Dienstag, 30 August 2011 00:00

Dänemark: der Einfluss der Finanzkrise auf die schulische Vermittlung politischer Bildung

geschrieben von  Andreas Weiß

Im Rahmen der Artikelserie zur Politischen Bildung im internationalen Kontext wird an dieser Stelle Dänemark thematisiert.

13. Beitrag der Reihe: Wie die internationale Finanzkrise die Forderung nach verstärkter Thematisierung der Wirtschaft in der Schule mitverursachte und warum die Bestrebungen des dänischen Bildungssystems, aktive und demokratische Bürger hervorzubringen, erneutem Wandel unterstehen. Nadine Malich analysierte den Status der Vermittlung gesellschaftlicher Kernkompetenzen und verzeichnet schließlich Ansatzpunkte für eine Neuordnung des Faches als Reaktion auf die fortschreitende Globalisierung.

Dänische Gesellschaftskunde im Wandel

Bereits seit der Etablierung des dänischen Grundgesetzes im Jahr 1849 bestand die Richtlinie für die schulische Bildung die Bürger zur dänischen Gemeinschaft zu erziehen. Zentral war die Einführung der Schüler in die Gesellschaft Dänemarks, welche zu diesem Zeitpunkt eine homogene Gemeinschaft darstellte. Diese Voraussetzung sollte sich jedoch ändern; denn durch zunehmende Migration, das Zusammenrücken Europas und die damit verbundene dänische Mitgliedschaft in der EU sowie zunehmende globalisierende Tendenzen entwickelte sich auch die Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund entstand so eine multikulturelle Zusammensetzung der dänischen Staatsbürger, und somit bestand Anlass den Anspruch an die Bildung anzupassen. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde damit begonnen, die zu vermittelnden staatsbürgerlichen Kompetenzen dem neuen, erweiterten Rahmen anzupassen und auf diese Weise die Auseinandersetzung mit der Globalisierung im Alltag und schließlich auch mit akuten Entwicklungen wie der internationalen Finanzkrise zu vermitteln. Auf diese Weise sollte den Schülern die Fähigkeit angeeignet werden, sich in einer komplexen Welt zurechtzufinden.


Politik und Wirtschaft im Unterricht

Politische Bildung in dänischen Schulen wird vornehmlich in dem Fach „Politik und Wirtschaft", dänisch „Samfundsfag", vermittelt. Hierbei besteht ein nebeneinander der Vermittlung von staatsbürgerlicher Verantwortlichkeit und ökonomischen Grundlagenwissen. Das Fach wird in den ersten neun Schuljahren gelehrt, nach welchen dänische Schüler vielfältige Möglichkeiten der Weiterbildung haben, welche sich von der Berufsausbildung bis zur Vorbereitung auf ein Universitätsstudium erstrecken. Vor diesem Hintergrund soll mit Hilfe des Faches der Grundstein für aufgeklärte, verantwortungsbewusste und kritisch denkende Bürger gelegt werden. Dennoch besteht Studien zufolge eine Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Schwerpunktlegung des Faches im Lehrplan und der Realität. Im Klassenzimmer ist letzten Ende immer öfter der Fall, dass dem wirtschaftlichen Themenkomplex wenig Anwendung von Seiten der Lehrkräfte und darüber hinaus wenig Popularität von Seiten der Schüler zukommt. Die Wirtschaft jedenfalls wird nicht ausreichend behandelt. Gründe für diesen Umstand gibt es mehrere: So besteht bei der Stoffmenge, die in den Unterrichtsstunden den Schülern nahegebracht werden soll, oft Zeitnot, sodass zwar versucht wird politische Themen in vollem Umfang zu lehren, Wirtschaft schließlich aber nur oberflächlich angeschnitten wird. Obendrein wird das Fach hauptsächlich von Pädagogen unterrichtet, die „Statskundskab", also Politikwissenschaft, studiert haben und somit selbst mit diesem Fach verwandte Thematiken bevorzugen.

Die zunehmende Bedeutung von ökonomischen Inhalten wird gerade in dieser Zeit nahezu täglich ins Bewusstsein gerufen. Mit dem Anspruch der Dänen, in der globalisierten Welt kompetente Bürger zu bilden, besteht mit der Finanzkrise nur noch ein weiterer Anstoß, die Bedeutung in der Bildung weiterhin zu betonen. Dabei muss dieses Konzept kein indigen dänischer bleiben – sicherlich besteht auch in anderen Nationen dieser Bedarf.


Neuer Umgang mit Wirtschaftsthemen

Die Autorin fordert mit Bezug auf die Situation im dänischen Schulalltag eine Neuordnung des Umgangs mit ökonomischem Wissen. Dabei schließt sie sich den Empfehlungen der Untersuchungsgruppe an das Bildungssystem an und sieht die Notwendigkeit einer Stärkung der „schwachen Seite des Faches". Dabei wird betont, dass die internationale Finanzkrise nicht den einzigen Faktor darstellt. Eine fachliche Trennung von Politik und Wirtschaft würde beispielsweise die Zeitnot nehmen und tieferes Eindringen in die Materie erlauben. Auch eine Reduktion der Stoffmenge und damit eine einhergehende Vertiefung stelle eine Lösung dar. Der Staat jedenfalls braucht in wirtschaftlichen Krisenzeiten aufgeklärte Bürger mit Verständnis für die Komplexität der Globalisierung.


Quelle:

Malich, Nadine: Die internationale Finanzkrise als Thema im dänischen Wirtschaft-/Politikunterricht, in: Journal of Social Science Education, 1/ 2010 (Online verfügbar)

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