Sonntag, 27 Juli 2014 00:00

Thomas Sporer, Koordinator des Begleitstudiums Problemlösekompetenz an der Universität Augsburg

geschrieben von  Miriam Apffelstaedt

2009 thomas sporer

Das Begleitstudium Problemlösekompetenz ist ein neues Studienangebot der Universität Augsburg, das den überfachlichen Kompetenzerwerb von Studierenden fördern soll. Die Kompetenzentwicklung im Rahmen des Begleitstudiums findet durch die Mitarbeit in selbstorganisierten Projektgruppen von Studierenden statt. Durch das Begleitstudium haben Studenten die Möglichkeit, sich ihr ehrenamtliches Engagement im Umfeld der Universität in Form eines Zertifikats anerkennen und sich die Lern- und Arbeitsleistungen in den Projekten in Form von Leistungspunkten im Fachstudium anrechnen zu lassen. Was hat das eigentlich mit politischer Bildung zu tun? Und welche Idee steht dahinter? Wir haben mit Thomas Sporer, dem Koordinator des Studienangebots, gesprochen.

 

 

Herr Sporer, was ist das Begleitstudium Problemlösekompetenz?

Thomas Sporer: Das Begleitstudium Problemlösekompetenz ist ein optionales Studienangebot an der Uni Augsburg, bei dem es darum geht das Engagement von Studierenden außerhalb des regulären Fachstudiums zu fördern. Wer am Begleitstudium teilnimmt, engagiert sich in einem Projekt, das von Studierenden im Umfeld der Hochschule organisiert wird: Dies können Medienprojekte wie zum Beispiel ein Campusradio oder auch Projekte im sozialen Bereich wie zum Beispiel einer Mediationsgruppe sein. Wir haben in den letzten Jahren beobachtet, dass durch den Zeit- und Leistungsdruck im Studium das Engagement von Studierenden rückläufig ist. Zu den Gründen gehören die zeitlich straff organisierten B.A.-/M.A.-Studiengänge, die Einführung von Studienbeiträgen sowie die Anforderung, im Studium möglichst viele Praktika und Auslandsaufenthalte zu absolvieren. Diese „Nebenwirkung" ist in gewissem Sinne widersprüchlich zu den Zielen der Bologna-Reform, bei der ja gerade dem Praxisbezug des Studiums und dem Erwerb von Schlüsselkompetenzen eine besondere Bedeutung zugesprochen wird. Beides sind Forderungen, die durch Projekte hervorragend gefördert werden können.
Das Begleitstudium soll es Studierenden nun unter den Rahmenbedingungen der neuen Studiengänge erleichtern, außerhalb des Fachstudiums eigene Projekte zu starten oder sich an bestehenden Projekten zu beteiligen. Um den Studierenden diese Freiräume für selbstorganisierte Projektarbeit zu bieten, wird mit dem Begleitstudium das, was die Studenten in Projekten lernen als Lern- und Arbeitsleistung im Fachstudium anerkannt. Die Teilnehmer am Begleitstudium lösen dabei praktische, wissenschaftliche und soziale Probleme und eignen sich dabei Kompetenzen an, die sowohl Wissen und Fertigkeiten als auch Einstellungen umfassen. Wissen und Fertigkeiten können zwar in normalen Lehrveranstaltungen gefördert werden, Einstellungen sind allerdings kaum in Vorlesungen und Seminaren zu vermitteln. Und Einstellungen eignen sich Studierende eben durch die freiwillige Teilnahme in selbstorganisierten Projektgruppen in einem hohen Maß an. Denn im Begleitstudium gibt kein Lehrender die Ziele und Aufgaben vor. Studierende stecken sich die Ziele für die Projekte selbst und arbeiten bei der Umsetzung ihrer Ziele mit anderen Studierenden zusammen. Die Projektgruppen bestimmen selbst, was sie wie machen wollen und bearbeiten ein Projekt oftmals über mehrere Semester hinweg.

Welche Idee steckt dahinter?

Dahinter steckt die Idee, das Lernen nicht nur im Klassenzimmer stattfindet, sondern im Sinne des lebenslangen Lernens ein ganz normaler Bestandteil des Alltags ist. Die Teilnehmer des Begleitstudiums sollen daher ein Bewusstsein dafür bekommen, wie wichtig Lernen ist - auch dann wenn Schule und Studium abgeschlossen sind, am Arbeitsplatz. Dahinter steht die Idee von Communities of Practice, d.h. dass man durch die Partizipation in einer Praxisgemeinschaft lernt, in dem man sich Wissen über die jeweilige Domäne, mit der sich die Projektgruppe auseinandersetzt, aneignet und die benötigten Fertigkeiten erwirbt um an der geteilten Praxis einer Projektgruppe teilzuhaben.
Wie gesagt, geht es neben Wissen und Fertigkeiten dabei vor allem um Einstellungen: Also letztendlich, dass man etwas macht, weil man es will, dass man es gut findet und dass man sich für etwas einsetzt. Vielleicht veranschauliche ich das mal anhand einer persönlichen Geschichte: Während meinem Studium habe ich mich sehr für das Thema Lernen mit digitalen Medien interessiert. Meine Uni hatte damals allerdings nur eine sehr simple elektronische Lernumgebung bereitgestellt: Im Prinzip eine Online-Plattform auf der man PDFs herunterladen kann. Das hat meinen Vorstellungen von E-Learning nicht entsprochen und so hab ich dann gemeinsam mit anderen Studierenden ein Projekt gestartet, wo wir uns selbst eine Lernumgebung gebaut haben, die unseren Anforderungen an eine Lernplattform besser entsprach (www.knowledgebay.de). Das Projekt hat mich dann fast durch das gesamte Studium begleitet und bei der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Projekt in meiner Abschlussarbeit hab ich dann erkannt, dass unsere Projektgruppe eine sogenannte Praxisgemeinschaft ist. In dieser Praxisgemeinschaft hab ich damals viel über die Gestaltung von Lernumgebungen gelernt und wertvolle Kompetenzen für meine heutige Arbeit erworben.

Gibt es für Sie eine persönliche Motivation?

Meine Motivation für das Begleitstudium kommt aus der eigenen Projekterfahrung als Student heraus. Mir ist es wichtig, für Studierende förderliche Rahmenbedingungen an der Hochschule zu schaffen um ihre Ideen in die Tat umzusetzen und nachhaltige Projektergebnisse zu erzielen. Und das wäre aus meiner Sich auch für Hochschulen von Vorteil, weil die einen hohen Nutzen davon haben könnten, wenn Studenten sich aktiv und gestaltend einbringen. Das ist auch, was ich mit meiner Anekdote zuvor sagen wollte: Dass ich als Student nicht nur bei Evaluationen meinen Unmut äußere, sondern auch darüber hinaus aktiv tätig werde. Wenn ich diesen Weg gehe, gibt es jedoch auch Ernüchterungen und Unsicherheiten, weil viele sagen: „Ja, warum tust du das denn überhaupt? Konzentriere dich lieber darauf, dass dein Studium schnell fertig wird und dann kannst du immer noch ...". Wir haben das Projekt damals trotzdem gemacht und waren letztlich recht erfolgreich damit. Und das ist eine ziemlich gute Erfahrung: Nämlich die von Selbstwirksamkeit, dass du etwas verändern kannst, wenn du willst. Und damit entwickelst du die Haltung, dich in künftigen Situationen ähnlich zu verhalten, dich einzubringen, ungünstige Situationen nicht einfach hinzunehmen, wie sie sind, sondern unternehmerisch tätig zu werden. Das ist mir eigentlich das Wichtigste an dieser Arbeit.

Was ich mich gefragt habe ist, wen das Begleitstudium erreicht: Schafft es für Studenten, die sich sowieso engagieren den Raum dies zu tun? Oder schafft es eine attraktive Möglichkeit für Studenten sich zu engagieren, die es sonst vielleicht nicht tun würden?

Beides, würde ich sagen. Ersteres ist freilich leichter: Studenten, die sich ohnehin gerne engagieren, bekommen durch die Rahmenstruktur des Begleitstudiums mehr zeitlichen Freiraum. Für andere Studierende kann es ein Anreiz für ein Projekt sein, dass sie Punkte für das Fachstudium bekommen oder sich Kompetenzen aneignen, die am Arbeitsmarkt gefragt sind. Für diese Studierende stellt das Begleitstudium aus meiner Sicht eine Möglichkeit dar, neue Lernerfahrungen zu machen. Nach dem Motto: „Hey, hier gibt es eine Community, da fühle ich mich gut aufgehoben, ich verstehe mich mit den Leuten und wir stellen ein tolles Projekt auf die Beine." Jemand der solche Erfahrungen noch nicht gesammelt hat, macht durch das Begleitstudium vielleicht welche. Klar, das kann man nicht erwarten, aber es ist eine Möglichkeit. Ich glaube nämlich, es gibt eine ganze Reihe Studierender, die sich sehr gerne engagieren würden, sich aber denken: „Ich konzentriere mich lieber auf die Sachen, die mir viel Sicherheit verschaffen. So etwas wie ein Projekt über längere Zeit auf die Beine zu stellen, ist mir zu risikobehaftet". Denn ich weiß ja vorher nicht, ob die Investition an Zeit und Energie, die ich in das Projekt hineinstecke sich irgendwann lohnt. Aber genau dieses unternehmerische Handeln, im Sinne von Lernen, ist besonders spannend und soll durch das Begleitstudium gefördert und für Studierende attraktiver gemacht werden.

Welche Aspekte von politischer Bildung vermitteln Sie?

Das ist wohl keine Vermittlung im engeren Sinne, so wie etwa im Sozialkundeunterricht, wenn ich etwas über die Verfassung der Bundesrepublik oder politische Gremien lerne. Ich würde sagen, wir fördern das Interesse von Studierenden sich gesellschaftlich zu engagieren. Denn es geht uns ja darum, dass Erfahrungen mit Projekten gesammelt und anschließend deren Konsequenzen reflektiert werden. Beispielsweise die Erfahrung, dass ich die Lern- und Arbeitswelt, in der ich lebe, bis zu einem gewissen Grad mitgestalten kann.
Yrjö Engeström bezeichnet das als expansives Lernen und unterscheidet es von zwei anderen Formen zu lernen: Die erste Form zu lernen ist, dass man in einem bestehenden System lernt zu bestehen, in dem man die Erwartungen die an einen herangetragen werden erfüllt. Die zweite Form zu lernen besteht darin, dass man die Regeln des sozialen Systems kennenlernt und somit auch, sich Vorteile zu verschaffen. Eine dritte, weiterführende Form des Lernens ist die, bei der man allmählich versucht, die Regeln umzugestalten.
Man erkennt, zum Beispiel in der Institution Schule: Die soziale Regel „Abschreiben" bringt mir zwar bessere Noten ein, aber im Endeffekt habe ich dadurch nicht mehr gelernt. Ich habe dann zwar gute Noten, kann aber im Leben außerhalb der Schule deswegen noch lange keine Probleme bewältigen. Wenn man das verstanden hat, kann man beginnen seine Lern- und Arbeitsumgebung so zu gestalten, dass sie für einen selbst und andere besser zum wirklichen Leben passt. Das ist eine der zentralen Vorstellungen, die hinter dem Begleitstudium steckt. Das man seinen Lebens- und Arbeitsraum aktiv mitgestaltet. Und darin sehe ich die Bedeutung für die politische Bildung.

Gibt es Aspekte des Begleitstudiums, die in Bereichen oder Institutionen der politischen Bildung aufgegriffen werden sollten?

„Raum zu lassen" finde ich einen wichtigen Aspekt. Aber Raum lassen durchaus im Sinne einer vorstrukturierten Situation: Bewusst geschaffene Freiräume, in denen innerhalb eines vorgegebenen Rahmens dem einzelnen die Möglichkeit gegeben wird gemeinsam mit anderen etwas Eigenes zu machen. Gerade in Bereichen in denen man Kompetenzen vermitteln möchte. Denn Einstellungen entwickeln sich, wenn ich Freiräume habe zu handeln und mein Handeln dann gut finde, weil ich mich frei dazu entschieden habe so zu handeln. Das ist wahrscheinlich etwas, was sich auch auf die politische Bildung übertragen lässt.
In diesem Zusammenhang halte ich übrigens auch den Ansatz des Service Learning für sehr vielversprechend. Beim Service Learning kooperieren Schulen oder Hochschulen mit anderen Einrichtungen und machen gemeinsam soziale Projekte. Es ist einfach eine wertvolle Bildungserfahrung, wenn ganz konkret ein Produkt oder eine Dienstleitung entsteht, die anderen Nutzen bringt. Und auch mir selbst bringt diese Form zu lernen mehr, weil sie sinnstiftend ist.

Gibt es Einrichtungen oder Institutionen mit denen Sie in Zukunft stärker kooperieren wollen?

Wir wollen das neue Studienangebot, das wir zunächst prototypisch für einen Studiengang entwickelt haben künftig auf andere Studiengänge ausweiten. So, dass auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit in den Projektgruppen stärker wird. Eventuell auch hochschulübergreifend. Bein den Projekten im Begleitstudium kann ich mir gut vorstellen, dass wir künftig noch mehr mit anderen Bildungsinstitutionen, gemeinnützigen Organisationen und lokalen Unternehmen zusammenarbeiten.

Politische Bildung bedeutet für mich...

...Interesse zu wecken für gesellschaftliche und soziale Angelegenheiten, Bewusstsein dafür zu schaffen, dass man selbst einen Unterschied machen kann und das nötige Selbstbewusstsein zu fördern, das man braucht um neue Wege zu gehen. Und eben auch zu erfahren, dass man mit solchen Vorhaben nicht allein ist.

Erfolgreiche politische Bildung...

...vermittelt bei Personen, die an politischen Bildungsmaßnahmen teilnehmen, neben Wissen über politische und gesellschaftliche Strukturen vor allem auch Einstellungen wie die Bereitschaft zum Engagement. Neben dieser individuellen Ebene sollten Projekte im Sinne des „Service Learning" einen Mehrwert stiften, der auch anderen Personen zu Gute kommt.

Das Begleitstudium Problemlösekompetenz ist erfolgreich weil...

...es ein engagiertes Projektteam gibt, dem es wichtig ist, dass Studierende auch künftig die Bildungserfahrungen machen können, die in selbstorganisierten Projekten stattfinden. Wenn sich Studierende fünf Jahre nach ihrem Universitätsabschluss an ihre Studienzeit erinnern, sollen die Projekte im Begleitstudium für ein lebendiges Universitätsleben stehen.

Herr Sporer, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Miriam Apffelstaedt

Gelesen 1904 mal Letzte Änderung am Sonntag, 14 Dezember 2014 14:15
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten