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Mit über 80 Teilnehmerinnen
und Teilnehmern hat unter dem Motto Politische
Bildung Reloaded das 2. Netzwerkforum des Projekts Netzwerk Politische
Bildung Bayern in der Evangelischen Akademie Tutzing stattgefunden.
Die Tagung vom 31. März bis 1. April 2009 bot die
Gelegenheit, neue Projekte, Schwerpunkte und methodische Ansätze kennen zu
lernen und zu diskutieren. Neue Akteure politischer Bildung, Personen wie
Institutionen kamen in Kontakt mit denjenigen, die politische Bildung schon
länger betreiben.
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Das
Netzwerk Politische Bildung Bayern bringt relevante und aktive Personen der
politischen Bildung in Bayern über Institutionengrenzen hinweg zusammen und
ermöglicht einen interdisziplinären Austausch. Es ist ein Kooperationsprojekt
der Universität Augsburg mit der Akademie Führung & Kompetenz am CAP
München sowie der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.
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Die bisherigen Erfahrungen, wie beispielsweise das erste Netzwerkforum 2008,
verdeutlichten, dass ein „Reload" politischer Bildung in Bayern weiter verfolgt
werden sollte. Auch
in der politischen Bildung braucht es immer wieder eine Zusammenführung und
bedarfsgerechte Aktualisierung von Wissen, Kompetenzen, Kontakten, Ansichten
und Ansätzen. Strukturelle Neuerungen werden beispielsweise durch die spezielle
Arbeitsform von Projekten, die sich von den durch Kontinuität gekennzeichneten
Arbeitsformen unterscheiden, erforderlich. Die Tagung vom 31. März bis 1. April
2009 bot die Gelegenheit, neue Projekte, Schwerpunkte und methodische Ansätze
kennen zu lernen und zu diskutieren. Neue Akteure politischer Bildung, Personen
wie Institutionen kamen in Kontakt mit denjenigen, die politische Bildung schon
länger betreiben. Sie wurde vom Projektteam des Netzwerks politische Bildung
Bayern konzipiert und vorbereitet. Den Rahmen bildete die evangelische Akademie
Tutzing, die ihr gesamtes Haus für diese Tagung zur Verfügung stellte und als
Kooperationspartner organisatorische wie konzeptionelle Unterstützung leistete.
Konkret wurden drei Aktionsfelder in den Blick genommen: Projekte, Aus- und Weiterbildung
sowie Qualitätssicherung. Im Aktionsfeld Projekte ging es um solche, die das
Leben in einer globalisierten Welt und interkulturellen Gesellschaft zum Thema
haben, die neue Wege gehen um Beteiligungsprozesse zu unterstützen und solche,
die den Umgang mit neuen Medien selbstverständlich integrieren. Im Bereich Aus-
und Weiterbildung lag der Schwerpunkt bei der Entwicklung einer
selbstreflexiven und wertschätzenden Haltung, die für den professionellen
Umgang mit den sehr unterschiedlichen Milieus der Zielgruppen politischer
Bildung notwendig ist. Das Thema Qualitätssicherung / Wissensmanagement in der
Politischen Bildung schließlich beinhaltete Ansätze zur virtuellen Vernetzung
und Anregungen für Evaluationsprozesse.
Filmischer Einblick
Den Auftakt der Tagung bildete ein filmischer Einblick
in das
Demokratie-Lernen-Konzept „Betzavta/Miteinander"
aus Israel. Dieses Konzept
wurde seitens des Netzwerks exemplarisch als Beispiel für innovative politische
Bildung ausgewählt, da es eine ungewöhnliche Herangehensweise an die Moderation
politischer Bildung verdeutlicht, durch eine Langzeitevaluation
wissenschaftlich untersucht wurde und zu diesem Programm eine etablierte und
zertifizierte Weiterbildung existiert.
Hierzu wurde in Kooperation mit dem
Medienlabor der Universität Augsburg ein dreitägiges Seminar mit Multiplikator/
innen der politischen Bildung in Studiosituation gefilmt und zu einem
30-minütigen Film geschnitten, der auf der Tagung in einer ersten Version
gezeigt wurde. Er zeigte den Grundansatz von Betzavta, den Aufbau und die
Reflexion der spielerischen Übungen, mögliche Wirkungen und Anforderungen an
die Moderation. Die
Diskussion zum Film stellte die Frage, für welche Zielgruppen ein solcher Film
geeignet sei und mit welchen Zielgruppen mit dem hoch reflexiven Ansatz von
Betzavta gearbeitet werden könnte. Susanne Ulrich von der Akademie am CAP
betonte, dass es Ziel des Films sei, den gruppendynamischen
und prozessorientierten Ansatz von Betzavta, welcher Demokratie als persönliche
Lebensform in den Vordergrund stellt, intensiv und kompakt zu verdeutlichen.
Gerade die individuellen und erfahrungsorientierten Lernprozesse dieser Form
politischer Bildung können so sichtbar werden. Es soll verdeutlicht werden,
dass Multiplikator/ innen politischer Bildung durch diesen Einsatz nicht
unbedingt (nur) neue Methoden für ihre eigenen Zielgruppen gewinnen, sondern
vor allem von einer veränderten Haltung hinsichtlich der eigenen unbewussten
Verhaltensweisen und innerer Widersprüche profitieren; sie werden damit in die
Lage versetzt, sensibler und im umfassenden Sinne „demokratischer" mit ihren
Zielgruppen in Lernprozessen umzugehen. Der Film soll gleichzeitig zeigen, dass
mit dem Instrument eines Dokumentarfilms neue Formen des Marketings für
politische Bildung gegangen werden könnten - entsprechend soll er weiter
entwickelt werden.
„Präsentissage" innovativer Projekte
„Das
Lustvolle einer Vernissage mit dem inhaltlichen Reichtum vieler Präsentationen
verbinden" - so begründete Tagungsmoderator Dr. Christian Boeser von der
Universität Augsburg die Konzeption der „Präsentissage". Auf einem von
Magdalena Blon und Miriam Apffelstaedt konzipierten Projektmarkt erhielten die
Teilnehmenden nach einem Sektempfang einen "Ausstellungsführer" (825.69 Kb) zu zwanzig
ausgewählten Projekten der politischen Bildung in Bayern aus den
unterschiedlichsten Bereichen: von der Elementarpädagogik über
medienorientierte Projekte und Engagementansätze für junge Erwachsene bis hin
zu Konzepten der stärkeren Interaktion mit Politikern war eine breite Palette
vorhanden.
In einer Art „Speed Dating" konnten die Teilnehmenden
in kleinen Gruppen in konzentrierter und intensiver Art und Weise einen
Überblick über die Vielfalt der Projekte gewinnen und anschließend den Kontakt
zu für sie relevanten Ansprechpartnern intensivieren. Bei einem begleitenden
Buffet wurden zahlreiche Kooperations- und Unterstützungsideen ausgetauscht
sowie das Bewusstsein für die interdisziplinäre Vielfalt der politischen
Bildungslandschaft in Bayern geschärft.
Milieus der Zielgruppen politischer
Bildung
Nach der exemplarischen Vorstellung und dem Überblick über das
aktuelle Angebot politischer Bildung in Bayern wendete sich am Abend der Blick
auf die „Nachfrageseite". Mit welchen Zielgruppen hat politische Bildung zu
tun? Welche erreicht sie, welche werden vernachlässigt? Hierzu stellte Markus
Etscheid
vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) die neue von
MISEREOR und SINUS Sociovision erstellte „Milieustudie U27"
vor. Der
Milieuansatz eignet sich dafür, jenseits demographischer Daten die
unterschiedlichen Grundorientierungen und Wertesysteme junger Menschen in
Deutschland zu skizzieren und damit besser zu verstehen, auf welche
Lebenswirklichkeiten politische Bildung stößt. Herr Etscheid zeigte in seiner
multimedialen Präsentation eindrücklich die Unterschiede von sieben Milieus
hinsichtlich ihrer Präferenzen für Kleidung, Musik, Umgang mit Medien,
Vorstellungen von Sinn und Visionen für das eigene Leben.

Markus Etscheid bei seiner Präsentation der SINUS Milieustudie U27
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In der Reflexion der Bedeutung der Milieus für die eigene Bildungsarbeit
seitens der Teilnehmenden wurden vor allem zwei Punkte deutlich: der
Milieuansatz erzeugt starke Nachdenklichkeit hinsichtlich der eigenen
Identifikation politischer Bildner mit bestimmten Milieus und der Ablehnung
anderer. Die weitere Beschäftigung damit ist Teil einer professionellen
Reflexion des eigenen Selbstverständnisses und Weltbildes. Zum zweiten wurde
deutlich, dass viele Angebote politischer Bildung nach wie vor auf das Milieu
„Postmaterielle Jugendliche" zugeschnitten sind, die über hohe Bildung verfügen
und in ihrer Grundausrichtung als „grüblerisch", also potentiell reflexiv,
beschrieben werden. Damit werden jedoch nur 6 % der Gesamtheit Jugendlicher und
junger Erwachsener erreicht, was u.a. an dem postmateriellen Selbstverständnis
vieler akademisch ausgebildeter politischer Bildner liegt, die dieses auf ihre
Teilnehmer/ innen projizieren. Ganz im Gegensatz dazu wurde deutlich, dass
„Konsum-materialistische Jugendliche" fast ausschließlich durch mediale Formate
wie „Deutschland sucht den Superstar" erreicht werden. Es verblieb die
Nachdenklichkeit darüber, wie politische Bildner in solchen Milieus
Anschlussfähigkeit gewinnen können und ob die Grund-Ziele politischer Bildung
für diese Zielgruppen angepasst werden müssten.
In den Salons des Schlosses wurden die Diskussionen bei Jazzmusik von Anna
Hermann und Partner intensiv fortgesetzt.
Entschleunigung
Am zweiten Tag des Forums bot Dr. Roswitha Terlinden von der
Evangelischen Akademie Tutzing
in einer Andacht die Gelegenheit, das Thema des
Neubeginns ganz persönlich für das eigene Leben zu reflektieren.

Dr. Fritz Reheis spricht über die Ökologie der Zeit
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Dr. Fritz Reheis
von der Universität Bamberg setzte dieses Thema fort und
berichtete über das Projekt „Ökologie der Zeit" der Evangelischen Akademie
Tutzing. Er betonte die Notwendigkeit unterschiedlicher Rhythmen und
Eigenzeiten für politische Bildungsprozesse und skizzierte einen ganzheitlichen
Ansatz, der die Körperlichkeit und Sinnlichkeit von lernen genauso umfasst wie
Kognition. Dieser Ansatz bricht die Vorstellung von Herstellbarkeit und
Machbarkeit von Bildung auf und führt damit nicht zuletzt zu einer
Entschleunigung des Lernens.
„Open Space" für eigene Ideen
Die Gedanken zum Umgang mit Neubeginn und Zeit bildeten den Übergang
zu einer längeren Phase eines „Open Space", einer Herangehensweise, die
ermöglicht, dass Teilnehmende ihre eigenen Anliegen einbringen können und diese
selbstbestimmt mit anderen austauschen und weiter entwickeln. Mit dem Bild der
Massengesellschaft skizzierte Tagungsmoderator Florian Wenzel die
Notwendigkeit, einen Zwischenraum zwischen Konformismus und Individualismus zu
schaffen - auf Bildungsarbeit übertragen: einen Zwischenraum zwischen gleich
machender Input-Output-Orientierung und individueller Wissensaneignung durch
neue Medien. Hannah Arendt, die den selbstverantwortlichen aktiven Bürger im
öffentlichen Raum im Blick hat, verdeutlicht dies durch das Bild des Tisches.
Ein Tisch verbindet Menschen und trennt sie gleichzeitig; er versammelt sie und
wahrt doch ihre Einzigartigkeit; Begegnung ist möglich, ohne ineinander zu
fließen.
Die Salons des Schlosses in der Akademie boten die Möglichkeit, sich auf diesen
Austausch einzulassen. In 12 Themengruppen vertieften die Teilnehmenden die
Impulse und Anregungen vom Vortag sowie ihre eigenen Ideen zum „Reload". Diskussionsrunden
fanden statt zum Umgang mit Zeit und „Einwirkzeit" politischer Bildung, zu den
Milieus der Zielgruppen, zur Notwendigkeit von Ressourcenorientierung, zum
adäquaten Umgang mit dem Internet und zum demographischen Wandel als wichtiges
Thema politischer Bildung. Es wurden Ansätze zu den Zielen politischer
Bildung, der nötigen Haltung von Lehrenden und der Möglichkeit von Evaluation
politischer Bildung diskutiert, ein Video-Wettbewerb
für die Demokratie weiter entwickelt und Möglichkeiten zu politischen
Bildungsangeboten für Erwachsene und Ältere konkretisiert. Das Netzwerk
politische Bildung Bayern wird bei der Umsetzung entsprechender Projektideen
Unterstützung leisten.
Internationale Einblicke
Den Abschluss der Tagung bildete Prof. Dr. Anne Sliwka
von der
Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Sie kontrastierte die Themen und Projekte
in Bayern mit Erfahrungen von „citizenship education" im internationalen
Bereich. So wird etwa in England seit längerer Zeit ein „whole school approach"
umgesetzt, der politische Bildung nicht nur als ein thematisches Fach begreift,
sondern Engagement von Schülern, Lehrern und Eltern sowie die Reform von
Schulstrukturen umfasst. Sliwka stellte neuere Projekte aus Deutschland vor,
die politische Bildung auch als verantwortliches Handeln im gesellschaftlichen
Raum verstehen. So werden Verständigung und Verantwortung zur Bürgerbildung die
zwei entscheidenden Säulen. Sie betonte, dass gerade im „service learning"
politische
Themen erfahrbar werden und die eigene Entwicklung im Sinne von
Selbstverantwortung gestärkt wird. So haben etwa Hauptschüler einer achten
Klasse als Lernmentoren für Grundschüler einer benachbarten Schule deren
Lebenswirklichkeit in der Familie kennen gelernt und sind zum Teil auch für
diese Schüler zu Elternabenden gegangen und haben so große Verantwortung
übernommen.
Abschließend stellte Sliwka ein komplexes Projekt eines „Deliberationsforums"
dar, in dem Schüler einen zweitägigen Austauschprozess mit einer Großgruppe zu
politischen Themen organisierten. Sie erwerben dadurch eine inhaltliche
Wissenserweiterung, methodische Kompetenzen und durch Feedback-Elemente eine
Selbstreflexions ihres Verantwortungshandelns.

Dr. Anne Sliwka spricht über citizenship education
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Die internationalen Einblicke sowie deutschen Ansätze erfordern eine
Konkretisierung hinsichtlich der Innovation politischer Bildung in Bayern.
Gleichzeitig verdeutlichten sie, welche umfassenden Möglichkeiten auch gegen
verschiedene Widerstände möglich wurden.

Dr. Roswitha Terlinden, Florian Wenzel und
Dr. Christian Boeser
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Zum Abschluss der Tagung dankten die Tagungsmoderatoren der Tagungsassistenz,
dem Tagungsteam wie den Kooperationspartnern. Dr. Roswitha Terlinden betonte
die gelungene Gratwanderung hinsichtlich neuer Wege in Tagungsdesign und Art
des Umgangs mit Inputs und Prozesselementen. Es ist geplant, die Kooperation
mit der Evangelischen Akademie u.a. mit einer Tagung im Jahr 2011 weiter
fortzusetzen.
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