Dienstag, 06 September 2016 09:31

„Gib mir mal die Gieskanne“ - Interview mit Barbara Schulte

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Im Rahmen eines Seminars „Erwachsenenbildung in der Einwanderungsgesellschaft“ bei Dr. Christian Boeser-Schnebel wurden verschiedene Interviews mit Bildungsakteuren geführt.
Barbara schulte ist Geschäftsführerin der Waisenhausstiftung Siloah. Im Interview spricht sie über aktuellen Integrationsprojekte der Waisenhausstiftung, sowie ihr persönliches Verständnis von Integration.
 

Frau Schulte, Sie sind die Geschäftsführerin der Waisenhausstiftung Siloah. Welche Ziele verfolgt die Stiftung und worin liegen dabei Ihre Tätigkeiten?

Die Stiftung dient gemeinnützigen Zwecken durch Unterstützung und Förderung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind, ohne Rücksicht auf deren Staatsangehörigkeit, Konfession, Herkunft und Geschlecht.
So steht es in der Satzung.
Wie wir es auf unserer Homepage formulieren, fördern wir Projekte und Ideen gemeinnützig anerkannter Organisationen die dazu beitragen, das Entwicklungspotential jedes Kindes, Jugendlichen oder von Familien zu entfalten und dadurch die Lebensqualität dieser zu verbessern.
Meine Aufgabe ist es, abgesehen vom Alltagsgeschäft wie Kontaktpflege, Buchhaltung und Öffentlichkeitsarbeit, die eingehenden Förderanträge nach den Stiftungskriterien zu beurteilen und für eine Abstimmung im Vorstand aufzubereiten. Ein weiterer Teil meiner Tätigkeit ist die konzeptionelle Entwicklung und Gestaltung von Projekten, die seitens des Vorstandes inhaltlich angeregt werden.


Ein Projekt der Stiftung ist der Aufbau und Betrieb eines „Gemeinschaftsgartens“. Was ist der Gemeinschaftsgarten und wie kam es zu der Idee?

Mit dem Gemeinschaftsgarten, in dem jeder, der mag, auf einer für ihn reservierten 3-6 m² großen Fläche, Pflanzen seiner Wahl anbauen kann, soll eine unverbindliche Plattform entstehen, wo sich Menschen mit gleichen Interessen (hier Landwirtschaft im weitesten Sinne) begegnen und kennen lernen können.
Der Gemeinschaftsgarten ist ein Teilbereich eines von mir seit meiner pädagogischen Ausbildung betriebenen Ansatzes des praktischen Lernens. Zwar gibt es ähnliche Projekte vielerorts insbesondere in Großstädten, aber die konkrete Anwendung als Integrationsansatz ist noch nicht so oft erfolgt (vielleicht vergleichbar mit den Interkulturellen Gärten in Ingolstadt und Berlin).


Welche Ziele verfolgt das Projekt?

Menschen aus unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Nationalitäten kommen zu einem Thema zusammen. Sie lernen sich kennen und mit einander umzugehen. Konkurrenzdenken könnte sich hier in Verständnis und Hilfsbereitschaft wandeln.
Menschen, die die deutsche Sprache noch nicht so gut sprechen, haben die Gelegenheit im Dialog mit dem „Nachbarn“ praktisch Sprache zu lernen: Bsp. „Gib mir mal die Gieskanne“
Durch die Einbindung von Unternehmen als Sponsoren oder Dienstleistern können Mitarbeiter oder auch Inhaber sich unverbindlich ein Bild von den Arbeitsleistungen im Projekt tätiger Parzellennutzern machen. Sofern die Nutzer einen ausländischen Hintergrund haben, könnten hier Kontakte für mögliche Praktika oder sogar Arbeitsgelegenheiten geknüpft werden.
Die Menschen werden angehalten, ihren Gemeinschaftsgarten gemeinsam zu gestalten. Spielregeln werden außer durch Parzellengröße und Gesamtanlage nicht vorgegeben. Im Tun handeln sich die Teilnehmer ihre eigenen Spielregeln aus und formulieren sie entsprechend.
Jeder Parzellennutzer unterschreibt eine Vereinbarung, nach der der Schwerpunkt des Gemeinschaftsgartens auf dem Miteinander liegt. Vgl. Anlage.
 

Das Projekt läuft bereits seit Anfang Mai 2016. Wie würden Sie den bisherigen Projektverlauf bewerten?

Abgesehen vom Wetter ist hinsichtlich der Gartennutzer bisher alles so gekommen, wie geplant. Was die Unternehmen betrifft, so wäre hier etwas mehr Engagement wünschenswert. Allerdings ist natürlich für die Branchen, die hier eigentlich relevant wären, wie Landschaftsgärtner und diverse Handwerker im Sommer Hochsaison und deshalb nicht so viel Zeit für ehrenamtliches Engagement. Hinzu kommt, dass die Qualifikation vieler Asylsuchender, die am Projekt Teil nehmen, nicht so ist, wie es von Unternehmern hierzulande benötigt wird.
Welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten sind Sie im Zuge des Projektes begegnet? Welche positiven Erfahrungen konnten Sie sammeln?
Bestürzt war ich insbesondere über ein Verhalten eines Hartz 4 Empfängers. Als Auftaktveranstaltung hatten wir einen Marktstand gemacht, an dem Gerichte der in Isny lebenden Asylbewerber gegen eine Spende angeboten wurden. Eine Frau kam, nahm Essen in den Mund und spuckte es den Asylsuchenden mit den Worten vor die Füße: es sei nicht essbarer Fraß, den man hier nicht bräuchte. Andere verweigerten jeglichen Kontakt zu dem Stand.Insgesamt war ich aber mehr als positiv überrascht, wie engagiert sich insbesondere die Isnyer Wirtschaft und die Stadtverwaltung bei der Förderung des Projektes zeigte. Spenden wurden gemacht, Anschreiben an mögliche Parzellennutzer verschickt und einzelne Unternehmer engagierten sich sogar persönlich mit Ihrer Arbeitskraft.
 

Inwiefern trägt das Projekt „Gemeinschaftsgarten“ zu einer erfolgreichen Integration bei?

Ob es beiträgt wird sich noch zeigen. Integration in diesem Sinne gibt es für mich nicht. Vielmehr ist es eine Form des Zusammenwachsens bei einer allen Kulturen eigenen Tätigkeit, nämlich Landwirtschaft.
In jedem Fall sind Synergien aus dem Projekt erwachsen: Einige Teilnehmer haben ihre Kontakte bei der Wohnungs- und Arbeitssuche spielen lassen. Erste zarte „Außergarten-Begegnungen“ sind entstanden und gerade die Kinder genießen die Möglichkeit, einfach mal mitzumachen.
So richtige Ergebnisse werden sich wohl frühestens nach der ersten Saison erkennen lassen.


Der Gemeinschaftsgarten ist nur ein Teil der umfassenden Integrationsarbeit der Waisenhausstiftung. Was bedeutet für Sie persönlich Integration und wie kann sie gelingen?

Wie gesagt: Integration setzt voraus, dass es etwas gibt, in das etwas hinein kommen kann. Gesellschaft ist aber so vielschichtig, dass es mir angesichts der Menge an hierher kommenden Menschen schwer fällt, eine „Schicht“ zu finden, in die integriert werden kann. Es gibt grundsätzlich/ grundlegende Unterschiede zwischen den Kulturen, die in ihrer Wertigkeit nicht zu beurteilen sind. Diese reichen von Essverhalten über den Umgang mit Kindern und Fremden bis hin zu für uns als banal klingende Dinge wie Pünktlichkeit, Ruhezeiten oder Eigenverantwortlichkeit.
Für ein erfolgreiches Zusammenwachsen all der Menschen hier in Deutschland sehe ich als wesentlich an, dass auch wir uns wieder auf den Wert der Einhaltung von Regeln besinnen. Vorbild war und ist noch immer die effektivste Form von Erziehung und nichts anderes ist es, was die Menschen aus den unterschiedlichen Ländern brauchen: Orientierung an berechenbaren und erlebten Regeln. Also wird „Integration“ aus meiner Sicht nur gelingen, wenn auch wir alle wieder an unseren Werten im Sinne eines gewaltfreien Zusammenlebens arbeiten.
 

Auf dem Gelände der Waisenhausstiftung leben derzeit mehrere Familien mit ihren Kindern. Außerdem wurde ein Kindergarten eingerichtet.
Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie in der Integrationsarbeit mit Erwachsenen gegenüber der Arbeit mit Kindern?

Erwachsene haben ein Selbstbild, welches sie ungerne zerstört sehen. Der Blick in den Spiegel muss ihnen ohne Scham gelingen. Die Chinesen sagen: Das Gesicht wahren lassen. Erwachsenen zu sagen, was richtig oder falsch ist – auch wenn es noch so gut begründet ist, bedeutet immer ein Stück Gesichtsverlust. Kritik annehmen ist das schwierigste, was Erziehung zu bieten hat. Bei Kindern ist das anders: Sie sind es gewöhnt, dass andere immer alles besser wissen. Außerdem probieren sie Verhaltensänderungen einfach aus und wenn es dann funktioniert reicht ihnen diese Bestätigung. Erwachsene tun im Regelfall alles, dass sie am Ende doch Recht haben.
Daraus folgt, ehe der einzelne Erwachsene nicht mit seinem eigenen Tun so auf die Nase gefallen ist, dass er es selbst erkennt, wird er erstmal nichts ändern.
Vielleicht hilft theoretische Vorbereitung auf einen solchen „Sturz“, aber das haben wir in dem Projekt noch nicht ausprobiert. Das möchte ich aber gerne noch tun.


Innerhalb des Projektes sucht die Stiftung nach so genannten „Flüchtlingspaten“ Welche Aufgabe haben diese?

Vorleben, unterstützen, anregen, helfen.


Integration ist ein wechselseitiger Prozess von Einwanderern und der Gesamtgesellschaft. Inwiefern leistet die Gesamtgesellschaft ihren Beitrag zur Integration von Flüchtlingen?

Naja, aus meiner Sicht sollten zunächst mal die ganzen Helfer, die ihre Berufung im Helfersyndrom sehen, einen Gang zurück schalten und nicht ständig alles, was in Deutschland existiert als ungerecht gegenüber den Asylsuchenden interpretieren.
Die Gesellschaft stemmt ne ganze Menge – auf Dauer müssen wir aber aufpassen, dass unser Alltag, der auch Ehrenamt benötigt (Vereine, Umweltschutz, Altenpflege etc.) nicht mangels Engagement verloren geht.
Grundsätzlich halte ich das Engagement der Gesamtgesellschaft für unverzichtbar. Es beeindruckt mich immer wieder, was alles für Flüchtlinge entsteht und gemacht wird.


Welche Entwicklungen sind Ihrer Meinung nach notwendig, um den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen unserer Einwanderungsgesellschaft gerecht zu werden?

Unsere Gesetze müssen mit Leben gefüllt werden. Heißt anwenden und durchsetzen für Judikative und Exekutive, Respektieren und Akzeptieren von der Bevölkerung (nicht als Duckmäuser sondern als verantwortungsbewusster Bürger) und von der Legislative überprüfen, ausmisten und sinnvoll ergänzen. An unsere 4. Gewalt (die Medien) habe ich den Anspruch einer ausgewogeneren Berichterstattung ohne das Prinzip „Bad News are good News.“
Ich denke, wir alle müssen uns mal wieder dem Luxus bewusst werden, in dem wir die letzten 70 Jahre gelebt haben: Frieden und Gewaltfreiheit. Und das „Wie“ gilt es den Asylsuchenden zu vermitteln.

 

Geführt von: Sarah Schlawatzky und Jannik Mitt

 

 

Gelesen 1089 mal Letzte Änderung am Dienstag, 06 September 2016 15:09
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