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Donnerstag, 14 Juli 2011 00:00

Interkulturelle Gärten als Lern- und Integrationsräume für eine demokratische Gesellschaft

geschrieben von  Christian Fey
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München, Freising, Dachau, Augsburg, Aichach, Kaufbeuren, Fürth, Bayreuth und Passau. In diesen bayerischen Städten sind in den letzten Jahren insgesamt 18 interkulturelle Gärten entstanden, in denen Menschen unterschiedlich(st)er Herkunft gemeinsam und vereinsmäßig organisiert Gartenbau betreiben. Weitere 13 Projekte befinden sich zur Zeitin der Planungsphase. Sie alle gehen auf eine Initiative der Stiftung Interkultur zurück, die wiederum ein Projekt der Stifungsgemeinschaft anstiftung & artomis ist.

Neben Aspekten der Naturraumerfahrung und Umweltbildung, die naturgemäß ein Schwerpunkt der Projekte darstellt, beinhaltet die Idee der Etablierung interkultureller Gärten aber noch viel mehr. Sie ermöglichen eine intensive und dauerhafte Begegnung für Menschen mit und ohne Migrationshintergtrund und werden damit zu Lernorten für interkulturelle Sensibilisierung und bilden notwendig in ihrer Struktur der gemeinschaftlichen Organisation exemplarisch Verständigungs- und Aushandlungsprozesse ab, die für die demokratische Kultur einer Einwanderungsgesellschaft von Nutzen sind.

 

 

Interkulturelle Gärten fördern Kompetenzen, die für eine demokratische Gesellschaft essentiell sind

Allgemein beschreibt die Stiftung Interkultur das Lernpotential der Gartenprojekte mit folgenden Worten: "Interkulturelle Gärten sind Lernorte....

gegenseitiger Befähigung: Bergung und ressourcenorientierter Einsatz der vorhandenen Kompetenzen,

für Identitäts-Rekonstruktion: Neuverortung in vertrauten Handlungsrahmen (wie z.B. Kultur der Gastlichkeit),

der Naturerfahrung: Arbeit mit Natur als Ausgangspunkt für Wissensvermittlung und Erfahrungstransfer sowie für ökologische Sensibilisierung,

für Gestaltungskompetenz und für den Umgang mit kultureller Differenz."

Interkultureller Gärten bieten damit auch eine Chance für die Erfahrung der eigenen personalen Wirksamkeit im Rahmen von Verantwortungsübernahme und Partizipation, einer Erfahrung, die für einen Teil der MigrantInnen in Deutschland aufgrund ihrer Erfahrungen im Herkunftsland oder Ablehnungs- und Ausgrenzungserfahrungen in Deutschland zur Seltenheit geworden ist und die ihnen wichtige und neue Identitäts- und Identifikationsmöglichkeiten bietet.

Partizipation

"EinwanderInnen fühlen sich hierzulande vielfältig benachteiligt. Die tagtäglichen Diskriminierungen werden präzise wahrgenommen und führen oft zu Entmutigung und Abschottung. Ein Interkultureller Garten zeigt Auswege aus dem „Ghetto des Andersseins" auf. Nach und nach kann hier das vielseits vermisste bürgerschaftliche Engagement von MigrantInnen Raum greifen."

Auch die Bearbeitung und konstruktive Lösung von Konflikten gehört zu den Herausforderungen, die gemeinschaftliche Projekte wie es interkulturelle Gärten sind mit sich bringen. Hierzu bietet die Stifrung Interkultur mit ihren Mitarbeitern gezielt Praxissemiare und auch Beratung bei sSchwierigkeiten für lokale Gartenprojekte an. Im Rahmen von Praxisseminaren wurden beispielsweise in der Vergangenheit die Themen "Interkulturelle Kommunikation und Konfliktlösungsstrategien in Interkulturellen Gärten" und "Konfliktmanagement in Interkulturellen Gärten" bearbeitet und eine Diskussionsveranstaltung unter dem Motto "Lebendiges Miteinander in Interkulturellen Gärten - wie interkulturelle Kommunikation (besser) gelingen kann" durchgeführt.

Gemeinschaft

"Am Schnittpunkt von Natur, Kultur und Sozialem wird die Migrationsgesellschaft jede Gartensaison neu erfunden. Gemüseanbau allein reicht nicht. Es gilt, Differenzen und Gemeinsamkeiten zu entdecken, zu deuten und auszudrücken. Ein neues „Wir" entsteht im interkulturellen Zwischenraum".

Für die Qualität und das Verantwortungsbewußtsein der Initiative spricht die Einbettung in einen wissenschaftlichen Rahmen. Es besteht ein informelles Netzwerk mit Beteiligung aus unterschiedlichen Fachdisziplinen.

Nicht ohne Grund ist daher die Liste der Preise, die das Gesamtprojekt und seine einzelnen lokalen Umsetzungen erhalten haben, lang. Hervorzuheben sind hier die Verleihung des Qualitätslabel "Werkstatt N-Projekt 2011" durch den Nachhaltigkeitsrat sowie die mehrfache Auszeichnung lokaler Projekte durch das Bündnis für Demokratie und Toleranz.

Eigene Projekte starten leichtgemacht

Die Stiftung Interkultur bietet einzelnen Interkulturellen Gärten ein Netzwerk, in dem u.a. auch Inforrmations- und Praxismaterialien gesammelt und bereitgestellt werden. Dies reicht von einfachen und konkreten Tipps zu Gartenbauthemen, von Informationen und Vordrucken zu Vereinsgründungen, Fundraising, Antragsstellung, Finanzierung, Grundstücksfragen, Öffentlichkeitsarbeit, Briefvorlagen etc. bis hin zu Fachliteratur mit wissenschaftlichem Anspruch. Außerdem werden regelmäßig und deutschlandweit Praxisseminare zu unterschiedlichen Themen von Fachreferenten angeboten. Die Hürde ein eigenes Projekt zu starten, was oft mit Unsicherheiten und organistorischen Fragen verbunden ist, ist hier in vorbildicher Weise klein gehalten. Ein Großteil der Materialien ist auch auf der Projekthomepage zugänglich.

Fazit

Viele Bildungsangebote im Bereich des interkulturellen Lernens kämpfen mit dem Problem der Zielgruppenerreichung. Hier gibt es zum Teil starke selektive Verzerrungen, d.h. es kommen oft überwiegend die Personen zu Angeboten, die von sich aus schon in höherem Maße sensibilisiert oder "vorgebildet" sind. Gegenmaßnahmen für diesen Effekt bilden Angebote, die in ihrem Charakter niederschwellig sind und bei denen interkulturelle Bildung im Sinne impliziten Lernens verankert ist. Hier können Zielgruppen erreicht werden, die üblicherweise nicht oder nur schwer erreicht werden können. Insbesondere hier liegt die Stärke und der Vorbildcharakter der Einrichtung Interkultureller Gärten in urbanen Milieus.

Ressourcen

  • Den Youtube-Kanal der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis finden Sie hier
  • Publikation von Christa Müller: Müller, Christa (2002): Wurzeln schlagen in der Fremde. Internationale Gärten und ihre Bedeutung für Integrationsprozesse, oekom Verlag, München 16 Euro Bestellung
  • Eine Übersicht der bisher in Bayern umgesetzten Gartenprojekte finden Sie hier
Gelesen 1519 mal Letzte Änderung am Freitag, 22 Januar 2016 13:30
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