Montag, 31 Oktober 2011 00:00

Schweiz: Herausforderungen an die schulische politische Bildung

geschrieben von  Andreas Weiß

Im Rahmen der Artikelserie zur Politischen Bildung im internationalen Kontext wird an dieser Stelle die Schweiz thematisiert.

8. Beitrag der Reihe: Ein Blick auf die schulische politische Bildung in der Schweiz, welche die Gegebenheiten des Landes wiederspiegelt. Entlang kultureller und sprachlicher Unterschiede innerhalb der Gesellschaft bestehen auch unterschiedliche Formen politischer Bildung. Studien unterstellen den Eidgenossen jedoch stellenweise Diskrepanzen in der Herausbildung politisch gebildeter Bürger und fordern Reformen der Vermittlung von relevantem Wissen.

Heterogene Lehrpläne

Bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts besitzt die Ausbildung junger Menschen im Kontext der Schule einen Stammplatz in den Schweizer Lehrplänen. Die Volksschule übernahm diese Aufgabe, allerdings damals noch mit religiösem und patriotischem Hintergrund. Bereits damals gab es regionale Unterschiede: Während politische Bildung in der Deutschschweiz weitestgehend in bestehende Fächer wie Geschichte oder Geografie integriert und somit interdisziplinär abgehandelt wurde, kam es in der Westschweiz zu einer stärkeren Akzentuierung. Hier wurde bereits Mitte des 19. Jahrhunderts Staatskunde als eigenständiges Schulfach eingerichtet. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erfasste diese Entwicklung auch die Deutschschweiz. Bis heute allerdings besteht eine ungleiche Situierung des Faches unter den Kantonen; aber es lässt sich dennoch noch immer eine differenzierte Handhabung zwischen Westschweiz (eigenständiges Fach) und Deutschschweiz (interdisziplinäre Vermittlung) ausmachen.


Konzepte zur Vermittlung politischer Bildung

Neben der unterschiedlichen Praktik des Faches als solches wurden im vorvergangenen Jahrhundert auch unterschiedliche Ansätze zur Vermittlung politscher Bildung verwendet. In der Westschweiz umfasste die „instruction civique" ein deduktives Konzept: Zunächst wurde Theorie und Werte vermittelt, die als Basis für die folgende Organisations- und Institutionenlehre dienten. Dieses Prinzip wich schließlich der reinen Behandlung politischer Institutionen. In umgekehrter Weise agierte das deutschschweizerische System: Hier wurden Einrichtungen der Gegenwart beleuchtet und daran der theoretische Hintergrund behandelt. Im Lauf der Geschichte passten sich die Lehrpläne an aktuelle Thematiken an; so wurde beeinflusst vom Kalten Krieg antikommunistische Inhalte vermittelt, die mit dem Fall des eisernen Vorhangs an Bedeutung verloren. Die Gegenwart zeigt eine Abkehr von der reinen Vermittlung von Faktenwissen hin zu zeitgenössischen Themen wie aktueller Innenpolitik und Fragen der Menschenrechte, Medienethik und immer prominenter auch Wirtschaft.


Herausforderungen an die politische Bildung

Bereits im Jahr 2001 bewertete eine internationale Studie 28 Länder in Hinblick auf die politische Bildung (IEA Studie: „Citizenship and Education in 28 Countries", Torney-Purta 2001) auch die Schweiz. Das Ergebnis fiel nicht sehr positiv aus. Die Studie, bei der tausende Schüler aus allen Kantonen befragt wurden, lieferte deutliche Erkenntnisse und enthielt somit den Anstoß zu Reformen. So zeigten Schweizer Jugendlicher zwar ein enorm großes Vertrauen in die bestehenden demokratischen Prozesse und Institutionen, gleichzeitig jedoch äußersten sie zum Großteil nicht die Absicht, sich aktiv zu beteiligen. Vertrauen verbunden mit geringer Partizipation stehen sich hier nicht unbedingt gegensätzlich gegenüber – die positive Wahrnehmung weckt schlicht nicht den Reiz zur aktiven Veränderung. Das Wissen über die politischen Vorgänge bewegt sich bei den Schülern hingegen im unteren Bereich relativ zu anderen Ländern der Studie.

Die Autoren der Studie legten nahe, bei der Weiterentwicklung der politischen Bildung vor allem eine gesetzliche Fixierung des Faches anzustreben, sowie eine Revision der Inhalte anzugehen.

 

Gelesen 357 mal Letzte Änderung am Dienstag, 13 September 2016 14:07
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