Donnerstag, 04 November 2010 00:00

Migranten machen Schule!

geschrieben von  Christian Fey
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migranten machen schule

Das Projekt „Migranten machen Schule!" der Stabsabteilung für Integrationspolitik der Landeshauptstadt Stuttgart bearbeitet die Themenbereichen Integration und interkulturellem Lernen in der Schule von einer ungewöhnlichen Seite. Nicht die Schüler stehen im direkten Fokus ihrer Initiative und es werden auch keine ausgefeilten und komplexen Programme speziell für sie entwickelt. Die Aufmerksamkeit richtet sich vielmehr auf das Lehrpersonal.

Es wird festgestellt: Die Zusammensetzung der Lehrerkollgien an deutschen Schulen entspricht bei weitem nicht der Zusammensetzung der regionalen Bevölkerung im Hinblick auf die Variable „Migrationshintergrund". Lehrer mit Migrationshintergrund sind damit faktisch an deutschen Schulen unterrepräsentiert. Den Initiatoren des Projekts geht es nun darum, die Chancen und das bereichernde Potential von Lehrern mit Migrationshintergrund und ihre positive Wirkung für Prozesse der Integration und des interkulturellen Lernens an deutschen Schulen publik zu machen und dieses als wertvolle Ressource für die Schulentwicklung zu begreifen.

Ziele und Vorgehensweise des Projekts

Im Zentrum von „Migranten machen Schule!" stehen fünf Ziele. Es soll (1) zum einen das Interesse von SchülerInnen, die selber einen Migrationshintergrund haben, für den Lehrerberuf geweckt werden, damit letztlich in der Zukunft das Missverhältnis von Lehrern mit und Lehrern ohne Migrationshintergrund verringert werden kann. So ist z.B. Bestandteil der Projektarbeit, dass Lehrer mit Migrationshintergrund verschiedene regionale Schulen besuchen, um den Schülern von ihren Erfahrungen zu berichten und sie in ihrem eigenen Bildungsweg positiv zu ermutigen.

Um Schülern tatsächlich den Weg zum Lehrerberuf zu ebnen, ist es (2) aber nicht nur nötig, ihren eigenen Denkhorizont in diese Richtung zu erweitern. Auch die Herkunftsfamilien der Schüler soll erreicht werden und eine Diskussion über die Möglichkeit, das ihr Kind den Beruf des Lehrers ergreifen könnte, angeregt werden.

Um darüber hinaus die (teilweise negativ belastete bzw. mit Vorbehalten geprägte) gesellschaftlich-institutionelle Wahrnehmung von Lehrern/Referendaren/Lehramtsstudenten mit Migrationshintergrund positiv zu beeinflussen, sollen (3) Schulen, Hochschulen und Ministerien sensibilisiert werden, Migrationserfahrung als wichtige Ressource wahrzunehmen. Dazu hat das Projekt u.a. eine entsprechende Publikation unter dem Titel „Migranten machen Schule! Schule gestalten: Vielfalt nutzen!" herausgegeben. Es handelt sich dabei um eine Beispielssammlung, verfasst von Autoren aus insgesamt 15 Herkunftsländern, in der die schulpraktische Bedeutung der spezifischen Ressourcen von Lehrerinnen und Lehrern mit Migrationshintergrund in verschiedenen Bereichen dargestellt wird. Das Dokument enthält vielfältige Anregungen für die Unterrichtsgestaltung, für die Zusammenarbeit mit Migranteneltern, für die interkulturelle Teamentwicklung oder für die Lehrerbildung. 

Neben den bereits dargestellten Projektzielen, soll auch (4) ein Fokus auf die LehrerInnen und Lehramtstudierenden in ihre spezifischen Herausforderungen gelegt werden. Dazu soll dieser Personengruppe ein unterstützendes Netzwerk angeboten werden.

Zuletzt möchte man - sicher um dem Anliegen des Projekts nachhaltige Perspektiven zu eröffnen und ihm breitere Durchsetzungskraft zu verleihen - (5) den Dialog mit Hochschulen und Ministerien darüber aufnehmen, interkulturelle Perspektiven als festen Bestandteil in den Lehrplänen der Schulen und in der Lehreraus- und weiterbildung zu verankern. Diese Perspektive wird bisher kaum wahrgenommen.

„Fünf zentrale migrationsspezifische Potentiale"

1. Ergänzung von Perspektiven

  • durch eine „Binnensicht", die sensibilisiert für die Wirkungen von Lehrerverhalten
  • durch einen „geschärften Blick" für interkulturelle Fragestellungen in den Bildungsplänen
  • durch die eigene Mehrsprachigkeit als Impuls für didaktisch-methodische Innovation
  • durch kreative Impulse aus dem „anderen Alltag"

2. Biografische Krisen- und Konflikterfahrung

  • als Ausgangspunkt eines empathischen Nachvollzugs von Kränkungs- und Diskriminierungserfahrungen, den Herausforderungen durch belastende Lebensverhältnisse und deren Bewältigung
  • als glaubwürdiger, lebenspraktischer Zugang zu personalen Bewältigungsressourcen und institutionellen Unterstützungsangeboten

3. Wissen und Kenntnisse

  • als Alltagswissen um Regeln, Traditionen, Wertesysteme, Normen ...
  • als Wissen um die Differenz von „Theorie" und Alltagspraxis in den Familien
  • als unmittelbare Sprachkenntnisse und Wissen über einen mehrsprachigen Alltag

4. Können

  • als Fähigkeit zum praktischen Umgang mit Mehrsprachigkeit
  • als ein über die Sprachkenntnisse hinausreichendes, erweitertes Repertoire der Kommunikation
  • als Zugang zu außerschulischen Einrichtungen, Vereinen und informellen Gruppen

5. „Symbolische Rolle"

  • durch die eigene Bildungsbiografie und Lebensgeschichte

Auszug aus: „Migranten machen Schule! Schule gestalten: Vielfalt nutzen!" - Kapitel „Lehrpersonen mit Migrationshintergrund: Rollen - Bilder - Potenziale. Von migrationsspezifischen Ressourcen und schulpraktischen Folgen" von Elisabeth Rangosch-Schneck - Projektkoordinatorin von „Migranten machen Schule!"

Fazit

Das Projekt „Migranten machen Schule!" setzt erfrischende Akzente auf den Problembereich „Migration und Schule" - die Veränderung des Blickwinkels weg von der allgegemwärtigen Defizitorientierung in der Diskussion, hin auf die Herausforderungen und Chancen eines kulturell heterogenen Lehrpersonals erscheint gewinnbringend und gerade auch in der entwickelten Konzeption fruchtbar. Die Beiträge der Beispielsammlung sind authentisch und spürbar nah am Alltag von Lehren und Lehrerinnen - die Hürde zur positiven Auseinandersetzung mit den von den Autoren getroffenen Aussagen sehr niedrig. Sicher nicht ohne Grund hat das Projekt daher auch Eingang den Integartionsplan des Landes Baden-Württemberg und in die Beispielsammlung (Good Practice) des Nationalen Integrationsplans der Bundesregierung gefunden. Dem Projekt ist ein höherer Verbreitungsgrad und eine breite Nachahmung auf nationaler Ebene nur zu wünschen.

Links

"Migranten machen Schule!" als Good Practice Beispiel im Nationalen Integrationsplan: http://www.stuttgart.de/img/mdb/item/357408/45029.pdf

Beispielsammlung "Schule gestalten: Vielfalt nutzen!": http://www.stuttgart.de/item/show/393070/1

Gelesen 1585 mal Letzte Änderung am Sonntag, 14 Dezember 2014 17:42
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