Sonntag, 20 Februar 2011 00:00

Politikdistanz - Wenn politisches Interesse verebbt

geschrieben von  Petra Schmidt

© Ingo Neumann

Ein großes Problem unserer Zeit und der Demokratie, in der wir leben, ist nach Meinung vieler verschiedener Akteure die Politikverdrossenheit der Bürgerinnen und Bürger und besonders der jungen Generation. Es gibt vielerlei Ansätze dieses Phänomen zu beschreiben, zu erklären und zu verstehen, sowie angemessene Konzepte zu entwickeln, die helfen sollen das Problem zu bekämpfen. Worin die Ursachen dafür bestehen, dass sich Bürger und Bürgerinnen von Politik distanzieren und was dagegen unternommen wird lesen Sie hier.

Den Ausgangspunkt für die Distanzierung zur Politik sehen einige im Wertewandel der 1970er Jahre begründet, als die Selbstverwirklichung durch Spaß wichtiger wurde als die Akzeptanz von (Bürger-)Pflichten. Heutzutage wird es nicht mehr als „In“ angesehen sich mit dem Politischen auseinanderzusetzen, so dass sich laut Umfragen nur noch 50% der Deutschen überhaupt für Politik interessieren. Dieses Interesse wird vor allem durch die kurzen Nachrichten in Fernsehen und Radio sowie durch die Lokalzeitungen befriedigt. Ein kritischer Umgang mit den Massenmedien kommt dabei allerdings zu kurz, so dass Ansichten unreflektiert übernommen werden. Wirklich spannend ist für viele Konsumenten nur das personalisierte, dramatisierte und skandalisierte, die komplexen Zusammenhänge der Politik jedoch kaum bzw. gar nicht. Dann wundert es nicht, dass Politiker als unfähig und Parteipolitik als eigennützig betrachtet wird und damit eine Identifikation sehr schwierig wird.

Dazu kommen die Klagen, dass es zu wenig Beteiligungsmöglichkeiten gäbe, was insgesamt zu einer großen Unzufriedenheit mit dem politischen System führt. Dies wird von einem irrtümlichen Demokratieverständnis bestärkt, nämlich dass die Gestaltungsmöglichkeiten des Einzelnen und nicht, wie es tatsächlich ist, die der Mehrheit ausgebaut werden sollen. Zu guter Letzt müssen viele Bürgerinnen und Bürger mit Frustrationserlebnissen kämpfen, z.B. dass ein für sie persönlich wichtiges Bürgerbegehren gescheitert ist.

All diese Faktoren führen zu Halbwissen und enormen Wissenslücken was das Politische betrifft, so dass sich schnell Vorurteile formen und festigen können. Verständnismängel, besonders bei langfristigen und komplexen demokratischen Strukturen und Prozessen, sowie hinsichtlich des Regierungssystems, legen die Vermutung nahe, dass Politikdistanz im Grunde nur ein Resultat von Ahnungslosigkeit ist.

Diese Problematik betrifft alle Bevölkerungsgruppen, wobei sich vor allem eine gegenüber anderen abhebt. Studien zeigen, dass Politik besonders für Jugendliche wenig bedeutend ist. Wichtig sind ihnen Freunde, Familie, Freizeit, Arbeit und Ausbildung. Ein Grund dafür ist, dass sich ein Verständnis für Politik erst im Sozialisationsprozess entwickelt, z.B. mit der Übernahme von Verantwortung. Daher ist das Interesse bei Jüngeren oft noch geringer. Auch Bildung und Herkunft sind entscheidende Faktoren, denn wer die Institutionen und Prozesse unserer Demokratie nicht kennt, wird sich auch nicht damit auseinandersetzen. Leider sind besonders bei Jugendlichen mit niedrigerem Bildungsniveau Ohnmachtsgefühl und Hilflosigkeit weit verbreitet, was oft mit schlechten Erfahrungen und Verständnismängeln zusammenhängt. Dabei wäre es nicht schwer sie ins Politische mit einzubeziehen, denn es hat sich gezeigt, dass Erfolgserlebnisse enorme positive Auswirkungen haben können. So wird sich ein Jugendlicher, wenn er einmal erfolgreich partizipiert hat, auch in Zukunft beteiligen. Dabei fängt Partizipation bereits in der Familie an. Wenn man dort gute Erfahrungen gesammelt hat, wird sich eher ein demokratisches Verständnis entwickeln und festigen.

Aber auch andere Sozialisationsinstanzen haben die Aufgaben soziale Kompetenzen zu fördern, denn sie sind unentbehrlich für politische Partizipation. Allerdings haben sich in den letzten Jahren große Missstände in der schulischen und außerschulischen politischen Bildung ergeben. So kam es durch die Kürzung von Mitteln zur Schließung der Landeszentrale für politische Bildung Niedersachsen. Außerdem wird der Sozial- und Gemeinschaftskundeunterricht marginalisiert, da andere Fächer als wichtiger erscheinen. Dabei sollte gerade in der Schule eine Tiefenwirkung von politischen Inhalten erzielt werden, also nicht nur nur bloßes Lernen und Wissen, sondern Verstehen und Erleben ist entscheidend. Dadurch können und müssen elementare Einsichten vermittelt werden, um zu verhindern, dass sich Wissenslücken bilden und Vorurteile verfestigen. Die bereits bestehenden Einstellungen und Vorurteile in der Bürgerschaft müssen von politischen Bildnern im Gesamtzusammenhang begriffen werden, also auch deren Hintergründe und Ursachen. Nur so können festgefahrene Meinungen gelockert und behandelt werden. Die Politik hat aber bis heute versäumt eine Breitenwirkung politischer Bildung zu etablieren, was entweder daran liegt, dass zu wenig Mittel zu Verfügung stehen, oder noch keine Wege zur Verwirklichung aufgezeigt wurden.

Untätig ist die Politik jedoch nicht. So werden bereits zahlreiche Anlaufpunkte zum Mitmachen sind geboten, wie Bürgerinitiativen oder Parteiarbeit, allerdings werden diese noch oft als zu konservativ angesehen und daher kaum genutzt. Eine attraktivere Gestaltung und eine angemessene Öffentlichkeitsarbeit könnten Abhilfe schaffen. Dazu gehört auch die neuen Medien intensiver zu nutzen. Barack Obama hat ihr Potenzial erkannt und sie in seinem Wahlkampf zur Präsidentenwahl umfangreich eingesetzt. Die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht oft kostenlose Materialien auf ihrer Homepage, z.B. Themenblätter und Infografiken, die Impulse geben sollen. Ebenso hat die Landeszentrale Baden-Württemberg einen Fundus von Materialien erarbeitet, darunter Puzzles und Folienmappen.

Ob und wie sich durch diese Ideen und Maßnahmen das Problem Politikdistanz verändert wird sich zeigen. Erfreulicherweise sind in der letzten Zeit Entwicklungen zu beobachten, die wieder für ein höheres Interesse an Politik sprechen. So verweigern sich Bürger und Bürgerinnen bewusst und aktiv gegenüber der Politik, um ihren Unwillen zum Ausdruck zu bringen. Viele beteiligen sich mit Beiträgen in Foren und Blogs, um über Missstände zu diskutieren und ihre Kritik zu äußern. Wichtig ist dabei reflektiert und konstruktiv zu sein, um Vorurteile nicht zu verbreiten. Einer der wichtigsten Punkte ist jedoch ein anderer. Besonders die junge Generation nutzt unterschiedliche Formen politischer Aktionsformen. So werden beispielsweise Buttons und Aufnäher mit politischen Botschaften getragen, bestimmte Produkte aufgrund ihrer Herstellung boykottiert und andere Erzeugnisse, z.B. Fair-Trade Artikel, unterstützt. Es hat sich ein breites und innovatives Aktionsspektrum entwickelt, das die Bereitschaft und den Willen zu Beteiligung am politischen Leben deutlich macht.

 

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