Montag, 31 Mai 2010 00:00

Sport - Politik - Bildung

geschrieben von  Christian Fey

Am 24.06.1995, 14 Monate nach den ersten freien Wahlen und dem Ende der Politik der Apartheid, gewann das südafrikanische Rugbynationalteam in Johannesburg mit 15 zu 12 gegen das Team aus Neuseeland und feierte damit den größten Triumph der Teamgeschichte - den Gewinn der Rugby-Weltmeisterschaft. Der Pokal wurde der fast ausschließlich aus Weißen bestehenden Mannschaft durch den erst wenige Monate zuvor gewählten Präsidenten Nelson Mandela überreicht. Er trug während der Zeremonie das Ersatztrikot des Mannschaftskapitäns Francois Pienaar und zeigte damit seine Identifikation und Unterstützung für eine Mannschaft, der der schwarze Teil der südafrikanischen Nation traditionell ablehnend bis feindselig gegenüber stand. Nur ein einziger schwarzer Spieler hatte es überhaupt geschafft, in den Kader des Nationalteams zu gelangen.

© R.B. /pixelio

Chester Williams, der sich kürzlich in einem Interview mit der englischen Zeitung „The Sun" an die Ereignisse von 1995 erinnerte. Er beschreibt, wie Nelson Mandela das Team vor Spielbeginn in den Umkleidekabinen besuchte: „When Nelson Mandela walked into the changing room wearing that Springbok rugby jersey, it was done. We had to win that game. Everybody expected him to wear a suit and tie. It changed the attitude and spirit of the team - and it changed the whole mindset of the nation". Er unterstreicht die enorme Bedeutung, die der Gewinn der Weltmeisterschaft für die politische Entwicklung des Landes hatte: "Only in the week of the final did we realise how important the World Cup was for South Africa. It wasn't just about a rugby match. It helped to reunite the country. It was a showcase not only for rugby but also for the country. It really happened that we reunited the country through sport".

 

Sport und (Des-)Integration

Es mag ein wenig zu viel Pathos in dieser Erinnerung liegen und es braucht sicherlich sehr viel mehr (politische) Arbeit als ein Rugby-Spiel, um ein gespaltenes Land zu einer Nation zu machen. Doch liegt wohl auch ein Funken Wahrheit in den Worten von Chester Williams. Sport - ein omnipräsentes kulturgeschichtliches Phänomen - kann integrierende Wirkung entfalten und dementsprechend auch auf personaler Ebene Identifikationsprozesse hervorrufen. Diese sind zwar womöglich diffus, trotzdem aber real und wirkmächtig.

Sport - insbesondere massenmedial wirksamer Sport wie z.B. Fußball - wird daher auch von verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren bewusst in seiner integrierenden Wirkung eingesetzt. Dazu gehören sportpädagogischen Angebote im Bereich der Milieu- oder Freizeitpädagogik, aber auch symbolträchtige Aktionen in den Medien, die darauf abzielen, die Eigenwahrnehmung der Gesellschaft unter dem Aspekt „Integration" oder „Migration" positiv zu beeinflussen. Beispielsweise Initiativen wie die des DFB-Integrationspreises unter der Schirmherrschaft von Oliver Bierhoff. Die hinter diesen Angeboten und Initiativen stehende Logik ist in der Regel einfach und lässt sich an folgender Aussage Bierhoffs verdeutlichen - er betont: "Der Fußball ist wie geschaffen für Integration: Egal wo man herkommt, welche Sprache man spricht oder welcher Religion man angehört - auf dem Platz ziehen alle an einem Strang und wollen gewinnen. Die integrative Kraft des Fußballs ist einzigartig und hilft insbesondere Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, in der Gemeinschaft Fuß zu fassen. Ich selbst habe über zehn Jahre im Ausland Fußball gespielt und weiß, wie wichtig es ist, sich in seiner Umgebung wohl zu fühlen und integriert zu sein".

Im und womöglich sogar gerade im Sport zeigt sich allerdings auch - und das sollte nicht unbeachtet bleiben -, wenn Personen etwa aufgrund fremdenfeindlicher Diskriminierung eben gerade nicht integriert sind. Ein erschreckendes Zeugnis aus jüngerer Zeit liefert der Erfahrungsbericht des Oberligaspielers Adebowale Ogungbure. der wiederholt von Fans mit ausländerfeindlichen Parolen und Ausdrücken beschimpft, bespuckt und sogar tätlich angegriffen wurde. Fußball im Besonderen und Sport im Allgemeinen „integriert" also nicht automatisch. Es entscheidet der Umgang der Spieler (und Fans) miteinander - die Wahrheit liegt nicht allein auf dem Platz sondern vor allem im Kopf, um ein altes Fußballsprichwort umzuwandeln. Daher machen Aktionen wie „Show Racism the Red Card" Sinn, die aus dem Sport heraus in den Sport und sein Umfeld hinein wirken wollen. Die Aktion findet übrigens inzwischen auch in Deutschland Umsetzung.


Der politisierte Sport

Während das zu Beginn erwähnte Beispiel für eine Form des im positiven Sinn politisierten Sports steht, gibt es auch Beispiele für negativ politisierten Sport: Dazu gehört historisch betrachtet sicherlich der ins rassistische stilisierte Sport der NS-Zeit (vgl. etwa die Inszenierung der Olympischen Sommerspiele 1936) und beispielsweise auch der "Aufrüstungs-" - Pardon - "Leistungssport" der Zeit des kalten Krieges. Eher kuriose Einzelereignisse wie der sog. "Fußballkrieg" zwischen den beiden Staaten El Salvador und Honduras, bei dem ein Fußballspiel einen schwelenden Konflikt zwischen den beiden Staaten eskalierte und bewaffnete Auseinandersetzungen nach sich zog, verdeutlichen ebenfalls diesen Sachverhalt.

Sport hat wie es scheint das Potential, gesellschaftlichen bzw. politischen Symbolcharakter zu erlangen oder auch als Projektionsfolie für allgemeine Ist- oder Soll-Vorstellungen zu dienen und wurde und wird dementsprechend inszeniert - was gerade bei Sportereignissen, die hohe nationale oder internationale Beachtung erfahren, immer wieder sichtbar wird. Das zeigt sich in unterschiedlicher Ausprägung bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften, nationalen Meisterschaften, etc. Die Beachtung, die solchen Ereignissen seitens der Bevölkerung geschenkt wird - ist enorm. Eine Randbemerkung hierzu: Der diesjährige Superbowl - das Finalspiel der amerikanischen Football-Liga - war das Programm mit den meisten Zuschauern in der US-Fernsehgeschichte (106 Millionen) - (moderat) politisiert war die Veranstaltung insofern, als das beispielsweise die Vorträge der Nationalhymne und der Quasi-Hymne "America the Beautiful" von einem Überflug durch Kampfjets begleitet waren. Auch wird von Kontroversen im Vorfeld der Veranstaltung um Inhalte bestimmter Werbespots berichtet, die politisch bzw. gesellschaftlich brisante Themen berührten

Der Sport (oder das Sport-Event) kann also selbst zum Politikum werden, und es lohnt sich, neben seiner Kommerzialisierung auch seine Inszenierung aufmerksam zu beobachten.


Sport als Wagnis und Erlebnis

Nach den eher auf der Ebene der gesellschaftlichen Funktion des Sports angesiedelten Überlegungen, soll nun abschließend noch ein Blick auf die Ebene des Individuums geworfen werden. Welche Lernmöglichkeiten liegen also spezifisch im Sport als Tätigkeit, die einen Effekt auf der Ebene des Ausübenden entfalten könnte?

Prof. Dr. Dietrich Kurz von der Abteilung für Sportwissenschaft der Universität Bielefeld verweist zur Beantwortung dieser Frage auf ein psychologisches Modell von Rheinberg, dass uns helfen soll, die Bedeutung und auch die Funktion des Sports für den Einzelnen zu erkennen. Dieses Model der „Anreiztrias" erklärt insbesondere, warum Menschen Sport als herausfordernde Aktivität überhaupt ausüben.

Die Anreiztrias von Rheinberg: Was reizt den Menschen Sport zu treiben?

1. Kompetenzerleben: Wir wollen uns beweisen und zeigen, was wir können (Anerkennung, Stolz)

2. Erregende Bedrohungswahrnehmung: "Angstprickeln", "Nervenkitzel". Wir wagen nicht, obwohl, sondern weil es gefährlich ist

3. Ungewöhnliche Bewegungszustände: Gleichgewicht, Schwindel, Geschwindigkeit, Höhe, Tiefe usw. bereiten Vergnügen, wenn sie beherrscht werden

Prof. Kurz erklärt ausgehend von diesem Modells den „Wagnischarakter" des Sports und misst diesem eine besondere Bedeutung im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei. Dieses „Wagnis" wird vom Individuum - egal ob bewusst oder unbewusst - eingegangen und aus ihm heraus entwickeln sich spezifische Lernmöglichkeiten und ergeben sich charakteristische Lerneffekte, die bevorzugt beim Sport (insbesondere natürlich beim Gruppen- bzw. Mannschaftssport) auftreten können. Was ein „Wagnis" ist und welche Effekte die erfolgreiche Bewältigung eines Wagnisses beim Individuum hervorrufen kann, wird wie folgt erläutert:

1. Das Wagnis ist ein Spiel an der Grenze des eigenen Könnens (auch der emotionalen Kontrolle)

2. Das Wagnis hat nur einen Reiz, wenn es mich individuell hoch fordert, aber nicht überfordert. Darin steckt ein Stimulus zur Weiterentwicklung.

3. „Was kann ich mir zutrauen?" - Jedes Wagnis ist eine Probe auf die eigene Selbsteinschätzung und beinhaltet Selbsterfahrung - was kann ich? wer bin ich? Dies trägt zur Identitätsentwicklung bei.

4. Vertrauen - in sich selbst und auch in andere. Förderung des Gemeinsinns und des Verantwortungsbewusstseins
Damit es nicht zum Scheitern am Wagnis kommt und damit auch tatsächlich das angesprochene Lernpotential ausgeschöpft werden kann, ist zuweilen - gerade bei jüngeren Zielgruppen - pädagogisch sensible Anleitung und Unterstützung (z.B. seitens des Trainers oder der Trainerin) nötig.

Die beschriebenen Effekte stehen in engem Zusammenhang mit Lernpotentialen, die man ansonsten auch aus der Theorie und Praxis der Erlebnispädagogik kennt. Die Erlebnisräume „kooperatives Handeln", „gemeinsame Lösung von Problemen und Aufgaben" (=Bewältigung von Herausforderungen), die „Einbeziehung aller in die Problemlösung" (auch des schwächsten Glieds) sind hier von jeher als zentrale Lern- und Lehrgegenstände bearbeitet worden. Besonderes Augenmerk wird in der Erlebnispädagogik der „verwobenen Struktur aktiver und reflexiver Handlungsstränge" (Berger&Frech) gewidmet. Damit ist gemeint, dass Aktivitäten, die in der Gruppe durchgeführt werden, auch innerhalb der Gruppe thematisiert und kognitiv und emotional bearbeitet werden - wodurch es zu einer stetigen Weiterentwicklung der Gruppe und ihrer Performanz mit Hilfe des Zyklus von „Handeln → Reflexion → Verbesserung des Handelns" kommen soll - dieser Zyklus lässt sich besonders gut für sportliche Aktivitäten anwenden.

Möglicherweise werden hier jedoch allzu oft gruppendynamische Aspekte zu Lasten rein auf die sportliche Handlung bezogener Themen außer Acht gelassen. Gerade der Begriff des „Vertrauens" böte sich hier im Sinn einer Perspektive der politischen Bildung als zentraler Kompetenzbegriff an, der sowohl die die Fähigkeit zum Vertrauen in sich selbst, in andere und auch die Fähigkeit selbst Vertrauenswürdig zu sein einschließt. „Vertrauen" lässt sich so als für eine Gesellschaft essentielle soziale und auch politische Ressource (Putnam) verstehen und im Rahmen entsprechender Maßnahmen und Reflexionseinheiten fördern und entwickeln.

Gelesen 374 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 15 September 2016 11:34
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