Sonntag, 20 November 2011 00:00

Spanien: Neue Entwicklungen in der Zivilgesellschaft

geschrieben von  Andreas Weiß

Im Rahmen der Artikelserie zur Politischen Bildung im internationalen Kontext wird an dieser Stelle Spanien thematisiert.

10. Beitrag der Reihe: Spaniens Anstrengungen aktive und teilhabende Bürger herauszubilden wurden in der Vergangenheit kritisiert. Man sah deutliche Mängel in der Zivilgesellschaft und konstatierte fehlendes Verantwortungsbewusstsein und ein Ausbleiben der gesellschaftlichen Mitwirkung. Dem entgegen stehen jedoch die Proteste der spanischen Jugend im vergangenen Frühsommer – sind die Unzulänglichkeiten überwunden?

Navals Kritik

Im Jahr 2002 erschien im Journal of Social Science Education ein Bericht von Concepción Naval, welcher die Umsetzung der schulischen politischen Bildung im Rahmen einer Bildungsreform stark kritisierte. Hierbei diagnostizierte er der spanischen Zivilgesellschaft, und dabei insbesondere der Jugend, fehlende bürgerliche Beteiligung an aktuellen Problemen und Missständen. Als Beispiel dafür nannte er die ausbleibende gesellschaftliche Empörung – zumindest in größerem Rahmen – in Reaktion auf die massive Umweltverschmutzung, versursacht durch das Sinken der Prestige. Die Möglichkeit, in Zusammenhang mit dieser Situation einen merkbaren politischen Wandel in Hinsicht auf Umweltschutz zu fordern, wurde nach Naval nicht ausreichend genutzt. Dies wird als Zeichen defizitären bürgerschaftlichen Engagements verstanden, welches seinen Ursprung in der untauglichen schulischen politischen Bildung hat.

Das spanische Bildungssystem erhält zwar nationale Richtlinien, deren Umsetzung und genauere Definition jedoch den hierbei autonomen Gemeinden unterliegt. Hierbei entsteht die große Flexibilität und so Möglichkeit zur Anpassung an regionale Gegebenheiten, aber somit auch eine heterogene Umsetzung von Inhalten wie der politischen Bildung. Diese wird fächerübergreifend vermittelt, weist nach Natal aber deutliche Schwächen auf. Während er die Motivation hinter den Bildungsreformen als nobel anerkennt, verortet er diese Diskrepanzen in der Umsetzung und Implementation der nationalen Richtlinien, und folglich der Fähigkeit der Schulen, tatsächlich greifbar bürgerliche Kompetenzen zu vermitteln. Ebenso fordert er die stärkere Vermittlung demokratischer Werte, um letztendlich die Partizipation innerhalb der Gesellschaft zu stimulieren:

An education for citizenship requires the acquisition of some knowledge, the adhesion to some values, that imply certain attitudes, habits, some specific conceptions or ways of seeing and perceiving the world, the reality around us and the formation of instrumental competencies and operative abilities, especially those that promote participation.

Des Weiteren bemängelt er den Zustand der außerschulischen politischen Bildung als zu wenig ausgeprägt und nicht im Einklang mit den formalen Institutionen.


Neue Partizipation

Im Mai diesen Jahres protestierten in vielen Städten Spaniens die Menschen in großer Zahl. Vor allem Studenten und junge Arbeitslose, aber auch andere Gesellschaftsschichten forderten auf diese Weise von der Politik gegen den Mangel an Arbeitsplätzen und andere Missstände vorzugehen. Diese öffentliche Empörung, resultierend aus der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen, wird sich allem Anschein nach neben dieser informellen Art und Weise auch in zukünftigen formellen demokratischen Prozessen niederschlagen – die Kommunalwahlen jedenfalls wurden zumindest zum Teil durch die Proteste zu Ungunsten der Regierung beeinflusst. Fest steht, dass die junge Zivilgesellschaft des heutigen Spaniens nicht auf Navals Beschreibung aus dem Jahr 2002 zutrifft. Ob die Entwicklung bestand hat, wird man erst in gewisser Zeit herausfinden können.


Quelle:

Naval, Concepción: Civic Education in Spain/A Critical Review of Policy, in: Journal of Social Science Education, 2/ 2003 (Online verfügbar)


Weiterführende Links

Spaniens Frustrierte begehren auf, erschienen auf Zeit Online am 18.5.2011

Gelesen 425 mal Letzte Änderung am Dienstag, 13 September 2016 13:40
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