Montag, 03 Dezember 2007 00:00

Das Konzept: Community of Practice

geschrieben von  Florian M. Wenzel

Das erste Netzwerkforum Politische Bildung Bayern am 23. April 2008 ist überschrieben mit dem Titel Creating a Community of Practice.
Auf der Suche nach dem Selbstverständnis, der strukturellen Ausrichtung und der Zielvorstellung unseres Netzwerkes sind wir auf den Begriff der Community of Practice gestoßen. Kurz kann man ihn mit „praxisbezogene Arbeitsgemeinschaft“ übersetzen. Doch schon der Begriff community assoziiert im Englischen weit mehr als der deutsche Begriff von Gemeinschaft, die häufig als klar strukturiert und in Abgrenzung gegen andere verstanden wird.

Besonders vor dem Hintergrund der geschichtlichen Belastung durch den Begriff „Volksgemeinschaft“ ist community ein Alternativkonzept. Community wird weitgehend als selbstorganisiert verstanden und betont neue Formen sozialen Austauschs (z.B. online-community oder neighbourhood community). Practice wird seit einiger Zeit im Hinblick auf Projekte oder Verfahren mit „Best Practice“ oder „Good Practice“ in Verbindung gebracht und meint soviel wie „bewährte Praxis“ oder „Erfolgsmethode“. Das bedeutet, dass bei practice immer schon etwas von Können, Handwerk und Geschick mitschwingt. Damit hat practice nicht nur mit der Anwendung von Theorie in der Wirklichkeit (also Praxis) zu tun, sondern kann als Prozess des Lernens verstanden werden. Dieser Lernprozess beinhaltet die Wissenserweiterung durch Reflexionsprozesse und Aufgabenoptimierung.
Mit diesen Assoziationen gelangt man bereits direkt zur community of practice, die vor allem auf die Verbindung beider Begriffe fokussiert: Die „Verzahnung individueller Lernprozesse mit denen der Weiterentwicklung der einbettenden sozialen Gemeinschaft“
(http://de.wikipedia.org/wiki/Community_of_Practice). Es geht um Lernprozesse, die selbstorganisiert, aber gleichzeitig mit anderen stattfinden. Dies ermöglicht eine Weiterentwicklung der sozialen Beziehungen untereinander und eine effiziente Aufgabenbearbeitung. Eine soziale Identität kann entstehen und diese wiederum individuelle Weiterentwicklung fördern und Wissenserwerb ermöglichen.


Die Anwendung: Das Netzwerk Politische Bildung Bayern

Die community of practice wird oft in Verbindung mit Online-Communities erwähnt, die neue Formen des Wissensmanagements erproben und betreiben. Unsere Homepage ist eine solche Plattform, die es ermöglicht, sich zum Thema politische Bildung zu profilieren (Datenbanken), etwas beizutragen (Infomarkt), von anderen zu lernen (Archiv) und gemeinsame Erfahrungen auszutauschen (Kontakte). Für die gemeinsame Weiterentwicklung entscheidend bleiben jedoch sozial erlebte Kommunikationsprozesse. Anders als in strukturierten und formalisierten Arbeitsbeziehungen gibt es in communities of practice keine festgelegten Rollen – diese werden von den Einzelnen geformt, indem sie sich durch andere angenommen oder abgelehnt fühlen, sich in ihrer Rolle erproben und einen Platz finden. So entwickeln sich in einem dynamischen Prozess Strukturen und Rollen wie Experten, aktive und weniger aktive Mitglieder, Moderatoren, Beobachter etc. Die sozialen Beziehungen werden infolgedessen als Grundlage und Voraussetzung für inhaltliches und zielgerichtetes Arbeiten verstanden. All dies geschieht authentisch von Angesicht zu Angesicht.

Das Netzwerk politische Bildung Bayern ist auf dem Weg, eine Community of Practice zu werden, und nach der Erhebung von schulischer und außerschulischer politischer Bildung in Bayern konkrete Projekte voran zu bringen und umzusetzen. Ähnlich wie im Netzwerk Politische Bildung Schwaben werden so methodische Bausteine, innovative Bildungsanbieter oder neue inhaltliche Austauschforen entstehen. Entscheidend bei all diesen Initiativen ist – und das zeigt bereits die Erfahrung aus Schwaben – dass sie von Menschen getragen werden, die oft in ganz neuer, institutionen-, disziplinen- und hierarchieübergreifender Art und Weise zusammenarbeiten. Dabei erleben sich die Mitwirkenden selbst ganz neu - indem sie Praktisches tun, werden sie aufgeschlossen für neue Wege der politischen Bildung und bilden zusammen neue soziale Identität, die sie gemeinsam stärkt und individuell voranbringt.

Der Anfang für diese neue Arbeits- und Wirkungsform kann auf dem ersten gemeinsamen Netzwerkforum 2008 getan werden. Es wird im oben beschriebenen Sinne sehr „beziehungsintensiv“ (community) gestaltet, um vor allem zu ermöglichen, neue Kontaktmöglichkeiten innerhalb der Vielfalt der Interessenten und Akteure der politischen Bildung in Bayern zu nutzen, um jedem Teilnehmer die Gelegenheit zu bieten, eine eigene Rolle im Netzwerk zu explorieren und einen längerfristigen Austausch anzubahnen.

Gleichzeitig wird politische Bildung erlebbar (practice) dargestellt. Einerseits in Projekten aus Bayern, andererseits im Austausch über persönliche Motivationen und Visionen der Beteiligten.

Hintergrund
Der Begriff Community of Practice wurde 1991 durch Jean Lave (US-amerikanische Professorin für Ethnografie, Soziologie und Anthropologie an der Universität Berkely in Kalifornien und Etienne Wenger (unabhängiger Sozialforscher Schweizer Herkunft, lebt und arbeitet in San Juan, Kaliforniern) geprägt.
1998 erweiterte Wenger das Konzept für Aspekte der Organisationsentwicklung. Damit betonte er nach der statischen Beschreibung, wie Lernen in sozialer Einbettung funktioniert, vor allem verschiedene Phasen, Entwicklungs- und Interventionsmöglichkeiten con communities of practice.
Grundlegende Literatur:

Wenger, Etienne, Richard McDermott und William Snyder: Cultivating communities of practice: a guide to managing knowledge. Harvard Business School Press, 2002
Englische Rezension zu diesem Buch unter: http://www.tlainc.com/articl45.htm

Hildreth, Paul und Chris Kimble (Hrsg.): Knowledge Networks: Innovation Through Communities of Practice. London: Idea Group Inc., 2004
 

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