Donnerstag, 13 September 2007 00:00

STICHWORT:„GEMEINSINN UND AKTIVE BÜRGERGESELLSCHAFT“

geschrieben von  Gerhard Kral

Als Indikatoren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt gelten soziale Phänomene wie Gemeinschaftssinn, Gemeinsinn oder Bürgersinn, Sozialkapital, Solidarität und Bürgerschaftliches Engagement (nach Gemeinsinn, S. 10).

Im Gemeinsinn orientiert sich der einzelne auf die Gemeinschaft hin. Er stellt ein Gleichgewicht her zwischen seinen eigenen, individuellen Ansprüchen und denen der anderen Mitglieder der Gemeinschaft. Der Gemeinsinn vermittelt so zwischen Individuum und Gesellschaft, fungiert als Clearingstelle zwischen egoistischem Eigeninteresse und Allgemeinwohlorientierung.

„Die Haltung des Gemeinsinns wurzelt in der Sozialität des Individuums. Die Erfahrung, nicht als autonomes Einzelwesen zu existieren, sondern sich im Raum von Gemeinschaften zu entwickeln und zu entfalten, ist für jeden Menschen elementar und existenziell."

(Gemeinsinn, S. 37)

Die politische Philosophie des „Kommunitarismus", seit den 1980-er Jahren die sozialwissenschaftliche Diskussion maßgeblich mit-prägend, diagnostiziert eine gefährliche Krise der modernen Gesellschaften. Als Folge eines radikalen, von der Ideologie des Neo-Liberalismus geförderten Individualismus seien wir konfrontiert mit einem Werteverfall, einer Identitäts-, Sinn- und Legitimitätskrise sowie einer tendenziellen Entsolidarisierung. Dagegen setzt sie die neue Konzeption der „Aktiven Gesellschaft" oder der „Verantwortungsgesellschaft", einer Gesellschaft, in der nicht „Jeder nur sich selbst der Nächste" ist (Etzioni; Haus, S. 110). Der Kommunitarismus dezidiert die notwendige Rückbesinnung auf Bedeutung und Wert von Gemeinschaft (community).

Ein Ziel des Kommunitarismus (genauer: der praktisch-reformerischen Variante) ist „eine Gesellschaft verantwortungsbereiter Bürger, die in erster Linie selbst und in selbstbestimmten Formen des Engagements in ihren gesellschaftlichen Lebenswelten tätig werden, um politische Probleme, die einer gemeinschaftlichen Lösung bedürfen, selbst zu lösen."

(Haus, S. 12)

Im Gegensatz zum atomistischen Menschenbild des Liberalismus sieht der Kommunitarismus - mit Werteerziehung, Bürgertugend, Bürgerengagement den Menschen als soziales Wesen - das einerseits von Kultur und Tradition seines Gemeinwesens geprägt ist - aber auch andererseits das Gemeinwesen und seine Entwicklung aktiv und verantwortungsvoll mit gestaltet.

Solidarität, durchaus auch im Sinne der Nächstenliebe, Verantwortung für andere wie für das Gemeinwohl insgesamt schaffen die Impulse für mehr bürgerschaftliches Engagement. Gestärkt wird die darauf basierende Zivilgesellschaft/ Bürgergesellschaft durch eine gemeinwohlorientierte Politik. Die Gemeinde, die Stadt oder die Region werden neu entdeckt als Gestaltungsräume von Aktivbürgerinnen und -bürgern. Die neue Parole lautet:

„Jenseits des Staates soll eine neue politische Verfasstheit der Gesellschaft geboren werden, in der die Bürger selbst das aktive regulierende Element sind."

(Aus Politik und Zeitgeschichte B 14/2004, S. 16)

„Die bürgerschaftliche Praxis in Deutschland orientiert sich in erster Linie an einer Neuprofilierung des Ehrenamtes im Sinne des bürgerschaftlichen Engagements. Empirische Untersuchungen zeigen, dass Ehrenamtlichkeit nicht mehr eingebettet ist in sozialmoralische Milieus und deshalb Engagementkonzeptionen dem gesellschaftlichen Biographisierungstrend Rechnung tragen müssen: Ehrenamtliches oder bürgerschaftliches Engagement des Einzelnen ist nicht mehr selbstverständlich dauerhafter Teil des Lebensplans, sondern wechselnd und projektorientiert und setzt vor allen Dingen eine biographische „Passung" voraus."

(Aus Politik und Zeitgeschichte B 14/2004, S. 18)

Mit einer Stärkung des Gemeinsinns und der solidarischen Unterstützung im Sozialleistungssystem wollen die Kommunitaristen den Tendenzen zu Anomie, Ausgrenzung und Gettoisierung entgegen steuern. Erfreuliche Entwicklungen zeichnen sich gerade bei der Motivierung und Aktivierung von älteren Menschen ab.

Ausgehend vom kommunitaristischen Programm zur gesellschaftlichen Solidarisierung hat das Sozialministerium von Baden-Württemberg 1995 das kommunale Lernprogramm „Bürgerschaftliches Engagement/ Seniorengenossenschaften" zu einer gemeinwesenbezogenen und generationsübergreifenden Aktivierung der Bürger zur Gestaltung ihres Lebensraums und ihres Gemeinwesens gestartet. Zusammen mit den Kommunalverwaltungen und den Wohlfahrtsverbänden als Experten im Hintergrund sollten insbesondere die älteren Mitbürger zu Initiativen mit dem Ziel ermutigt werden, ihre Lebenswelt eigenverantwortlich zu optimieren.

„Für die Bürgerinnen und Bürger geht es darum, die Privatheit der Familie und des Freundeskreises zu überschreiten, und im öffentlichen Lebensraum aktiv zu werden, ohne dass damit die Erwartung selbstloser Pflichterfüllung verbunden wäre (...) Bürgerschaftlich Engagierte legen Wert auf Selbstbestimmung, wollen ernst genommen werden und mitentscheiden. Aber sie sind zugleich bereit, sich in gesellschaftliche Belange verwickeln zu lassen. Sie überlassen nicht alles dem Staat, sondern setzen Zeit und Können ein und übernehmen Verantwortung."

(Witterstätter, Kurt: Soziale Beziehungen. Neuwied 2002, S. 45)

Taylor vertritt die soziale These, „dass das Recht auf Rechte und die Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft gleichrangig sind."

(Reese-Schäfer, S. 29)

Eine Identität als freies und autonomes Individuum ist dem gemäß nur erreichbar in einem sozial vorbestimmten und sozial verpflichtenden Kulturraum.

„Erfolgreiche Demokratien bedürfen einer politisch-kulturellen Grundlage. Ihre Förderung, auch wenn sie im Bereich der selbstorganisierten Altenhilfe, der Gesangsvereine oder Basketballclubs zunächst weitgehend unpolitisch erscheint, kann zur sozialen Selbstorganisationsfähigkeit der Gesellschaft beitragen."

(Reese-Schäfer, S. 106 f.)

„Wir müssen die Tugenden, die einer vitalen und freien Gesellschaft zu Grunde liegen, erneuern, aber wir werden bei dieser Aufgabe keinen Erfolg haben ohne eine verlässliche, stärkere moralische Infrastruktur."

(Etzioni, S. 20; vgl. auch ebd. S. 144 ff.)

Demokratische Gesellschaften sind für ihre Funktionsfähigkeit zweifelsfrei auf gemeinschaftsfähige Menschen angewiesen, die einander vertrauen und sich füreinander und für das Wohl der Gemeinschaft interessieren und einsetzen. Aus gegenseitigem Interesse und wechselseitigem Vertrauen sowie gemeinsamen Zielen und unterschiedlichen Ressourcen erwachsen Engagement und Beteiligung.

(Gemeinsinn, S. 9)

Weiterführende Literatur:

  • Etzioni, Amitai: Jeder nur sich selbst der Nächste?. Freiburg 2001
  • Gemeinsinn. Gemeinschaftsfähigkeit in der modernen Gesellschaft. Hrsg. Bertelsmann Stiftung, Forschungsgruppe Politik. Gütersloh 2002
  • Haus, Michael: Kommunitarismus. Einführung und Analyse. Wiesbaden 2003
  • Reese-Schäfer, Walter: Kommunitarismus. Frankfurt/ Main 2001
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