Mittwoch, 03 September 2008 00:00

Pamela Brandt, Projektleiterin für den Wahl-O-Mat bei der Bundeszentrale für politische Bildung

geschrieben von  Miriam Apffelstaedt

2008 wahlomat brandt

Seit 2002 hat sich der Wahl-O-Mat zu einem beliebten Angebot der politischen Bildung beim Thema Wahlen entwickelt. Der Begriff „Wahl-O-Mat" ist inzwischen sogar in den Duden aufgenommen worden. Wir haben mit Frau Pamela Brandt, Projektleiterin bei der Bundeszentrale für politische Bildung über die Erstellung eines Wahl-O-Maten, die Ziele und Grenzen des Angebots gesprochen sowie darüber, wie der Wahl-O-Mat in andere Aktionen eingebunden werden kann.

Frau Brandt, der Wahl-O-Mat ist bundesweit bekannt. Aber wie wird eigentlich ein Wahl-O-Mat erstellt? Wer entscheidet welche Wahlaussagen gewählt werden?

Wir brauchen für jeden Wahl-O-Mat etwa drei Monate, da wir diesen zusammen mit Partnern vor Ort, meistens die jeweilige Landeszentrale für politische Bildung und der Landesjugendring, erstellen.
Wichtig ist uns dabei die Redaktion. Diese besteht aus Jugendlichen des jeweiligen Bundeslands. Die Jugendlichen werden online, aber auch direkt per Newsletter gesucht. In Bayern war es jetzt zur Landtagswahl so, dass 26 Jugendliche im Alter von 18 bis 26 Jahren teilnahmen. Der Wahl-O-Mat ist ein Angebot von jungen Leuten für junge Leute. Deswegen wollen wir nicht, dass Experten alleine daran beteiligt sind.
Die Jugendlichen werden natürlich von der Landeszentrale für politische Bildung, dem Landesjugendring, der Bundeszentrale für politische Bildung, von Statistikern, Politikwissenschaftlern und Pädagogen betreut und beraten. Alle zusammen erstellen wir dann den Wahl-O-Maten.
Dafür wird in drei Workshops gearbeitet. Zunächst werden als Grundlage die Wahlprogramme der im Wahl-O-Mat vertretenen Parteien genommen sowie die aktuelle Diskussion, die im Bundesland vorliegt. Für etwa sieben Themengebiete, die wichtig sind, wie zum Beispiel Soziales oder Bildung, werden 80 Thesen aufgestellt. Diese Thesen sollen die Unterschiede zwischen den Parteien darstellen. Im zweiten Workshop werden diese Thesen noch mal bearbeitet, in Schulen im Hinblick auf Verständlichkeit getestet und von Journalisten gelesen, damit wir sicher gehen können, dass keine wichtigen Themengebiete vergessen worden sind. Anschließend werden im dritten Workshop die Thesen auf 60 gekürzt. Diese 60 Thesen werden an die Parteivorstände zurück geschickt. Die Parteivorstände beantworten die Thesen mit stimme zu/stimme nicht zu oder neutral. Anhand dieser Antworten wird geschaut, welche Thesen am Besten dazu geeignet sind, die Parteien auseinander zu halten. Am Ende haben wir dann 30 Wahl-O-Mat-Thesen, die alle Themen abdecken.

Welche Ziele verfolgt der Wahl-O-Mat?

Grund für den Wahl-O-Mat ist, dass viele nicht zur Wahl gehen, weil sie sagen: „Wen soll ich denn wählen? Die sind doch sowieso alle gleich." Das Ziel des Wahl-o-Mats ist eigentlich zu zeigen, dass die Parteien unterschiedlich sind. Es lohnt sich genauer hinzugucken. Wir zeigen in einem kurzen, niederschwelligen Onlineangebot, es gibt diese Unterschiede. Wir vergleichen quasi die Meinungen des Users mit denen der Parteien. Wichtig ist, dass der Wahl-O-Mat kurz und verständlich ist und das Medium Internet ideal nutzen kann. Jugendliche können den Wahl-O-Maten in einer Viertelstunde durchspielen und so den ersten Kontakt mit Politik und politischen Fragen bekommen. Er ist nicht dafür geeignet umfassend über die Wahl zu informieren. Durch den ersten Kontakt sollen die Leute begeistert werden, damit sie sich weiter informieren wollen. Quasi ein Appetitanreger der Politik.

Was kann der Wahl-O-Mat leisten?

Wir machen zu jedem Wahl-O-Maten ein User-Befragung. Dabei haben wir herausgefunden, dass wir viele unserer Ziele erreicht haben. 50% der User sind tatsächlich unter 30 Jahre alt. Das heißt, er spricht junge Leute an. Viele Leute kommen bei dem Ergebnis raus, das sie vorher vermutet hatten. Das spricht für die Qualität der Thesen. Außerdem kommt raus, dass es den meisten Leuten Spaß gemacht hat. Das ist sehr wichtig, weil Politik gerade bei jungen Menschen immer als dröge und langweilig gilt. Ganz viele Leute reden über den Wahl-O-Maten. Solche Sachen wie: „Was ist denn bei dir raus gekommen?" oder „Wie stehst du denn zu dem Thema?". – Man redet über Politik. Wir bekommen da viel Feedback über E-Mails. Da steht dann zum Beispiel drin: „Zum ersten Mal seit wir zusammen arbeiten sprechen wir über Politik - nachdem der Wahl-O-Mat-Link bei uns im Büro die Runde machte." Das ist ein Ziel an das hatten wir zunächst gar nicht so gedacht. Mittlerweile sprechen wir scheinbar mehr ältere Leute mit dem Wahl-O-Maten, die sich sonst eher für unpolitisch hielten. Die Leute reden gemeinsam darüber, ob sie zur Wahl gehen, ob sich das lohnt oder welche Partei sich wie zu den Themen positioniert. Das ist natürlich politische Bildung in Reinform.

Und wo sind die Grenzen?

Was der Wahl-O-Mat nicht leisten kann, ist eine Wahlempfehlung zu geben. Darüber muss sich jeder selbst Gedanken machen und das tut er auch. Wir können auch nicht umfassend über alle Parteien und alle Themen informieren. Das geht einfach nicht in 30 Thesen. Wenn wir alle Parteien aufnehmen würden, dass sind bei der Bundestagswahl um die 90, würde der Wahl-O-Mat mindestens eine Stunde dauern. Deswegen haben wir ein abgestuftes Verfahren: Berücksichtigt werden die Parteien, die im Landtag vertreten sind und diejenigen, die in Umfragen auf 3% kommen. Alle anderen Parteien werden im Onlineangebot "Wer steht zur Wahl?" vorgestellt. Da wurden alle Parteien eingeladen, für sieben wichtige politische Fragen ein Statement abzugeben. Natürlich sind Wahlentscheidungen für die Wähler nicht allein an Thesen gebunden, Themengebiete, die mir am Herzen liegen oder auch einzelne Spitzenvetreter der Parteien. Uns ist jedoch wichtig, dass die Wahl-O-Mat-Nutzer über einzelne Themen der Wahl nachdenken und überhaupt die Entscheidung treffen, zur Wahl zu gehen. Das Ziel ein "Appetitanreger für politische Fragen" zu sein, schafft der Wahl-O-Mat aber trotzdem. Das merken wir unter anderem daran, dass die Internet-Links, die am Ende des Wahl-O-Mat zu weiteren Informationen verweisen sehr rege genutzt werden. Was auch viel benutzt wird, sind die Begründungen der einzelnen Parteien, warum sie einer These zustimmen oder nicht zustimmen.

Wie kann der Wahl-O-Mat in andere Aktionen der politischen Bildung eingebunden werden?

Im Unterricht haben wir besonders viele Erfahrungen. Unter http://www.wahlomat.de/unterricht gibt es Unterrichtsmaterialien und Best-Practice-Modelle. Spannend sind solche Sachen, wie zum Beispiel, eine Klasse gemeinsam im Wahl-O-Maten abstimmen zu lassen. Dadurch muss über jede These diskutiert werden und ein demokratisches Ergebnis gefunden werden. Letztlich ist dann das Wahl-O-Mat-Ergebnis völlig unwichtig, sondern es geht um die Diskussion der 30 Thesen zur Wahl.
Interessant ist auch eine andere Aufgabe, dass der Schüler sich zu einer bestimmten Partei postitionieren soll. Also versuchen soll, so abzustimmen, wie man denkt, dass diese Partei dabei rauskommt. Das ist spannend, weil dann oft auch deutlich wird, dass man gewisse Vorurteile hat oder gar nicht soviel über die Partei und ihre Positionen weiß. Oft werden in Schulen auch kommunale Vertreter der Parteien eingeladen und im Rahmen einer Podiumsdiskussion nehmen viele als einleitende Fragen ein paar Wahl-O-Mat-Thesen. Das ist eine gute Möglichkeit, eine klassische Podiumsdiskussion aufzubrechen. Die Partner vor Ort hatten bislang ganz viele unterschiedliche Ideen. In Rheinland-Pfalz zum Beispiel wurden Wahlecken in Einwohnermeldeämtern, TÜV und ähnlichen Orten in den Wartesälen eingerichtet. Dort konnten die Leute dann den Wahl-O-Maten durchspielen. Im Saarland gab es den Wahl-O-Maten-on-tour- auf Bürgerfesten und Veranstaltungen - auf Palm, Handy oder offline am PC-Terminal

Gibt es für Sie ein persönliches „Highlight des Wahl-O-Maten"?

Ja, mehrere. Jetzt gerade ganz aktuell ist der Name „Wahl-O-Mat" in den Duden aufgenommen worden. Dass der Wahl-O-Mat so bekannt ist, fand ich toll.
Was immer wieder ein Highlight ist, ist die Arbeit mit den Jugendlichen. Die Jugendlichen in den Redaktionen sind aus ganz unterschiedlicher Motivation dort. Viele sind schon politisch engagiert, manche aber auch gar nicht. Da gab es immer mal wieder welche, die gesagt haben: „Ich interessiere mich gar nicht für Politik. Ich finde das total langweilig und ich geh nicht mal zur Wahl." Und dann waren diese auf dem Workshop und haben sich dann sehr intensiv mit den Themen und Wahlprogrammen gefasst. Oft waren sie so begeistert, dass sie danach gleich selbst in die Politik gehen wollten. Die Begeisterung finde ich toll.
Auch die Rückmeldungen über E-Mails sind echte Highlights, wo man sich dann denkt: „Ja, jetzt haben wir wirklich mal was bewegt."

Politische Bildung bedeutet für mich...

...Interesse und vielleicht sogar Begeisterung für politische Fragen zu wecken, in dem wir deutlich machen, dass Politik unseren Alltag bestimmt und wir mit der Politik unser Leben verändern können.

Erfolgreiche politische Bildung...

...ist, wenn wir möglichst viele Leute erreichen, die sich dann für Politik und politische Fragestellungen engagieren. Und die sogar Spaß daran entwickeln, sich einzumischen.
Der Wahl-o-Mat ist erfolgreich weil...

...weil er ein einfaches und verständliches Onlineangebot ist, mit klaren Fragen und klaren Antworten. Und weil er zeigt, dass sich politische Parteien sehr wohl unterscheiden und dass es lohnt, mehr darüber zu erfahren.

Frau Brandt, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Miriam Apffelstaedt.

Nachdem das Verwaltungsgericht München am 09. September einem Antrag der ÖDP stattgegeben hat, darf der Wahl-O-Mat des Bayerischen Jugendrings zu den bayerischen Landtagswahlen nicht wie geplant online gehen.

Pressemitteilungen der Beteiligten finden Sie hier:

Pressemitteilung der Bundeszentrale für politische Bildung
Pressemitteilung der ÖDP

Weitere Informationen der Bundeszentrale zu den bayerischen Landtagswahlen finden Sie hier

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