Dienstag, 09 August 2011 00:00

Afghanistan: Friedenserziehung in einem zerstörten Land

geschrieben von  Andreas Weiß

Im Rahmen der Artikelserie zur Politischen Bildung im internationalen Kontext wird an dieser Stelle Afghanistan thematisiert.

2. Beitrag der Reihe: Der Wiederaufbau des afghanischen Bildungssystems, berichtet von Jamie Walker, „Peace Education Advisor". Im Rahmen des „Basic Education Program for Afghanistan" (BEPA) war sie vor Ort mit unterschiedlichen Maßnahmen daran beteiligt, Afghanistan auf eine Zeit vorzubereiten, in der es nicht mehr auf internationale Unterstützung angewiesen ist. Dabei fand sie ein von Krieg und Unruhe zerschlissenes Bildungssystem vor.

Kritische Zustände im Bildungssystem

Afghanistan hat Hilfe von außen leider dringend nötig. Seit nahezu dreißig Jahren herrscht Unruhe in diesem Land, das erst in den 80er Jahren von der Sowjetunion besetzt und schließlich von Kämpfen konkurrierender Warlords und der Herrschaft der Taliban heimgesucht wurde. Zu dieser schweren Zeit und den noch immer latent vorhandenen Konflikten kommt, dass Afghanistan eines der ärmsten Länder der Welt ist – mit dem Effekt, das auch in der Gesellschaft Konflikte leicht entstehen und somit generelle Unzufriedenheit herrscht.

Nicht überraschend leidet unter diesen Faktoren auch die Bildung. Die meisten Menschen in Afghanistan können weder lesen noch schreiben, die Lehrkräfte sind aufgrund ihrer eigenen oft prekären Lage zum Großteil nicht qualifiziert und in den Klassenzimmern bestimmen Angst, Konflikt und sogar Gewalt den Alltag. Das hängt unter anderem auch damit zusammen, dass Lehrkräfte gar nicht erst über die Fähigkeiten verfügen, Konfliktbewältigung in konstruktiver Form zu lehren. Um diese Missstände zu beheben engagieren sich internationale Organisationen wie die BEPA in Afghanistan.


Ansätze zur Konfliktbewältigung

„Uns zu fragen, ob wir Friedenserziehung brauchen, ist dasselbe wie einen Hungrigen zu fragen, ob er essen möchte"

- Walker 2009, S. 276

Afghanische Nicht-Regierungsorganisationen wie die Sanayee Development Organization (SDO) und die Cooperation for Peace and Unity (CPAU) erarbeiteten im Jahr 1999 ein "Curriculum für Friedenserziehung" mit dem Ziel, einen friedlicheren Umgang zwischen Schülern und Lehrern zu schaffen und schließlich auch die Gesellschaft ein Stück friedlicher zu gestalten. Konkret wurde hierbei für jede Klassenstufe ein Lehrerhandbuch, also ein Leitfaden für Lehrende, entwickelt. Dieses behandelt Themen wie Gewalt und Konfliktbewältigung. Darüber hinaus wurden Lehrkräfte methodisch weitergebildet um abseits des Frontalunterrichts auch interaktive Methoden in afghanischen Klassenzimmern zu installieren. Das Curriculum zur Friedenserziehung zeigte sich bereits 2002 als Erfolg.

Die UNICEF beeinflusste ebenfalls die Art des Unterrichts. Ein so genannter „Life Skills" –Lehrplan umfasste im Fach Sozialkunde spezielle Elemente des Unterrichts, die darauf abgerichtet waren, gesellschaftlichen Umgang friedlich zu gestalten. Themen wie Moral und Vielfalt, Familie und Gemeinschaft kamen zum Einsatz. Zentral hierbei war das islamische Verständnis von Frieden.

Schließlich hat sich auch das BEPA-Engagement, von dem Jamie Walker in ihrem Bericht hauptsächlich spricht, als einflussreich erwiesen. Die drei Komponenten zur Verbesserung der Bildung ergeben sich aus

  • der Beratung des afghanischen Bildungsministeriums,
  • dem Ausbau der Lehrerausbildung und der
  • Eröffnung der Unterrichtsinhalte zu friedenserzieherischen Themen.

Dies geschah 2007 durch Expertenworkshops, in welchen sich die BEPA mit der SDO und der CPAU austauschte ebenso wie in den Einführungsworkshops, in welchen Lehrerausbildern die Friedenserziehung näher gebracht werden konnte. Man arbeitete in diesem Modus („Kaskadenmodell"), um zunächst die Ausbilder der Lehrer, und über diese schließlich die Schüler zu erreichen. Von den vermittelten Methoden waren Vortrag und Diskussion, Brainstorming, Kleingruppenarbeit und Rollenspiel besonders beliebt. Den widrigen Voraussetzungen zum Trotz haben die Engagierten der BEPA sehr positive Rückmeldungen ihrer Workshops bekommen.

Eine weitere, vertiefende Form der Begleitung wird allerdings laut Jamie Walker notwendig sein. Dies sind jedenfalls wichtige Bestrebungen, die den Weg der afghanischen Gesellschaft zu einer friedlicheren, mündigeren Form des Zusammenlebens ebnen.


Quelle:

Walker, Jamie: Friedenserziehung in Afghanistan, in: Overwien / Rathenow: Globalisierung fordert politische Bildung / Politisches Lernen im globalen Kontext, Barbara Budrich Verlag, 2009, S. 271-278

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