur auffordert. Die Unterzeichner erklären im Wortlaut: „Die letzten Augenzeugen wenden sich an Deutschland, an alle europäischen Staaten und die internationale Gemeinschaft, die menschliche Gabe der Erinnerung und des Gedenkens auch in der Zukunft zu bewahren und zu würdigen. Wir bitten die jungen Menschen, unseren Kampf gegen die Nazi-Ideologie und für eine gerechte, friedliche und tolerante Welt fortzuführen, eine Welt, in der Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus keinen Platz haben sollen. Dies sei unser Vermächtnis."

KZ-Gedenkstätte Dachau gespiegelt im Fenster
© VGMeril/ pixelio

Aus einer Perspektive der Didaktik politischer Bildung liegt neben dem politischen Aufruf in dieser Botschaft noch eine Pointe, die im Zusammenhang der in jüngerer Zeit geführten Diskussionen um eine sich verändernde Erinnerungskultur liegt - sie scheint zunächst vor allem die geschichtliche Aufarbeitung des Holocausts zu betreffen, betrifft aber darüber hinaus auch alle anderen Fragen des „Lernens aus bzw. an der Geschichte". Sie ist mit der folgenden Frage verknüpft: Wie kann Erinnerung für die gegenwärtigen und nachfolgenden Generationen zugänglich gemacht werden, wenn eine persönliche Begegnung mit Zeitzeugen nicht mehr möglich ist? Immerhin war dies bisher eine der prominentesten "Methoden" politisch-historischer Bildung, vor allem eben im Zusammenhang der Aufarbeitung der Deutschen Vergangenheit.

Der „Zeitzeuge" gilt als Vermittler historischer Bildung von besonderer Qualität - und das nicht ohne Grund: denn der „Zeuge" ist in jeder Kultur eine besondere Person und ihm wird eine bedeutsame Funktion zugesprochen, und das nicht nur auf dem Gebiet des Juristischen. Mithilfe des Zeugen wird über Wahrheit und Unwahrheit, Recht und Unrecht entschieden. Auch Kinder und Jugendliche kennen bereits (womöglich intuitiv bzw. aus eigenen Konflikterfahrungen) diese Funktion und nehmen ehrfahrungsgemäß Zeitzeugen entsprechend wahr und auch ernst. Ist aber die Abwesenheit bzw. das Aussterben von Zeitzeugen zwangsläufig mit einem Verlust der Qualität der Erinnerung und damit auch der möglichen Reichweite historischen Lernens verbunden?


Gesellschaftliche Rahmungen historischen Lernens

Die Begriffe „Erinnerungskultur", „kollektives Gedächtnis" oder „kulturelles Gedächtnis" (Assmann), die Teil der gegenwärtigen Diskussion um historisches Lernen sind, verweisen auf den gesamtgesellschaftlichen Rahmen des Problems. Konsensfähig für Akteure der politischen Bildung ist in der Regel, dass eine demokratische Gesellschaft ihre Gegenwart und Zukunft (auch und gerade im transnationalen Kontext) insbesondere auf der Grundlage der Lektionen, die die Vergangenheit gelehrt hat, konstruktiv gestalten kann und muss. Dieser Rahmen schließt auch eine gegenwärtige politische Dimension mit ein. Politisch insofern, als das Entscheidungen darüber getroffen werden, was in Erinnerung gerufen wird und wie dies geschieht - und damit wird der Raum abgesteckt, in dem sich Individuen kollektives Wissen und Erinnern überhaupt aneignen können.

Erinnerung ist daher weder politisch neutral noch geschieht sie unabhängig von aktuellen gesellschafspolitischen Fragen oder Trends. Ein wacher und sensibler Umgang mit allen Formen „organisierter Erinnerung" und den damit verbundenen Lernprozessen ist also gefragt. Hier und in diesem Zusammenhang ist dann auch die Mahnung der Präsidenten der Internationalen Häftlingskomitees besonders zu hören - und die Gestaltung von Erinnern und Lernen tritt als gesellschaftliche Aufgabe zu Tage.


Vergangenes gegenwärtig machen

Mit unserem Thema verbunden ist auf einer grundlegenden Ebene die Frage, wie Menschen allgemein - vor allem aber junge Menschen als Vertreter einer nachfolgenden Generation - überhaupt effektiv historisch Lernen können und wie kollektive gesellschaftliche Erinnerungen an sie übergeben werden können? Neben direkten kommunikativen Zugängen, wie sie über das Gespräch mit dem Zeitzeugen entstehen können, gibt es noch eine Reihe weiterer Möglichkeiten, durch die Vergangenheit für ein Individuum zum (Lern-)Gegenstand werden bzw. als Erinnerung weitergegeben werden kann. Dazu gehören zunächst die Kategorien des Ortes, der Gegenstände, des Dokuments und des Bildes, die in der Vergangenheit vorwiegend „klassisch" in Form der Gedenkstätte, des Museums bzw. der Ausstellung und der Auseinandersetzung mit Quellentexten oder deren literarischen Umsetzungen im Rahmen schulischen Unterrichts umgesetzt wurden.

Doch gibt es zu diesen Vermittlungsstrategien auch alternative Vorgehensweisen, die didaktisch gesehen eigenen Akzente setzten können. Das Förderprojekt „Pfade der Erinnerung" der „Geschichtswerkstatt Europa" etwa versucht Projekte anzustoßen, die nicht mehr nur „statische" Orte der Erinnerung zum Gegenstand setzt, sondern die Dynamik der Orte und ihre wechselnde Bedeutung in den Blick bringt, die sich z.B. durch Zwangsmigration entfaltet hat. Im Bereich der Museumspädagogik gab und gibt es auch immer wieder zielgruppenorientierte Umsetzungen, die Gegenstände nicht nur „betrachten" und „erklären" sondern auch „erleben" und „benutzen" lassen. Desgleichen gilt für Ausstellungen - im letzten Jahr fand beispielsweise der „Zug der Erinnerung" deutschlandweit Beachtung, der sich auf Schienen und durch Bahnhöfe auf seinen Weg zu unterschiedlichen Orten machte, die für die Geschichte der Deportationen von Bedeutung sind. Dass es auch zum Umgang mit historischen Dokumenten alternative Zugänge gibt, zeigen Ansätze wie „Schüler schreiben Geschichte" oder auch der bundesweite Geschichtswettbewerb der Körber-Stiftung, bei dem Schüler selbst zu Spurensuchern werden und sich eigene Zugänge zu Archiven, Dokumenten und Zeitzeugen verschaffen lernen. Als weitere Zugänge bieten sich zudem die Darstellung und Verarbeitung des Vergangenen in Kunst und Musik dar. Einen sehr interessanten (weil systematischen und umfassenden) Ansatz zeigt hier beispielsweise das Projekt „Die Farbe der Tränen. Der 1. WK aus der Sicht der Maler", das von den bedeutenden Museen der europäischen Geschichte getragen wird. Es deutet sich an: In den erwähnten Bereichen ist sicherlich viel Potential zur Beschreitung neuer und an unterschiedliche Zielgruppen angepasster Wege vorhanden.


Geschichte im digitalen Medium

Im Zeitalter alter (Radio, Fernsehen) und neuer Medien (Computer, Internet) ist es für viele selbstverständlich geworden, sich die eigene Lebenswelt über diese Medien zu erschließen. Dies gilt konsequenterweise zunehmend auch für geschichtliche Themen. Der Trend geht dabei zum „neuen" Medium Internet. Die Möglichkeiten digitaler Medien sind vielfältig und scheinen eine Reihe von Vorteilen zu bieten: Bilder, Ton, Video und Text können in beliebiger Kombination und zu jedem gewünschten Zeitpunkt auch ortsunabhängig widergegeben werden. Auch Interaktivität der Inhalte untereinander (Hypertext, dynamische Inhalte, unterschiedliche Visualisierungsmöglichkeiten) und mit dem Benutzer (d.h. der Benutzer kann dargestellte Inhalte auch beeinflussen oder verändern) ist möglich - wenn auch nicht immer leicht in angemessener und sinnvoller Art und Weise umzusetzen. Inhalte können außerdem dauerhaft ohne Qualitätsverlust gespeichert werden und sind vor allem einem breiten Publikum günstig zugänglich zu machen. Virtuelle Museen wie das LeMo und sein Online-Archiv sind inzwischen leicht umsetzbar und könnten auch mit aktueller Technik deutlich aufwendiger gestaltet werden. Vertreter der „alten" Medien unternehmen ebenfalls nicht grundlos vermehrt Anstrengungen in Richtung der „neuen" - vgl. hierzu u.a. die Website des ZDF zur Wiedervereinigung oder auch der allgemein zu beobachtende Trend zur „Mediathek".

Auch Zeitzeugenberichte, von denen ja eingangs die Rede war, lassen sich schließlich medial aufzeichnen und verbreiten, wenn hier auch der Charakter der persönlichen Begegnung abgeschwächt ist - vor allem, weil keine Interaktion mit der Person des Zeitzeugen mehr möglich ist. Das knapp 52.000 Videos umfassende Shoa-Archiv der Univsersity of Southern California ist hierfür nur ein Beispiel. Exempel einer medialen Umsetzung von Zeitzeugenberichten als „Oral History"-Projekt im deutschsprachigen Internet sind die Website „Erzählte Migrationsgeschichte " oder das konzeptionell sehr vielversprechende gerade in der Umsetzung begriffene Projekt „Unsere Geschichte " des Instituts für Mediengestaltung der Fachhochschule Mainz.

Wenn auch bis dato so manches mediale Angebot für das kritische Auge in seiner Umsetzung einige Wünsche unerfüllt lässt: Die Möglichkeiten, die der beschriebene Bereich bietet, werden in Zukunft mit steigender Leistungsfähigkeit der verfügbaren Computerhard- und software weiter steigen. Außerdem sind Verbesserungen im Blick auf didaktische Umsetzung und Benutzerfreundlichkeit bei steigender Angebotsvielfalt bzw. -konkurrenz zu erwarten. Institutionen und deren Vertreter, die auch in Zukunft historisch-politisches Lernen fördern wollen, werden daher auch für diesen Bereich - insbesondere für das Internet - qualitativ hochwertige Angebote entwickeln müssen.

 

Gelesen 567 mal Letzte Änderung am Freitag, 16 September 2016 10:32
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