Mittwoch, 20 Januar 2010 00:00

„Keine Toleranz der Intoleranz“ – Eine handlungsorientierte Übung für couragiertes Handeln im Alltag

geschrieben von  Theresa Riechert
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1994-schwarzfahrer

„Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen" (Franca Magnani). Dieser Satz führt einem die Bedeutsamkeit von Zivilcourage im Alltag vor Augen und bringt auf den Punkt, was damit gemeint ist, wenn couragiertes Handeln als Grundpfeiler einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft benannt wird. Doch wie kann Zivilcourage verstehbar, wie ihre Bedeutung erlebbar gemacht werden? Eine Möglichkeit, das Thema unkonventionell, alltagsnah und handlungsorientiert aufzugreifen, bietet die Übung „Keine Toleranz der Intoleranz - Der Schwarzfahrer", die an der Akademie Führung & Kompetenz (Centrum für angewandte Politikforschung) entwickelt und im erarbeiteten Praxishandbuch „Achtung (+) Toleranz" (Ulrich 2006) veröffentlicht wurde. Diese Übung soll im Folgenden dargestellt werden, um einen anschaulichen Einblick in das Programm „Achtung (+) Toleranz" zu bieten und eine eigene Anwendung zu ermöglichen.

Kurzbeschreibung: Was ist, was will und was braucht die Übung?

Die Übung beginnt mit dem Kurzfilm „der Schwarzfahrer", der das Thema Zivilcourage zum Gegenstand hat. Er soll dazu anregen, über mögliche Reaktionen auf eine beobachtete Diskriminierung zu diskutieren. Danach werden Rollenspiele durchgeführt, um verschiedene Handlungsoptionen selbst auszuprobieren.

Allgemeine Zielsetzungen

- Den Blick der Teilnehmer_innen auf alltägliche Diskriminierung und Rassismus zu lenken.

- Reaktionsmöglichkeiten gegenüber Diskriminierung kennen zu lernen.

- Erfahren, wie durch das Herstellen von Allianzen diskriminierenden Äußerungen wirkungsvoll begegnet werden kann.

Themenbereiche

Diskriminierung, Solidarität, Vorurteile, Stereotype, Zivilcourage, ...

Gruppengröße

Bis 25 Personen

Zeit

1 bis 2 Stunden

Rahmen

Seminarraum mit halbrundem Stuhlkreis

Arbeitsmaterial

Kurzfilm „der Schwarzfahrer" (dieser ist unter you tube erhältlich und bei allen Landesbildstellen), Laptop / Videogerät

„Der Schwarzfahrer" - Filmbeschreibung

„Der Schwarzfahrer" von Pepe Danquart (Dauer: 12 Minuten) wurde 1992 in Deutschland gedreht und erhielt 1994 einen Oscar als bester Kurzfilm. Der Film spielt in einer Straßenbahn. Ein junger Mann mit schwarzer Hautfarbe fragt eine ältere Dame, ob er sich neben sie setzen könne. Sie schaut ihn lediglich entrüstet an und ignoriert ihn dann. Der Mann nimmt trotzdem Platz. Seine Nachbarin fängt daraufhin an, über Schwarze und Ausländer zu schimpfen. Sie steigert sich immer mehr in ihren Hass hinein, nennt alle gängigen Vorurteile und Klischees. Keiner der übrigen Passagiere mischt sich ein.

1194 schwarzfahrer 2

Plötzlich eine Fahrkartenkontrolle. Der junge Mann beobachtet, wie seine Nachbarin ihre Karte aus der Tasche zieht. Als der Kontrolleur nicht hinsieht, reisst er ihr die Fahrkarte aus der Hand, steckt sie in den Mund und schluckt sie blitzschnell herunter. Die ältere Dame erklärt dem Kontrolleur entrüstet, dass „der Neger" gerade ihre Fahrkarte „gefressen" habe, woraufhin dieser kopfschüttelnd entgegnet: „So 'ne blöde Ausrede hab' ich auch noch nicht gehört!" Die ältere Dame muss mit dem Kontrolleur aussteigen - sie erwartet eine Geldbuße. Happy End?

Der Ablauf: couragiertes Handeln selbst erproben

1. Zunächst wird der Kurzfilm „der Schwarzfahrer gezeigt. Dabei sollen die Teilnehmer_innen aufmerksam zusehen, um auf die anschließende Diskussion vorbereitet zu sein.

2. Im Anschluss wird das Verhalten der Akteure und insbesondere Aspekte, die das Thema Zivilcourage betreffen, diskutiert.

  • Was kann man tun, wenn die eigene Grenze der Toleranz erreicht ist?
  • Was hindert Menschen, in solchen Situationen einzuschreiten?
  • Wie könnte ein mögliches Einschreiten aussehen?
  • Wo habt ihr bereits ähnliche Situationen erlebt? Wie habt ihr euch verhalten?

Das Ziel dabei ist es, möglichst viele verschiedene Wege für einen deeskalierenden und konstruktiven Umgang mit Konflikten gemeinsam zu finden.

3. Umsetzung als Rollenspiel:
Mit Hilfe von Stühlen wird die Anordnung in der Straßenbahn in etwa nachempfunden. Die Rollen, wie die alte Dame, der junge Schwarze und die anderen Fahrgäste, werden freiwillig besetzt. Die Fahrgäste können nun Strategien erproben, wie couragiert gegen die alte Dame vorgegangen werden kann. Die übrige Seminargruppe beobachtet das Geschehen und die Wirksamkeit der Interventionen.

4. Das Leitungsteam stellt die drei Schritte des „notwendigen Distanzierens" als eine weitere (nicht als die beste oder die einzige) Alternative für den Umgang mit extremen Positionen dar.

Die drei Schritte des notwendigen Distanzierens:

1. In eigenen Worten wiederholen, was die Person mir gesagt hat, um die Gelegenheit zur Klarstellung zu geben.

z. B. „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann haben sie eben gesagt, ..."

2. Die eigenen, ausgelösten Gefühle äußern. Person mit der eigenen Position konfrontieren.
z. B. „Ich finde, dass Sie Ihren Nachbar beleidigt haben und das finde ich nicht akzeptabel."

3. Distanzierung von Äußerungen, Mitteilung der eigenen Wünsche. Miteinbeziehung Dritter
z. B. „Ich wünsche mir, dass Sie sich entschuldigen." / „Was halten Sie eigentlich von solch einem Verhalten?"

5. Die Filmszene oder ein anderes Fallbeispiel kann nun als Vorlage für ein weiteres Rollenspiel dienen, bei dem das „notwendige Distanzieren" zur Anwendung kommt.

6. Reflexion: Anhand des Reflexionsleitfadens werden die Gefühle in den einzelnen Rollen, die verschiedenen Strategien des Einschreitens und darüber hinaus Situationen mit erhöhtem Gefährdungspotenzial aufgegriffen und diskutiert. Abschließend wird in einem Blitzlicht erfragt, wie sie die generelle Umsetzbarkeit einschätzen.

Weitere Informationen

Weitere Anregungen, wie die Übung ausgestaltet werden kann, sowie andere Übungen zu Toleranz, Zivilcourage, Demokratie und dem Umgang mit Konflikten finden sich in der Veröffentlichung „Achtung (+) Toleranz - Wege demokratischer Konfliktregelung" (Ulrich 2006). Auch Ausbildungen zur zertifizierten Trainerin / zum zertifizierten Trainer des Programmes, sowie Durchführungen bietet die Akademie Führung & Kompetenz an. Wir danken für das Einverständnis, diese Übung praxisnah darstellen zu dürfen und wünschen viel Erfolg bei der eigenständigen Erprobung.

2009 logo akademie 400

Materialien und weiterführende Informationen

Arbeitsmaterialien: Kurzanleitung, Reflexionsleitfaden, Cartoon (ko2ue11.pfd)

„Der Schwarzfahrer" (http://www.youtube.com/watch?v=swJ0zhVJ8DU)

Ulrich, Susanne (2006): Achtung (+) Toleranz. Wege demokratischer Konfliktregelung. Praxishandbuch für die politische Bildung. 2. Auflage, Gütersloh.

Ausbildungen zu Achtung (+) Toleranz: Akademie Führung & Kompetenz (http://www.cap-lmu.de/akademie/index.php)

Gelesen 1799 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 30 Juli 2014 13:23
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