Donnerstag, 25 November 2010 00:00

Wie verhält man sich demokratisch?

geschrieben von  Petra Schmidt

Dieser Frage wird seit Jahren unter dem Titel „Demokratiekompetenzen" von nationaler und internationaler Seite nachgegangen, so dass sich inzwischen eine lebendige Diskussion um dieses Thema etabliert hat. Der Hauptgrund für die internationalen Ansätze liegt im gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Wandel hin zur „Wissensgesellschaft", ein Umbruch, der es notwendig macht, zivilgesellschaftlich-demokratische Kompetenzen zu fördern. Im folgenden sollen in Kürze zwei Ansätze, die im europäischen Kontext auf internationaler Ebene eine wichtige Rolle spielen, umrissen werden.

Das DeSeCo-Projekt der OECD

Das DeSeCo-Projekt („Definition and Selection of Competenzies") der OECD bietet dabei eine Auswahl von Schlüssel-, Kern- und Basiskompetenzen für die Bildung in einer demokratischen Gesellschaft. Unter Basiskompetenzen fallen zu aller erst die Grundfähigkeiten Lesen, Schreiben, Rechnen und eine naturwissenschaftliche Grundbildung, die bereits vor einem gesellschaftlich bedeutenden Hintergrund, z.B. Geschlechterunterschiede und Herkunft, analysiert wurden. Mit Kernkompetenzen sind Fähigkeiten mit fächerübergreifendem Charakter gemeint, also selbstreguliertes Lernen, die Fähigkeit zu Kooperation und Kommunikation sowie die Problemlösungskompetenz.

Grundlage des Kompetenzkonzepts ist ein weit gefasster „ability"-Begriff. Dieser umfasst eine kognitive, affektiv-moralische und praktisch-instrumentelle Dimension. Durch die Kombination von kognitiven und praktischen Fähigkeiten, wie Wissen, Wertorientierung, Haltungen und Gefühlen ergeben sich individuelle Kompetenzen, die mentalen Strukturen eines Individuums und seiner Fähigkeiten. Sie manifestieren sich im Kontext von Handlung und Verhalten und benötigen eine entgegenkommende materielle, institutionelle und soziale Umgebung.

Weiterhin sind Werte nötig, durch die eine Gesellschaft ausbalanciert bzw. wohlgeordnet ist („well-functioning society"). Dazu zählen Basisprinzipien der Menschenrechte, demokratische Werte wie Gleichberechtigung und das Ziel nachhaltiger Entwicklung. Schlüsselkompetenzen einer solchen Gesellschaft lassen sich laut DeSeCo-Papier in den drei Kategorien „autonomes Handeln", „interaktiver Gebrauch von Fähigkeiten" und „Interagieren mit heterogenen Personengruppen" zusammenfassen. Erstere beschreibt die Fähigkeit seine Rechte, Interessen, Verantwortlichkeiten und Grenzen zu verteidigen. Die zweite Kategorie beinhaltet den interaktiven Gebrauch von Sprache, Symbolen und Texten, sowie von Wissen und Information aber auch das interaktive Nutzen neuer Technologien. Die Fähigkeit sich auf andere einzustellen, zu kooperieren und mit Konflikten umzugehen und zu lösen fallen unter die letzte der drei Kategorien.

Das Festlegen all dieser Kompetenzen musste die Schwierigkeit unterschiedlicher Bildungskonzepte in verschiedenen Ländern überwinden. So ist das DeSeCo-Papier aus einer interdisziplinären, länderübergreifenden Diskussion hervorgegangen, bei der auch Bildungsgerechtigkeit ein wichtiges Thema war. Dadurch erweitert es die Perspektive der Bildungsforschung um allgemeine Bildungsziele in und für eine moderne demokratischen Gesellschaft. Die Forschungen sind allerdings noch lange nicht abgeschlossen, betonen die DeSeCo- Autoren, sodass das Konzept immer weiter ausgebaut wird, unter anderem von der „Research Agenda for the Future". Es sind bereits einige Ergänzungen und Präzisierungen vorgenommen worden, wie z.B. von Wolfgang Edelstein und Gerhard de Haan, drei weitere Teilkompetenzen für wichtig erachten. Diese sind die Fähigkeiten zu fairem Teilen, zu konstruktiver und kritischer Beteiligung bei Prozessen und in Institutionen, sowie die Kompetenz zu verantwortungsvollem Handeln in Interessenskonflikten.


Der Ansatz "learning and living democracy" des Europarats

Ein anderer Ansatz, nämlich der des Europarates, steht unter dem Motto, „Learning and living democracy", ebenso wie es das Jahr 2005, das zum „European Year of Citizenship through Education" erklärt wurde. Das zugrunde liegende Kompetenzkonzept von Francois Audigier bezieht sich dabei auf drei Lernebenen: Kognitive Kompetenzen, darunter das Wissen über die gegenwärtige Welt, über Menschenrechte und über die Regeln des politischen und gesellschaftlichen Lebens. Dazu zählt auch, dass man über die demokratischen Einrichtungen und deren Funktion bescheid weiß. Ein wichtiger Gesichtspunkt dabei ist das Verstehen von Macht und Machtverteilungen innerhalb einer demokratischen Gesellschaft um Prozesse begreifen zu können.

Unter die zweite Ebene fallen affektive Kompetenzen wie ethisches Verständnis, emotionale Fähigkeiten und die Werte der Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Es kommt darauf an vor sich selbst und vor anderen Resepekt zu haben, zuhören zu können und zu reflektieren anstatt gewlttätig zu werden. Auf der dritten Ebene werden Kompetenzen mit angemessenem Handeln verbunden, wie die Teilnahme an öffentlichen Debatten oder das Lösen von Konflikten nach den Prinzipien eines demokratischen Gesetzes. Entscheidend ist, vor allem in der modernen, globalisierten Gesellschaft, dass man kooperieren und argumentieren kann und zwar vor einem interkulturellen Kontext. Außerdem rückt immer mehr die Idee des „Lebenslangen Lernens" in den Vordergrund, d.h. dass nicht nur im Schulunterricht auf Demokratieerziehung wertgelegt werden soll, sondern dass jeder Mensch egal welchen Alters die Möglichkeit dazu hat. Schließlich ist für demokratische Systeme Bürgerbeteiligung unerlässlich, da sonst ein Funktionieren nicht mehr gewährleistet werden kann.


Links

Das DeSeCo Papier der OECD findet sich hier

Ein informativer Artikel zum Thema "Demokratiekompetenzen" von Sybille Reinhardt findet sich hier

Eine Expertise zur Frage "Was ist Demokratiekompetenz" von Prof. Himmelmann findet sich hier
 

Gelesen 373 mal
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten