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Sonntag, 27 November 2011 00:00

Türkei: Von hastigen Reformen und fehlenden Lehrkräften

geschrieben von  Andreas Weiß

Im Rahmen der Artikelserie zur Politischen Bildung im internationalen Kontext wird an dieser Stelle die Türkei thematisiert.

11. Beitrag der Reihe: Die Sozialkunde in der Türkei (Sosyal Bilger) war in der nahen Vergangenheit das Ziel von Bildungsreformen, deren Umsetzung und Adaption kritisch betrachtet wird. Doch darüber hinaus bestehen weitere Gegebenheiten, die nach Mehmet Açıkalın eine dringende Verbesserung benötigen.

Sozialkunde und Atatürk

Das Ziel der türkischen Sozialkunde ist die Herausbildung von Bürgern, welche Atatürks reformatorische Wirkung begreifen, Wissen über die landesspezifische Kultur und Geschichte besitzen sowie sich den demokratischen Grundüberzeugungen und Bürgerpflichten bewusst sind. Die Rolle des Gründers der modernen Türkei wird in der Schule besonders hervorgehoben, nicht zuletzt weil noch heute Lehrpläne seine Handschrift tragen. Die Bestrebungen Atatürks, aus der Türkei einen säkularen, demokratischen Staat und damit aufgeklärte Bürger zu entwickeln, nahmen bereits in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihren Anfang. Der Einfluss der Religion auf das Schulwesen wurde in dieser Zeit aufgehoben und Fächer eingeführt, welche die Schüler mit gesellschaftlichen Fähigkeiten ausstatten sollten. Seit den frühen 70er Jahren wird Sozialkunde als ein interdisziplinäres Fach in der Grund- und Mittelschule unterrichtet. Während es in den ersten Schuljahren von relativer Stabilität zeugte, kam es beim Unterricht in der Mittelschule Ende der 80er Jahre zu Abänderungen, die allerdings noch vor der Jahrtausendwende mit dem Ziel der qualitativen Verbesserung der Lehre wieder reformiert wurden.


Reformen und Neuordnung

Etwa zur selben Zeit, in welcher die Sozialkunde in der Mittelschule wieder eingeführt wurde, kam es zu einer Erhöhung der Schulpflicht von fünf auf acht Jahre. Beide Entwicklungen waren Faktoren, die den darauf folgenden Lehrermangel verursachten: In den vier Jahren ab der Reform wurden knapp 190 000 Lehrer neu eingestellt, und noch bis heute besteht der Bedarf für über 130 000 Lehrkräfte. Auch die Lehrprogramme wurden – vor allem vor dem Hintergrund der Bestrebungen der Türkei, in die Europäische Union aufgenommen zu werden – neu gestaltet und den westlichen Standards angepasst. Dies umfasste sowohl die Fortbildung der Lehrkräfte als auch die Neuformung der Sozialkunde, deren Umbau bis heute andauert. Die Veränderung positionierten das Fach noch interdisziplinärer und betonen in Sachen Lernerfolg die Herausbildung von Fähigkeiten und Wertevorstellungen der Schüler. Darüber hinaus kam es zu einer veränderten Art und Weise der Leistungsnachweise. Während bisher schriftlich geprüft wurde, entscheiden nun Projekte, Präsentationen und kreative Arbeiten über den Erfolg. Dies bezeichnet den Paradigmenwechsel von behavioristischen zu konstruktivistischen pädagogischen Prinzipien.


Ansatzpunkte für weitere Bestrebungen

Açıkalın äußert im Einklang mit anderen Experten diverse Punkte, die an der Reform zu bemängeln sind. Zunächst stellt er fest, dass die konstruktivistischen Prinzipien einen Fremdkörper im sonst so standardisierten türkischen Schulsystem darstellen. Jedes andere Fach erfordert das Meistern national standardisierter Leistungsnachweise, wobei die Projektarbeiten in Sozialkunde ein zeitliches Hindernis darstellen. Die breite Meinung ist ebenso, dass die Projekte den Lernerfolg selbst nicht fördern. Dieser Widerspruch ist nach Açıkalın aufzulösen.

Ein weiterer Konflikt im Zusammenhang mit den konstruktivistischen Methoden der Sozialkunde besteht darin, dass die Lehrkräfte weder vorbereitet genug sind, die neuen Ansätze umzusetzen, noch genügend Ressourcen in Form von pädagogischen Leitlinien und aktualisierten Schulbüchern zur Verfügung haben.

Die Adaption amerikanischer Curricula sowie die geringe Einbindung von Lehrern, Eltern und Schülern bei der Reform mag seinen Teil zu dieser Situation beigetragen haben, wie Açıkalın anmerkt. Die Lehrkräfte jedenfalls benötigen, da sie mit der Flexibilität der neuen Richtlinien zu kämpfen haben, deutlichere Vorgaben. Ebenso biete die Ausbildung neuer, und darüber hinaus dringend benötigter Lehrer die Möglichkeit, besser qualifizierte Pädagogen hervorzubringen.


Quelle:

Açıkalın, Mehmet: The Current Status of Social Studies Education in Turkey, in: Journal of Social Science Education, 1/ 2011 (Online verfügbar)

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