Montag, 14 November 2011 00:00

Finnland: Partizipation lehren

geschrieben von  Andreas Weiß

Im Rahmen der Artikelserie zur Politischen Bildung im internationalen Kontext wird an dieser Stelle Finnland thematisiert.

9. Beitrag der Reihe: Wie die schwindende politische Partizipation junger Menschen in Finnland die Regierung zum Handeln veranlasste; wie diese Maßnahmen konkret aussehen und welche Wirkung sie erzeugen. Finnland und sein Bildungssystem bilden bei der Diskussion um die Gestaltung von Schule zusammen mit anderen skandinavischen Staaten oft das Maß aller Dinge. Beruhend auf hervorragenden Ergebnissen bei PISA-Studien wird gerne auch versucht, skandinavische Praktiken zu adaptieren. Doch wie sieht es bei der konkreten politischen Bildung aus? Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zeigte sich bei der Wahlbeteiligung Jugendlicher in Finnland ein besorgniserregender Rückgang. Innerhalb einer Wahlperiode fiel die Teilnahme der 18 bis 30 Jahre alten Bürger um 10%. Zwischen 1983 und 1999 wurde im Rahmen einer Langzeitstudie ein genereller Rückgang erfasst, der einen klaren Trend verzeichnete.

Handlungsbedarf

Während 1979 noch drei Viertel aller jungen Menschen an der Parlamentswahl teilnahmen, fiel diese Zahl stetig und erreichte mit der Wahl im Jahr 1999 ihren Tiefststand mit nur noch knapp der Hälfte aller wahlberechtigten Jugendlicher. Diese Entwicklungen zeigten sich sowohl auf Bundesebene als auch bei lokalen Wahlen.

Die politische Kultur Finnlands beschreibt eine generell niedrigere Wahlbeteiligung im Vergleich zu anderen skandinavischen Ländern. Kontrastierende Studien stellten in diesem Zusammenhang fest, dass finnische Schüler weniger zuversichtlich sind, mit ihrer Stimme Veränderungen im Land zu erzielen. Der Ursprung dieser Skepsis wurde in den ersten Schuljahren verortet, in welchen die Bedeutung und der Einfluss von demokratischen Wahlen nur wenig befriedigend vermittelt werden konnte. Dabei sind finnische Jugendliche die Belange der Gesellschaft nicht fremd: die Studie zeigte ebenso auf, dass starkes Interesse an der Entwicklung und Stabilität ihrer Gemeinde besteht und zudem die Beteiligung an nichtstaatlichen Organisationen im EU-weiten Vergleich deutlich höher ist. Das Vertrauen, welches die finnischen Bürger ihrer Regierung entgegenbringen, ist wider Erwarten nicht geringer als in anderen nordeuropäischen Staaten. Dennoch wurde hier ein Handlungsbedarf identifiziert, der im Jahr 2003 mit Hilfe eines Programmes zur Beteiligung Jugendlicher angegangen wurde.


Partizipation fördern

Bei der Entwicklung eines Programmes zur verstärkten Einbindung Jugendlicher in den politischen Prozess wurde in einem dreigliedrigen Schema gearbeitet. Politische Entscheidungsträger, Forscher und Experten für die Arbeit mit Jugendlichen konzipierten auf diese Weise die Herangehensweise an die Thematik. Es wurden so drei Arbeitsfelder identifiziert: die Steigerung der Teilhabe junger Menschen am Gemeindeleben, am System der repräsentativen Demokratie und die Unterstützung unterschiedlicher Methoden zur Erlernung von partizipativen Verhalten und demokratischer Beteiligung.

Zur Stärkung der Mitwirkung Jugendlicher am Gemeindeleben wurde die Anteilnahme in lokalen, nichtstaatlichen Organisationen, Jugendräten und Freiwilligenarbeit ebenso gefördert wie die direkte Beteiligung an lokalen Projekten. Darüber hinaus wurde das Wirken von Eltern und Jugendarbeitern der Öffentlichkeit besser zugänglich und somit bewusster gemacht. Die Anteilnahme Jugendlicher am System der repräsentativen Demokratie besaß angesichts der bedenklichen Wahlbeteiligung besondere Bedeutung. So wurde ein Dialog zwischen der öffentlichen Verwaltung und Jugendlichen bzw. deren repräsentativen Organen (Jugendräte) eingerichtet und befördert. Dieser Austausch findet regelmäßig und strukturiert statt. Darüber hinaus wird auch versucht, Jugendliche zu erreichen die nicht Teil einer Jugendorganisation sind und deren Belange zu berücksichtigen. Dies geschieht gern medial, d.h. über das Internet, aber auch über Schule und Jugendarbeiter.

Die Beihilfe zur Einbindung junger Menschen wurde auch in einer Verschränkung formeller Institutionen wie der Schule mit informellen Institutionen wie z.B. Online-Plattformen angegangen.


Erfolge, Hindernisse und Ausblick

Als hinderlich bei der Ausarbeitung der beschriebenen Maßnahmen zeigten sich zum einen die Langsamkeit institutionalisierter Entscheidungsmechanismen sowie die Einstellung vereinzelter Beamter. Oft wird Jugendlichen nicht zugetraut, sich mit konkreten Problemstellungen objektiv zu befassen. Auf diese Weise wird eine Beteiligung heruntergespielt oder sogar verhindert.

Es zeigte sich dennoch ein Anstieg der Wahlbeteiligung Jugendlicher bei den Parlamentswahlen von 2003 und den Wahlen von 2004.


Quelle:

National Report of Finland concerning the priority of participation by young people, Helsinki 2006 (Link)

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