Donnerstag, 26 Februar 2009 00:00

Sait Içboyun vom Außen- und Sicherheitspolitischen Studienkreis im Gespräch

geschrieben von  Miriam Apffelstaedt

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„Frieden muss jeden Tag neu gemacht werden", ist der Grundsatz des Außen- und Sicherheitspolitischen Studienkreises Augsburg e.V. (ASS). Seit 1997 veranstaltet der ASS für Studierende das Strategiespiel Pol&IS, Podiumsdiskussionen und Themenabende zu außen- und sicherheitspolitischen Themen. Wir haben mit Sait Içboyun, Jura-Student und Vorstandmitglied des ASS, über die Aktivitäten des Vereins, über Herausforderungen in der politischen Bildung im Bereich Außen- und Sicherheitspolitik und über seine Motivation gesprochen.

Was ist der Außen- und Sicherheitspolitische Studienkreis Augsburg?

Der Außen- und Sicherheitspolitische Studienkreis ist ein Verein, der bundesweit in einem Netzwerk organisiert ist. Wir sind dem Bundesverband Sicherheitspolitik an Hochschulen angeschlossen, handeln aber auf lokaler Ebene in Eigenverantwortung. Wie der Name sagt, setzen wir den Fokus auf Außen- und Sicherheitspolitische Themenfelder. Entstanden ist der Verein ursprünglich als studentische Gruppe der Reservisten. Zwar ist immer noch der Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr unsere Mutterorganisation, aber das Ganze hat sich dahingehend verändert, dass der Verein auch Personen offen steht, die nicht zur Wehr gegangen sind. Wir hier in Augsburg versuchen Studenten und Studentinnen aus unterschiedlichen Fachbereichen zu gewinnen.

In welcher Form findet diese Auseinandersetzung statt?

Auf unterschiedliche Weise: Wir haben einmal monatlich einen Diskussionsabend zu einem bestimmten Thema, der letzte beschäftigte sich beispielsweise mit der Finanzkrise.
Ein Vereins- oder Vorstandsmitglied bereitet das Thema vor, hält ein ausführliches Referat, danach steigen wir in die Diskussion ein. Dabei wollen wir die Angelegenheit so umfassend wie möglich verstehen. Weitere Formen der Auseinandersetzung sind Podiumsdiskussionen. Durch diese haben wir die Möglichkeit die vorweg aufgegriffenen Themen mit Experten zu besprechen. Darüber hinaus organisieren wir mindestens einmal im Jahr eine Exkursion, bei der wir eine historische Stätte besuchen. Wir waren zum Beispiel in Nürnberg im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Für dieses Jahr planen wir eine Reise nach Brüssel. Wenn uns das gelingt, können wir auch in der Praxis sehen wie Bündnisse entstehen und wie Nationen um des Friedens willen Bündnisse geschaffen haben, die in der Form der Nato aber auch der Europäischen Union eine wichtige Rolle in der Welt übernehmen. Generell wollen wir als ASS konfliktlösende Wege finden. Unser Motto lautet ja nicht umsonst „Frieden muß jeden Tag neu gemacht werden!". Zudem arbeiten wir mit dem Strategiespiel Pol&IS, das wirtschaftliche und politische Zusammenhänge thematisiert. Die Pol&IS ist eine Welt, die der realen Welt sehr detailgetreu nachgebildet ist. Dabei gibt es Institutionen wie die Weltbank, den Sicherheitsrat und verschiedene Arten von Führungspositionen wie Regierungschefs oder Militärs aber auch Wirtschaftsführer. Die Teilnehmenden können unterschiedliche Rollen übernehmen und ausfüllen. Man erlebt, wie Wirtschaftsgüter verteilt sind, wie stark einzelne Länder auf dem Finanz- und Wirtschaftsmarkt sind, lernt Grenzen und gleichzeitig Möglichkeiten kennen. Es entstehen völlig interessante Konstellationen. China geht Pleite und Südamerika übernimmt die Weltmacht. Vielleicht ist gerade wegen dieser Irrealität der Dimensionen das Pol&IS bei uns sehr beliebt. Vermutlich aber auch, weil man anschließend das Gefühl hat, die Geschehnisse auf der Welt ein wenig verstanden zu haben.

Wie verwirklichen Sie Ihr Motto „Frieden muss jeden Tag neu gemacht werden"?

Unter diesem Hauptziel setzen wir in der Regel jährlich einen Schwerpunkt. Der letzte Vorstand hat sich mit den Minderheiten der Welt beschäftigt und dabei zum Beispiel über Israelis und Palästinenser diskutiert. Wir wollen dieses Jahr deren Arbeit unter dem Thema „Minderheitenpolitik - Minderheitenschutz" weiterführen. Geplant sind Podiumsdiskussionen zu den Themen Kurden und Kosovarer. Wir versuchen zu zeigen, dass Konfliktpotenzial überall da ist, aber dass durch menschliches Handeln auch Frieden möglich ist. Dafür muss hart gearbeitet werden. Deswegen muss Frieden jeden Tag gemacht werden.

Wer ist Ihre Zielgruppe?

Wir wollen Studierende aller Fachrichtungen erreichen. Außerdem haben wir natürlich auch ehemalige StudentInnen als Mitglieder.

Was ist das Besondere am ASS?

Wir sind unabhängig. Wir können selbst entscheiden, mit welchen Themen wir uns beschäftigen wollen und in welcher Form wir Veranstaltungen organisieren wollen. Zudem werden wir vom Reservistenverband finanziert und stehen somit finanziell gut da. Das erleichtert uns unheimlich die Arbeit vor Ort. Das Netzwerk in dem wir organisiert sind, ermöglicht es uns gute ReferentInnen zu gewinnen. Das motiviert natürlich. In Augsburg haben wir ein gutes Netzwerk, auf das wir sehr leicht zurückgreifen können. Wir lernen alle voneinander. Es gibt Momente, da fühlt man sich nur als Novize und am anderen Tag vermittelt man selber das Erlernte. Dieses Netzwerk eröffnet einem neue Wege und eröffnet Möglichkeiten etwas kennen zu lernen, was man anders nicht hätte kennen lernen können. Junge Menschen werden motiviert, innerhalb der Diskussionsabende selbst Vorträge zu halten und dies zu lernen. Zudem sind wir überparteilich und nicht ideologisch. Wir treten mit unserer Arbeit für den Schutz der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik ein. Das unterscheidet uns von anderen Hochschulgruppen.

Was motiviert Sie denn persönlich?

Mich motiviert die Breite der Themenfelder. Man lernt nicht nur passiv, sondern kann selbst aktiv mitgestalten. Außerdem behalte ich das Erlernte nicht für mich, sondern kann es mit anderen teilen und kann vieles von anderen lernen. Die Welt ist keine friedliche Welt und mich interessiert ganz persönlich, warum diese Konflikte da sind. Das möchte ich besser verstehen und die Zusammenhänge kennen, um dann herauszufinden, was Einzelne tun können.

Gibt es für Sie ein persönliches Highlight?

Das ist eigentlich immer der Fall, wenn wir Diskussionsabende haben. Dann kommt dieses Gefühl auf: „Ja, jetzt haben wir was bewegt." Dir sitzen Studenten und Studentinnen gegenüber, die du vielleicht in der Mensa überredet hast, mitzumachen. Eigentlich sind die Highlights nicht die großen Ereignisse. Es ist ein gutes Gefühl wenn man es geschafft hat, andere Studierende für Politik zu motivieren. Schön ist immer, wenn man wenig politikbegeisterte StudentInnen gewinnt und deutlich machen kann, dass Politik nicht nur das ist, was im Fernsehen stattfindet und was von Politikern kommt. Sondern, dass es viel mehr ist und richtig Spaß machen kann. Zusammengefasst: Immer dann, wenn ich Leute begeistere, die sich überhaupt nicht für Politik interessieren, ist das für mich ein persönliches Highlight.

Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie, wenn wir über Außen- und Sicherheitspolitik und politische Bildung sprechen?

Wir sollten bedenken, dass Sicherheitspolitik auch innerhalb des Landes stattfindet. Wir sprechen von innerer Sicherheit, lesen vom Bevölkerungsschutz und stellen die Frage, ob dies möglich ist. Wir diskutieren, ob die hier lebenden MigrantInnen eine Gefahr für die Bevölkerung darstellen. Das sind Themenbereiche, die auch neue Herausforderungen darstellen, mit denen wir in der Zukunft zu tun haben werden. Es sind nicht mehr die Themenbereiche, die es vor zwei oder drei Dekaden waren. - Wir sprechen nicht mehr vom Kalten Krieg. Heute diskutieren wir über den islamistischen Terrorismus, vielleicht werden in Zukunft wieder die Begriffe von Samuel Phillips Huntington aufgegriffen und sie zementieren sich in den Köpfen. Schon heute erleben wir, dass die Begriffe MigrantInnen, Islamismus, Terrorismus in einen Topf gemischt werden. Gerade deshalb glaube ich, dass wir in den nächsten Jahren in Deutschland und im europäischen Raum die Fragen um Migration aus unterschiedlichen Perspektiven diskutieren müssen. Weil Deutschland und auch andere Länder es nicht geschafft haben die Einheimischen für die Zugewanderten zu sensibilisieren. Viele Zugewanderte haben das Gefühl in einer fremden Welt zu leben, in der sie nicht anerkannt werden. Ein marginaler Teil der MigrantInnen, auf den sich hauptsächlich die Medien konzentrieren, lebt in einer fremden Welt und ist tatsächlich nicht in der Gesellschaft angekommen. Es fehlt in unserer Gesellschaft eine gegenseitige Anerkennungskultur. Das wird verstärkt ein Thema der Politik und politischen Bildung werden.

Mit welchen Einrichtungen oder Institutionen würden Sie in Zukunft gerne stärker kooperieren?

Zum einen mit dem Netzwerk Politische Bildung Bayern, wir würden da gerne den Kontakt intensivieren. Zum anderen wollen wir noch stärker mit unserem Bundesverband Sicherheitspolitik an Hochschulen zusammenarbeiten, um von den Erfahrungen anderer mehr lernen zu können. Außerdem versuchen wir zurzeit, mit der Bundeszentrale für politische Bildung zu kooperieren.

Wie lässt sich politische Bildung am besten vermitteln?

Ich glaube, dass politische Bildung am besten durch praktische Arbeit vermittelt wird. Das kann zum Beispiel der Einsatz für schwer behinderte Menschen sein oder auch eine Demonstration. Das sind politische Aktionen, bei denen man lernt und jedes einzelne Glied der Gesellschaft mit subjektiven Erfahrung kennenlernt. Diese Art der politischen Bildung wird eventuell etwas später Erfolge verzeichnen, aber nur über die Partizipation aller kann man auch die Werte unserer Demokratie vermitteln und beibehalten. Eine rein auf Theorie angelegte politische Bildung wird keinen fruchtbaren Erfolg tragen.

Politische Bildung bedeutet für mich...

...für alle EinwohnerInnen unseres Landes die Möglichkeit zu schaffen, sich ohne Grenzen an der Gestaltung unseres Landes zu beteiligen.

Erfolgreiche politische Bildung...

...ist, die Teilhabemöglichkeiten eines/r jeden stärken, damit unsere Demokratie lebendiger wird.

Der Außen- und Sicherheitspolitische Studienkreis ist erfolgreich, weil...

...wir ein starkes Netzwerk haben und alle daran interessiert sind, die Außen- und Sicherheitspolitik dieser Welt zu verstehen.

Herr Içboyun wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Miriam Apffelstaedt.

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