Sonntag, 01 Februar 2009 00:00

Susanne Ulrich, Leiterin der Akademie Führung und Kompetenz im Gespräch

geschrieben von  Miriam Apffelstadt

2009 susanneulrich

Betzavta ist ein Demokratie-Erziehungsprogramm aus Israel, das dort in den 1980er Jahren entwickelt wurde. Susanne Ulrich, Leiterin der Akademie Führung und Kompetenz am CAP, arbeitet bereits seit 1994 mit Betzavta. „In den Köpfen der Menschen ist Demokratie häufig etwas, das mit Regierung, mit Politik und Staatswesen zu tun hat. Dass man täglich im Umgang mit anderen Menschen solche Fragen wie Mehrheiten und Minderheiten zu beachten hat, das muss zunächst erlebbar gemacht werden. Ich meine damit nicht nur ethnische Minderheiten, sondern auch den Umgang mit Minderheiten in einer Abstimmung oder einem Prozess. Solche Sachen sind täglich und überall relevant. Demokratie kann in den Alltag integriert werden, diese Erkenntnis ist Ziel des Programms", so Frau Ulrich. Wir haben mit Frau Ulrich über Betzavta gesprochen.

Worum geht es bei Betzavta?

Betzavta ist ein Demokratie-Erziehungsprogramm aus Israel, das dort bereits in den 1980er Jahren entwickelt wurde. Bis heute wird dort sehr erfolgreich damit gearbeitet. Im Programm wird mit einer besonderen Methode gearbeitet, die sich Dilemma-Methode nennt. Diese hat zum Ziel, die Anerkennung des gleichen Rechts auf Entfaltung bei den Teilnehmern zu fördern. Dabei geht es nicht um die moralische Sicht, dass Teilnehmer zu besseren Menschen werden. Es geht vielmehr darum, dass sie in Konflikten besser klar kommen, da sie durch ihre Haltung dem anderen zeigen, dass sie seine Sichtweise akzeptieren. Dies ermöglicht kreativere Lösungen für Konflikte zu finden.

Wer sind die Zielgruppen?

Menschen, die sich beruflich oder privat mit Konflikten herumschlagen. - Also im Grunde alle Menschen. Mit Betzavta ist es möglich, diese Konflikte besser anzugehen. Im Augenblick wird Betzavta im öffentlichen Bereich stärker eingesetzt. Der Grund dafür ist, dass hinter dem Programm die Idee der Demokratie als Lebensform steht. In vielen Bereichen, wie zum Beispiel der Wirtschaft, wird demokratischer Umgang nicht als vorrangiges Ziel angesehen. Demokratie wird nur mit basisdemokratischen Abstimmungen in Verbindung gebracht. Wir wollen deutlich machen, dass auch dort, wo Hierarchien und unterschiedliche Entscheidungsebenen existieren, Demokratie benötigt wird. - Als tägliche Form des Miteinanderumgehens.

Hat das nicht auch damit zutun, dass die Sichtweise, Demokratie als Lebensform zu verstehen, für viele Menschen fremd ist?

Es ist ein Hauptanliegen von Betzavta, dies erlebbar und erfahrbar zu machen. In den Köpfen der Menschen ist Demokratie häufig etwas, das nur mit der Regierung, mit Politik und Staatswesen zu tun hat. Dass man täglich im Umgang mit anderen Menschen solche Fragen wie das Verhältnis von Mehrheit und Minderheiten zu beachten hat, das muss zunächst erlebbar gemacht werden. Ich meine damit nicht nur ethnische Minderheiten, sondern auch den Umgang mit Minderheiten in einer Abstimmung oder einem Prozess. Solche Fragen sind täglich und überall relevant. Demokratie kann in den Alltag integriert werden, diese Erkenntnis ist Ziel des Programms.

Was ist das Besondere an Betzavta?

Betzavta zeigt stärker als andere Programme auf, mit welchen Widersprüchen wir im täglichen Leben zu tun haben. Dadurch, dass es Widersprüche thematisiert, zeigt es auch die realen Konflikte in einer Gruppe. Dabei wird nicht mit Rollenspielen oder Simulationen gearbeitet, sondern eine Gruppe kommt zusammen und geht miteinander um. Das Besondere ist, dass die Moderation, dann wenn es anfängt schwierig zu werden, nicht versucht, alles wieder zu glätten. Sie versucht stattdessen zu zeigen, wie man an diesem Konflikt gut lernen kann. Sie wird ihn gegebenenfalls auch zuspitzen, damit beide Seiten vielleicht die andere Seite noch besser verstehen können. Das geschieht dann, wenn sie merken, dass sie den Standpunkt der anderen Seite auch in sich haben. Dann kann gemeinsam nach einer Lösung gesucht werden, die die Freiheit der Beteiligten so wenig wie möglich einschränkt.

Was motiviert Sie mit Betzavta zu arbeiten?

Mich persönlich motiviert, dass ich mit diesem Programm seit 1994 arbeite, Hunderte von Seminaren geleitet habe und nicht ein einziges langweilig geworden ist. Durch die Prozessorientierung von Betzavta bringt jedes Seminar einen neuen Aspekt. Auch ich kann dabei immer wieder was lernen.

Gibt es in der langen Zeit ein persönliches Highlight für Sie?

Oh ja, es gab viele Highlights. Ganz spannend fand ich, als wir mit dem Programm im Rahmen von den Castor-Konflikten gearbeitet haben. Da hatten wir Polizei, Eltern, Schüler und Lehrer zusammen in einem Seminar. Wir haben auch schon mal mit deutschen und israelischen (jüdischen und arabischen) Teilnehmern gearbeitet. Aber eigentlich, ich weiß, dass klingt pathetisch, ist jedes Seminar ein Highlight, weil immer wieder was Neues passiert und es mir die Möglichkeit gibt, den Moment der Erkenntnis bei den Teilnehmern mitzuerleben.

Welche Herausforderungen sehen Sie in der politischen Bildung, wenn wir über Demokratie als Lebensform sprechen?

Meine große Herausforderung und mein großer Wunsch ist, dass es selbstverständlich wird, Demokratie als Lebensform in der Schule zu vermitteln. Nicht unbedingt Betzavta zu unterrichten. Ich bin auch nicht der Meinung, dass alle Lehrer in der Schule mit ihren Schülern Betzavta durchführen sollten. Aber mein großer Wunsch wäre es, dass alle Lehrer in ihrer Ausbildung, spätestens in ihrer Fortbildung, mit dem Programm bekannt und vertraut gemacht werden. Um ihren Umgang mit den Schülern zu verändern. Ich bekomme oft zu hören, dass Schule ein per se undemokratischer Ort ist. Dies muss nicht so sein - ein demokratischerer Umgang in der Schule ist absolut möglich. Das Gleiche gilt für Führungskräfte in der Wirtschaft. Dort ist die Demokratie als Lebensform zu kurz gekommen. Vielleicht kann die jetzige Finanzkrise eine Chance sein, die Diskrepanz zwischen Demokratie und Wirtschaft zu verringern.

Wie lässt sich politische Bildung am besten vermitteln?

Zur politischen Bildung gehört Wissens- und Kenntnisvermittlung. Es geht nicht nur um Erfahrung und Prozesse. Es ist ganz wichtig, dass es dabei bleibt, dass Bürger und Bürgerinnen eines Staates Zusammenhänge und Funktionsweisen von Demokratie kennen. Aber es wäre wichtig, dass dabei ergänzend vermittelt wird, wie ich im Alltag täglich demokratisch sein kann. Und das ist eben hauptsächlich eine Haltung. Besonders in der Einwanderungsgesellschaft ist dies von besonderer Bedeutung. Dabei stellt sich die Frage, welche Beteiligungsmöglichkeiten ich täglich in meinem Land oder in meiner Kommune schaffen will. Das eine sollte nicht das andere ersetzen, sondern Hand in Hand gehen.

Mit welchen Einrichtungen und Personen würden Sie gerne in Zukunft noch stärker kooperieren?

Mit Lehrerfortbildungsinstituten, aber auch pädagogischen Hochschulen und anderen Einrichtungen, die Lehrer ausbilden. Außerdem mit der Wirtschaft, mit den Handelskammern könnte ich mir gut vorstellen zusammenzuarbeiten. Zudem fände ich es spannend in die Politik zu gehen und für die Parteien, zum Beispiel für den Nachwuchs, diese Form von Demokratie-Lernen anzubieten.

Ergänzen Sie bitte folgende drei Halbsätze:

Politische Bildung bedeutet für mich...

...die Möglichkeit, Menschen in die Lage zu versetzen an Gesellschaftsentscheidungen teilzuhaben.

Erfolgreiche politische Bildung...

...begeistert Menschen für ein Thema, dass sie im Allgemeinen trocken und lästig empfinden.

Betzavta ist erfolgreich weil...

...es politische Bildung erfahrbar und erlebbar macht und politische Bildung mit einem Augenzwinkern stattfindet.

Frau Ulrich, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Miriam Apffelstaedt.

Gelesen 1417 mal Letzte Änderung am Montag, 08 September 2014 17:02
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