Montag, 01 Oktober 2007 00:00

"Last Exit Flucht". Onlinespiel des UNHCR

geschrieben von  Martina Mobley
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Das UN-Flüchtlingskommissariat hat ein Onlinespiel für Jugendliche veröffentlicht, das sich mit den Themen Flucht und Menschenrechte beschäftigt. Eine umfangreiche Auswahl an Hintergrundinformationen für die Jugendlichen selbst, sowie ein Lehrerleitfaden für den Einsatz im Unterricht komplettieren das Angebot. Die Kombination aus spielerischer Erfahrung und Hintergrundinformation soll Jugendliche für die Bedürfnisse von Flüchtlingen sensibilisieren, heißt es in der Pressemitteilung des UNHCR zur Veröffentlichung des Spiels.

 

Das Militär hat die Macht ergriffen, Andersdenkende werden verfolgt. Bei einer friedlichen Kundgebung wird ein junges Mädchen verhaftet und, da sie regierungskritischer Ansichten verdächtig ist, ausgiebig verhört. Antwortet sie nicht so wie es das Militär verlangt wird sie geschlagen, sie blutet.

Dem Mädchen wird sehr schnell klar, dass sie weiter misshandelt und womöglich auf unbestimmte Zeit im Gefängnis verschwinden wird, wenn sie gemäß ihrer Überzeugungen antwortet. Also unterschreibt sie was auch immer ihr vom Militär vorgelegt wird: Sie verzichtet auf ihr Wahlrecht, auf das Recht ihr Land verlassen zu dürfen, auf Versammlungsfreiheit, das Recht auf freie Meinungsäußerung und auf ihren Glauben. Außerdem unterschreibt sie, dass sie von der Polizei gut behandelt wurde. Sie darf gehen. Vorerst, denn es ist sicher, dass die Militärpolizei in Kürze wieder kommen, sie wieder einsperren, verhören, schlagen wird, vielleicht sogar noch schlimmeres. Das Mädchen entschließt sich zu fliehen, von jetzt auf gleich ohne Verzögerung, als Gepäck nur ein kleiner Rucksack. Briefe, Familienphotos, die Lieblings-CDs, das Haustier - was nicht in den Rucksack passt oder in der Eile nicht parat liegt, muss zurückbleiben.

"Stell Dir vor, das wärst Du"

Diese Geschichte ist keinem Bericht Amnesty Internationals entnommen, sondern in Wirklichkeit der Anfang eines web-basierten Computerspiels, welches das UN- Flüchtlingskommissariat (UNHCR) im März der Öffentlichkeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz präsentierte.

Ziel dieses kostenlosen Onlinespiels ist es, Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren nahe zu bringen, was es bedeutet ein Flüchtling zu sein. Unter welchem Druck man steht, wenn man sein Land aus Angst um die eigene Sicherheit verlassen muss, wie es Menschen auf der Flucht ergeht und wie es ist, sich als Asylsuchender in einem fremden Land zurechtfinden zu müssen und sich aus dem Nichts ein neues Leben aufzubauen.

Dazu schlüpft der Spieler in die Rolle eines jungen Flüchtlings. Seinen Spielcharakter kann man sich selbst aussuchen und muss ihm einen Namen geben. Die Jugendlichen, die hier sozusagen „zur Auswahl stehen" unterscheiden sich in ihrer Optik, also Kleidung oder Frisur, eigentlich nicht von den Jugendlichen der Länder an die sich das Spiel wendet. Auch ihr Zuhause, ausgestattet mit Mp3-Player, Handy und Computer könnte das eigene sein. Das entspricht vielleicht nicht unbedingt der Realität, erfüllt aber einen wichtigen Zweck. „Der Flüchtling" ist nicht ein Mensch aus einer anderen, fremden Welt, die mit unserer nichts zu tun und mit unserer nur wenig gemeinsam hat, so wie man das manchmal wahrnimmt, sondern ist an unserem Leben ganz nah dran. „Stell Dir vor, das wärst Du", sagt einem der Bildschirm zur Einführung, wenn der Spieler von der passiven Rolle des Zuschauers, der die Konflikte in fernen Ländern vom Sofa aus, mal mehr - mal weniger interessiert beobachtet in die Position des Flüchtenden versetzt wird.

In der Rolle des Mädchens muss man sich zwielichtigen Schleppern anvertrauen, die einen zu Wucherpreisen zur Grenze bringen, man muss für sich und seine Mitreisenden immer wieder schwerwiegende Entscheidungen treffen - z.B. darüber, wer aus Platzmangel nicht im LKW der Schlepper mitfahren kann - bis man schließlich in einem fremden Land ankommt.

Im zweiten und dritten Teil des Spiels geht es im Wesentlichen darum, ein neues Leben zu beginnen, sich in der fremden Kultur und Sprache zurecht zu finden. Hier werden ebenfalls die vielen Vorurteile thematisiert, mit denen Flüchtlinge, aber auch Ausländer im Allgemeinen häufig zu kämpfen haben. Egal welche Qualifikationen man vorzuweisen hat und wie seriös man auftritt, als Ferienjob (die Protagonistin geht noch zur Schule) gibt es nur eine Stelle als Reinigungskraft. Und für das Handy, das man sich vom ersten Lohn kauft, um für die im Heimatland Zurückgelassenen erreichbar zu sein, muss man beim Verlassen des Einkaufzentrums den Wachleuten den Kassenbeleg zeigen, die gehen nämlich davon aus, man hätte es gestohlen.
Doch letztendlich trifft man überwiegend auf freundliche Menschen und bis zum Schluss bleibt „Last Exit Flucht" von einer, trotz allem, hoffnungsvollen Grundtendenz geprägt.

Umfangreiche Hintergrundinformationen liefern thematische Unterfütterung

Neben einer durchaus packenden Handlung bietet „Last Exit Flucht" in einem so genannten „Fakten-Web" zahlreiche Hintergrundinformationen zu den Themen Flüchtlinge und Menschenrechte. Diese Texte und Videodokumente sind auf die verschiedenen Teile des Spiels zugeschnitten, so dass man zu jedem Spielabschnitt die passenden Informationen abrufen kann. Neben Erklärungen zu gesetzlichen Regelungen und Abläufen finden sich hier unter anderem Erfahrungsberichte von erwachsenen und jugendlichen Flüchtlingen.
Darüber hinaus bietet ein Lehrerleitfaden, ebenfalls nach den einzelnen Spielabschnitten gegliedert, Vorschläge zur Unterrichtsplanung, dies inklusive Rollenspielen, Übungen und möglichen Diskussionsthemen.

Sämtliche Hintergrundinformationen funktionieren auch ohne das Spiel und könnten somit unabhängig davon genutzt werden, die Texte sind gut verständlich verfasst und gerade die Erfahrungsberichte von Flüchtlingen liefern interessante Einblicke.

Fazit

Insgesamt gesehen bietet das Spiel „Last Exit Flucht" eine interessante und innovative Möglichkeit, sich den Themen Asyl und Menschenrechte im Rahmen des Schulunterrichts zuzuwenden.
Das Spiel wirkt natürlich nur dann, wenn man sich darauf einlässt. Ob man dies tut, wenn einen das Thema nicht sowieso schon interessiert, bleibt zwar zu hoffen, ist allerdings fraglich.

Auch die kompromisslose Darstellung, die die Spielemacher gerade in der Anfangsphase gewählt haben um an der Ernsthaftigkeit der Ausgangssituation keinen Zweifel zu lassen, muss einem nicht gefallen. Dass tatsächlich Blut fließt und Schmerzenslaute zu hören sind, ist zumindest überraschend. Inwieweit diese Mittel angemessen sind oder doch etwas zu heftig – darüber lässt sich diskutieren. Denn auch wenn die angedeutete Gewalt, sie ist letztendlich nicht zu sehen, dazu dient, eine düstere Atmosphäre zu kreieren, bleibt ein kleines flaues Gefühl im Magen zurück.

Eine gute Vor- und Nachbereitung von „Last Exit Flucht" ist von den Machern intendiert und auch notwendig, damit das Spiel nicht nur Unterhaltung bleibt sondern tatsächlich zum Nachdenken anregt. Das „Fakten-Web" und der Lehrerleitfaden bieten hier gute Ansätze. Inwieweit ein derart intensives Befassen mit diesem Thema mit dem Zeitdruck im Schulalltag vereinbar ist, muss die Praxis zeigen. Einen Versuch ist es wert.

Hier finden Sie das Spiel "Last Exit Flucht".

Gelesen 1117 mal Letzte Änderung am Sonntag, 14 Dezember 2014 18:40
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