Donnerstag, 10 März 2011 00:00

Satire in der politischen Bildung - eine Einführung

geschrieben von  Claudia Huth

Politische Bildung beschäftigt sich seit jeher mit der Frage des Vermittlungszusammenhangs von Inhalten und Kompetenzen, die für ihren Themenkreis relevant sind. Was sich einerseits klassisch als Frage der pädagogisch-didaktische Situation verstehen lässt (Lerninhalt, Lehrender, Rezipient), lässt sich auch unter eher konstruktivistischer Perspektive als Frage der Anknüpfungs- und Anschlussfähigkeit einer "Lernsituation" zur Erweiterung von Kenntnissen und Kompetenzen denken.

 

Die Grenzen zwischen den drei Kategorien verschwimmen in dieser Sichtweise und es tritt eine situative Komponente in den Vordergrund, die die Frage nach dem anregenden "Medium" aufwirft, das Inhalte und Kompetenzen in einer gewissen Eigendynamik enthält, die auf die "Beteiligten" wirken kann. In diesem Sinne bzw. in diese Denkweise lässt sich z.B. das von uns kürzlich vorgestellte "Handbuch Medien in der politischen Bildung" von Anja Besand und Wolfgang Sander einordnen.

Das auch Satire, eine ernsthaftes(!) Medium der politischen Bildung sein kann und unter welchen Voraussetzungen dies geschehen kann, soll in diesem Artikel behandelt werden, welcher inhaltlich durch ein Interview mit Johanna Meister von der Professur für Politische Bildung und Politikdidaktik der Universität Ausgburg ergänzt wird.


Definition des Begriffs

„Satire“ stammt vom lateinischen Wort „satura“ ab und bezeichnet ursprünglich eine mit Obst gefüllte Schale. Übersetzen kann man Satire mit „Gemengsel“, „Vielerlei", "Fülle", "Mischung“ oder „Buntes Allerlei“. Im übertragenen Sinne versteht sich die Satire als eine bestimmte Erscheinungs- bzw. Ausdrucksform, die sich auf keine künstlerische Gattung festlegt.


Konstituierende Merkmale von Satire

Satire wird von drei zentralen Merkmalen bestimmt, der Aggressivität, der Wirkungsabsicht und der Ästhetik der Darstellung. Satire ist aggressiv, das heißt, dass es immer ein oder mehrere Opfer gibt, die lächerlich gemacht werden.Ziel ist die Veränderung, also Missstände und Widerstände aufdecken und die Zuschauer zum Nachdenken anregen. Satire hat immer eine Wirkungsabsicht, sie ist auf ein Ziel gerichtet. Satire kritisiert jedoch nicht nur, sie setzt der Realität ein Idealbild entgegen, das aber meist künstlerisch verpackt wird. Satiriker vermitteln darüber hinaus versteckt dem Publikum eigene normative Wertvorstellungen (Beispiel: Hagen Rether- Empörend!) und sind darin direkt oder indirekt an gesellschaftliche Normen rückgebunden. Die Kritik wird künstlerisch mit verformenden und symbolischen Mitteln verpackt. Dies hat zur positiven Folge, dass sich die Opfer der politischen Satire nicht zur Wehr setzen können. Eine weitere Konsequenz der Ästhetik der Darstellung ist in den wichtigen Zugangsvoraussetzungen zu sehen. Die Zuschauer benötigen ein gewisses Vorwissen, um die verpackte Kritik und die normative Wertvorstellung des Satirikers verstehen zu können, die Zuschauer müssen dementsprechend eine Eigenleistung erbringen.


Methodische Makrostrukturen und technische Verfahren

Die technischen Verfahren der Satire sind die Travestie, die Parodie, die Karikatur und die Entlarvung. Travestie stammt von dem lateinischen Wort „transvestire“ ab und bedeutet so viel wie „Verkleiden“. Der kritisierte Sachverhalt bzw. die kritisierte Person wird dadurch ins Lächerliche gezogen, indem der Inhalt beibehalten, aber anders verpackt wird (Beispiel: Nockherberg 2006 Singspiel Teil 2 ). Im Gegensatz zur Travestie steht die Parodie. Hier bleibt die Form erhalten, der Inhalt dagegen wird ins Spöttisch-Lächerliche gezogen (Beispiel für die Parodie einer Person: Mathias Richling „Bundeshorst“). Karikatur ist die bildliche satirische Darstellung (auch als Schauspiel). Hier werden bestimmte Eigenschaften/ Merkmale von Sachverhalten oder Personen extrem übertrieben dargestellt. Ziel der Entlarvung ist das Aufdecken von Widersprüchen, indem das zentrale Merkmal weggenommen wird. Die gezeigten Kleinigkeiten verdeutlichen dann den angesprochenen Widerspruch.

Satire vergleicht den Realzustand spöttisch mit dem Idealzustand und verzerrt dafür bestimmte Sachverhalte bzw. Personen. Voraussetzung für das Verstehen der Satire ist ein bereits erworbenes Wissen (Vorwissen) und allgemeine kognitive Fähigkeiten voraus - damit ist sie nicht für jede Alterstufe gleichermaßen geeignet. Ihr Anregungs- und "Lern"potential liegt im Spiel mit realen Geschehnissen oder Erlebtem, mit gesellschaftlichen und politischen Geschehnissen - im Verwirrspiel, der Verzerrung, verschwimmen bestehende kognitive Strukturen und Einstellungen und es ensteht - parallel zur humoristischen Komponente - Raum für eine Neuordnung oder die Neubewertung von Wissen. Gerade an dieser Stelle und der sich daraus ergegbenden Dynamik sind sicherlich Chancen für die politische Bildung auszumachen.
 

Das Netzwerk Politische Bildung Bayern führte zur Vertiefung des Themas ein Interview mit Johanna Meister, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Professur für Politische Bildung und Politikdidaktik der Universität Augsburg.

 

Gelesen 464 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 14 September 2016 15:42
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