Die Vodafone-Stiftung-Deutschland initiierte im
Jahr 1999 ein Projekt, das sich zum Ziel setzte, der zunehmenden Gewalt und den
verstärkt auftretenden Integrationsschwierigkeiten an Schulen entgegenzuwirken.
Das an sich wäre nicht berichtenswert, wenn sich das Projekt nicht durch seinen
charakteristischen und vor allem erfolgreichen Ansatz auszeichnen würde. Einen
Ansatz, der zeigt: Es ist auch mit (verhältnismäßig) einfachen Mitteln möglich,
das soziale Klima an Schulen positiv zu beeinflussen und individuelle
Lernerfahrungen für Kinder und Jugendliche zu ermöglichen, bei denen sie Verantwortung
für sich und ihre Umwelt übernehmen können und dadurch z.B. Konflikte und
Differenzen auf konstruktive Art lösen bzw. vermeiden können.
2005 wurde ein eigener Verein, der buddY e.V., gegründet, um die zunehmende
Dynamik und die sich erweiternden Kreise des Projekts besser gestalten und
koordinieren zu können. Außerdem wurde das Projekt inhaltlich kontinuierlich
weiter entwickelt, so dass die Träger mittlerweile nicht mehr von einem
„Projekt", sondern von einem „Programm" sprechen. Ein Programm, das inzwischen
immerhin deutschlandweit in über 800 Schulen von der Grundschule bis zum
Gymnasium Anwendung findet. Im November 2009 wurde erstmalig ein eigener Bildungskongress
unter dem
Motto „Schüler machen Schule!" durchgeführt. Das Buddy-Projekt ist außerdem Preisträger
des Wettbewerbs „365 Orte im Land der Ideen" der Bundesregierung und führender
Wirtschaftsverbände.
Charakteristika des Programms
Das Programm ist hierarchisch flach aufgebaut und setzt auf die
Selbstverbreitung und Selbstorganisation durch Multiplikatoren, d.h. Lehrer und
sonstige pädagogische Mitarbeiter werden zu sog. Buddy-Coaches „ausgebildet" und
fungieren in dieser Rolle als Impulsgeber und Kompetenzvermittler für Kinder
und Jugendliche, die zu „buddys" (engl. für „Kumpel") für ihre Mitschüler bzw.
andere Personen des sozialen Nahraums werden. Sie sind, wenn man so will, die
eigtl. Akteure und Träger des Buddy-Programms und können und sollen dementsprechend
auch selbständig Ideen für ihre Tätigkeit als „Buddy" entwickeln.
Das Programm steht unter dem Motto „Aufeinander
achten. Füreinander da sein. Miteinander Lernen" und verdeutlicht die
Stoßrichtung der Buddy-Konzeption. Es geht darum, dass junge Menschen durch die
Übernahme von Verantwortung in Form von konkreten und überschaubaren Projekten
ihre Umwelt und letztlich auch sich selbst positiv beeinflussen. Dabei sind
ganz unterschiedlichen Projekte denkbar, die vor Ort je nach vorhandenen
Ressourcen, Bedürfnissen bzw. Problemstellungen angepasst werden können - unter
anderem darin, also in seiner Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, liegt eine der
Stärken des Projekts. Im Folgenden nur ein kleiner Ausschnitt aus bereits
realisierten Projekten:
So wurden auf Initiative von Buddy-Coaches und Buddys Patenschaften für jüngere
bzw. „neue" Mitschüler organisiert, Lern- und Hausaufgabentreffs angeboten und
Schüler zu Streitschlichtern und Mediatoren ausgebildet, die dann sichtbar
gekennzeichnet (z.B. durch Armbinden oder Kappen) auf dem Pausenhof präsent
waren. Es wurden Musikprojekte gestartet, bei denen nicht Lehrer den Unterricht
am Instrument erteilten, sondern die Schüler (buddys) selbst. Auch selbst organisierte
Pausenverpflegung, ein Sanitätsdienst oder Computerkurse für ortsansässige
Senioren zählen zum Projektspektrum. Ein Buddy-Projekt muss nicht zwingend
direkten schulischen Zusammenhang haben. Vielmehr geht es darum, ein an die
Grundprinzipien des Programms angelehntes Konzept zu verwirklichen.
Die Buddy-Initiatoren benennen vier pädagogische Säulen, auf denen das gesamte Programm
fußt. Da wäre zum einen das Prinzip der „Peer-Group-Education",
d.h. der Vermittlung von Kompetenzen und Wissen durch Gleichaltrige als Form
sozialen Lernens, bei der letztlich Lehren und Lernen situativ ineinander verschränkt
sind. Dazu gehört folgerichtig das Prinzip der „Lebensweltorientierung": Projekte werden aus den Bedürfnissen und
innerhalb des Erfahrungsraums der Jugendlichen selbst entwickelt. Außerdem das
Prinzip „Partizipation" , das für
offene und für alle örtlichen Schüler und pädagogischen Mitarbeiter zugängliche
Projektentwürfe sorgen soll. Zu guter Letzt nennen die Projektinitiatoren das
Prinzip „Selbstwirksamkeit", d.h.
dass teilnehmende Schüler die Erfahrung machen, dass sie mit ihrer
Persönlichkeit und ihren Fähigkeiten positive Wirkungen erzielen können und von
anderen gebraucht und wertgeschätzt werden.
Ein Buch zum Programm mit dem Titel „Das Buddy-Prinzip" kann hier
erworben werden. Dort findet sich auch ein kostenloser Flyer, der unter anderem
die Schritte einer möglichen Umsetzung an einer Schule beschreibt. Hierzu
bieten die Projektinitiatoren Schulen ein fünftägiges, auf die Dauer eines
Schuljahres verteiltes, Trainingsprogramm für Pädagogen an, bei dem diese mit
den Prinzipien des Programms und ihrer Rolle als Coach vertraut gemacht werden.
Dort werden auf der Grundlage einer Bedarfsanalyse (Audit) bereits mögliche
Projekte entworfen.
Fazit
Die Präsidentin von buddY e.V., Prof. Dr. Rita Süssmuth, betont, dass das
buddy-Programm beispielhaft dafür sei, dass es möglich ist, kognitives und
soziales Lernen konstruktiv zu verbinden. Die Trennung dieser beiden Pole des
Lernens sieht sie als Defizit des in Deutschland (noch) vorherrschenden
Verständnisses von „Schule". Pointiert formuliert sie: „Wenn ich im Konflikt
mit mir selbst oder mit meiner Schulklasse stehen, dann kann ich gar nicht
lernen!". Die Erfolgsgeschichten, die das Programm bisher geschrieben hat,
geben dieser Sichtweise prinzipiell Recht. Auf der Internetpräsenz des buddY
e.V. findet sich ein Verzeichnis aller Schulen und Einrichtungen, an denen das
Programm - egal in welcher Form und in welchem Ausmaß - umgesetzt wird. Auch
ein eigens eingerichteter Youtube-Kanal
dokumentiert gelungene Umsetzungsbeispiele einiger Schulen. Indizien für die
Wirksamkeit des Programms liefern auch Evaluationsberichte, die für die
Bundesländer Hessen und
Niedersachsen
vorliegen und die unter anderem eine hohe Akzeptanz von
Buddys durch ihre Mitschüler feststellen konnten. Ebenfalls zeigen sie, dass an
den Projekten beteiligte Schüler ihre Schule durchschnittlich positiver wahrnehmen.
Die vorliegenden Evaluationen leisten jedoch leider keine Analyse des Effekts
der implementierten Buddy-Programme auf das gesamte Schulleben, etwa inwiefern
durch die Einführung der Programme bestimmte negative Verhaltensweisen, wie beispielsweise
die Anwendung von Gewalt oder Mobbing im Schulalltag, abgenommen haben. Auch
sollte nicht unbeachtet bleiben, dass das Programm qua Konzeption die stärksten
Effekte bei den Buddys selbst erzielt und damit nicht auf alle Schüler einer
Schule gleichmäßig einwirkt. Es ist davon auszugehen, dass sich dadurch gewisse
Selektionseffekte ergeben.
Positiv fällt insbesondere die inhaltliche Flexibilität des Programms auf, das
sich in gehöriger Bescheidenheit als Ergänzung zu weiteren Interventionen zur
Schulentwicklung versteht. Diese Flexibilität macht es Lehrkräften und
pädagogischen Mitarbeitern leicht, das Konzept an ihre Bedürfnisse und
Möglichkeiten anzupassen und ihre eigenen Ideen und Vorlieben einzubringen.