Montag, 08 August 2011 00:00

Kosovo: Die gespaltene politische Einflussnahme auf die Wahrnehmung der Geschichte im kosovarischen Bildungssystem

geschrieben von  Andreas Weiß

Im Rahmen der Artikelserie zur Politischen Bildung im internationalen Kontext wird an dieser Stelle der Kosovo thematisiert.

1. Beitrag der Reihe: Die gespaltene politische Einflussnahme auf die Wahrnehmung der Geschichte im kosovarischen Bildungssystem. Die Bestrebungen des Kosovo, einen autonomen Staat zu bilden, sind mit bitteren Konflikten behaftet. Seit 2008 beansprucht das kosovarische Parlament die territoriale Unabhängigkeit von Serbien, wird jedoch international nur von weniger als der Hälfte der UN-Mitgliedsstaaten anerkannt. Die Sicht auf diesen Konflikt und die inneren Spannungen im Land zwischen der Bevölkerung serbischen und albanischen Ursprungs verdeutlicht sich durch den Umgang mit der Geschichte von offizieller Seite und den damit verbundenen Geschichtsbüchern. Diesen kommt im Kontext mit politischer Bildung eine meinungsbildende und prägende Rolle zu und haben daher eine besondere Bedeutung. Die kosovarischen Schulbüchern und deren Wirkung wurden von Lulzim Dragidella dargestellt.


Die Überwindung der Vergangenheit

Das Bildungssystem im Kosovo hat bereits viele Wandlungen hinter sich. Gerade die letzten dreißig Jahre haben viele Anpassungen erzwungen: In den 80er Jahren, zu der Zeit in der die Spannung zwischen serbischen und albanischen Bevölkerungsteilen zunahmen, kam es zum Verbot und damit zum Schwund albanischer Lehrbücher. Durch den Krieg verließen schließlich viele Lehrkräfte das Land, ohne zurückzukehren. Nach dem Krieg fehlen nun die Mittel, diese Diskrepanzen wieder auszugleichen – die Tatsache, dass das Land lange Zeit von der pädagogischen Entwicklung abgeschnitten war, hat Spuren hinterlassen. Die Vereinten Nationen strebten im Rahmen des Wiederaufbaus ein modernes europäisches Bildungssystem an, schufen Infrastruktur und verpflichteten Lehrpersonal. Unterrichtsinhalte sollten Toleranz fördern und insbesondere die Versöhnung zwischen Serben und Albanern zum Ziel haben. Doch neben fehlenden Ressourcen bestimmen auch verfahrene Weltbilder das stark einseitige Bild, das kosovarische Geschichtsbücher von der Vergangenheit zeichnen.


Die Sicht auf die Geschichte

Anhand der sich im Umlauf befindenden Geschichtsbücher, die sowohl serbischen als auch albanischen Ursprungs sein können, lässt sich die Spaltung des kosovarischen Bildungssystems in einen serbischen und albanischen Teil deutlich darstellen. Serbische Geschichtsbücher zeichnen ein vollkommen anderes Bild der Vergangenheit als albanische, und keine von beiden geben sich dabei neutral.

„Ein wesentliches Manko ist die fehlende Multiperspektivität der Inhalte. Die historische Wahrheit wird stattdessen in den Dienst politischer Ziele gestellt. Zu diesem Zweck werden Fakten verdreht, verfälscht oder weggelassen, und es kommt eine Sprache zum Einsatz, die statt an den Verstand oft bewusst an das Gefühl appelliert und auf diesem Wege die Verständigung zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern sehr erschwert."

In serbischen Geschichtsbüchern dominiert die Vermittlung eines Wir-Gefühls, in Verbindung mit der Abgrenzung zu den „Erzfeinden", die eine ständige Bedrohung bilden. Das Territorium des Kosovo wird zur Wiege der Serben und das Verhältnis zwischen diesen und Kosovo-Albanern zum ewigen und unüberwindbaren Konfliktfeld erklärt. Albanische Geschichtsbücher zeigen sich ähnlich einseitig: Die historische ethnische Vielfalt auf dem Gebiet des Kosovo wird geleugnet, man konzentriert sich stark auf kriegerische Semantik und verwendet dabei emotionale Begrifflichkeiten.


Optimistische Aussichten?

Das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung hat die kosovarischen Schulbücher im Jahr 2008 evaluiert. Auch hierbei wurde eine unbefriedigende Situation festgestellt, die sich nicht ohne weiteres verbessern lässt. Dazu fehlen schlicht die Ressourcen. Lulzim Dragidella aber fördert milden Optimismus:

„Aktuelle Publikationen aus dem Kosovo selbst lassen darauf schließen, dass das offizielle Bildungssystem des Kosovo derzeit so eingeschätzt wird, dass es in der Lage ist, eine politisch annehmbare Erziehungsleistung im Hinblick auf den Geschichtsunterricht zu erbringen."

Es gibt darüber hinaus die Absicht, das Bildungssystem im Kosovo mit Standards für Unterrichtsmaterialen zu versehen. Auch werden die Begrifflichkeiten in Neuauflagen der kosovo-albanischen Bücher nicht mehr so drastisch ausfallen wie bisher. Neutrale Schulbücher würden dazu beitragen, die latenten Konflikte zu mildern, Toleranz zu fördern und schließlich zu einer aufgeklärten Gesellschaft führen, in der Schüler sich ein realistisches Bild der Vergangenheit machen können.


Quelle:

Dragidella, Lulzim. „Neue Entwicklungen des Geschichtsunterrichts und der Geschichtsschulbücher des Kosovo." Eckert.Beiträge 2010/12.

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