Mittwoch, 26 Oktober 2011 00:00

Vereinigtes Königreich: Moderne Erziehung zum Bürger im multinationalen Kontext

geschrieben von  Andreas Weiß

Im Rahmen der Artikelserie zur Politischen Bildung im internationalen Kontext wird an dieser Stelle das Vereinigte Königreich thematisiert.

7. Beitrag der Reihe: Schulische politische Bildung im Vereinigten Königreich entwickelte sich aufgrund der administrativen Teilung in englische, walisische, schottische und nordirische Bildungssysteme sehr unterschiedlich und ist stellenweise problematischen Voraussetzungen ausgesetzt. Dennoch existiert eine gemeinsame Überzeugung: Die Erziehung zum Bürger ist ein notwendiger Dienst an der Gemeinschaft. Politische Bildung spiegelt sich hier am besten in der schulischen Herangehensweise, der „Citizenship Education", wieder. Der Überbegriff Bürgerbildung wird jedoch unterschiedlich umgesetzt, denn durch die dezentrale Strukturen in Großbritannien ergibt sich für die politische Bildung im Vereinigten Königreich eine besondere Situation.

Die vier unterschiedlichen Verwaltungsapparate gehen auf ihre Weise die Mission an, ihre Gesellschaft für Politik zu begeistern. Die aus der voneinander unabhängigen Entwicklung entstandenen Differenzen bieten aber auch Möglichkeiten.


Unterschiedliche Rahmenbedingungen für politische Bildung

Die Tatsache, dass in allen vier Schulsystemen politisch gebildet wird, verdeutlicht die Bedeutung, der dieser Art von Wissensvermittlung beigepflichtet wird. Dennoch kommt es zu unterschiedlichen Auffassungen, wie Citizenship Education auszusehen hat.

In Schottland entstand in den 60er Jahren das Fach „Modern Studies", welches politisches Verständnis als eines der Lernziele anstrebte, diese aber in einem fächerübergreifenden Kontext vermittelte. Nordirland entwickelte zu Beginn der 90er Jahren die gesetzlich geregelte Vermittlung von politisch-gesellschaftlichen Themen in den unteren Klassenstufen, welche allerdings stärker auf Gemeinschaft und Toleranz abzielten. Dies verhielt sich ähnlich in Wales, wo seit 1991 teilhabende, aktive, kritisch-reflektierende Bürger ausgebildet werden sollen. Hierbei ist der Faktor „Kultur und Gemeinschaft" jedoch prominenter vertreten. Nur England verfehlte lange Zeit, gesetzliche Regelungen zum politisch bildenden Unterricht einzurichten. Dies führte zu äußerst unklaren Verhältnissen im Klassenzimmer bezüglich der Schülerbewertung und der Position im Lehrplan. Man behob diesen Missstand zwar erst im Jahr 2002, allerdings dann mit hoher Präzision und durchdachten, modernen Konzepten.


Schwerpunkte der Citizenship Education

Bezüglich des Fokus der Inhalte von Citizenship Education besteht eine Vielzahl unterschiedlicher Ausrichtungen. Die Bandbreite erstreckt sich von Wertevermittlung und Toleranz über aktive Beteiligung an der Politik bis hin zu Freiwilligenarbeit. Auch hier unterscheiden sich die Mitglieder des Vereinigten Königreiches: Während England auf die Herausbildung moralischer und sozialer Verantwortung pocht, fügt Nordirland aktive Partizipation und ein Verständnis von sozialer Gerechtigkeit hinzu. Im Rahmen der schottischen Modern Studies treten Rechte und Pflichten der Bürger sowie ethische Entscheidungsgrundsätze besonders hervor. In Wales hingegen wird besonders der kulturelle walisische Hintergrund verstärkt betont. Allen jedoch ist das Konzept der „Community" gemeinsam.


Möglichkeiten durch Vielfalt

Die Tatsache, dass innerhalb des Vereinigten Königreiches vier abweichende Konzepte politischer Bildung vermittelt werden, mag auf den ersten Blick als wenig vorteilhaft erscheinen. Doch basierend auf den lokalen Unterschieden der einzelnen Regionen kann auf diese Weise gezielt die eigene Identität gestärkt werden. Gerade in einem Land, das viele kulturelle Prägungen vereint, wundert es nicht, dass keine nationale Rahmengebung stattfindet. Darüber hinaus kann nach dem Prinzip der Best-Practice Erfahrung zwischen den Konzeptionen ausgetauscht werden. Zu diesem Zweck finden nationale Konferenzen statt, die Austausch ermöglichen sollen.


Quelle:

Himmelmann, Gerhard: Leitbild Demokratieerziehung. Wochenschau Verlag, 2006

Rhys Andrews / Andrew Mycock: Citizenship Education in the UK: Divergence Within a Multi-National State, in: Citizenship Teaching and Learning, Vol 3, No. 1, April 2007


Weiterführende Links:

Andrews und Mycocks Beitrag zu Citizenship Education in „Citizenship Teaching and Learning" (PDF)

Gelesen 387 mal Letzte Änderung am Dienstag, 13 September 2016 14:04
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