Donnerstag, 11 August 2011 00:00

Japan: Politische Bildung in Schule und Bürgerhaus

geschrieben von  Andreas Weiß

Im Rahmen der Artikelserie zur Politischen Bildung im internationalen Kontext wird an dieser Stelle Japan thematisiert.

4. Beitrag der Reihe: Japans Sozialkundeunterricht im Wandel der Zeit sowie außerschulische Orte der politischen Bildung. Die Art und Weise, auf die Schüler aller Altersstufen zu aktiven Gesellschaftsmitgliedern gemacht werden sollen, hat in Japan seit 1945 vielfältige Veränderungen hinter sich. Eiji Fujitas Abhandlung über die politische Bildung in Japan gibt einen Einblick in die Diskussion.


 

Sozialkunde in Japan

Nach 1945 brachte Japan einige Bestrebungen hinsichtlich der demokratischen Entwicklung auf den Weg. Ein hoher Stellenwert politscher Erziehung ist darin zu erkennen, dass in Japan ein Gesetz gilt, welches parteiliche und ideologische politische Erziehung verbietet.

Innerhalb der Reformen wurde auch die politische Bildung in der Schule angegangen. Das gesamte Bildungssystem erhielt eine Neuordnung, und damit kam das Fach Sozialkunde hinzu. Seit der anfänglichen Entwicklung im Jahr 1947 kam es zu einer Vielzahl von Überarbeitungen durch das Kultusministerium. Zuletzt wurde das Fach für Schulanfänger durch „Lebenskunde" ersetzt und für Schüler der mittleren und oberen Klassenstufen in Erdkunde, Geschichte sowie Bürgerkunde geteilt. Dies entfachte Diskussion um die Orientierung des Fachs und der Zielsetzung, mündige Bürger zu bilden. Die Schülerleistungen innerhalb des Faches wurden im Jahr 2002 evaluiert und führten zu einem ernüchterndem Ergebnis – sie fielen schlechter aus als erwartet, und die Neustrukturierung verzeichnet sogar einen Rückgang der Errungenschaften von Schülerseite im Verhältnis zu vorangegangenen Erhebungen.


Drei Ansätze zur politischen Bildung in der Schule

Der japanischen Diskurs über den Modus, in welchem das Fach Sozialkunde agieren sollte, lässt sich in drei Ansätzen zusammenfassen. Die schülerkonzentrierten Konzeptionen sind stark beeinflusst von John Dewey's Pragmatismus, konkret stehen hierbei „Problemlösungen als Lernprinzip" auf dem Lehrplan, es soll individuell die Grundlage für demokratisches Verständnis gelegt werden. Bürgerkundliche Konzeptionen betonen das freie Entfalten und Mitwirken an der Gesellschaft, indem konkrete japanische Problemfelder beleuchtet werden. Hier wird der Schüler ermutigt, sich zu bestehenden gesellschaftlichen Konflikten Gedanken zu machen und Lösungsansätze zu entwerfen. Bei den sozialwissenschaftliche Konzeptionen ergeben sich sowohl eine marxistische als auch eine moderne sozialwissenschaftliche Abwandlung. Erstere setzt neben dem kritischen Umgang mit gesellschaftlichen Verhältnissen sogar auf Praxis, in deren Rahmen Schüler im Unterricht als Mittel zum Verständnis von Gesellschaft Metallprodukte produzierten. Die moderne sozialwissenschaftliche Konzeption verändert gar die Zielsetzung des Faches und richtet sich an Erkenntnistheorien aus.

In der letzten Zeit nähern sich bürgerkundliche und sozialwissenschaftliche Ansätze derart an, dass nicht länger von einer Unvereinbarkeit gesprochen werden kann. Es lässt sich jedoch eine Wieder-Orientierung am eigentlichen Zweck des Fachs erkennen, nämlich der Befähigung junger Menschen, aktive Gesellschaftsmitglieder zu werden.


Medien und Kominkan als politische Bildner

Außerhalb der Schule übernehmen vor allem die Massenmedien die Aufgabe, politisch zu unterrichten. Dies geschieht in Japan wie auch vergleichsweise in Deutschland mit Hilfe von Kindernachrichten, d.h. für Kinder ansprechend und verständlich gestaltete Vermittlung aktueller Entwicklungen in Form von Zeitungsartikeln und Fernsehnachrichten. Ebenso vermitteln die Medien dadurch ihre eigene Relevanz im Sinne der unabhängigen Berichterstattung.

Des Weiteren existiert in jeder japanischen Gemeinde per Gesetz ein Kominkan, ein Bürgerhaus, welches vorgeschriebene Leistungen erbringen soll. Darunter fällt zwar nicht die politische Bildung per se, jedoch finden dort gesellschaftliche Informationsveranstaltungen statt, es werden Vorträge gehalten und ein Forum für Vereine und Organisationen geboten. Diese Art gesellschaftlichen Umgangs umfasst ebenso die Diskussion akuter Problemfelder und vermittelt auf diese Weise eine diskursive Kultur.


Quelle:

Fujita, Eiji: Politische Bildung in Japan, in: Sander, Wolfgang: Handbuch politische Bildung, Bonn, 2010.

Foto Kominkan

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